Wem gehört die Zeit?

“Gott hat dem Menschen Zeit gegeben. Aber von Eile hat er nichts gesagt.” So lautet ein türkisches Sprichwort. Das klingt anheimelnd und nett. Doch ist das hier beschriebene Recht auf Faulheit eine Verheißung? Nein! Nie mehr!

Seit Erfindung der Flatrate lebt der moderne Mensch in zwei Welten, analog und digital. Das fordert uns heraus. Um auf jeder Daseinsebene mitmischen zu können, sind wir immer und überall auf Empfang. Wir verpassen nichts mehr und sind allzeit bereit, um unseren Kunden zu dienen. Schließlich sind Beruf und Geld der Maßstab für den Sinn unserer Existenz.

Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber reicht uns zu diesem Zweck hilfreich die Hand. In einem Positionspapier hat diese ehrenwerte Vereinigung festgestellt, dass die digitale Welt voller Chancen stecke. Dort gebe es enorme Umsätze und Gewinne, die nur darauf warteten, eingesackt zu werden. Was auch klappe, wenn man nicht zu viele Pausen macht.

Jedoch, es gibt Gesetze. Diese besagen zum Beispiel, dass ein Acht-Stunden-Tag die Regel sein und ein Zehn-Stunden-Tag die absolute Obergrenze sein sollen. Diese verlangen, dass nach spätestens sechs Arbeitsstunden eine Pause von mindestens einer halben Stunde gemacht werden und dass zwischen Arbeitsende und -beginn eine Ruhephase von mindestens elf Stunden liegen muss.

“Nostalgie”, “veraltet”, rufen da die Arbeitgeber. Das Heil der Zukunft sei die Flexibilisierung. Nichtstun ist verschenkte Lebenszeit, wer im Urlaub seine E-Mails nicht wenigstens liest, ist ein unbrauchbarer “Low Performer”.

Man könnte das Richtige tun, nämlich den Arbeitgebern eine lange Nase machen, pünktlich die Firma verlassen und sich gemütlich auf’s Sofa oder in eine Pilsbar setzen. Das wäre richtig, denn niemand ist unendlich belastbar. Und wer Burnout hat, ist im Durchschnitt sieben Wochen krank. Der Marathon im Hamsterrad macht kaputt, ein Dauerkranker kostet bloß.

Aber sieht das diese Gesellschaft so? Als in Nürnberg bekannt wurde, dass im Hauptbahnhof ein Discounter eröffnet und an allen sieben Wochentagen von 6 bis 22 Uhr geöffnet sein soll, erhoben Kirchen und Gewerkschaften zarte Einwände. Gerade am Sonntag müsse das doch nicht sein. Die überwiegende Reaktion des Volkes? Diese überbewerteten, gestrigen Organisationen sollten den Mund halten. Konsumenten wollen Freiheit!

Es scheint, dass das stets erreichbare Smartphone die Massen erfolgreich sozialisiert hat. Aber auch dessen Akku ist mal leer. Wenn also die Frage “Wem gehört die Zeit?” auftaucht, sollte man gelegentlich einfach “Mir!” sagen. So viel Luxus muss erlaubt sein.

 

 

Der Wetterfrosch muss Commandante werden

Es ist wieder passiert: Ich habe lange nachgedacht, ob ich aus dem Haus gehen soll. Ich habe überlegt, ob ich das Auto stehen lassen soll. Und ob es ohne Regenjacke geht. Denn es gab eine Sturmwarnung. Passiert ist: Fast nichts. Und so geht das seit gefühlten zwei Wochen. Wir werden vor Katastrophen-Wetter gewarnt, aber die Wolken ziehen irgendwie an uns vorbei. Was ist bloß los?

Ich habe da mittlerweile meine ganz eigene Verschwörungstherie. Ich glaube, dass der Wetterbericht als verlässliche Dienstleistung ein Opfer des raubtierkapitalistischen Privatisierungswahns sowie des allgemeinen Trends zur Banalisierung geworden ist. In Italien zum Beispiel wird der Wetterbericht von einem ernst blickenden Mann vorgetragen. Dieser trägt eine blaue Luftwaffen-Uniform und hat den Dienstgrad Commandante. Auf seine Prognosen kann man gut vertrauen.

Behördliche Vorhersagen – gibt’s das nicht auch bei uns? Schon, aber die sind wohl nicht mehr zeitgemäß. Wer will sich Sonnenscheindauer und Niederschlagsmengen von einem schlecht gekämmten Amts-Meteorologen ankündigen lassen, wenn die private Konkurrenz schöne blonde Frauen und lustige Männer vor die Kamera stellt? Der Umsatzverlust kostet Planstellen, die Arbeit wird schlampig, Prognosen werden zum Orakel. Am Ende ist der Wetterbericht nur noch Show. Falsch, aber immerhin unterhaltsam.

Und dieser Trend ist so gut wie unumkehrbar. Denn traurige Profi-Meteorologen leiden selbstverständlich mehr unter der gesellschaftlichen Missachtung ihres Wissens. Sie sitzen einsam in Pilsbars oder schauen als Frührentner auf Parkbänken sitzend mit trübem Blick in den Himmel, der ihnen nicht mehr gehört. Ihre Behörde wiederum behandelt das Vorhersagewesen unter dem versicherungstechnischen Aspekt. Wer Katastrophen vorhersagt, die nicht eintreffen, kann nicht verklagt werden. Umgekehrt vielleicht schon.

Die so ausgelöste Desinformation ist gewaltig. Die Not ist groß. Wahrscheinlich bleibt nur eine Lösung: Schlagen wir die Brücke zurück zur öffentlich-rechtlichen Prognose. Fangen wir uns einen Wetterfrosch und befördern wir ihn zum Commandante. Der kann das. Mindestens besser.

 

 

Die Kinder kommen nicht. Andere schon…

Familienpolitik in Deutschland ist ein freudloser Job. Der Staat zahlt Geld, Geld und nochmals Geld. Aber der ersehnte Babyboom bleibt aus. Wo Armut herrscht, wird geboren. Bei uns ist das Biotop der Rollatoren.

Es kann es also verstehen, wenn sich Politiker in ihrer Verzweiflung in Schnapsideen flüchten. Eine solche war das von der CSU in Berlin durchgeboxte Betreuungsgeld. 150 Euro pro Monat dafür, dass man daheim bleibt? Clever. Wäre es da nicht auch gut, die Pkw-Maut mit einer Anti-Infrastrukturabgabe zu koppeln? Wer nicht fährt, kassiert. Sofern er kein Ausländer ist.

Die Kinder kommen nicht. Andere schon. Und deshalb verlagert sich die CSU auf ihren Markenkern: Sie warnt vor dem Fremden und präsentiert sich im gleichen Atemzug als einzig mögliche Beschützerin. Das ganz aktuelle Problem sind die Flüchtlinge vom Balkan. Wir lesen von “rigorosem Durchgreifen” und “entschiedenem Handeln”. Lasst uns machen – und sie bleiben, wo sie hingehören.

Die Botschaft hat Wucht. Aber sie wird nicht helfen, eher passiert das Gegenteil. Nach einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Studie sitzen auf dem Balkan vor allem junge Menschen auf gepackten Koffer. Man hatte 14- bis 29-Jährige zu ihren Zukunftsplänen befragt. Das Ergebnis: 67 Prozent der Albaner, 55 Prozent der Kosovaren, 53 Prozent der Mazedoniern und 49 Prozent der Bosnier dieses Alters erklärten, dass sie ihre Länder für perspektivlos halten und deshalb in Richtung Deutschland, Großbritanniern, Schweiz oder USA auswandern zu wollen.

“Durchgreifen” wird da an Grenzen stoßen, das Schüren von Wut auf die Fremden ruft die Zündler auf den Plan. Bei uns bräuchte es Kinder. Dort bräuchte es Wohlstand. Es passt nicht zusammen. Und Hilfspakete, die nur aus Krediten, sind wie Rollatoren ohne Räder.

Merkel zeigt: Politik ist kein Job für große Gefühle

Zu den größten Belastungen für menschliche Beziehungen zählt der so genannte Forderungsüberschuss. Man hofft, dass sich Partner oder Partnerin in jeder Situation gemäß der eigenen Ideale verhalten. Man erwartet, dass sie reges Interesse für all das zeigen, was einem selbst wichtig ist. Anders kommt es oft.  Wenn aber die Wunschvorstellung gar nicht klappt, ist die Enttäuschung riesengroß.

In eine solche Situation ist Angela Merkel hineingeraten. Ein weinendes Flüchtlings-Mädchen aus Rostock namens Reem hat sie aus der Fassung gebracht. Die Inszenierung einer Schülersprechstunde hat nicht nach Plan geklappt. Die Bundeskanzlerin streichelte das Mädchen unbeholfen – und wird nun der emotionalen Eiseskälte verdächtigt. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt tobte im Internet rasch der Shitstorm. Ist Angela Merkel also böse?

Von Joschka Fischer stammt der Satz: “Das Amt verändert den Menschen mehr als der Mensch das Amt.” Das gilt nicht nur für Spitzenpolitiker, das gilt bis hin zum ehrenamtlichen Vereinsvorstand. Wer zeit- und arbeitsintensive Aufgaben übernimmt, wird nur selten den offenen und freundlichen Blick für seine Umgebung bewahren können. Wer selbst Teil des Programms ist, wer die Erwartungen des Publikums/der Kundschaft kennt, wird seine Rolle spielen. Je höher das Amt, desto kälter wird es. Selbst der Papst hat nicht immer gute Laune.

Also sollten wir nicht zu anspruchsvoll sein. Wer von Politikern spontane – und glaubwürdige – Empathie verlangt, fordert Übermenschliches. Echte Gefühle sind in diesem Geschäft die ganz große Ausnahme.

Immerhin: Ein gewisser Dirk W. Eilert, Berufsbezeichnung Gesichterleser, erklärte zur Begegnung von Reem und Kanzlerin: “Merkel neigt den Kopf leicht zur Seite, die Augenbrauen-Innenseiten zieht sie hoch. Dies ist der kulturübergreifende Gesichtsausdruck für Mitgefühl und zeigt, dass sie entgegen der Meinung der meisten Menschen in den sozialen Medien nonverbal empathisch reagiert hat.”

Ist doch schön. Und die Umfragewerte für die CDU sind über’s Wochenende auch gestiegen.

In der Hitze zeigt sich der Geschmack

Diese Hitze! Bei mehr als 30 Grad möchte man sich unbedingt Erleichterung verschaffen. Doch wo Textil ist, ist Schweiß. Also mögen wir es im Sommer luftig und auf’s Wesentlichste reduziert. Jedoch: Wie halten wir es mit der Moral? Oder mit der Ästhetik?

Jüngst hat die Rektorin eine Realschule in Baden-Württemberg ein bundesweit beachtetes Signal gesetzt. Wer bei seiner Bekleidung zu stark auf Stoff verzichtet, muss am jeweiligen Unterrichtstag ein übergroßes T-Shirt überstreifen. So soll erreicht werden, dass Schüler nicht auf nackte Haut starren, während an der Tafel Algebra-Aufgaben auf eine Lösung warten. Wissen statt Erotik – das ist das Ziel.

Aber sind junge Menschen wirklich exhibitionitisch veranlagt? Wollen sie unbedingt zu viel und zudem das Falsche zeigen? Hier sollte man nie vergessen, dass sie in einer Welt der schlechten Beispiele leben. Wer sieht, zu welchen optischen Verbrechen Erwachsene im Hochsommer fähig sind, wird mangelnden Stil bei der Jugend milde beurteilen.

Zumal sich viele Ältere in einer fortlaufenden Wachstumsphase befinden. Wer etwa ein T-Shirt drei Jahre nach der letzten großen Hitzewelle wieder einmal überstreift, sieht unter Umständen aus wie eine zugeschnürte Leberwurst. Speziell Männer in kurzen Hosen können schlimm aussehen, erst recht, wenn Sandalen mit Socken kombiniert werden.

Wir haben also gelernt: Hitze ist in jeder Lebensphase eine Prüfung für den guten Geschmack. Die heftige Diskussion über die blutjungen Hot-Pants-Lolitas wird eher von Erwachsenen geführt. Sie gab es in den 70-er Jahren in 13 Folgen “Schulmädchen-Report”, welche weltweit rund 100 Millionen besorgte Bürger voller Abscheu betrachteten.

Und unvergessen ist der alte Grieche Sokrates: “Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.”

Manches ändert sich eben nie.

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort “Baiern” wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das “i” kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das “y” sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der “GrEnter”, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen “Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…

 

 

Der Liebling der Evolution: der Orthopäde

Mit der Evolution ist es wie immer im Leben. Es gibt Verlierer und Gewinner. Manches kommt und wird groß und größer. Anderes verschwindet für immer von dieser Welt.

Tolle Geschöpfe haben so das Zeitliche gesegnet. Der anatolische Halbesel etwa, die Galapagos-Riesenschildkröte, der Magenbrüterfrosch oder der St- Helena-Riesenohrwurm. Gerade hat es das schlitzohrige Varoufakis und das schwatzhafte Lucke in der AfD erwischt. Wobei noch nicht sicher ist, ob  letzteres Wesen nicht doch in einem neuen Biotop wiederkehren wird. Wir wissen nur, dass es sich um ein besonderes Geschöpf handelt, welches den Großteil seines Energiehaushaltes durch die Strahlen der Studiolampen von politischen Talk-Shows zu decken vermag.

Während es dem langbärtigen IS schon seit geraumer Zeit gelingt, seine geistig-moralische Entwicklung aus freien Stücken um Jahrhunderte zurückzudrehen, ist das erst kürzlich entdeckte Tsiprasum oxichum gerade groß im Kommen, Es setzt dem heimlichen König der Tiere, dem rautenformenden Merkel, gewaltig zu.

Doch blicken wir lieber auf eine Spezies, die wegen verbreiteter evolutionärer Veränderungen, eine stille, aber mächtige Karriere macht: den Orthopäden. Wesentliche Rahmenbedingungen unseres modernen Lebens spielen diesen zumeist in weiß gekleideten Wesen in die Hände. Da wir immer mehr herumsitzen, verbreitern sich unser Gesäße, werden unsere Rücken empfindlicher. Oft schmerzt die Maushand.

Und nun auch noch dies: Immer mehr Menschen leiden am Handynacken. Eine Krankheit, die uns erfasst, weil wir in jeder Lebenslage den Kopf senken, um in einen kleinen Bildschirm zu schauen, Das macht uns nicht nur einsam, sondern sorgt für Schmerzen. Wissenschaftler haben errechnet, dass der etwa vier bis sechs Kilo schwere Kopf eines Erwachsenen mit rund 13 Kilo zusätzlich auf der Halswirbelsäule lastet, wenn er etwa 15 Grad nach vornüber geneigt ist. Beim Schauen aufs Display senkt der Nutzer seinen Kopf aber nicht meist um die 60 Grad. Kräfte von 27 Kilogramm wirken dann auf Nacken und Rücken.

Somit drohen uns im Alter Höllenqualen. Und wer hat den Nutzen? Klar doch, der Orthopäde. Tun Sie also alles, um Ihr Kind vom Studium der Geisteswissenschaften abzubringen. Dem Hals-Wirbelsäulendoktor gehört die Zukunft. Die Evolution ist mit ihm.

NSA, ZAPF MICH AN!

Zu einem gelingenden Dasein gehört es, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht ändern  kann. Es hat keinen Sinn, das Unabänderliche zu bekämpfen. Besser man spielt damit. Wie mit der Daten-Sammelwut der US-Sicherheitsbehörde NSA.

Asterix und Obelix haben uns gelehrt, was zum Wesen großer Imperien gehört. Sie spinnen, zumindest manchmal. Bei den USA ist dies definitiv der Fall. Hat sich diese Nation doch vorgenommen, alles, aber auch wirklich alles zu wissen, was im Rest der Welt geredet, geschrieben, gefunkt, fotografiert und gesendet wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Versuch irgendwann in tiefer Depression enden muss. Man wird in den USA feststellen, dass man ein irrsinniges Geld ausgegeben hat, um am Ende Eigentümer der größten Daten-Müllhalde aller Zeiten zu sein. Aus all dem Informationswust hilfreiches Wissen herauszufiltern, wird kaum noch möglich sein. Dass die NSA-Server in ein paar Jahren zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verursachen werden, bliebt als Ärgernis am Rande.

Es sei denn, es gelingt uns, den Amerikaner zu verklickern, wie lachhaft ihr wahnhaftes Datensammeln ist. Die Weltmacht holt sich ja oft nicht mehr Neuigkeiten, als sie aus der Zeitung oder bei einem Telefonat erfahren könnte. Unsere Politiker und Bosse sollten bei Anzapfverdacht nicht mehr zetern, sondern ihren Stolz bekunden, dass sie von der wunderbarsten aller Nationen als bedeutend wahrgenommen werden.

Sie und wir alle brauchen ein Bewusstsein, wie es  – besonders den unwichtigen – Promis eigen ist. Selbst bei sinnlosesten Verrichtungen werden sie von Paparazzis abgelichtet. Das nervt – aber es macht interessant. Und istinsofern gut für’s Geschäft.

Für die US-Daten-Halden sollte also gelten: Nur wer drin ist, zählt auch was. Und so verwandelt sich unser Wehklagen in eine klar Botschaft: LOS, NSA. ZAPF MICH AN!

Zum Abendbrot bei Dschihadistens

Niemand sollte behaupten, dass er in seinem Leben niemals richtig blöd gewesen wäre. Die uns Menschen gegebene Spanne von klug und edel bis zu saudumm und böse hat ab einem gewissen Alter jeder irgendwann mal ausgelotet. Wir sollten also tolerant sein. Doch gelegentlich stößt man an Grenzen.

Wie aktuell berichtet wird, steigt die Zahl junger Frauen, die in die Kampfgebiete Syriens fahren, um dort einen Kämpfer des Islamischen Staats zu heiraten. Das wirft Fragen auf: So kommt man ins Grübeln darüber, ob unsere Art zu leben wirklich so sinnentleert und unattraktiv ist, wie es zu sein scheint. Die jungen Frauen können hier shoppen, Eis essen, sich mit Gleichaltrigen treffen oder an einem Weiher in aller Seelenruhe Enten füttern. Sie können einen Beruf lernen und Geld verdienen. Stattdessen wollen sie in die Wüste. Dorthin, wo täglich Bomben fallen.

Gut, auch Spätpubertät verwirrt enorm. Aber stellen diese IS-Bräute das Denken komplett ein? Sie könnten sich doch zum Beispiel fragen, was das für ein Paradies sein soll, wenn die sicherste Eintrittskarte massenhafter Mord ist? Winkt da ein himmlischer Schlachthof, in dem gebenedeite  Ex-Kämpfer im Beisein ihrer Familien Ungläubige von der Wolke schießen dürfen?

Was beglückt junge Frauen an der Vorstellung, dass sie durch das gebärfreudige Ertragen auch der fahrlässigsten Penetration wenigstens zur Erstfrau und somit zum Menschen zweiter Klasse werden können? Wie muss man sich die Abendbrot-Gespräche bei Dschihadistens vorstellen?

So etwa? „Schatz, wie war dein Tag?“ „Ach normal. Fünf Ungläubige erschossen, drei enthauptet. Passt schon.“ „Ach, ich bin ja so stolz auf dich!“. „Schön, so lass’ uns dem Kalifen ein Kind zeugen.“ Und wenn der Kleine im Vorschulalter ist, schicken die Freunde ein Bobbycar. Daran kleben die Eltern Spielzeug-Dynamitstangen und Papa sagt: „So, mein Sohn, so wirst du später auf den Marktplatz fahren.“

Wenn man sich diesen Irrsinn zusammendenkt, erkennt man, dass man in eine Situation geraten ist, in der allenfalls eine sofortige Urschrei-Therapie noch hilft. Vielleicht. Wahrscheinlich aber nicht mal das.

Man kann sich ausmalen, wo der Hass herkommt. Aber wie kann er so groß sein? Darf man zugeben, dass man ratlos ist? Ja. Denn es gelingt mir nicht anders.

Unsere Helden: Loddar, Boris und die Ossis

Nein, dies ist kein Land für Helden. Anderswo werden Menschen mit besonderen Fähigkeiten in den Himmel gehoben, ihnen werden Denkmäler gesetzt. Bei uns jedoch ist das anders: Mag einer noch so berühmt sein – wir nörgeln.

Nehmen wir Cristiano Ronaldo. Dieser Fußballer ist ganz gewiss überragend talentiert. Deshalb ist er auch zurecht Weltfußballer. Auf seiner Heimatinsel Madeira steht er als Bronzestatue vor einem nach ihm benannten Museum als Bronzestatue.

Auch wir hatten einen Weltfußballer. Das war vor 25 Jahren. Und er hieß, richtig: Lothar Matthäus. Wahre Freunde des Sports bekommen feuchte Augen, wenn sie an seine unglaubliche 1990-er WM-Gala gegen Jugoslawien zurückdenken. Aber nicht einmal in Nürnberg, das mit einer Büste einer renitenten Marktfrau gedenkt und seinen Flughafen nach einem Kunstmaler mit Jesus-Frisur namens Dürer benennt, kämen sie auf die Idee, ihrem „Loddar“ ein Monument zu errichten.

Nicht mal den „Glubb“ darf er trainieren. Und das nur wegen ein paar verkorkster Weibergeschichten mit zu jungen Frauen und einer Reihe von oettingeresken Interviews auf Englisch. Er war der Beste und gilt heute als Heini.

Ein Schicksal, das er mit einem anderen famosen Ballkünstler teilt, nämlich Boris Becker. Dieser hat, blutjung,  vor 30 Jahren die Becker-Rolle auf den Rasen von Wimbledon gezaubert. Viele Jahre lang fegte er jeden weg, der da stand und auf seine Bum-Bum-Aufschläge wartete. Und dann: Probleme mit Geld, Weibern und blöden Auftritten in blöden Fernsehshows. Auch er: Held im Ausland – Depp bei uns.

Der Heldenstatus gebührt aber noch einer großen, schwer verkannten Gruppe unserer Bevölkerung: den Ossis. Während wir im Westen nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren ein bisschen Soli bezahlen und ansonsten einfach weitermachen konnten, wurden den Ostdeutschen enorme Veränderungen abverlangt. Eine freie Wirtschaft ist ja nicht für jeden so schön, wie man denkt, wenn man sie nicht hat.

Eigentlich hätten auch sie ein Denkmal verdient. Dass sie uns als Angela Merkel und Joachimg Gauck umfassend regieren und repräsentieren, stimmt natürlich. Unterschätzt sind sie also auch. Einen Helden wie Ronaldo hingegen kann man gar nicht stark genug überschätzen. Vielleicht ist es das.