Halbgötter in Weiß – vom Volk gemacht

arzt.jpgWas wird nicht alles geklagt? Ärzte seien überheblich, sie hätten es verlernt, ohne Siemens-Medizintechnik treffende Diagnosen zu stellen, sie begingen Kunstfehler am laufenden Band und suchten sich ihre Patienten nach deren Umsatz-Potenzial aus. Eine elend lange Liste der Verzweiflung über die moderne Medizin gibt es da. Dann aber kommt die Allensbach-Marktforschung, und zeigt uns: Die Doktores haben allen Grund zur Eitelkeit. Sie sind und bleiben die angesehenste Berufsgruppe im Land. Mit klarem Vorsprung.

Wie jedes Jahr seit 1966 hat das Institut knapp 1000 Menschen eine Liste mit 17 Berufen vorgelegt und diese Frage gestellt: „Könnten Sie bitte die fünf davon heraussuchen, die Sie am meisten schätzen, vor denen Sie am meisten Achtung haben?“ Demnach sind die Ärzte die Größten überhaupt. 78 Prozent der Befragten haben sie genannt. Pfarrer sind als Zweitplatzierte mit gerade mal 39 Prozent dabei.

Weil so viel über Bildung diskutiert wird, sind die Lehrberufe im Vergleich zum Vorjahr beliebter geworden. Die Hochschulprofessoren sind mit 34 Prozent auf Platz drei vorgerückt. Dann aber wird es rätselhaft: 33 Prozent der Befragten halten Grundschullehrer für besonders achtenswert, aber nur 14 Prozent die Studienräte. Ist das nun eine Anerkennung, weil sie für weniger Steuergeld arbeiten? Glaubt die Bevölkerung, dass Faulheit wächst, je intellektueller es wird? Oder hat man echte Arbeiter lieber als verkopfte Spezialisten. Gemäß den „Wir-woll`n-Euch-kämpfen-seh`n“-Rufen der Fußballfans?

Wenn man ans untere Ende der Beliebtheitsskala schaut, stellt man fest, dass das Land aus Sicht der Volkes Atomphysiker (25 Prozent) zweieinhalb Mal so dringend braucht wie Journalisten (11 Prozent). Na gut, vielleicht würde man die Gesundheitsreform endlich verstehen, wenn man sie quantenmechanisch anhand der Spektrallinien von Ulla Schmidt erklären würde. Aber ganz unten rangieren diese Leute: Gewerkschaftsführer (8 Prozent) sowie Politiker (6 Prozent) – und die bedauerenswerten Buchhändler (5 Prozent), die man für das Funktionieren der Gesellschaft offenbar nicht wirklich benötigt.

Fassen wir also zusammen: Schön wäre dieses Land, wenn Menschen unablässig therapiert würden, dabei seelischen Beistand, aber auch jede Menge hochwertigster Bildung bekämen. Der schlimmste Mensch hingegen ist ein Gewerkschaftsführer, der auf einer Partei-Stadtratsliste kandidiert und samstags auf dem Flohmarkt Bücher verkauft.

Klingt nicht wirklich schlüssig. Und das liegt ja auch daran, dass viele für unser Leben wichtige Menschen in der Allensbach-Liste fehlen. Wo sind die Brezenverkäufer, die Supermarkt-Kassiererinnen, die Döner- und Bratwurstbrater, die Abflughallen-Eincheck-Damen, die Klofrauen, die Straßenbahnfahrer und die Tchibo-Verkaufsstellen-Franchisenehmer?

Und wo sind die Süßwaren-, Schnaps- und Zigarettenhersteller? Jede Wette: Würde Allensbach vor allem Ärzte fragen, wären sie ganz vorne dabei. Oder wer sorgt sonst für volle Praxen?