Verschnupft in Ägypten: Mach "Tempo", Oskar!

Dieses Motiv kann man zum Jubiläum auf www.tempo-web.de als Grußkarte verschicken.

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Sicher ist im Leben doch nur dieses: Es kommt anders als geplant. Da fahre ich also nach Ägypten, lasse mir Nil-, Wüsten- und Tempelsonne bei 30 Grad auf die Haut brennen – und wache kurz vor der Rückreise mit einer deftigen Erkältung auf. Absurder geht es doch nicht. Hier frieren die Leute, ich kriege Schnupfen. Zum Glück gab`s Oskar Rosenfelder: Ich hatte Papiertaschentücher dabei.

Völlig zurecht wurde der jüdische Fabrikant aus Heroldsberg diese Woche groß gefeiert. Schließlich hat er vor 80 Jahren das Patent für ein Papiertaschentuch angemeldet. Er nannte es „Tempo“ – und heute ruft es jeder so, selbst wenn ein anderer Name auf der Packung steht. Neben dem Hustenbonbon „Em-Eukal“ und dem MP3-Player zählt dieses Produkt zu den erfolgreichsten Erfindungen aus Nürnberg und Umgebung des vergangenen Jahrhunderts.

„Tempo“ ist schon deshalb ein Wunderwerk, weil es die Mehrweg-Ökowelle der 80er und frühen 90er Jahre unbeschadet überstanden hat. Die Rückkehr zur Stoffwindel wurde in dieser Zeit propagiert – vom Stofftaschentuch redete niemand. Dieses Produkt wird eigentlich nur noch von Snobs und alten Männern verwendet. Seine große Zeit endete mit dem Sterben der in der Vor-Tempo-Ära aufgewachsenen Großmütter. Diese hatten ihren Enkeln zu Weihnachten gerne feine Stofftücher ins Päckchen mit der Feinripp-Unterwäsche gelegt. Irgendwann jedoch waren diese Omas nicht mehr.

Für den modernen Menschen gibt es eben nur wenig Ekligeres als die Vorstellung, verrotzten Stoff in der Waschmaschine einweichen und reinigen zu lassen. Zwar hat ein in der Hosentasche vergessenes „Tempo“ in der Waschmaschine erheblich üblere Folgen, wenn sich frisch geschleuderte  Papierschnipsel wie Zecken in Kleidungsstücken festkrallen. Aber da hat eben Werbepropaganda grandios gewirkt. Nehmen wir nur diesen Original-Werbespruch: „Die Liebe kann in Schnupfenfällen, am feuchten Taschentuch zerschellen, er sollte drum zum Naseputzen, ein Tempo-Taschentuch benutzen.“

Klar doch, zerschellen sollen nur Bakterien und Viren. Und so denke ich beim Fieberschub in Luxor an die mir vorab vielfach prophezeite Krankheit und kämpfe mit absurden Gedanken wie jenem, was wohl gewesen wäre, wenn Oskar Rosenfelder ein Klopapier „Tempo“ genannt hätte. Gäbe es dann immer Abführmittel zum Kaffee, um die Sache zu beschleunigen? Aber ich habe gar keinen Durchfall. Also schniepfe laut durch – und folge dem klugen Dichter Eugen Roth:

„So für den Alltag sei’s empfohlen –
Doch wenn wir uns den Schnupfen holen,
Wenn Aug’ und Nase sich bewässern,
Sind Tempo-Tücher wohl die bessern.

Man schnäuzt sich einmal, aber gründlich,
Und wirft samt allem, was entzündlich –
Statt Selbstansteckung, immer neuer –
Das Tuch ins Wasser oder Feuer.“