Faulheit kostet nichts – allenfalls das Leben

Statistiken sind gefährlich. Oft genug werden sie in Auftrag gegeben, weil jemand eine Botschaft in die Welt setzen möchte. Gemäß dem Motto: Nur wer gut fälscht, kommt voran. Und: Schlechte Gewissen erzeugen Umsatz.

Gerade wurde in einer US-Fachzeitschrift namens „The Lancet“ eine medizinische Studie verbreitet, wonach Bewegungsmuffel ganze Staaten ruinieren können. Weltweit, so haben es nicht näher benannte Wissenschaftler ermittelt, verursachen Faule und Behäbige Kosten von mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Daten aus 142 Ländern hätten dies ergeben.

Zugleich monieren die Forscher den Schaden für die Weltwirtschaft durch Einbußen in der Produktivität.

Spätestens an dieser Stelle rufen wir: Stopp! Wir sind es zwar gewohnt, dass wir aufgerufen sind, unser  Dasein „den Märkten“ unterzuordnen. Doch abgesehen davon, dass ein konsequenter Sofasitzer sparsam lebt, macht es eine Studie doch verdächtig, wenn sich Mediziner Sorgen über die Probleme der Wirtschaft durch eine träge Lebensweise machen.

Das Gegenteil ist doch der Fall. Wo bliebe die Medizin, und mit ihr die Pharmaindustrie, wenn alle Menschen gesund wären? Jeder entzündete Blinddarm bringt mehr für das Bruttosozialprodukt als eine vom Joggen gereinigte Lunge.

Und stellen wir uns bloß das Gegenteil vor: Volkswirtschaftler und Banker würden sich um die Gesundheit der Menschen kümmern. Die durchschnittliche Lebenserwartung würde sich alsbald dem Leitzins annähern.

Unsere Studie wiederum, welche übrigens anlässlich der Olympischen Spiele entstanden ist, dem bekanntlicherweise saubersten Gesundheits-Event dieses Planete, bringt Bewegungsmangel mit fünf Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung.
Wer’s glaubt fühlt sich schlecht und kauft sich vielleicht ein Fahrrad. Echte Realisten hingegen verweisen auf die Kostenneutralität des faulen Daseins. Und sie wissen: Die Ursache jedes Todes ist die Geburt. Davonrennen kann man davor nicht.

Gegen die Gewissheit der Angst hilft nicht nur Vernunft

Und jetzt wieder Frankreich. Islamistische Mörder haben eine Kirche nahe Rouen gestürmt und deren Pfarrer hingerichtet. Dabei stecken uns die jüngsten Anschläge von Würzburg, München und Ansbach, aber auch von Kabul, noch tief in den Knochen. Wird es ein Ende des Terrors geben? Es fällt uns immer schwerer, daran zu glauben. Bloß: Eine Alternative haben wir nicht.

Es wirkt unbegreiflich, wie sich Hirne von jungen, am Leben verzweifelten Männern bei passender Gelegenheit in Luft auflösen. Niemand kann erklären, warum sich dieses Phänomen in diesen Tagen derart ballt. Und man mag sich nicht vorstellen, wie leer es in diesen Tätern sein muss, damit genug Platz ist für ungezügelten, sinnlosen Hass gegen andere Menschen. Sie riskieren ihre eigene Existenz, nur um töten zu können. Irgend etwas läuft gewaltig schief.

Vernunft, ein kühler Kopf, könnten uns helfen. Trotz aller Horrornachrichten ist das Risiko, bei einem Amoklauf oder einer Terror-Attacke zu sterben, äußerst gering. Im Straßenverkehr, ja sogar im Haushalt, kommen mehr Menschen ums Leben. Aber die jetzige Bedrohung ist anders. Wenn man beginnt, beim Einkaufsbummel nach bärtigen Burschen mit Rucksäcken Ausschau zu halten, verfestigt sich die Angst, dass man jederzeit und überall attackiert werden könnte, zur Gewissheit. Wer Auto oder Rad fährt, rechnet – trotz objektiv größerer Gefahr – nicht mit einem Unfall. Hier ist es anders.

Was aber hilft uns dann? Gottvertrauen wäre eine Lösung, aber wer hat das noch? Also brauchen wir wohl eine Mischung aus Vertrauen und Fatalismus. Eine Gewissheit, dass nichts passieren wird, dass es aber im Leben manchmal kommt, wie es kommt. Auch Humor kann helfen. Humor, gemischt mit Trotz. Lasst sie toben, lasst sie ihrem pseudo-religiösen Schwachsinn frönen. Wir stecken ihnen die Zunge raus.

Yalla, Ihr Wichser! Lachen ist erlaubt! Fangen wir an!

 

 

 

 

 

 

Pokémon – die gefährlichsten Tiere der Welt

Die Mücke hat der „Spiegel“ in diesen Tagen per Titelgeschichte als gefährlichstes Tier der Welt identifiziert. Dafür spricht viel. Noch mehr Argumente gibt es jedoch inzwischen für die Vermutung, dass sich das stolze Nachrichtenmagazin schon in Kürze zerknirscht wird korrigieren müssen. Denn nichts richtet mehr Chaos an, als die virtuellen Tiere namens Pokémon.

Virtuelle Hausgenossen und Freunde haben in den 90-er Jahren unsere heutige Lebensart vorweggenommen. Eltern konnten seinerzeit nicht so recht verstehen, woher ihre Kinder die Hingabe für Aufzucht und Betreuung ihres Tamagotchi genommen haben. Die Pokémon waren eine andere Spezies. Aber auch sie verlangten nach ständiger Aufmerksamkeit. Diese bekommt inzwischen unser klügster virtueller Begleiter, das Smartphone.

Dieses allzeit verfügbare und dank Internet-Zugriff allwissende Gerät tut sich nun mit Hilfe der App Pokémon Go mit den lustigen Monstern zusammen. Eine geradezu diabolische Verbindung, der sich immer mehr Menschen nicht mehr entziehen können. Pokémon-Jäger halten an zentralen Plätzen ungenehmigte Versammlungen ab, sie schreiten blind über belebte Straßen, verlaufen sich auf Truppenübungsplätzen, rammen als abgelenkte Fahrer andere Autos oder robben aufgeregt schnaufend durch fremde Gärten. Es wird, da darf man sicher sein, reichlich Unfälle geben.

Schaut man in die aktuelle Politik, fragt man sich, ob die Pokémon nicht schon in der Realität angekommen sind. Der Erfinder des Brexit und  Außenminister seiner Majestät, Boris Johnson, ist dem Ober-Pokémon Pikachu nicht unähnlich. Die Frisur von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump könnte durchaus von einem zugekoksten Nintendo-Designer gestaltet worden sein. Den türkischen Säuberer Reccep Tayipp Erdogan wiederum würden Freunde des Spiels in den Kampf-Pokémon Menki oder Rasaff wiedererkennen.

Und Pokémon bewegt die Welt. Der Aktienkurs der Herstellerfirma ist in den letzten Wochen durch die Decke gegangen. Nintendo schwimmt im Geld, und wird deshalb andere Firmen aufkaufen und deren Kompetenz für eigene Zwecke nutzen. Wie wäre es mit der Deutschen Bank, die böse US-Spekulanten mit Derivat-Pokémon reihenweise in den Ruin treibt? Oder mit dem deutschen Weltmarktführer für Kuhstall-Fliegenfallen, der ein massives Gegenmittel gegen feindliche Comic-Monster entwickelt.

Am Ende wird Nintendo mächtiger sein als Google, Apple und der FC Bayern München zusammen. Man wird die Bundesregierung übernehmen, deren freundliches Rauten-Monster zum globalen Download-Star überhaupt wird. Und das Beste: Selbst die fiesesten Mücken können den Pokémon nichts anhaben. Liebe Spiegel-Redakteure, korrigieren Sie!

Nachtrag vom 28. Juli 2016: Wie neueste Entwicklungen zeigen, sind die nachhaltigen Auswirkungen der Pokémon auf die Nintendo-Aktie geringer, als zunächst vermutet. Der Verfasser vermutet, dass die meisten Monster inzwischen von der Firma Vorwerk weggefangen sind. Manchmal hat der Spiegel eben doch recht…

 

 

 

Jede Geschichte kann auch anders sein

Wir sind zurecht geschockt. Ein 17-jähriger Flüchtling hat andere Menschen mit einer Axt und einem Messer übel zugerichtet. Er soll Isis-Anhänger gewesen sein. Die Polizei hat ihn gestellt und schließlich erschossen. Schlimmeres verhindert, Islamist tot. Alles gut?

Nein, das ist es nicht. Zu viele Kommentare nach diesem Amoklauf waren zu abstoßend. Der Tod des zum Terroristen erklärten Jugendlichen wurde geradezu gefeiert. Abknallen, liquidieren, wegräumen – so schwirrte es durch die sozialen Netzwerke. Komplett vergessen wurden dabei Worte des Bedauerns in Richtung der beiden Beamten, die die tödlichen Schüsse abgegeben haben. Als ob es ein lockerer Job wäre, jemand zu töten. Ist es nicht. Es ist – auch bei einem Amokläufer – das allerletzte Mittel.

Aber gehen wir davon aus, es habe sich um einen fanatischen Islamisten gehandelt, der losgezogen sei, um zum Ruhme des Kalifen Ungläubige zu töten. Er habe sich in einen Blutrausch hineingesteigert, dabei „Gott ist groß“ gerufen und sei schließlich brüllend auf die Polizisten losgestürmt. Er sei ihnen gefährlich nahe gekommen, habe ausgeholt, um seine Axt nach ihnen zu werfen. Ganz klar, es wäre Notwehr. Die Welt hätte einen Terroristen weniger.

Doch vielleicht lässt sich die Geschichte anders erzählen. Nehmen wir an, dieser 17-Jährige sei von seiner Familie ausgewählt worden, um nach Europa zu gehen, um den Lebensunterhalt für Eltern und Geschwister zu verdienen. Nehmen wird an, der junge Mann sei auf der Bootsfahrt nach Griechenland beinahe ertrunken, er sei auf der Balkanroute gejagt und misshandelt worden.

Nehmen wir an, dass er sich im neuen Lebensumfeld nicht zurechtgefunden hat, dass ihm klar geworden ist, dass er die Erwartungen seiner Familie vielleicht nie wird erfüllen können. Nehmen wir an, er habe, was 17-Jährige durchaus tun, mit der Isis-Fahne und seinem Dschihad-Video provozieren wollen. Er habe dann aber beschlossen, dass er nun doch eine Sache wie ein richtiger Mann zu Ende bringen möchte.

Es wäre eine Tat, weniger aus Hass, denn aus Verzweiflung. Wenn es so stimmte, würde man diesem jungen Menschen nicht gönnen, dass er seinen Amoklauf überlebt hätte?

Es geht nicht darum, ein nicht entschuldbares Verbrechen zu rechtfertigen. Aber wir sollten, auch dann wenn sich eine Schilderung gerade aufdrängt und uns schlüssig erscheint, nachdenklich bleiben. Die eigentliche Geschichte kann immer eine andere sein.

 

 

 

Horror-News: Danke, es reicht erst mal

Es ist verrückt. Du machst Urlaub jenseits der Nachrichtenströme, amüsierst dich über die machtvolle Rückkehr der Pokémons. Dann aber: Massenmord mit Lkw, Militärputsch in der Türkei… Was bitteschön, kommt noch?

Undurchsichtig sind beide Ereignisse. Zwar hat sich der Islamische Staat wohl zum Anschlag von Nizza bekannt. Das kann aber Propaganda sein und es kann sich beim Täter schlicht um ein vom Leben enttäuschtes Arschloch gehandelt haben. So soll er jedenfalls gegenüber anderen Menschen aufgetreten sein. Möglicherweise bleibt sein Handeln unerklärlich. Das gibt es. Denken wir bloß an Andreas Lubitz, den Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der 149 Menschen in den Tod gerissen hat.

Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit die Wahrheit. So wie über die Hintergründe des Putschversuches in der Türkei. Kaum jemand bei uns dürfte sich vorgestellt haben, dass das Militär so vorgehen könnte. In Ägypten, nun gut. Aber in einem Land, das Europa so nahe ist?

Undenkbar ist es nicht gewesen. Die türkische Armee ist den säkulären Prinzipien des Staatsgründers Atatürk verpflichtet. Diese hat Staatspräsident Erdogan in jüngerer Vergangenheit mehrfach missachtet. Das gilt vor allem für seine Bestrebungen, zum Präsidenten mit umfassenden Machtbefugnissen zu werden. Was die Freiheit der Medien angeht, hat er sowieso geholzt wie die Axt im Wald.

Und nun gibt es dieses Dilemma für demokratisch denkende Menschen: Ist ein vom Volk gewählter Präsident, der im Amt diktatorische Züge entwickelt hat, zu verteidigen? Ist es zu ertragen, dass gerade er sich als Retter der Demokratie feiern lässt? Wäre es besser, er wäre abgesetzt worden?

Wir sollten zugeben, dass wir -wenigstens jetzt – völlig überfragt sind. Wir sollten den Menschen in der Türkei wünschen, dass ihnen staatliche Repression oder gar ein Bürgerkrieg erspart bleiben. Wir sollten hoffen, dass der Hass nicht auf unser Land, auf unsere türkischen Freunde, Bekannten oder Kollegen überspringt.

Und ganz zum Schluss noch ein frommer Wunsch: Gebt uns ruhig mehr Pokémons als Spitzen-Nachricht. Horror-News – sie reichen erst mal.

 

 

 

 

 

 

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Die USA: Eine seltsam freie Nation

Verstehe einer die USA! Diese große Nation, von der wir in romantischen Stunden denken, dass sie der Welt viel geschenkt hat. Doch gerade wird uns durch mordende und ermordete Polizisten das Bild einer kranken Gesellschaft vermittelt. Was ist bloß los?

Wer informationssüchtig auf seinem iPhone herumwischt, wird den US-Erfindergeist in höchsten Tönen loben. Doch eigentlich sollten wir grantig sein. Nicht nur, dass Ex-Präsident George W. Bush samt seiner willfährigen Königspudel einen anscheinend unendlichen Krieg vom Zaun gebrochen hat.

Die USA hat uns unter Präsident Nixon in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den neoliberalen Kapitalismus beschert. Dieser folgte dem Vorschlag seiner Berater, den Wert des Dollars und damit die Finanzwirtschaft von der realen Wirtschaft abzukoppeln. Funktioniert hat das Ganze, wie wir inzwischen wissen, nicht wirklich. Wir erleben, dass die Reichen im globalen Finanzkasino ihr Geld vermehren, während ansonsten Löhne sinken und das Rentenalter immer weiter nach hinten verschoben wird.

Auch das ist Weisheit á la USA. Vollends unverständlich ist aber diese Lust vieler Menschen auf Waffen. Es mag sein, dass die Botschaft aus den Western noch lebendig ist, wonach ein Mann tut, was er tun muss. Und dass jeder Bösewicht, der ihm zu nahe kommt, mit einer Revolverkugel weggeräumt wird.

In keiner anderen westlichen Demokratie gibt es eine vergleichbare Liebe zum Schießeisen, sondern eher in Ländern, in denen an jeder Ecke eine Stammesfehde ausbrechen kann. Der Jemen ist so ein Beispiel. Auch dort wird ein Mann erst durch seine Kalaschnikov wahrhaft potent.

Und dann ist es eben so: Die Polizei agiert brutaler als anderswo, weil sie bei jeder kleinen Verkehrskontrolle befürchten muss, dass ein Killer im Auto sitzt. Wenn dieser Mensch schwarz ist, gilt er grundsätzlich als gefährlich. Der Finger am Abzug ist noch nervöser. Wenn schließlich gegen Rassismus und sinnlose Gewalt protestiert wird, nutzt das ein Wahnsinniger, der im unendlichen Krieg gelernt hat, dass ein paar Menschenleben nichts zählen.

Warum stoppt keine US-Regierung diese Spirale der Gewalt? Warum belässt man eine Gesellschaft in einem Klima der ständigen Angst? Weil bedeutende Persönlichkeiten die Fackel der Freiheit hochhalten. Du bist dein eigener Herr. Und wenn dir einer blöd kommt, mach‘ ihn platt.

Freiheit, die tötet. Absurder kann es eigentlich nicht sein.

Der Verantwortungsflüchtling und die Alternative für Dumme

Es gibt Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Gerade hoch aktuell ist allerdings  der Verantwortungsflüchtling. Er funktioniert so: Großes versprechen, Verwirrung stiften, Schaden anrichten und dann schnell verschwinden.

Jeder kennt das aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Ein Heilsbringer taucht auf, verspricht neues Handeln und den Aufbruch in bessere Zeiten. In der Praxis erweist er sich rasch als unfähig. Er wirbelt Staub auf, hat aber selbst keine Idee, was zu tun ist. Also verkündet er „Mission erfüllt“ und verschwindet im Nichts. Unfähige Unternehmensberater oder Kurzzeit-Manager zählen zu dieser Spezies.

Oder denken wir an Großbritannien. Dort haben großmäulige Redetalente eine Abspaltung von der Europäischen Union erreicht. Als ihnen bewusst geworden ist, dass das einige Schwierigkeiten mit sich bringen wird, die ihnen persönlich schaden könnten, sind sie abgetaucht. Der Verantwortungsflüchtling lässt einen Hundehaufen in den Gang der Geschichte setzen, schlurft dann aber, wie die meisten Herrchen, verlegen pfeifend davon.

Auf einem etwas anderen, jedoch sehr ähnlichem Pfad wandelt zurzeit die AfD in Baden-Württemberg. Sie war angetreten, um alles besser, bürgerlicher,  konservativer und flüchtlingsfreier zu machen als die verbrauchten Alt-Parteien. Die Wählerinnen und Wähler gaben der angeblichen Alternative einen mächtigen Vertrauensvorschuss. Was aber vor allem dazu führte, dass die internen Machtkämpfe heftiger wurden.

Parteigründer Bernd Lucke hat sich längst aus dem Staub gemacht.  Der baden-württembergische Statthalter Jörg Meuthen ist nun vor seiner Verantwortung geflüchtet, dass er im Wahlkampf mit fragwürdigen Gestalten verbündet war, denen braunes Gedankengut gelegentlich aus den Ohren quillt. Als einer von ihnen, Wolfgang Gedeon, wegen fragwürdiger Holocaust-Äußerungen aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, stimmten nicht genügend Abgeordnete dafür. Die Hälfte der Fraktion machte sich davon.

Jörg Meuthen geht nun neue Wege. Er nennt seine neue Gruppierung AfB, Alternative für Baden-Württemberg. Das könnte Schule machen. Wir bekämen die AfH für Hessen, die AfBY für Bayern und für Sachsen-Anhalt die AfSA. Gut, das geht vielleicht zu weit. Aber die AfD „Alternative für Dumme“ zu nennen – es erscheint zumindest derzeit nicht verkehrt. Zum Davonlaufen ist es allemal.

Müller trifft nicht. Seien wir froh

Die Fußball-Nation jubelt – und ist doch in Sorge: Thomas Müller trifft nicht mehr. Warum, fragen sich viele, haut der Raumdeuter mit den Storchenbeinen zurzeit dauernd daneben? Die Antwort: Es ist egal. Fürchtet Euch nicht.

Null Tore sind Müller bei der Europameisterschaft bisher gelungen. Auch im Viertelfinale gegen Italien schoss er zu schwach oder am Tor vorbei. Die Folge: „Die Mannschaft“, die sich sonst auf seine genialen Momente verlassen konnte, musste sich dem finalen Drama stellen.

Das Elfmeterschießen ist eine Lotterie. Das Können am Ball alleine entscheidet nicht, sonst hätten nicht ausgerechnet Müller, Özil und Schweinsteiger ihre Strafstöße versemmelt. Doch dieser Modus hat Vorteile: Er ist hoch spannend und er lässt dem Unterlegenen seinen Stolz. Dieser kann sagen, dass er erst ganz am Ende niedergerungen wurde. Und dass es genauso gut anders hätte kommen können. Die Ungerechtigkeit des Zufalls kann trösten.

So war es nach diesem EM-Viertelfinale. Und es war gut so. Italien war an diesem Abend gebeutelt vom Schock über den Tod mehrerer Landleute bei einem Terrorangriff in Bangladesch gebeutelt. Es war die große Nachricht neben dem Fußball-Spiel gegen den ewigen Rivalen Deutschland.

Hätte Thomas Müller das bei wichtigen Turnieren Übliche getan, Italien wäre wohl schon nach 90 Minuten vom Platz gegangen. So aber war die Niederlage keine Katastrophe. Der Dank an die eigene, große Mannschaft beherrschte alle Stellungnahmen italienischer Experten nach dem Spiel.

Auf dem Fußballplatz hätte es also gar nicht besser laufen können. Deutschland im Halbfinale, Italien ein aufrechter Verlierer. Manchmal ist es ohne Müllern besser.

Der Bienenfreund lässt sauber stechen

Er rettet Bienen und lässt nun auch sauber stechen. CSU-Bundesminister Christian Schmidt hat eigentlich eine schöne Aufgabe: Er schlägt Brücken zwischen den Produzenten von Nahrungsmitteln und den Konsumenten. Er hilft Verbrauchern gegen allerlei Ungemach. Er könnte glücklich sein.  Wenn nicht die Krisen dieser Welt wären.

Früher war Landwirtschaftsminister ein Traumjob. Die Amtsinhaber waren echte Mannsbilder, sie trugen knorrige Namen wie Hermann Höcherl, Josef Ertl oder Ignaz Kiechle. Im Idealfall hatten sie selber ein paar Stück Schwarzbunte im Kuhstall und wurden – trotz Butterbergen und anderen Problemen – von ihren traktorfahrenden Untertanen verehrt und von den Landfrauen geliebt.

Aber die Zeiten ändern sich. Spätestens mit der  feministischen Landwirtschaftsministerin Renate Künast ab 2001 wurde klar, dass Ackerbau und Viehzucht nicht mehr der alleinige Arbeitsschwerpunkt sein würden. Auch die Stadtbevölkerung wollte politisch beglückt werden.

Tja, und seit über zwei Jahren mäandert Christian Schmidt mit oft seltsamen Kurven durch sein Amt. Nach Einschätzung aller Experten ist er ein kluger Außenpolitiker, muss aber durch öffentliches Zubeißen deutlich machen, dass der regelmäßige Genuss deutscher Äpfel den Ukraine-Eroberer Putin in die Enge treiben kann. Er unterhält sich mit Schulkindern über das Leben und Wirken von Bienen, unterstützt die grenzübergreifende Tierseuchenbekämpfung in Israel und setzt Wegmarken gegen die betäubungslose Ferkelkastration.

Doch nun hat Schmidt ein Hardcore-Thema gefunden: Er sorgt sich um die Sicherheit von Tattoos. Diese dürften kein Alptraum werden, sagt der Minister und warnt deshalb davor, sich ein solches Kunstwerk als Urlaubssouvenir in irgendeiner windschiefen Strandbude stechen zu lassen.

Kritische Geister werden nun sagen, dass es den Staat überhaupt nichts angeht, wie und womit jemand seinen Körper verunstalten lässt. Schnitzel aus Massentierhaltung und Bier aus Industrieproduktion sind ja auch erlaubt.

Stimmt, doch dieser Mann ist endlich in der Spur. Er schlägt die Brücke und weiß: Milch von tätowierten Kühen wird in der Szene das Produkt des Jahres. Die Preise werden steigen, die Absatzmengen werden größer, die Krise wird kleiner. Und wenn nicht? Dann stechen wenigstens die Bienen. Auf sie kann man sich verlassen.