Du willst Du Sklaven sehen? Flieg mit Qatar Airways

Horst Seehofer hat den Menschen gedient. Unser Ministerpräsident ist nach Arabien geflogen, um dort bayerische (Rüstungs-)Wertarbeit zu verkaufen. Zum Abschluss seiner Reise besuchte er den Emir von Katar. Die Atmosphäre war nett. Man kennt sich seit einer Begegnung in München und teilt die Liebe zum Fußball. Sklaven, so darf man annehmen, hat der CSU-Chef keine bemerkt.

Katar ist sagenhaft reich und erfolgreich. Nehmen wir Qatar Airways. Seit dem Jahr 2004 hat diese Fluglinie sie ihr Passagieraufkommen versechsfacht. Sie beschäftigt 18.000 Menschen, wobei  90 Prozent der Belegschaft serviceorientierte Migrantinen und Migranten sind.

Ach ja, Frauen sind auch an Bord. Brave Frauen. Denn die Arbeitsverträge sehen vor, dass Qatar Airways weibliches Kabinenpersonal im Falle einer Schwangerschaft entlassen darf. Weil Kündigung durch die Firma  eine Schande ist, erledigen das die meisten Frauen lieber selber. Weibliche Angestellte dürfen von keinem Mann, außer ihrem Vater, Bruder oder Ehemann, am Arbeitsort abgeholt oder abgesetzt werden. In den ersten Dienstjahren ist Heiraten verboten. Wer später heiraten will, muss die Firma fragen. Die behält sich vor, den Heiratsantrag abzulehnen.

Wie die Internationale Transportarbeiter-Gewerkschaft schildert, ist es strikt verboten, außerhalb der von der Fluggesellschaft zugewiesenen Unterkünfte zu übernachten. Besatzungsmitglieder müssen zwölf Stunden vor ihrem nächsten Diensteinsatz in ihren Unterkünften sein. Sie dürfen diese nur für eineinhalb Stunden verlassen. Da die Türen mit Magnetkarten versehen sind, kann das Unternehmen die Bewegungen sämtlicher Angestellter nachverfolgen. Das Missachten der Ausgangssperre ist denn auch der häufigste Entlassungsgrund.

Berichtet wird ferner, dass Qatar Airways Wohnungsdurchsuchungen durchführt, während Crewmitglieder in der Luft sind. Tätowierungen sind ein Entlassungsgrund, selbst wenn sie unter der Uniform nicht sichtbar sind. Der falsche Sitz des Hutes kann zur Kündigung führen, Kaugummikauen ist ebenso verboten wie das Verwenden von Mobiltelefonen. Schließlich – wir sind ja bei einer Fluglinie – brauchen Angestellte, die das Land zwecks Urlaub verlassen wollen, eine Sondergenehmigung der Firma. Diese wird erteilt – oder auch nicht.

Du willst Sklaven sehen? Du musst nicht nach Katar. Das richtige Flugzeug tut es auch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Supermärkte: Die Quengelzonen unserer Fettzellen

“Denk’ ich ans Wiegen in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.” Vielleicht, nein wahrscheinlich würde der große Heinrich Heine so dichten, wenn er in diesen Zeiten einer von uns wäre. Denn tatsächlich: Deutschland ansich interessiert uns weniger stark als unsere falsch positionierten Pölsterchen oder Polster. Jedoch, gibt es ein Entrinnen? Theoretisch unbedingt, in der Praxis kaum. Denn wer kauft nie im Supermarkt?

Unser Glaube an die Theorie des Schlankwerdens spiegelt sich in der Vielzahl von mehr oder weniger qualvollen Diäten. Die Liste reicht von A wie Atkins- und Ayurveda-Diät über G wie Gylx-Diät und M wie Mittelmeer-Diät bis hin zu W wie Weight-Watchers- und X wie xx-well-Diät. All diesen Konzepten ist gemeinsam, dass man auf etwas Falsches verzichten soll. Das gelingt in Einzelfällen durchaus. Allzu oft jedoch ist der Jo-Jo-Effekt treuer  Begleiter von Abschmelz-Aktionen.

Vielleicht haben wir die ultimative Strategie bloß noch nicht erkannt: die Tante-Emma-Diät. Was sich aber ändern könnte. Forscher der Göttinger Georg-August-Universität wollen nämlich herausgefunden haben, dass das Einkaufen im Supermarkt dick macht. Die Wissenschaftler haben sich bei ihrer Studie in Kenia umgeschaut. Dort, wie auch in Schwellenländern Asiens, sind traditionelle kleine Lebensmittelläden auf dem Rückzug. Sie werden – wir haben das auch erlebt – durch Supermärkte ersetzt. Und es zeigte sich: In Städten mit einer vergleichsweise großen Zahl von Einkaufszentren gibt es nachweislich mehr dicke Menschen.

“Kalorien sind im Supermarkt billiger als in traditionellen Geschäften”,  lautet eine Begründung der Göttinger Ernährungsforscher. Und wenn wir ehrlich sind, stimmt es doch.

Löst unsere Fleischereifachverkäuferin mit der Frage “Darf’s a bissl mehr sein?” einen sanften Völlerei-Alarm aus, so hauchen uns die Produkte in den Auslagen der Einkaufszentren ein vielstimmiges “Nimm mich!” zu.  Während innere Stimmen gleichzeitig „Greif zu!“ rufen.

Natürlich werden wir schwach. Die Supermärkte sind die Quengelzonen unserer Fettzellen. Woanders kaufen wäre ein Weg. Alsdenn: Denk ich an Lidl in der Nacht…

Der Friedhof Mittelmeer macht zynisch

In manchen Zeiten führt Zeitungslektüre zwingend zu zynischen Ideen. Gerade ist es wieder so. Wegen der massenhaft ertrinkenden Bootsflüchtlinge.

Die Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union hat also aus wirtschaftlichen Gründen dafür gesorgt, dass Flüchtlinge, die bisher schon nahe der libyschen Küste gesehen und immer wieder mal geborgen wurden, aus dem Blickfeld geraten ist. Der europäische Küstenschutz und damit auch das von abendländischen Werten getragene amtliche Menschenrettungswesen beginnt jetzt erst kurz vor Italien. Wer auf dem Weg dorthin ersäuft, hat Pech gehabt. Massenhafter Tod ist unsichtbar geworden.

Und dann lese ich einen netten Artikel aus der Kategorie “Gute Nachricht”. Darin wird geschildert, wie ein Biber, der auf einem nächtlichen Streifzug ins Schwimmerbecken des Nürnberger Naturgartenbades gefallen ist, in einer dramatischen Aktion gerettet wurde. Unter Hinzuziehung des Biberbeauftragten einer Naturschutzorganisation wurde das laut Berichterstattung vom Dauerschwimmen entlang des für ihn zu hohen Beckenrandes erschöpfte Tier gerettet.

Da kommt dir – auch wenn du diesen Zynismus nicht willst -ein Gedanke: Ach, wäre dieser Biber doch ein Bootsflüchtling gewesen. Wie menschlich hätte man sich um ihn gekümmert. Und wie wäre es, wenn es einen europäischen Flüchtlingsbeauftragten gäbe, der beim Retten von Ertrinkenden einfach so handeln darf wie er möchte.

Eine weitere Nachricht lieferte der G7-Gipfel in Lübeck. Im bei solchen Treffen üblichen Begleitprogramm wurden die anwesenden Staatenlenker auf ein Schiff der Küstenwache gebeten. Sie bekamen blaue Hansestadt-Lübeck-Jacken angezogen und durften bei ihrer Bootstour für die Fotografen souverän lächelnd in die Ostsee schauen.

Und dann denkst du dir, wie es wäre, wenn diese Gipfel-Diplomaten ein bisschen weiter rausgefahren wären. Und 30 Kilometer vor der Küste hätte der Kapitän den Motor abgestellt, den Schlüssel ins Wasser geworfen und das Schiff samt Crew mit dem Rettungsboot verlassen. Ob die dabei erlebte  Erfahrung von Wellengang und Orientierungslosigkeit politisch etwas ändern würde?

Nein, das ist nicht passiert. Und es wäre – das denkst du dir dann – auch wirklich zu böse.

Dein Rest-Zynismus ist aber keineswegs weg. Er sagt dir Folgendes: Im Gegensatz zu Bibern stehen Flüchtlinge bei uns nicht unter Naturschutz. Doch das solltest du wahrscheinlich nur ganz, ganz heimlich denken. Es ist auch wirklich zu böse.

 

Obama, Castro und der schweigsame Vatikan

Große historische Gesten können schlicht sein. Unvergessen ist der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt in Warschau. Auch US-Präsident Barack Obama dürfte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert haben: Er hat seinem kubanischen Amtskollegen Raúl Castro die Hand gegeben. Auf dass Friede sei zwischen dem renitenten Inselstaat und dem ganz großen Bruder.

Klar, dass die Feindbild-Bewahrer in beiden Staaten motzen. Das war bei uns damals nicht anders. Doch  längst dürfte durchgerechnet sein, dass der Nutzen der Annäherung für die USA größer sein dürfte. Schließlich ist Kuba ein ungesättigter Markt für wunderbare Artikel des täglichen Lebens, wie Telefone, Elektrogeräte und Handfeuerwaffen. Die sozialistische Insel dürfte auch eines der letzten Gebiete weltweit sein, die Produkte von McDonald’s gut finden.

Wir werden sehen: Es lohnt sich, dem Bösen die Hand zu reichen.

Schwierig ist ein solcher Schritt allemal. Wie uns gerade in absurder Weise der Vatikan vorführt. Die französische Regierung hat einen neuen Botschafter für den Kirchenstaat benannt. Er heißt Laurent Stéfanini und bekennt sich offen zu seiner Homosexualität.

Wie reagiert man in Rom auf die geplante Akkreditierung? Man sagt gar nichts, man schweigt beharrlich. Und dies gilt nach den Regeln der klerikalen Diplomatie als eindeutige Ablehnung der betreffenden Person. Man erwartet, das der andere Staat den Vatikan in keine Erklärungsnöte stürzt und stattdessen jemand benennt, der aus amtlicher katholischer Sicht in ordentlichen Verhältnissen lebt.

Halt, denkt man da? Handelt hier nicht der eigentliche Weltmarktführer für Versöhnung? Hat nicht Papst Franziskus höchstselbst erklärt, dass Schwule schwul sein dürfen, wenn sie ansonsten einen festen Glauben haben? Schon, aber er ist ja nur der unfehlbare Chef, im Hintergrund regiert der Apparat.

Diesen wiederum gibt es in jedem Staat. Danken wir also Barack Obama für den Händedruck. Was wirklich daraus wird, muss sich aber erst noch zeigen…

Wladimir, der Spargel wächst

Was wäre es doch für eine Welt, in der immer alles funktioniert und in der es immer gerecht zugeht? Keine schöne, jedenfalls nicht für uns Medien, die wir vom besonderen, vom unerwarteten Geschehen leben. Irgendwas kommt immer anders.

Nehmen wir bloß diesen Frühling. Schon seit Wochen müssten uns dank Sonnenlicht und steigender Temperaturen die Hormone in Blut und Gehirn schießen. Stattdessen hätte man über Ostern darüber nachdenken können, ob sich unsere Region auf einer bislang unbekannten tektonischen Platte in Richtung Polarkreis verschoben hat. Gut, jetzt scheint das Wetter die Kurve zu kriegen. Sogar der Spargel wächst.

Apropos Spargel: Zum wichtigen Exporteur dieses Gemüses hat sich Griechenland entwickelt. In der Umgebung der Nürnberger Partnerstadt Kavala wächst es reichlich, wird aber komplett ausgeführt, weil die Menschen dort den Geschmack nicht mögen.

Aber unser Geld wollen sie, raunzt an dieser Stelle der Stammtisch. 278,7 Milliarden Euro! Was den Hinweis auf die bislang allzu mäßig erfolgte Wiedergutmachung für NS-Verbrechen angeht, haben die Griechen recht. Die Summe ist aber wohl zu gewaltig. Zumal das Geld nur noch in gewissen Emiraten richtig locker sitzt.

Selbst der russische Vorzeige-Macho Wladimir Putin, der sagenhaft reich sein muss, da er eine subtropische Stadt am Schwarzen Meer in ein Wintersportparadies verwandelt hat, hat den Griechen nur „Millionen“ versprochen. Wobei es durch den Bau einer Gas-Pipeline ziemlich viele werden könnten.

Mehr sollte Putin aber nicht bieten, denn trotz gestählter Muskulatur und junger Lebensgefährtin ist er einem erhöhten Lebensrisiko ausgesetzt: Kleinere Menschen sind in größerer Gefahr, am plötzlichen Herztod zu sterben. Dies wollen Forscher der Universität Leicester herausgefunden haben. Demnach erhöht sich pro 6,5 Zentimeter geringerer Körpergröße das Erkrankungsrisiko um 13,5 Prozent.

Ab 48 Zentimeter geringerer Körpergröße wäre die Todesursache demnach sicher. Allerdings: Die Forscher haben nicht erklärt, ob ihre Berechnung von Dirk Nowitzki oder Wladimir Putin ausgeht. Der Spargel wächst immer – irgendwann. Ein großer Rest bleibt ungewiss. Und das ist – alles in allem – auch gut so.

Gönnt dem Papst die Pizza

Ach ja, dieser Papst. Alle lieben Franziskus. Selbst dann, wenn er über würdevolle Ohrfeigen philosophiert. Möchte man also mit ihm tauschen? Also, ich nicht.
Am Ostersonntag wurde auf dem Petersplatz in Rom des Heilands Auferstehung gefeiert. Nun sollte man doch meinen, dass es sich beim Sieg über den Tod um ein freudiges Ereignis handelt. Die Geschichte von Jesus’ Wiederkehr eignet sich als Stoff für eine riesengroße Party. Meint man.
Die Fernsehbilder zeigen etwas anderes. Die Gesichter vieler Menschen sind todernst. Und ein älterer Herr redet von Kriegen, Folter, Kindsmissbrauch und religiöser Verfolgung. Seltsam freudlos, das Ganze.
Doch warum schreibe ich das überhaupt? Seit ich denken kann, kenne ich es nicht anders. Wahrscheinlich ist es zwar die Aufgabe eines Papstes, Hoffnung zu verbreiten. Aber offenbar so, dass den Menschen klar wird, dass es in Urbi und Orbi so viel Mist gibt, dass diese Zuversicht göttlich sein muss. Letztlich muss das alles so dosiert sein, dass die Menschen nicht noch verzweifelter nach Hause gehen, als sie zur Feier auf dem Petersplatz angekommen sind.
Ich möchte das nicht machen müssen. Aber Papst wäre sowieso nichts für mich, wenn ich lese, was er selber so sagt. Liebend gerne, so Franziskus gegenüber einem mexikanischen Fernsehsender, möchte er ab und zu aus dem Vatikan ausbrechen, um irgendwo in Rom eine Pizza zu essen. Da haben wir es doch viel einfacher. Zumal wir unseren mit Salami & Co, belegten Teigfladen nicht im weißen, im konkreten Fall also höchst verräterischen Gewand verzehren müssten.
Man muss den Papst nicht beneiden, aber er verdient unser Mitgefühl. Denn die Ärzte des Vatikans haben missmutig registriert, dass Franziskus seit seiner Wahl im Jahr 2013 ziemlich an Gewicht zugelegt hat. Die Mediziner haben dem Vernehmen nach zum teilweisen Pasta-Verzicht geraten.
So viel Leid weltweit, so wenig Hoffnung – und dann auch noch Diät? Nein, das ist zu viel für einen Menschen. Lieber Franziskus, bei der nächsten Calzone denken wir an Dich und beten, dass Du auch bald eine kriegst. Versprochen! Amen!

Auch am Herd lauert die Depression

Die Widersprüchlichkeit ist fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie zeigt sich in vielfältigen Schatteriungen und Erscheinungsformen. Sogar am heimischen Herd. Man sieht uns dort seltener als man denken sollte. Wir sind annähernd Anti-Weltmeister.

Gibt es nichts Wichtigeres als das Kochen? Sicher, in diesen Tagen könnte man sich auch anders über unser Thema auslassen. Zum Beispiel mit Blick auf diejenigen Menschen, die stolz von ihrem Burn-Out als Beleg ihrer besonderen Leistungsbereitschaft erzählen. Die aber zugleich sicher sind, dass Depression unheilbar ist, weshalb ein solches Leiden zur Verbannung aus dem Berufsleben führen müsste.

Aber lassen wir das. Das Nürnberger Meinungsforschungsinstitut GfK will herausgefunden haben, dass durchschnittliche Deutsche nur knapp fünfeinhalb Stunden am Herd stehen. Pro Woche! Dabei seien notorische Nichtkocher schon herausgerechnet.

Das wundert uns. Denn im Fernsehen laufen jede Menge Kochshows. Nicht, dass es diese anderswo nicht auch gäbe. Im arabischen Raum etwa genießt der TV-Koch von Dubai einen vorzüglichen Ruf. Doch wenn man sich denkt, auf wie vielen Kanälen es bei uns gart, brutzelt oder zischt, müsste mehr passieren. Schließlich darf das Verbreiten von Wissen als Sinn kulinarischer Telekollege gelten. Und es werden Monat für Monat so viele Rezepte verbreitet, dass es jeweils für ein halbes Menschenleben reichen würde.

Mit Hingabe gekocht wird anderswo. Ukrainer und Inder arbeiten laut Studie 13 Stunden pro Woche am Essen gearbeitet. Die größte Leidenschaft für’s Kochen äußern Italiener und Südafrikaner. 43 und 42 Prozent der in diesen Ländern haben daven geredet, bei uns waren es nur 26 Prozent. Am ödesten sieht es in Sachen frische Kost in Südkorea aus. In ostasiatischen Tigerstaaten ist das Leben eben komplett dem Bruttosozialprodukt gewidmet.

Was aber sagen uns unsere mäßigen Zahlen? Vielleicht hätte bei der Auswertung über die Kochdauer die Statistik über die Verbreitung von Induktions-Kochfeldern berücksichtigt werden sollen. Unsere Autos sind die Schnellsten, die Küchentechnik ist bestimmt besser als in Indien.

Wahrscheinlicher ist aber, dass wir Kochshows zuschauen, aber eigentlich nicht wissen, wovon die Leute reden. Wir haben eben keine Ahnung von der Sache. Was es, wenn man es genau betrachtet, bei ernsteren Themen auch geben soll…

Germanwings-Tragödie: Der Mord als Sehnsucht der Medien

Der Absturz der Gemanwings-Maschine in den französischen Alpen ist eine schreckliche Tragödie mit einer verrückt wirkenden Hauptperson. Sie hat unfassbares Leid ausgelöst. Aber muss die Berichterstattung deshalb ins Hysterische oder Abstoßende abgleiten? In manchen Medien geht es nicht mehr um Information, sondern um den Nachweis, dass es sich um einen geplanten Massenmord gehandelt hat. Vorneweg marschiert die Bild-Zeitung.

Beim Sammeln hilfreicher Fakten und Behauptungen bringt das Blatt ein Interview mit der Ex-Freundin des Co-Piloten ankündigt. Die darin enthaltenen Zitate vermitteln, dass Andreas L. auf seine Tat hingearbeitet hat. “Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen”, zitiert die Frau ihren früheren Freund.

Vielleicht hat er das gesagt, aber: Es gehört zwar zu den Anforderungen an moderne Menschen, dass Trennungen so zu regeln sind, dass Ex-Verliebte Freunde bleiben. Oft klappt das aber nicht. Man kann also nicht erwarten, dass sich jemand wohlwollend an seinen Ex erinnert. Zumal dann nicht, wenn ein cleverer Interviewer die “richtigen” Fragen stellt. Ist der ominöse Satz wirklich einer, den kein junger Mensch jemals bei irgend einer Gelegenheit sagen könnte? Als ehrlichere Variante der Befragung empfiehlt sich: “Hier sprechen die ärgsten Feinde von Andreas L.”.

Nächster “Beweis”: Andreas L. war krank geschrieben, er hat seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zerrissen. Wer hat sich noch nie schlecht gefühlt, ist zum Arzt, dann aber trotzdem zur Arbeit gegangen, weil sich der Zustand gebessert hatte? Wer hat noch nie seine Krankheit vorzeitig beendet? Und wer hat es noch nicht erlebt, dass Kollegen hustend und schniefend zum Dienst erschienen sind, weil sie sich für unersetzbar gehalten haben? Oder weil die Abteilung wegen Krankheit oder Urlaubs dünn besetzt war? Die Absicht, einen Suizid zu begehen, gehört nicht zwingend zu einem solchen Verhalten.

Nächster “Beweis”: Andreas L. war wegen psychischer Probleme in Behandlung. In seiner Wohnung wurden Tabletten gefunden. Ja und? Die Statistiken aller Krankenkassen belegen, dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen. Diese sind längst ein Massen-Phänomen. Würden alle Menschen, die an solchen Problemen leiden, ihre Arbeit einstellen oder würden diese vom Job ferngehalten, würde unsere Wirtschaft still stehen.

Auch Menschen mit Depressionen sind keineswegs per se eine Gefahr für die Umgebung. Das wissen wir auch. Oder würde man sich weigern, zu einem Bekannten ins Auto zu steigen, wenn man um dessen Leiden wüsste? Wahrscheinlich nicht, sonst könnte man als Fußgänger nur noch in heller Panik herumlaufen. Schließlich gibt es mit Sicherheit depressive Bus-, Lastwagen- und Lieferwagenfahrer.

Wahr ist: Tödlichen Unglücksfällen oder auch Amokläufen kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorgebeugt werden. Es ist einfach möglich, dass jemand scheinbar völlig grundlos durchdreht. Wer das anders sieht, träumt vom Paradies auf Erden. Aber das wurde bisher noch nirgends erreicht. Leider.

PS: Die Bild-Chefs Kai Diekmann und Julian Reichelt haben ihre Motivation, den vollen Namen des “Todespiloten” zu nennen, auf Facebook so beschrieben: “Wir haben es mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als Figur des Grauens, als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.” Nehmen wir an, es stellte sich heraus, dass der angebliche Massenmörder – wie vielfach gemutmaßt – tatsächlich krank war, so dass ihm die für einen Mord erforderliche Heimtücke gefehlt hat. Wie wird sich Bild dann bei den Angehörigen entschuldigen? Und noch etwas: Bei einer Namensnennung kommt es nicht nur darauf an, ob man etwas macht. Sondern auch, wie man es macht. Bild macht es übel. Eben so, dass es einem übel wird.

 

Keiner versteht die Pkw-Maut? Goethe schon

Werden wir doch mal ganz feierlich: Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages “sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen”. So steht es im Grundgesetz, es liest sich ganz wunderbar. Wie also, fragt man sich, kann es – wie gerade geschehen – zu einer Entscheidung für die Pkw-Maut kommen?

Das Phänomen an dieser Geschichte ist ja, dass nicht einmal zehn Prozent von 631 Parlamentariern ein Projekt durchdrücken, für das sich viele schämen, die dafür gestimmt haben. Zumindest haben das etliche Abgeordnete so behauptet. Liegt es daran, dass Gewissen immer dann schwindet, wenn Geld im Spiel ist? Das gilt bei der Maut nur bedingt. Denn es ist ungewiss, ob nach Abzug der Bürokratiekosten ein nennenswerter Ertrag bleiben wird.

Näher kommen wir der Antwort, wenn wir einen wirklich klugen Mann fragen: “Der Handelnde ist immer gewissenlos. Es hat niemand mehr Gewissen als der Betrachtende”, sagte  Goethe. Übersetzt heißt das, dass Zuschauer aller Art, also Opposition und Wähler, immer gut reden haben. Wer dagegen entscheiden muss, gerät leicht in die Zwickmühle. Weil er den Sachzwang, oder in noch schärferer Form, einen Koalitionsvertrag hat. Dann ruft das Gewissen des Abgeordneten vielleicht freudig “Frauenquote” und “Mindestlohn”, grummelt aber folgenlos, wenn es “Betreuungsgeld” hört. Umgekehrt geht das natürlich auch.

Und schon ist die Sache geregelt. Wer hier bekommt, gibt dort. Hunderte Euro-Millionen werden kreuz und quer über den Verhandlungstisch geschoben. Selbstverleugnung ist Mist, gehört aber zur Demokratie.

Doch darf das auch sein, wenn es um Quatsch geht? Nun, bei der Pkw-Maut gibt es ja noch eine Hoffnung, nämlich Europa. Bestimmt haben einige Abgeordnete bei der Abstimmung ein Stoßgebet in Richtung Brüssel geschickt. Auf dass das CSU-Projekt dort beerdigt werden möge und man danach selber sagen kann, dass man es schon immer gewusst hat.

Das Gewissen hat es selten leicht. Aber manchmal hilft ja eine höhere Macht…

 

 

 

Wer ins Feuer geht, wird verehrt

Groß ist unsere Sehnsucht nach dem Puren, Schönen und Wahren. So auch nach Menschen, die selbst bei schlechter Bezahlung alles geben. Die helfen, ohne sich zu bereichern. Wir sehnen uns nach Helden – und finden sie in den Feuerwehrleuten.

Bei der jährlichen Frage der Zeitschrift Reader’s Digest nach Deutschlands beliebtesten Berufsgruppen sind die Männer mit der Drehleiter seit Jahren in Front. Zuletzt fuhren sie einen Zustimmungswert von 92 Prozent ein. Und das leuchtet ein. Schließlich gehen sie dorthin, wo andere weglaufen. Nur ausgesprochene Zyniker nennen die Feuerwehr eine Organisation, die ruiniert, was die Flammen verschont haben. Der Rest der Welt hat Respekt. Löschen, wo das schiere Chaos herrscht – es klingt wie eine große Aufgabe für viele Lebenslagen.

Auf Platz zwei rangieren die Krankenschwestern mit einer Zuneigungsquote von 88 Prozent, wobei man hier von einem Männer-Votum von deutlich über 100 Prozent ausgehen darf. Die Piloten wiederum, die zum Beispiel noch im Jahr 2002 die Spitzenreiter der Bewunderungs-Skala waren, schaffen zwar noch Rang drei. Nach der Streikerei der letzten Zeit werden sie aber allmählich nach unten durchgereicht. Mit 82 Prozent wurden sie eingeholt von den Apothekern. Einer Berufsgruppe, bei der blendendes Image und wachsende wirtschaftliche Not nicht so recht zusammenpassen.

Gibt es Beliebtheits-Trends? Auf jeden Fall weist die Liste ganz überwiegend Verlierer aus. Besonders stark getroffen hat es die Taxifahrer. Konnten sie sich noch vor zehn Jahren über eine Sympathiequote von 65 Prozent freuen, erreichen sie jetzt nur noch 49 Prozent. Das kommt davon, wenn man Mindestlohn will. Die Pfarrer und Priester, die vor fünf Jahren noch die Hälfte der Deutschen als Freunde hatten, liegen jetzt bei 39 Prozent. Deren Kundschaft geht eben nach und nach verloren.

Wo aber sind die großen geistigen Lenker des Landes? Journalisten kommen auf 26 Prozent Vertrauen, was sie auf ein Niveau mit den Gewerkschaftsführern bringt. Ein ganzes Stück schlechter schneiden mit mageren zwölf Prozent die Politiker ab. Man braucht sie. Man wählt sie. Aber man glaubt ihnen nur jedes achte Wort.

Und das Ende der Vertrauens-Skala? Dies zieren die Callcenter-Agenten. Nur fünf Prozent der Deutschen finden sie richtig gut. Und das, obwohl sie wichtige Qualitäten mitbringen. Ein allzeit offenes Ohr trotz beschissener Bezahlung und den festen Vorsatz, anderen Leuten oder wenigstens ihrer Firma zu helfen. Verstehe einer die Menschen dieses Landes…