Hans Meyer, ein lädierter Held kehrt heim

Weil der 1. FC Nürnberg am heutigen Sonntag aufsteigen wird (ich schreib`s vorab, allem Aberglauben zum Trotz), darf man an einen Helden von einst erinnern: Hans Meyer, Trainer beim Pokalsieg vor zwei Jahren, kehrt als Vollzeit-Bürger kehrt nach Nürnberg zurück. Und ist doch heute am späten Nachmittag endgültig Vergangenheit.

Vor genau zwei Jahren hätte man ihm ein Denkmal gebaut – wenn es denn jemand ernsthaft bei der Stadt beantragt hätte. Es erschien undenkbar, dass in Nürnberg ohne ihn jemals wieder Profi-Fußball gespielt werden könnte. Dann ging`s bergab, der Putz bröckelte schneller als gedacht. Meyer prozessierte mit dem Club ums Geld, ging schließlich nach Mönchengladbach – und wurde nicht mehr richtig froh. Jetzt gab er zu Protokoll, dass er sich mit 67 Jahren zu alt fühle, um eine neue Mannschaft aufzubauen.

Der Trainerriese ist ein Vorzeige-Beispiel dafür, wie schnell auch hellster Heldenglanz verblassen kann. 2007 war er im “kicker” beinahe zum “Trainer des Jahres” ernannt worden. Die Leser fanden ihn super-sympathisch. Was damals schon falsch war, weil es immer zu Meyers Geschäftsgebaren gehörte, Journalisten wie Trottel zu behandeln. Das kam gut, wenn der Erfolg da war. Im absteigenden Trend hatte sein Zynismus keinen Charme.

Bei der neuesten Trainer-Umschau wurde er in die Riege der Branchen-Absteiger eingereiht. Was auch richtig war, weil es kein großer Erfolg war, mit einer teuer eingekauften Mannschaft gerade mal so den Klassenerhalt zu schaffen.

Jetzt also kommt der lädierte Held Hans Meyer als Rentner nach Nürnberg zurück. Mit dem neuerlichen Aufstieg ist er, was Fußball angeht, endgültig Geschichte. Also schlüpft er vielleicht in die angemessene Rolle des netten Opas. Auf dem Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne soll er – falls nichts dazwischenkommt – demnächst als Gesprächspartner für Kinder und Teenager zu Gast sein. Dann kann man seine Sprüche wieder lieben.

Wirklich wahr: Polizisten können nicht einparken

Wenn es um Risikogruppen im Straßenverkehr ging, hatten wir immer drei klare Favoriten:

Junge Leute, wegen Raserei und allgemeinem Wahnsinn. Alte Leute, wegen schlechten Augen und zu langsamem Fahren. Frauen, wegen Orientierungslosigkeit und Blechschäden beim Einparken.

Nun jedoch ist der hessische Landesrechnungshof mit einer unerwarteten Erkenntnis herausgerückt: Polizisten bauen überdurchschnittlich viele Unfälle.

Ansich leuchtet das ein. Verbrecher haben ja keinen Respekt vor dem Eigentum und dem Leben anderer. Sie fahren also alles über den Haufen, was sich ihnen in den Fluchtweg stellt. Unsere Polizisten müssen trotzdem immer noch ein kleines bisschen schneller sein. Was das an explodierenden Lastwagen und einstürzenden Neubauten bedeuten kann, haben uns Helden wie Bruce Willis oder Mel Gibson immer wieder mal eindrucksvoll vorgeführt.

Die meisten Polizisten verunglücken aber gar nicht auf Verfolgungsjagden. Meistens verursachen sie kleinere Blechschäden. Weil sie schlecht einparken oder ausparken, zu dicht auffahren und Fehler beim Rückwärtsfahren oder Wenden machen.

Das macht uns Grübeln. Liegt es daran, dass bei der Polizei – wie in allen unattraktiven Berufen – der Frauenanteil stetig steigt? Ist das Problem, dass blutjunge Männer verfolgungsjagd-taugliche Autos mit großen Motoren an die Hand bekommen, die sie unmöglich beherrschen können? Oder daran, dass Menschen, die immer Sonderrechte haben, nie gute Autofahrer werden? Geht es Polizisten, die im Zweifel auch im absoluten Halteverbot parken, nicht doch wie den Ostfriesen, die sich ihr ganzes Leben lang vor dem Anfahren am Berg fürchten?

Vielleicht ist es aber auch nur so, dass Polizisten Menschen wie du und ich sind. Das wäre ein gutes Zeichen, Bei einem Unfall einen Polizisten als Gegner zu haben, wid man sich trotzdem nicht wünschen.

Ein Übungsprogramm für Polizisten gibt`s hier:

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Rolf H. Dittmeyer – ein wirklich guter Onkel

Valensina-Erfinder Rolf H. Dittmeyer.

Er war ein guter Onkel: Valensina-Erfinder Rolf H. Dittmeyer.

Ja, ich gestehe: Rolf H. Dittmeyer war ein Held meiner späten Jugend. Wenn mich einer dazu gebracht hat,  extra viel Geld für einen eigentlich durchschnittlichen Orangensaft namens “Valensina” auszugeben, dann war es. “Punica” waren die Hausmarke meiner Kinder. Jetzt ist er tot.

Sein legendärer Werbespot , in dem er selbst die Hauptrolle spielte, war schon bei seinem ersten Erscheinen Anfang der 80er Jahre ein ziemlicher Irrsinn. “Onkel Dittmeyer” kam hinter einem Busch hervor, ging auf ein kleines Mädchen zu und brachte mit lispelnder Stimme die Botschaft “Frisch gepresst – oder Valensina” näher. Heute würde der Mann garantiert als Kinderschänder angesehen, der Spot würde als kinder-verderbend angeprangert. Man nimmt ja nichts von fremden Männern.

Unser “Onkel Dittmeyer” erschien uns eher als liebenswert doof, denn als gefährlich. Dabei war er zu diesem Zeitpunkt ein außerordentlich erfolgreicher Geschäftsmann. Seine Säfte waren die Exklusiv-Marken der Olympischen Spiele in München, Montreal, Moskau und Sarajevo.

Außerdem hatte er das Qualitätsmerkmal “Frisch gepresst” zu einem Zeitpunkt in die Welt gesetzt, zu dem noch nicht daran zu denken war, dass die elektrische Saftpresse zu einem beliebten Verlegensheitsgeschenk werden würde.

Jetzt ist bekannt geworden, dass im Red Bull Cola Kokain enthalten ist. Das also verleiht die sprichwörtlichen Flügel. Dann schon lieber frisch gepresst.

Frau Schwan hat`s besser als der Oenning

Gelegentliches Abtauchen tut gut.

Die Schwäne lehren uns: Gelegentliches Abtauchen tut gut.

Gesine Schwan, Du hast es gut. Bei der Präsidentenwahl hast Du zwar verloren. Aber dieses Thema ist nach zwei fehlgeschlagenen Kandidaturen gegen “Super-Horst” Köhler auf jeden Fall gegessen. Du kannst Dich zurücklehnen, mal richtig schön abtauchen. Falls Du es kannst.

Denn die Menschen in Deutschland haben die Fähigkeit zum Entspannen offenbar verloren. Geht man nach der aktuellen Studie einer Krankenkasse lebt der Mensch von heute wie ein Elektrogerät. Immer auf Standby, immer auf dem Sprung, etwas tun zu müssen. Während wir gelernt haben. dass bei unseren Fernsehern komplettes Abschalten dem Geldbeutel und der Umwelt gut tut, können wir selbst nicht mehr auf den “Off”-Schalter drücken.

“Es gibt immer was zu tun!”, macht uns nicht nur Hornbach klar. Also leben wir wie Kaninchen:  die  Auge immer halb offen. Die Lage ist so, dass acht von zehn Menschen in Deutschland ihr Leben als stressig empfinden und dass jeder Dritte Dauerdruck empfindet. Das ergibt sich so,  weil wir spüren, dass immer irgendetwas Blödes passieren könnte.

Vor allem gibt es da die Sorge um den Job. Und den haben Angehörige einer Berufsgruppe besonders stark,  nach deren Ablösung selbst die werktätigen Massen unter gewissen Umständen immer wieder rufen: die Fußballtrainer. Unserem Nürnberger Coach Michael Oenning droht die Arbeitslosigkeit derzeit nicht.

Aber was soll man ihm zum Saisonfinale gegen Cottbus wünschen? Den Aufstieg, den sofortigen Überlebenskampf, den 17. Platz nach zwölf Spielen, de Präsidenten, der dann hinter ihm steht – mit dem Teppichmesser im Gewande?

Na logisch, uns geht`s doch auch nicht besser.

Angst vor Maulwürfen – wird Stefan Raab der Märchenkönig?

Seit meiner letzten Umfrage ist eine Woche vergangen, also Zeit für die Bilanz.

“Welche Angst ist am Schönsten?” lautete die Frage, und wenigstens meine Leser(innen) empfinden bei einer Bedrohung durch Maulwürfe am ehesten einen vergnügten Schauer. Die Zemmiphobie kam auf 42 Prozent der Stimmen. Pterenophobie, die Angst muit Federn gekitzelt zu werden, finden 26 Prozent schön. Kyphophobie, die Angst, sich bücken zu müssen, kam auf 26 Prozent.

Alles andere kann man vergessen. Die Angst vor dem Mond findet überhaupt niemand lustig.

Neues gibt es auch beim Eurovision Song Contest. Klar war ja, dass die öffentlich-rechtlichen Grand-Prix-Macher zwar dank Rundfunkgebühren finanziell ordentlich gesattelt sind. Aber Geld singt keine Lieder, weshalb ich nach wie vor meine, dass der weltweit beliebteste Landesteil Deutschlands, nämlich Bayern, das Ruder übernehmen sollte. Die Reeperbahn hat`s bis hierhin ja nicht so gebracht.

Die verzweifelten Starscouts vom NDR streben allerdings eine Zusammenarbeit mit Stefan Raab an. Er hat ja selbst schon mal sehr ordentlich abgeschnitten. Er geht auch tatsächlich eine Art Märchenkönig des Fernsehens durch, ist er doch neben Florian Silbereisen der einzige Moderator großer Shows, bei dem das Rentenalter noch völlig außer Sichtweise ist. Anders als Silbereisen hat er sogar ein Publikum, für das das ebenfalls gilt.

Die Bedenkenträger im öffentlich-rechtlichen System arbeiten aber offenbar schon gegen diesen Plan. Weshalb ich hier ein gutes Zitat von CSU-Europaminister Markus Söder bringen möchte, gesagt bei einem Podiumsgespräch mit Waldemar Hartmann: “Im Vergleich zum Tanker ZDF ist die CSU-Zentrale ein schnelles Motorboot.”

So sehr das nach allerletzter Hoffnung aussieht, und so sehr eigentlich nach jeder Grand-Prix-Pleite danach gerufen wurde, die besten Jungstars des Landes einzusetzen, fände ich es doch einen witzigen Gedanken, Stefan Raab einzusetzen. Gewissermaßen als Maulwurf im gebührenfinanzierten System. Ob das dem Balkan und den nordischen Staaten wirklich Angst macht, ist allerdings sehr ungewiss.

Grand Prix: König Ludwig muss ran!

Bayerischen Grand-Prix-Barock gab`s schon mal im Vorentscheid 2001. Leider lebt Rudolph Moshammer nicht mehr.

Bayerischen Grand-Prix-Barock gab`s schon mal im Vorentscheid 2001. Leider lebt Rudolph Moshammer nicht mehr.

Er ist ja nicht mein Fachgebiet, aber der  Eurovision Song Contest ist ja mehr als eine kulturelle Veranstaltung. Wir erfahren immer auch viel über uns und andere.

Nach dem Vorjahres-Debakel der Katalog-Schönheiten von den “No Angels” hatte ich zwecks Stimmen aus befreundeten Staaten darauf verwiesen, dass wir – ich zitiere mich – “eine mindestens 15-köpfige Casting-Gruppe brauchen, deren Mitglieder aus je einem wichtigen östlichen Staat kommen.” Unsere öffentlich-rechtlichen Macher wissen es natürlich besser. Sie setzen auf US-Kultur. Auf Swing und auf die Amerikanerin Dita von Teese. Diese ist eine weltberühmte Stripperin, die aber beim Grand Prix nicht strippt. Motto: Wir machen einen Skandal, aber lieber nicht so doll.

Die Norweger, das sei nur am Rande erwähnt, haben einem Sänger vertraut, der in  Weißrussland geboren ist. Junge Männer mit einem vergleichbaren Migrationshintergrund gäb`s in unserer Südstadt zuhauf. Gut, er hat zwölf Punkte nicht nur aus seinem Geburtsland bekommen. Aber eben auch von dort.  Erkennbar war, dass wirklich große Stimmen keiner will. Die Bombaströhren aus Schweden und Malta landeten ganz weit hinten. Auch die Masche der Ukraine, weibliche Kampfmaschinen ins Feld zu schicken, ging nicht so ganz auf. Platz 12 gab`s dafür, immerhin.

Die russischen Grand-Prix-Macher glänzten zwar mit einem Einsatz von Pyrotechnik, wie sie für zehn Hochfeuerwerke beim Nürnberger Herbstvolksfest reicht. Warum man ausgerechnet eine Sängerin in vierfacher Großaufnahme zeigen muss, wenn man weiß, dass sie schlechte Zähne hat, weiß ich aber auch nicht. Erleichtert bin ich, dass Großbritannien nur den fünften Platz erreicht hat. Sonst nämlich würde die Schwulst-Musik, mit der sich Komponist Andrew Llloyd Webber zum “Sir” geschnulzt hat, am Ende zum Song-Contest-Favoriten-Standard. Dann schon lieber einen aserbaidschanischen Shakira-Verschnitt. Sowas geht immer.

Was aber folgern wir für Deutschland? Es ist ja diesmal besser ausgegangen. Aber Platz 20? Ich denke, es kommt darauf an, dass wir etwas auf die Bühne bringen, das die Menschen an uns lieben. Also Autos? Nein, da ist der Lack ab. Fußball? Unser Fußball ist gefürchtet, nicht geliebt. Was also ist es? Richtig: Gemütlichkeit, Oktoberfest, Neuschwanstein. Kurz: Bayern.

Wir brauchen demnach einen König Ludwig, der mit sexy Madeln aus aller Welt (siehe das Designer-Dirndl der moldawischen Sängerin) mit einer Maß Bier anstößt und der während eines Rap-Zwischenspiels von Schuhplattern umjodelt wird. Das würde die Leute europaweit umhauen. Garantiert!

Analogkäse – gut für digitalen Quark

Schon komisch: In den letzten Jahren hatte sich doch immer mehr die Erkentnnis durchgesetzt, dass alles analoge grundsätzlich veraltet sei. Dass es einfach nicht mehr Stand der Technik sei. Und jetzt kommt die Sache mit dem Analog-Käse. Es geht um einen unechten Käse, der auf unserer Pizza für den zarten Schmelz sorgt. Er kommt nicht von der Kuh, sondern hauptsächlich von Pflanzen.

Ich verstehe die Aufregung schon. Wo Käse draufsteht, soll auch Käse drin sein. Aber die Diskussion um diese Produkte lenken von einem noch viel größeren Problem ab: dass es so viele “echte” Produkte gibt, die nicht mehr so schmecken, wie man es erwarten dürfte. Oder könnte ein Poet nach dem Genuss einer Holland-Tomate wortreich deren Aroma besingen? Gelänge es einem Geschmacks-Sachverständigen, den Unterschied zwischen Schweine- und Putenschnitzel aus dem Supermarkt zu beschreiben?

Diese Fragen sollten wir auf keinen Fall vergessen, wenn wir die vermeintlich unnatürliche Würze unseres Tiefkühlfraßes bejammern.

Ich persönlich finde Schrottprodukte gar nicht so schlecht, denn: Wenn es Analogkäse geben darf, habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich selber digitalen Quark produziere. “Hallo, ich hätte gerne die 32.” Una kwaddro schdadzjone con extra viel formaddscho und uno dschiandi, per favore!”

Telefonsex: Keiner ruft alte Männer an

Ach, was der wieder schreibt… Das denkt man sich doch oft – bei Verfassern von Glossen und Kommentaren noch viel mehr als bei anderen. Aber manchmal haben gerade diese Leute recht.

Mein großer Kollege Harald Martenstein, der für mich mindestens genauso unantastbar ist wie Marek Mintal für  die Clubfans dieser Welt, hat sich eine Satellitenschüssel und einen Receiver gekauft. Und hat sich daruafhin in der “Zeit” über die Highlights der mehreren hundert TV-Programme gewundert. Gerade über die sexuell aufgeladenen Angebote, die zwar unwahrscheinlich blöd sind, aber ja trotzdem Geld einspielen müssen, weil es sie sonst nicht gäbe. 

Auch ich habe nach meinem Umzug einen Receiver gekauft. Weil ich keinen Kabelanschluss mehr, sondern eine Schüssel übernommen habe. Und mache die gleiche Erfahrung wie Martenstein: Deutschlands Männer wollen gar nicht neben Miss Ungarn oder einem Top Model aufwachen. Es gibt für sie offenbar nichts Schärferes als eine Hausfrau. Weiber, wie sie “Uschi TV” (bei mir Kanal 298) im Angebot hat. Und wie es sie aufgrund des gesellschaftlichen Wandels kaum noch gibt.

Sie anzurufen und eben nicht darüber zu reden, ob man noch bei der Autowaschanlage vorbeifahren oder ein Fischfilet besorgen soll, ist das Zweithöchste der Gefühle. Den Himmel des Eros erreichen Satelliten-TV-Seher aber dann, wenn sie eine solche Hausfrau auf einem Parkplatz treffen können. Was ja gegen 10 Uhr früh bei Aldi oder Lidl problemlos machbar sein sollte.

Ziemlich unerklärlich ist dagegen ein Angebot, bei dem zwei Frauen versuchen, sexy zu tanzen und eine andere Frau auf einem großen Kissen sitzt. Ist bei mir Kanal 437, den Namen habe ich vergessen. Diese Frau winkt andauernd, offenbar in derr Hoffnung, dass jemand eine kostenpflichtige 0900-er Nummer wählt. Was aber niemand macht. Weshalb sie irgendwann mit bedeutungsvollem Blick die Schultern freilegt.

Noch etwas ist mir, wie zuvor schon Martenstein, beim Zappen durch meine Kanäle aufgefallen: Es gibt Telefonsex-Angebote der unterschiedlichsten Art. Es gibt aber keine Nummer, mit der man gegen Gebühr “Alte Männer ab 50″ anrufen könnte.

Womit die Frage, wer den ganzen Scheiß finanziert, auch schon beantwortet sein dürfte.

PS: Martenstein war, wie geschrieben, mit seinem Schüsselkauf früher dran. Unantastbar schreibt er sowiso. Deshalb setze ich einen Link zu seiner Kolumne. Viel Spaß damit.

Schweinegrippe – die enttäuschende Bedrohung

Das muss der Schweinegrippe jetzt mal gesagt werden: Bis hierhin war das ja wohl gar nichts. Was uns als eine die Zivilisation zerstörende Pandemie versprochen worden war, stellt sich als eher durchschnittliche  Krankheitswelle mit vielleicht 50 Todesopfern heraus. Da ist unsere eigene Grippe viel härter.

Warum also regt uns eine solche Bedrohung dermaßen auf? Darüber hat sich jetzt auch Jean Ziegler gewundert. Der Schweizer Soziologe und ehemalige Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hat der Zahl der mutmaßlichen Schweinegrippe-Opfer jene 100.000 Menschen gegenübergestellt, die jeden Tag an Hunger und seinen unmittelbaren Folgen sterben. Diese Tatsache sei aber kein Aufreger. Sie werde, so Ziegler, “mit eisiger Normalität” zur Kenntnis genommen.

Wahrscheinlich ist dieses verquere Denken typisch menschlich. Es wäre ja möglich, das Hunger-Problem  stark  zu verringern oder gar zu beseitigen. Aber diese Aufgabe ist so riesengroß, dass man lieber gleich kapituliert. Und zur Bedrohung werden die Hungernden ja erst, wenn sie in überfüllten Booten über das Mittelmeer in unsere Nähe gelangen. Um die anderen kümmert sich Karl-Heinz Böhm.

Nein, wir holen uns unsere Gänsehaut lieber bei diffusen Bedrohungen. Als wir noch nach Italien fuhren, waren uns unsere Gastgeber noch ziemlich ähnlich. Heute fahren wir in weit entfernte Regionen. Auch dort werden wir freundlich empfangen, wir rechnen aber doch immer mit überraschenden Gefahren für Leib und Leben. Mit hochbeinigen Kakerlaken zum Beispiel.

Richtig spannend wird eine Gefahr aber erst, wenn sie unsichtbar ist. Das gilt bei Viren, Bakterien und Gespenstern. Perfekt war da zum Beispiel BSE? Da schworen alte Bauern Stein und Bein, dass es irre Kühe schon immer gegeben hätte. Aber die Vorstellung eines rasenden Rindviechs oder gar der Gedanke, durch den Verzehr eines Supermarkt-Schnitzels selbst zu einem solchen zu werden, ließ uns lange Zeit erschaudern. Bis das Thema medial ausgelutscht war und ziemlich schnell aus unserer Wahrnehmung verschwand.

Wie viele Verkehrsunfälle, Amokläufe oder missratene Festreden auf BSE zurückgehen, wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass jeder Mensch seine ganz persönlichen Bedrohungen empfindet. Dieser Beitrag endet deshalb mit einer Umfrage:

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Peer Steinbrück und der Schweizer Mörder

Ich bekenne: Ich bin ein Fan von Peer Steinbrück. Endlich ist da ein Politiker, der provoziert, weil er einfach mal drauflos redet. Der auch mal zornig formuliert, wenn ihm etwas stinkt. Unterhaltsam ist das – wenn auch nicht für jeden.

Da war also dieser Vergleich, mit dem unser Bundesfinanzminister Luxemburg, Liechtenstein, die Schweiz und Österreich in eine Reihe mit Ouagadougou gestellt hat, der Hauptstadt Burkina Fasos. Alle Beteiligten waren beleidigt. Die einen, weil sie sich wieder mal ertappt fühlten. Die anderen, weil sie nie und immer ein Paradies für Steuerflüchtlinge sind. Aber erreicht hat Steinbrück doch auch eines: Erstmals seit Jahrzehnten wurde in den großen TV-Nachrichten über Burkina Faso berichtet. Weil man wissen wollte, wie das Leben so ist. Drunten in Ouagadougou.

Es gibt allerdings eine Gruppe von Menschen, die unter Steinbrücks lockerer Zunge leiden. Nämlich Deutsche, die in der Schweiz leben und arbeiten. Davon berichtete Ralf Stutzki, der im Alpenstaat das Projekt “Du bist Radio” betreut. Dabei geht ein Radioteam zum Beispiel zu schwerstkranken Kindern, bringt ihnen grob das Radiohandwerk bei und gibt ihnen dann eine frei gestaltbare Sendezeit. Dafür gab es in Nürnberg den Alternativen Medienpreis.

“Das geht voll an uns raus”, erzählte mir Stutzki von den Reaktionen der Schweizer auf Steinbrücks Attacken. Und das empfinde er schon als sehr schwierig. Dabei ist Stutzki kein übersensibler Typ. Die prämierte Folge von “Du bist Radio” wurde mit Häftlingen des Gefängnisses von Lenzburg realisiert. Das Team der Radiomacher fragte vorab nicht, wegen welcher Taten ihre Kollegen auf Zeit verurteilt worden waren. Diese seien aber erstaunlich höflich gewesen. Einer sei besonders zuvorkommend aufgetreten – es handelte sich um einen mehrfachen Mörder.

Bei dieser Konstellation gab es für mich aktuell nur einen naheliegenden Vorschlag: Peer Steinbrück soll eine Folge von “Du bist Radio” machen dürfen. Die Projekt-Mitarbeiter konnten über diese Idee herzlich lachen. Die Realisierung ist aber unwahrscheinlich, denn Stutzki hatte sofort eine Ahnung: “Ich befürchte, dass er diese Chance nutzen würde.”