Ein Gedenktag ist wieder wichtig – leider

“Nie wieder Krieg!” So wichtig und zugleich so utopisch war dieser Aufruf schon lange nicht mehr. Rund um diesen Antikriegstag, dem 1. September 2014, scheint alles in die andere Richtung zu laufen. “Überall Krieg” ist unser Gefühl.

Der plötzlich wieder wichtige Gedenktag hat seinen Ursprung im Osten. 1950 wurde er erstmals in der DDR als “Weltfriedenstag” gefeiert, damals zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Jahre später wurde in Westdeutschland vom Deutschen Gewerkschaftsbund zum Antikriegstag aufgerufen. Zuletzt haben ihn viele Menschen als überflüssiges Ritual von notorisch Friedensbewegten belächelt.

Und jetzt erleben wir fassungslos, wie uns der Krieg ganz nahe kommt. Auch, weil er uns eifrig nähergebracht wird. Die “Bild”-Zeitung hetzt gegen Putin und zieht über die westlichen Politiker her, die nach ihrer Wahrnehmung nur reden, reden und reden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt die Menschen darauf ein, dass nicht nur Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sondern dass die Terroristen des so genannten “Islamischen Staat” schon in Kürze in unseren Städten auftauchen werden. Falls man sie nicht mit deutschen Waffen stoppt.

Und so nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Man schickt Kriegsgerät an üble, korrupte Gestalten, um den Blutrausch der vermeintlich komplett Irren vom “Islamischen Staat” zu stoppen. Deren reiche Freunde in Katar reden mit uns  derweil lieber vom Fußball. Und wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, ehe “der Westen” den syrischen Giftgas-Mörder Assad zum Verbündeten erklärt. Was wiederum den russischen Präsidenten mit den kalten Augen mittelbar zum Freund macht.

Ja, man sieht mit hilfloser Wut, dass es tausende Menschen gibt, deren Erfüllung es zu sein scheint, Herr über Leben und Tod zu sein. Deshalb fällt es schwer, zu bedenken, wem all die Waffen in ein paar Jahren gehören und welche Verbündeten die Feinde von morgen sein werden. Die Frage ist zurzeit nur, wie man sich weniger falsch verhält. Für Frieden zu werben, ist aber wieder richtig wichtig. Und richtig- Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

 

Die Welt redet über Glatzen – praktisch sind sie allemal

Wenn wir darüber philosophieren, mit welchen Äußerlichkeiten sich besonders viele Menschen besonders intensiv beschäftigen, riecht es schnell nach Frauenfeindlichkeit. Es würde wohl darum gehen, worüber man(n) halt so redet. Aber es gibt auch ein Schönheitsproblem der Männer, das in fast allen Kulturen der Welt ein Thema ist: die Glatze.

Wie sehr Haarausfall zu globalem Leid führt, wurde jetzt am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn erforscht. Anhand von Bildern unterschiedlich ausgeprägter männlicher Glatzen konnten deren Forscher nachweisen, dass es im Deutschen, Amerikanischen und Japanischen erstaunlich ähnliche Vorstellungen zum Beispiel vom Begriff „Geheimratsecken“ gibt.

Im Amerikanischen heißt die lichte Stirn „widow’s peak“ also “Witwenspitze”. Japaner sagen „emu jigata hage”, soviel wie „M-Form-Glatze“. Der „Kahlkopf“ im Deutschen wird im Englischen „bald“ und im Japanischen „tsurutsuru atama“ genannt – glänzender oder rutschiger Kopf. Große Einigkeit herrschte bei den internationalen Teilnehmern der Studie auch darüber,  ab wann der Haarausfall beginnt und wo er in einen Kahlkopf mündet. Alle wissen Bescheid. Und alle reden darüber.

Die Glatze ist somit wie Knoblauch. Man muss sie ertragen. Aber man kann sich damit trösten, dass ein kahler Kopf ganz praktisch ist. Für die Pflege reichen ein kleiner Plastikkamm und ein Spritzer Möbelpolitur. Man ist davor gefeit, dass einem der Starfriseur flaschenweise Haarpflege-Spezialmittelchen aufschwätzt. Man ist im Bad schneller fertig und muss sich keine Sorgen machen, dass man sich durch das Tragen einer Mütze die Frisur ruiniert.  Man hat tendenziell weniger Schuppen auf den Schultern und seltenst Haare in der Suppe.
Wenn wir also wieder mal unsere Restbestände im Spiegel sehen, grinsen wir einfach frech zurück. Haarausfall signalisiert Lebenserfahrung, Klugheit und Wohlstand. Seien wir stolz und folgen wir einem kleinen Gedicht: Der Glatzkopf der die Glatze fönt, hat mit dem Schicksal sich versöhnt! Was aber ist mit den Sprachforschern in Bonn? Ihnen huldigen wir mit einem Witz: Wann sagen Chinesen mit Glatze “Guten Morgen”? Antwort: Wenn sie Deutsch können.

 

 

 

Beim Eiswasser-Unsinn fühle ich mich alt

Zu Hilfe, ich werde alt! Bisher hatte ich die seltsamsten Windungen des Internets stets amüsiert oder gar interessiert verfolgt. Wirklich schlimm habe ich nichts gefunden. Aber in diesen Tagen kommt mir der Humor abhanden. Das Stichwort lautet “Ice Bucket Challenge”.

Da stellen sich also Menschen vor eine Smartphone-Kamera, erklären, dass und warum sie gleich nass werden und schütten sich dann einen Eimer mit mutmaßlich kaltem Wasser über den Kopf. Männer sagen dann “Brrrrr”, Frauen kreischen so, wie die allermeisten Männer nicht kreischen. Zugleich werden durch das Nominieren anderer Zeitgenossen jeweils drei weitere Mutproben in Auftrag gegeben.

Besonders beliebt ist dieser Spaß bei Menschen, die berühmt sind und noch berühmter werden wollen und die bei dieser Gelegenheit zeigen, dass sie über Humor und Nächstenliebe verfügen. Denn die Eiswasser-Probanden sammeln auch Spenden für die Erforschung der Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Entweder zwingen sie Feiglinge moralisch dazu, sich freizukaufen. Oder sie geben selber ein paar Euros. In den USA sind auf diese Weise angeblich schon um die 100 Millionen Dollar zusammengekommen. 

Es ist ja gut, dass auf ALS aufmerksam gemacht und für dessen Erforschung gessamelt wird. Handelt es sich doch um eine der miesesten Krankheiten überhaupt. Die Patienten erleben bei vollem Bewusstsein mit, wie ihre Muskulatur verschwindet. Am Ende steht der Tod durch Ersticken. Heilbar ist dieses Leiden (noch) nicht.

Das große Wässern ist demnach eine gute Sache. Aber warum mag ich nicht mitmachen? Vielleicht, weil ich lieber doch nicht wie Mark Zuckerberg, Justin Bieber oder Cristiano Ronaldo sein möchte. Vielleicht, weil es mich fatal an das dümmste Ritual des deutschen Fußballs, die weltberühmte Bayern-München-Meisterschafts-Weißbierdusche erinnert. Oder weil ich an diese Kettenbriefe denken muss, bei denen sich ein todkrankes Kind in Florida nichts sehnlicher wünscht, als letzte Grüße von 100 Millionen Menschen aus aller Welt zu bekommen.

Kurzum, ich erlaube mir einen großen Luxus. Ich finde doof, was für die Masse lustig ist. Und dusche weiter warm.

P.S.: Heute hat mich eine Nominierung ereilt. Passt schon, spenden wollte ich eh mal wieder.

 

 

 

Die Innenpolitik im schwarzen Loch

Gibt es schwarze Löcher in der Politik? Zurzeit scheint das so zu sein. Denn das, was man früher Innenpolitik genannt hat, ist nahezu komplett aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Unser Leben findet scheinbar irgendwo zwischen Donezk und Gaza statt. Dort herrscht Krieg, bei uns herrscht Schlummer.

Sicher, man darf nicht wegsehen, wenn sich Menschen gegenseitig abschlachten. Wenn so genannte „Rebellen“, die wegen ihrer abartigen, hasserfüllten Gesinnung „unislamischer Staat“ heißen müssten, eine Blutspur nach der anderen legen. Wenn Bomben fallen, weil zuvor Raketen geflogen sind. Wenn gar nicht so weit von uns entfernt, in der Ukraine, Krieg geführt wird.

Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Erst recht, wo es für ein Chaos-Land wie Libyen keinen Platz in den Zeitungsspalten und kaum Sendezeit in Radio und Fernsehen gibt. Es sind einfach zu viele Bomben und Granaten.

Aber darf das dazu führen, dass wir die Innenpolitik komplett vergessen? Redet noch jemand ernsthaft von der Energiewende? Ist die Zukunft der Pflege noch in der Diskussion? Was ist mit der immer ungerechteren Verteilung des Wohlstandes?

Ja, es geht uns gut und viel besser, als an vielen Orten dieser Welt. Mütterrente und Mindestlohn sind auch abgehalt. Aber wenn der fast schon karnevalistische Streit um die Pkw-Maut das aktuelle Hauptthema in Deutschland sein soll, stimmt ewas nicht.

Ja, man muss gelegentlich zum Fernglas greifen. Aber ebenso gilt: Reichlich Arbeit gibt es auch im eigenen Haus. Aufwachen, bitte!

Die Kunst der Vergrämung

Wir leben in Zeiten von Landlust, Landliebe und Jakobsweg. Alle drängt es hinaus ins Freie, wir huldigen dem Ursprünglichen, der wilden Natur. Was aber, wenn uns diese Natur die Zunge hinausstreckt? Wenn Tiere machen, was sie wollen?

Dann wird es schwierig. Ungern denken wir zurück an den “Problembären” Bruno. Dieser war – ohne Ausweis oder Raubtier-Vignette – auf bayerisches Hoheitsgebiet vorgedrungen. Die Staatsregierung zog alle Register, um Wildnis und öffentliche Sicherheit in Einklang zu bringen. Geendet ist dieser Versuch mit dem Tod des Bären.

Jetzt gibt es wieder Ärger. Am Wöhrder See, einem künstlichen Gewässer in Nürnberg, hat ebendiese Staatsregierung, namentlich vertreten durch Finanz- und Heimatminister Markus Söder, einen Strand anlegen lassen. Für (wahlberechtigte) Menschen. Schön auf der sonnenbeschienenen Nordseite gelegen, ganz ohne störendes Gebüsch.

Gerade diese  Kombination aus Wärme und der fehlenden Deckung für natürliche Feinde, hat die dortigen Wasservögel begeistert. Die vereinigten Nürnberger Quak-Rebellen, bestehend Gänsen und Enten, haben den Strand okkupiert und genussvoll zugekackt.

Weil aber Geflügel- und Hundekot gleichermaßen unappetitlich sind, müssen staatliche und städtische Stellen etwas unternehmen. Die rettende Idee: Menschliche Vogelscheuchen. Das erinnert sofort an die Schauspieler, die zwecks Primaten-Vergrämung in Affenkostümen durch Neu-Delhi rennen sollen. Aber so schlimm ist es nicht. Gedacht ist an Freiwillige, die gegen Honorar vogelstörend über den Strand stapfen. Wenn es sein muss, auch mit Hund.

Wer mit offenen Augen durch sein Leben geht, wird zuversichtlich sein, dass sich Vogelscheuchen finden lassen sollten, Aber warum so schlicht gedacht?

Nürnberg ist auch der Arbeitsort von Ottmar Hörl. Dieser Künstler hat mit Plastik- Hasen und -Eulen für Furore gesorgt. Er ist zudem Präsident der hiesigen Kunstakademie. Also könnte man doch für seine Studenten einen Wettbewerb in Vergrämungskunst beauftragen. Skulpturen, deren Anblick auch renitente Wasservögel zuverlässig in die Flucht schlägt: Ein Dürerhase mit Reißzähnen, eine Eule mit Adlerkrallen oder ein chinesischer Koch mit gewetzten Messern.

Das macht dem Vogelspuk ein Ende. Möge die Übung gelingen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Angst, es kann nur besser werden…

Wohin das Auge schaut: Krisen, Krisen, Krisen. In diesen Tagen ist jede Facette abgedeckt. Von Kriegen über scheinbar religiös motivierten Massenmord über Minuswachstum in den Nachbarländern und jetzt auch wachsende Sorgen um unsere so erfolgreiche Exportökonomie. Wäre es da nicht logisch, dass uns das Lächeln gefriert, dass wir allesamt Merkel’sche Stress-Mundwinkel ausbilden? Aber nein. Warum denn auch?

Bleiben wir Realisten. Wir haben das Alte Testament gelesen. Von daher ist uns bewusst, dass wir nicht auf dieser Welt sind, um eine lebenslange Non-Stop-Party zu feiern. Ja, als wir jung waren, bot sich unseren Augen ein weites Feld der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir waren sicher, dass uns nichts und niemand würde aufhalten können. Wir trugen jenen Optimismus in uns, den uns zahllose Autoren in noch zahlloseren Büchern zu vermitteln versuchen. Das Stichwort “Optimist” sorgt bei amazon.de für 604 Treffer. Ganz oben steht ein Ratgeber, wie sich “Schwarzmaler im Hirn” überlisten lassen. Wir erfahren, dass ein Optimist in jedem steckt und dass es gut ist, den Weg des Glücks zu gehen. Denn: “Optimisten leben länger.”

Ratgeber leiten uns an, wie wir wahlweise in sieben oder 30 Tagen zum Optimisten werden. Wir können nachlesen, dass Freude auf die Zukunft zu einer stolzen Haltung führt. Und dass gute Gedanken Sex haben. Sie vermehren sich angeblich und gebären immer neue Glücks-Kinder. Optimisten sind in diesen Büchern erfolgreicher, leben besser, sind gesünder und schöner.

Papperlapapp. Unbekümmertheit lernen zu wollen, hat etwas Zwanghaftes. Richtig hingegen ist der Satz: “Pessimisten sind Optimisten mit Lebenserfahrung.” Denn in keinem Leben geht es immer nur bergauf. Bedeutende Politiker werden abgewählt, berühmte Schauspieler kriegen keine Rolle mehr, famosen Fußballern reißt irgendwann das Kreuzband. Immer wieder gibt es Rückschläge oder Verluste, also Prüfungen, die wir mehr oder weniger gut bestehen.

Ein glücklicher Pessimist ist der, der trotz allem den Kopf oben behält und einen neuen Anlauf für seine Ziele unternimmt. Wobei er eben nicht das irdische Nirwana anstrebt  sondern ein neues Stolpern oder gar Scheitern für möglich hält.

Ganz nach dem Motto: Wenn etwas schiefgeht, ist die Hoffnung doch nicht weg. Oder anders gesagt: “Jetzt kann es nur noch besser werden” ist ein wunderbarer Satz.

Hilfe, ich habe Angst vor einer Frau

Superstar zu werden, ist in diesem Land nicht die leichteste Übung. Wir haben zwei, drei Weltmeister-Fußballer, aber diese verhalten sich untypisch. Sie glitzen nicht, sondern leben nach dem Motto „Groß kassieren, leise auftreten“. Den allgemeinen Maßstab in Sachen Selbstinszenierung scheint unsere Bundeskanzlerin gesetzt zu haben. Angela Merkel protzt nicht, macht aber trotzdem, was sie denkt.

Manchmal entsteht aber doch ein bisschen Hollywood. Jemand taucht auf, dem nie und nirgends zu entkommen ist. Ja, es gibt diese Frau. Sie sieht fabelhaft aus. Als Drogeriemarkt-Mitarbeiterin für niedrigpreisiges Pafüm würde sie Umsatzrekorde bewirken. Sie hätte für jeden Versandhaus-Katalog als Top-Model getaugt und hätte bei jeder regionalen Misswahl eine Platzierung zwischen eins und drei erreicht.

Ob in Jeans, Kleid oder knappem Show-Fummel: Diese Frau sieht immer gut aus und sie gibt den Menschen Halt, weil sie deren Lebensträume in leicht verständlichen Texten besingt. Sie schildert ihnen, wie sie mit dem/der Liebsten „auf das höchste Dach der Welt steigen“ können. Sie stärkt deren Selbstvertrauen mit der Zeile „Du lässt mich so sein, so wie ich bin, mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn“.

Diese Frau hegt die Schlaflosen, indem sie „Lass dieses Nacht nie enden“ singt. Sie schildert die ganze Widersprüchlichkeit des Daseins mit der Zeile „Du fängst mich auf und lässt mich fliegen“. Und hinterfragt religiöse Wahrheiten mit „Ewig ist manchmal zu lang“.

Wir hören die Botschaften und wollen mehr wissen. Ist diese Frau wirklich so blond, wie sie vorgibt. Ist sie glücklich verheiratet? Ist sie schwanger? Und falls ja, wir ihr noch genug Zeit bleiben, um Nacktfotos für den Playboy zu machen?

Wir folgen dieser Frau, wir hängen an ihr. Sogar Weltmeister umkreisen sie. Atemlos.

Und ja. Ich gebe es zu: Helene Fischer macht mir Angst.

 

Die Gier siegt über die Gerechtigkeit

Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe, manchmal geht beides für uns überhaupt nicht zusammen. Das Ende des Gerichtsverfahrens um den Formel-1-Strippenzieher Bernie Ecclestone ist so ein Fall. Er hat einem kriminellen Banker mächtig Geld zukommen lassen, zahlt eine mehr als doppelt so große Summe an die Staatskasse – und verlässt das Gericht quietschfidel als freier Mann. Wir sitzen da mit offenem Mund. Diese Welt verstehen wir nicht mehr.

Es bringt uns sowieso ins Grübeln, dass ein einzelner Mann mit schnellen Autos in internationalen Kreisverkehren mehr Geld verdienen kann als 99 Prozent der Weltbevölkerung.  Denn wo 100 Millionen Dollar angesichts der Verdienst- und Vermögensverhältnisse als angemessen gelten, muss ein Vielfaches vorhanden sein. Man will einen begnadeten alten Zocker, der heute noch der Freund schönster Frauen ist, aber bald schon ein Pflegefall sein kann, schließlich nicht komplett ruinieren.

25 Millionen Dollar hatten Ecclestone und seine Anwälte selbst angeboten. Also kommt die Frage: Wenn einer bereit ist, nochmal das Dreifache draufzulegen, spricht das dann nicht sehr dafür, dass er Dreck am Stecken hat? Müsste ein Gericht an dieser Stelle nicht “Stopp!” sagen und das Angebot zurückweisen?

Moralisch betrachtet ganz bestimmt. Das jedoch interessiert nicht. Nach dem 100-Millionen-Deal wurde erklärt, dass eine Verurteilung des Angeklagten nicht sicher gewesen sei. Wenn nun schon die Staatsanwaltschaft erkennen lässt, dass sie auf dem Basar mitspielen würde, fällt es den Richtern sowieso schwer, anders zu entscheiden. Man weiß nicht, was in deren Beratungszimmer alles gesprochen wurde. Aber die Einstellung des Verfahrens war nur mit der  Zwei-Drittel-Mehrheit sämtlicher hauptberuflicher und ehrenamtlicher Richter möglich. Gänzlich absurd kann die Entscheidung also nicht gewesen sein.

Nun gut, immerhin profitiert die bayerische Staatskasse dramatisch in Form von 99 Millionen Dollar. Ja, es gibt sogar eine Million für ein Kinderhospiz in Olpe.

Das ist schön. Aber bitte: Nenne niemand Bernie Ecclestone deshalb einen Wohltäter. Das wäre der allerletzte Sargnagel für die Gerechtigkeit.  Übel ist es uns auch so.

 

 

 

 

Die Ampel – unser Ort der Verzweiflung

Diese Gesellschaft wandelt sich. Gewohnte Autoritäten werden angekratzt oder verschwinden ganz. Nehmen wir die Verkehrsampel. Auch sie hat in diesem Land schon bessere Zeiten gesehen.

Die Ampel, wie man sie heute kennt, ist in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Erstmals in der Praxis eingesetzt wurde sie am 5. August 1914 in Cleveland, Ohio. Ein wirkliches Erfolgsmodell: Sie wurde, gerade für uns Deutsche, zu einem wichtigen Orientierungspunkt unseres Alltags. Ja sogar unserer Freizeit.

Es ist noch nicht so lange her, da stellten wir uns, soweit wir anständige Leute waren, selbst um Mitternacht in einer schwach befahrenen Straße brav an die Gehsteigkante und warteten auf den Wechsel zu Grün. Trotz Ampel über die Straße zu gehen, war verpönt. Verstöße taugten – rein gefühlsmäßig – sogar als Jugendstreich.

Wobei wir auch bei diesem Thema  insgeheim die Südländer bewunderten. Die ruhmreichen Überquerer der Felbertauern-Hochalpenstraße erlebten schon in den 60-er Jahren, dass die Ampel zum Beispiel für Italiener kein hoheitliches Gerät, sondern eher ein unverbindlicher Orientierungspunkt war. Selbst mit kleinen Kindern in der Hand, schlurften sie über die Straße, wenn kein Auto in Sicht war.

Diese Lässigkeit haben wir erst nach und nach entwickelt. Die rote Ampel ist für Fußgänger heute eher optional – sofern keine Frau mit Kinderwagen neben einem steht. In der Inkarnation Radfahrer ignoriert der moderne Mensch das bunte Lichterspiel ganz und gar.

Ja, die Ampel als Institution ist auf dem absteigenden Ast. Zumal sie, wo es denn geht, durch einen Kreisverkehr ersetzt wird. Das sei die entspanntere Form, Verkehrsströme zu verteilen, heißt es.

Als Ort der Verzweiflung jedoch wird die Ampel bleiben. Weil wir das Umspringen auf Rot mit dem Ausruf “Warum immer ich?” kommentieren. Weil wir niemals glauben können, dass Rot- und Grünphasen von jeweils 20 Sekunden gleich lang sind. Und weil ihr Farbenspiel auch auf anderen Feldern genutzt wird oder werden soll. So bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln. Wo Rot drauf ist, lauern ungesunde Dickmacher.

Die Folge: Wir sehen die Gefahr und sehnen uns nach Bewegung. Die große Idee trägt also. Auch nach 100 Jahren.

Ob Krisenherd oder Lotto: Hohe Bälle machen glücklich

Ob man sich glücklich oder niedergeschlagen fühlt, hat immer mit der persönlichen Wahrnehmung zu tun. Pickel auf der Seele verursacht uns etwa das Gefühl, dass uns Informationen  intellektuell überfordern. Und dazu genügt mitunter die Lektüre einer einzigen Tageszeitung.

Darin steht beispielsweise, dass die Wirtschaft die Krisenherde spürt. Sofort fragt man sich, ob diese gegen die kalte Progression helfen, die uns ja gräßlich frösteln lässt. Man erfährt aber auch, dass sich die Chefin der bayerischen Staatskanzlei, Christine Haderthauer, wegen einer Modellauto-Affäre im Kampfmodus befinde. Ihr Vorbild dabei sei die Superheldin Lara Croft.

Diese ist virtuell, wird aber leibhaftig von Angelina Jolie gespielt. Fragt sich also, wer Frau Haderthauers Brad Pitt ist. Horst Seehofer wäre – bei allem Respekt – für diese Rolle fehlbesetzt. Bleibt als hochrangiger Parteifreund Finanzminister Dr.Markus Söder. Und dieser wagt sich tatsächlich an schier übermenschliche Aufgaben. Ihm wird es zu verdanken sein, wenn Westmittelfranken in eine “neue Förderkulisse” aufsteigen wird. Dank “dezentraler  Entwicklungsachsen”.

Wir wissen nicht, was das ist. Aber hier handelt ein Held. Oder? Gleichfalls lesen wir nämlich, dass der von ihm geschaffene Sandstrand am Wöhrder See in Nürnberg von Enten und Gänsen erobert wurde und gnadenlos zugekackt wird. Dieser Mann, der mit der geballten Landtags-Opposition je nach Lust und Laune mehr oder weniger heftig Schlitten fährt, kapituliert vor einer Ansammlung von Stadtgeflügel?

Wer soll sich da glücklich und geborgen fühlen? Letztlich sind wir – wie bei verrückten Lottozahlen – dem Zufallsgenerator des Lebens ausgeliefert. Doch wir resignieren nicht. Haben doch die deutschen U-19-Fußballer ihre  Europameisterschaft gewonnen. “Gegen tief stehende Portugiesen”, wie die Zeitung schreibt. Unsere Wahrnehmung ist eindeutig: Hohe Bälle machen glücklich.