Null ist gut. Es kann nur aufwärts gehen

Diese Schande! Null Punkte für Deutschland! Wo, bitteschön, kann und darf es so etwas geben? Ebendort, wo die Menschen darüber befinden, ob dieses Land in der Lage ist, neben schnellen Autos auch gute Unterhaltung zu produzieren. Nix war’s, der Eurovision Song Contest war ein Debakel.

So groß und heftig die Drama-Schlagzeilen auch sind, so darf man die Sache doch nicht zu eng sehen. Andorra zum Beispiel hat bei sechs ESC-Teilnahmen insgesamt null Punkte erreicht und die meisten letzten Plätze hat es für Norwegen gegeben. Es geht auch nur um eine Show. Zudem um eine, für die wir mit unseren Fernsehgebühren kräftig bezahlt haben. Wer großzügig zur Party einlädt, lässt bei der Tombola den anderen den Vortritt. Das Geld hat sowieso etwas Gutes: Deutschland war im Finale. Der ewige Rächer des Schlagers hingegen, Ralph Siegel, ist mit seinem Lied für San Marino im Halbfinale ausgeschieden. Platz 27 hätte er wahrscheinlich gerne gehabt.

Schlimm ist die Pleite für Franken. In vielen Belangen sind wir ein Landstrich der unerkannten Supertalente. Jetzt hat einer von uns, dieser Schrat Andreas K. aus Unterfranken, die Nation im Stich gelassen und auch noch die hoffnungsvolle Karriere einer netten jungen Frau beendet. Das gehört sich nicht.

Zu kritisieren ist zudem die planlose Arroganz, mit der wir in einen solchen Wettbewerb hineingehen. Wenn man schon weiß, dass uns die Liebe unserer Nachbarn fehlt, sollte man vorausschauend handeln. Warum hat man nicht einen Bus voller Rentner bezahlt, dessen Passagiere zum richtigen Zeitpunkt von einer Telefonzelle in San Marino aus ins Geschehen eingegriffen hätten? Für zehn Punkte hätten 50 Anrufer allemal gereicht. Und wo war Angel Merkel? Von ihr der Satz “Null Punkte unter Freunden. Das geht gar nicht” hätte bestimmt gewirkt.

Doch in jeder Krise liegt eine Chance.  Weniger geht nicht – also steht schon jetzt fest, dass es 2016 besser werden müsste. Schon ein Punkt würde, mathematisch gerechnet, eine Steigerung um den Faktor unendlich bedeuten. Der deutsche Adler wird zum Phönix. Ja Europa, so wird es  geschehen!

PS.: Wie bekannt geworden ist, sind die Stimmen in Montenegro und Mazedonien nicht sauber gezählt worden und werden im Endergebnis nicht berücksichtigt. Unser Abstand auf Schweden verringert so somit um zehn Punkte. Wie schön, ein Anfang ist gemacht.

Alles auf eine Karte? Nein, der freie Mensch zahlt bar

Die Botschaft ist klar: Es muss Schluss sein mit dem Geklimper. Es muss aufhören, dass die Suche nach ein paar Cents für Staus an der Supermarkt-Kasse sorgt. Bargeld hat ausgedient. Die Zukunft gehört dem E-Geld.

So stellt sich das Professor Peter Bofinger vor. Der so bezeichnete “Wirtschaftsweise” sieht im kompletten Umstellen auf Geldkarten aller Art ausschließlich Vorteile. Neben der gewonnen Zeit beim Einkaufen sieht er segensreiche Entwicklungen für die Gesellschaft kommen. Ohne Bargeld würden Schwarzarbeit und Drogenhandel die Basis entzogen.

Ich sehe vor allem folgendenVorteil: Die größere Haltbarkeit der durchschnittlichen Herrenhose. Wer keine Handtasche mit sich herumträgt, wie es bei Männern üblicherweise (noch) der Fall ist, steckt seine Geldbörse in die Gesäßtasche. Das wird immer problematischer. Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, Mitgliedskarten und andere Produkte aus viereckigem Plastik brauchen viel Platz. Sie werden auch immer mehr.

Gleichzeitig gibt es Bares. Und wer schon einmal einen U-Bahn-Einzelfahrschein mit einem 20-Euro-Schein gekauft hat, wird das zusätzliche Kleingeld kaum noch unterbringen können. Beim Sitzen auf dem taschenbuchdicken Geldbeutel drohen Haltungsschäden. Vor allem aber geht die Hose schneller kaputt.

Klarer Vorteil also für Plastik. Aber sonst? Zunächst darf man annehmen, dass sich die konkrete Erfahrung eines Wirtschaftsweisen mit Einkäufen im Supermarkt in Grenzen hält. Männer dieser Kategorie lassen besorgen. Zudem hat ein Professor seltener als andere Menschen mit Kleinstbeträgen zu tun. Eine Breze mit Kreditkarte kaufen? Für die breite Masse wirkt das zurecht absurd.

Bofingers Vorschlag ist zudem ein Anschlag auf die Rest-Barmherzigkeit in dieser Gesellschaft. Für Bettler hätte man ja nichts mehr übrig. Es sei denn, die Banken geben an ihre Kunden mehrere “Hast-Du-Mal-nen-Euro”-Karten aus. Oder die Sozialverwaltungen statten Obdachlose mit Kartenlese-Geräten aus.

Schließlich: Das Austrocknen illegaler Umtriebe durch Elektro-Cash hat eine üble Kehrseite, nämlich eine Rundum-Shopping-Überwachung. Es würden eine Unmenge von Daten über unseren Umgang mit Geld entstehen. Die monatliche Abrechnung würde uns in die Verzweiflung stürzen. Schließlich würden wir nachlesen, dass wir doch zu viele Kugeln Eis gegessen und zu viel Wein und Bier getrunken haben. Wir wüssten den Grund unseres Übergewichts – und unsere Gesundheitswächter bei der Krankenkasse würden selbstredend den Beitrag verbrauchskonform anpassen.

Was geht es den Staat oder überhaupt andere Leute an, was wir mit unserem Geld machen? Selbstverständlich nichts! Also ab in die Kneipe, ungesundes Essen und Getränke bestellt und mit Bargeld bezahlt. Man hat gesündigt und keiner wird je davon erfahren. Wenn sich für dieses schöne Gefühl ein bisschen Warten nicht lohnt – wofür denn dann?

 

 

Das beste Wissen kann auch falsch sein

Sollte Angela Merkel vor 45 Jahren West-Fernsehen angeschaut haben, dürfte ihr der Begriff “Gewissen” recht oft über den Weg gelaufen sein. In Werbespots mahnte er Hausfrauen, ausschließlich Lenor, den allerbesten Weichspüler zu verwenden. Weich und weiß sollte die dreckige Wäsche werden.

Im Jahr 2013 hatte die Kanzlerin ihren Weichspüler immer in der Nähe. Nämlich den Nasal-Akrobaten Ronald Pofalla. Ihm gelang es, die dummerweise kurz vor der Bundestagswahl aufkeimende NSA-Affäre mit allerlei Halbwahrheiten und – wie wir heute wissen – frechen Lügen  wirksam zu beendet. Merkel wurde glorreich wiedergewählt. Und Abhöraffären, mit deutscher Hilfe gar? Die gab und gibt es entweder nicht oder die Chefin wusste nichts. Schließlich agiert sie “nach bestem Wissen und Gewissen”.

Unsere Regierungschefin sagt also nichts als die Wahrheit? Nicht unbedingt. Die Sprache der Juristen meint nicht immer, was man bei flüchtigem Hinsehen zu lesen glaubt. “Grundsätzlich” etwa bedeutet nicht, dass etwas immer so gemacht wird. Ausnahmen vom Grundsatz sind immer möglich. Auch “in aller Regel” besagt letztlich nur, dass etwas oft so ist, aber auch anders sein kann.

“Nach bestem Wissen” bedeutet demnach nicht, dass dieses Wissen richtig ist. Man kann ja falsche Informationen bekommen haben oder von bösen Individuen absichtlich getäuscht worden sein. Oder man hat Zusammenhänge versehentlich falsch interpretiert. Dann handelt man auf der Basis von Unsinn, kann aber nichts dafür, weil noch besseres Wissen gerade nicht verfügbar war.

Und das Gewissen, das beste Gewissen gar? Das ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Wir mögen romantisch davon träumen, dass Gewissen pur und rein sei. Aber auch hier gilt, was Juristen gerne sagen: Es kommt darauf an. Nämlich darauf, wem oder welcher Sache wir helfen wollen oder dienen, wenn wir unserer inneren Stimme folgen. Gerade in der komplizierten Politik sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Wir folgern: Der Satz “nach bestem Wissen und Gewissen” ist nicht das Versprechen der objektiven Wahrheit, das das Volk so gerne hören möchte. Falsches sagen, ohne zu lügen, das ist vielmehr die Kunst der hohen Politik. Und Angela Merkel ist sehr begabt…

Die Liebe zum Fußball ist ewig. Doch das Glück flieht schnell

Die wilden Tage kommen. Es wird Dramen geben, Tragödien gar. Neue Könige werden gekrönt, einstige Helden müssen wieder von unten anfangen. Worum geht’s? Um den Endspurt in den Bundesligen. Ja, man wird Männer weinen sehen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Emotionskurven in Münchens Bayern-Arena weniger stark ausschlagen werden. Ein einziger Titel pro Saison ist undiskutabel. Man wird sich fragen, wie es sein kann, dass der spanische Trainer-Messias weniger erfolgreich ist als der nette Jupp vom Niederrhein. Der fehlenden Begeisterung um die läppische Deutsche Meisterschaft könnte dadurch Rechnung getragen werden, dass man die diesbezügliche Weißbier-Dusche mit alkoholfreiem Weizen durchführt.

Aber was wird aus den anderen Menschen? Aus denen, die das Unerwartete erleben? Deren Mannschaft für ein Jahr im “europäischen Geschäft” mitmischen und sich in eine Zitterpartie gegen den albanischen Pokalsieger begeben muss. Was erleiden jene, deren Teams nicht mehr gegen München, Dortmund oder Schalke sondern gegen Sandhausen oder Bielefeld antreten müssen? Werden sie ein Jahr pures Glück oder eine Saison der tiefsten Depression erleben?

Die Antwort lautet Nein. Zwar ist die Treue eines Mannes zu seinem Fußballverein durch nichts und niemand zu steigern. Aber: Psychologen der Universität Konstanz haben festgestellt, dass Fußballergebnisse das Wohlbefinden von Zuschauern zwar kurzfristig ansteigen lassen aber kaum nachhaltig beeinflussen.

Im Zuge derWeltmeisterschaft in Brasilien haben die Psychologen über eine spezielle Smartphon-App ihren Studienteilnehmern vor und nach den Spielen der Gruppenphase Fragen zu ihrem persönlichen Wohlbefinden gestellt. Es zeigte sich, dass sich Fans der deutschen Elf danach besser fühlten.  Dieses steigerte sich bei Siegen mit einer höheren Tordifferenz. Aber dieser Anstieg war nur von kurzer Dauer. 100 bis 150 Minuten nach dem Spiel regierten die Glückshormone. Doch schon am Morgen nach dem 4:0-Sieg von Deutschland gegen Portugal hatte sich das zunächst markant gesteigerte Wohlbefinden um 23 Prozent reduziert und war damit gleich hoch wie an Tagen ohne Fußballspiele.

Die Liebe zum Fußball ist ewig, aber auch heißeste Herzen erkalten schnell. So wie die Tränen zügig trocknen.

Aber ist das nun schlecht? Gar nicht. Denn so gibt es Hoffnung, dass Sepp Blatter nicht Gott ist, sondern nur ein Schweizer, wie es keinen Schweizer mehr geben. Ein Dasein ohne Fußball mag sinnlos sein. Aber es ist möglich. Schlusspfiff! Das Leben geht weiter!

 

 

 

Warten kann so schön sein…

Wie uns die Bibel lehrt, steht der Mensch hier auf Erden über allem. Er ist die Krone der Schöpfung. Und vermutlich hat sich Gott seinerzeit vorgenommen, dass sich sein Ebenbild entwickelt und immer besser wird. So, wie das Heidi Klum von ihren dürren Mädels erwartet. Doch hat er mit dem Smartphone gerechnet? Zweifel sind erlaubt.

Die mobilen Informations- und Kommunikations-Zentralen drohen uns zurückzuwerfen. Sie wirken dem aufrechten Gang entgegen, weil Menschen selbst während eines Spaziergangs auf das Display schauen. Sie rauben uns unsere Aufmerksamkeit für die Umgebung und unsere Beobachtungsgabe. Stellen wir uns vor, ein eintreffender U-Bahn-Zug würde von einem weißen Einhorn gezogen. Wer auf dem Bahnsteig würde das bemerken? Jeder Zehnte, jeder Zwölfte, gar keiner?

Neben Fähigkeiten wie intuitives Navigieren, Kopfrechnen und Telefonnummern-Merken verlernen wir durch moderne Technik das gediegene Warten. Im unablässigen Nachrichtenfluss können wir es nicht mehr ertragen, gar nichts zu tun. Mal nur so gegen die Wand zu starren, Momente der Langeweile hinzunehmen.

Dabei schadet das nicht. Der Akku muss bloß leer sein. Und schon beginnt man – zum Beispiel im Wartezimmer – zu erkennen, dass Herr Doktor bei Wandbildern einen extrem biederen Geschmack hat. Wir amüsieren uns über die sedierende grüne Wandfarbe. Wir betrachten unsere Mitmenschen, die zwischen hypernervös, demonstrativ entspannt oder aufrichtig kaputt alle Facetten zeigen. Wir sehen mehr, weil im Gehirn ansonsten wenig los ist.

Und wir öffnen uns für das Sinnlose. Wir greifen zu einem Magazin und erfahren alles über die Liebschaften uns unbekannter Menschen. Wie geht es Riley Keough, Sandy Mölling und Elizabeth Olsen? Was bewegt Prinzessin Margrethe von Schaumburg-Lippe-Hohenzollern-und-Welfenstein?

Ja, so sind wir es von früher gewohnt. Lesen, in gekrümmter Haltung, den Kopf nach vorne gebeugt.

Ähm, verhalten wir uns da wirklich so ganz anders als heute? Tja, eher nicht. Der Lesezirkel ist bloß das Smartphone des letzten Jahrtausends. Aber bitte, nichts sagen. Denn früher war schließlich alles besser.

 

 

 

Abhören unter Freunden? Das geht sehr gut

Vor knapp zwei Jahren ging es uns besser. Wir hatten ein klares Feindbild. Der vormals nette US-Präsident, Träger des Friedensnobelpreises, war des rotzigen Großmacht-Gehabes überführt worden. Barack Obama war der böse Mann mit den großen Ohren, der uns bis in unsere privatesten Sphären nachgehorcht hat. Wir waren die Opfer und ließen dem Ami von unserer Chefin tadelnd ausrichten: “Abhören unter Freunden? Das geht gar nicht.”

Nun aber stellen wir fest: Das geht nicht nur, wir hängen voll mit drin. Auch unser Staat will wissen, was bei unseren Freunden los ist. Wahrscheinlich gemäß der Geheimdienst-Devise, dass drei fähige Spione eine ganze Armee ersetzen. Weil es Kriege verhindert, wenn man weiß, worüber man mit  potentiellen Feinden reden muss. Also wird gespitzelt. Nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns, den Bürgern, die ja die geborenen Freunde ihres  Landes sind. Deutschland war im 20. Jahrhundert ein Kompetenzzentrum für die Themen Horch und Guck. Das jedoch haben wir ziemlich aufgegeben, seitdem die Stasi als üble Unterdrückungsbehörde entlarvt worden ist.

Somit sucht eine leistungsschwache Behörde wie der Bundesnachrichendienst den Schulterschluss mit dem großen Verbündeten. Dessen Abhörzentrale in der Wüste von Utah verfügt über Computer mit einer Speicherkapazität von mindestens einem Yottabyte. Das sind rund 500 Trillionen oder 500.000.000.000.000.000.000 Textseiten. An weiteren Standorten dienen rund 10.000 Mitarbeiter der NSA als Zulieferer von Informationen. Bei diesen technischen Möglichkeiten werden unsere fünf Millionen Selektoren, also Suchbegriffe, vermutlich lässig miterledigt. Diese Selektoren wiederum beziehen sich auf 1,3 Millionen Personen oder Institutionen in Deutschland.

Aber warum gibt es keinen Aufschrei, sondern nur ein allgemeines Grummeln? Dies ist das Verdienst von Angela Merkel und ihrer Regierung. Wenn etwas passiert ist, redet man nur so lange vom Durchgreifen und überhaupt von schärferen Kontrollen, bis das Thema wieder aus den Medien verschwunden ist. Dann wird in aller Ruhe weitergemacht, denn eigentlich ist den Regierenden das Abhören egal. Die USA sind allemal wichtiger als die eigenen Bürger.

Die Konsequenz: Abhören unter Freunden? Das geht sehr gut. Alle anderen Sprüche sind Valium für’s Volk. Dieses lässt sich Muttis Medizin bisher gerne gefallen. Aber wehe, wenn es aufwacht!

Baby Charlotte – die Rettung unserer Renten

Prima, wir sind wieder staatstreu. „Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes“, heißt es in der Bayerischen Verfassung. Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir allzuoft von den Kleinen genervt sind. Sei es wegen des unvermeidlichen Spielplatzlärms oder wegen der Dramen in den Quengelzonen der Supermärkte.

Zurzeit ist alles anders, dank Charlotte Elizabeth Diana von Cambridge. Die Zweitgeborene des britischen Thronfolger-Paares Kate und William begeistert die Menschen auch bei uns. Ach, so ein süßes Baby.

Und die königlichen Eltern sind geniale PR-Talente. Sie haben Namen gewählt, mit dem sie nichts falsch machen. Der Vorname Charlotte ist in vielen Ländern beliebt, in Deutschland landet er seit vielen Jahren regelmäßig unter den ersten 20 Plätzen der Beliebtheits-Charts. Unheimlich clever ist zudem die Idee, Uroma und Oma namensmäßig einzubinden.

Den Gipfel des Märchenhaften verkörpert aber die junge Mutter. In alten Erzählungen wird uns berichtet, dass Königinnen und Prinzessinnen übermenschliche Kräfte haben. Und so ist es bei Kate Middleton. Diese Frau bekommt ein 3700-Gramm-Baby und steht schon kurz darauf schlank, schön und frisch frisiert auf dem Balkon. Ganz so, als hätte sie die zurückliegenden Stunden nicht im Kreißsaal, sondern in einer Luxus-Wellness-Anlage für reiche Gattinnen verbracht.

Diese Bilder haben das Zeug, die Welt zu verändern. Zeitschriften eröffnen sie die Chance, Glamour und Niederkunft zusammenzubringen. Wir rechnen mit Titel wie InStyle-Mami oder Design-Mum mit Inhalten wie „Die besten Frisuren für’s Wochenbett“, „Schicke Kleider für danach“ oder „Schon morgen tanz’ ich im Club“.

Und wenn so der Niederkunft-Hype entfacht ist, haben nicht nur die darbenden Zeitschriften, sondern auch die Fernsehsender ein neues Thema. „Germany’s next top mummy by Hebamme Edith Müller-Blümlein“ setzt den neuen gesellschaftlichen Trend. Magersucht ist besiegt, unsere Geburtenquote schießt nach oben, die Renten sind wieder sicher.

Bleibt das Fazit: Kate und Charlotte, Euch schickt der Himmel. Und falls nicht, dann war es Norbert Blüm. Gut, dass es Euch gibt.

100.000 neue Jobs – ich habe drei davon

Wer braucht heute noch Rituale? Wir sind freie Menschen, die am liebsten machen, was sie wollen. Das merken die Kirchen. Das merken auch die Gewerkschaften am 1. Mai. Auf den Kundgebungen sind weniger Menschen zu sehen als in früheren Zeiten. Weil es uns so gut geht?

Es ist falsch, den Kapitalismus rundum zu verteufeln. Die Marktwirtschaft hat mehr Wohlstand für den Einzelnen geschaffen als andere Wirtschaftssysteme. Und in Staaten, in denen es ums Geld geht, lebt es sich in der Regel besser als in solchen, in denen das Paradies auf Erden zum Ziel erklärt wird. Oder sehnt sich jemand von uns ernsthaft nach einer Gesellschaft, die nach religiösen Regeln organisiert ist?

Aber es ist eine Lüge, dass alle Menschen vom Gewinnstreben profitieren. Diese Lüge wiederum wird seit einigen Jahren wieder größer. Wo Preise für Produkte und Dienstleistungen sinken und gleichzeitig die Gewinne hoch bleiben sein sollen, wächst Ausbeutung zwingend.

So ist es bei uns. Sofern die Aussagen der Gewerkschaften stimmen, gibt es alleine im Großraum Nürnberg 60.000 Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren. Was ja bedeutet, dass diesen Menschen vor der Einführung des angeblichen “Bürokratiemonsters” weniger als 8,50 Euro in der Stunde gezahlt wurde. Wer das hört oder liest, zweifelt schnell am deutschen “Jobwunder”. Wir haben laut Statistik so viele Beschäftigungsverhältnisse wie noch nie. Aber für viele Geringverdiener lautet die Formel: “Es gibt 100.000 neue Jobs. Ich habe drei davon.”

Wir fragen uns: Schämen sich solche Unternehmer nicht? Nein, tun sie nicht. Denn zugleich werden von den Kommunen Millionenbeträge bezahlt, um die Löhne auf das Existenzminimum aufzustocken. Steuergelder werden also verwendet, um Ausbeutung abzusichern. Wie absurd ist das? Glauben wir wirklich, dass Verbraucher kein Geld für den angeblich monsterhaften Mindestlohn übrig haben?

Nein, Geiz ist eben nicht geil. Alleine schon, um dieses klarzustellen, haben sich die Mai-Spektakel gelohnt. Unternehmen haben auch der Gesellschaft zu dienen.  Punktsieg für’s Ritual…

 

 

Die Zukunft? Her mit den Körperdaten!

Wie sieht die Welt der Zukunft aus? Diese Frage beschäftigt uns immer wieder mal. Was mich angeht, gebe ich zu: Ich wandle auf einem schmalen Grat zwischen Faszination und Grusel. Nicht alles ist eine Verheißung.

Gehen wir davon aus, dass es für die Computer, besonders aber für die Smartphones dieser Welt im raschen Takt neue Software und Apps geben wird. Unterhaltung wird dominieren. Sofern es um harmlosen Quatsch geht, wird keiner Einwände haben.

Autos werden lernen, selbst zu fahren. Wir können getrost unsere Mails checken oder famosen 3-D-Raumklang aus unserer Musikanlage genießen, während wir auf der Autobahn unterwegs sind. Doch hier kommen uns die ersten Zweifel. Bestimmt kann diese überragende Technik zunächst nurvon Oberklasse-Käufern bezahlt werden. Sie funktioniert aber nur, wenn sich das Fahrzeug an die Verkehrsregeln hält, die ihm per Satellit gemeldet werden.

Wie aber fühlt sich der Besitzer eines 400-PS-Audis, wenn er mit Tempo 6o durch die Baustelle rollt und von ungeduldigen  Lkw-Fahrern die Lichthupe bekommt? Wo bleibt die Freude am Fahren, wenn man selber bloß auf Instrumente glotzt? Intelligente Karre, dösender Fahrer – wollen wir das wirklich?

Weltweit Furore wird allerdings das ein Kleidungsstück machen, an dem zurzeit bei uns in Franken das Fraunhofer-Institut forscht. Es handelt sich um eine Art Vorratsdaten-Hemd. Während wir es tragen, überprüft es laufend unsere Körperfunktionen. Wir erfahren, was uns den Puls hochtreibt, was uns glücklich macht, welche Handicaps wir haben, welche uns drohen.

Jede Wette, dieses Shirt wird ein Renner. Man hat sich immer Kontrolle. Man weiß, wann man zu viel und das Falsche gegessen und deswegen gefurzt hat. Durch die Vernetzung mit anderen Probanden wird auch das moderne Bedürfnis nach dem Vergleichen, dem so genannten Benchmarking, befriedigt. Wir wollen erfahren, dass wir besser sind. Und wir werden besser sein.

Goldene Zukunft, demnach? Vielleicht. Bis man älter ist. Denn was als Sportzubehör startet, wird irgendwann von der Gesundheits- und Versicherungsbranche entdeckt werden. Die von Niedrigstzinsen geplagten Konzerne werden das Späh-Hemd nutzen, um den Trägen, Fetten und Dauerkranken die Beiträge nach oben zu korrigieren. Beste Tarife verdient nur, wer sich nachweisbar um seine Gesundheit kümmert. Und wer sich weigert, seine Vitaldaten zu senden, zahlt erst recht.

Sie halten das für unwahrscheinlich? Alsdenn: Legen wir uns diesen Text auf Wiedervorlage, ins Jahr 2025. Sie werden sehen. Ansonsten: Träumen Sie von einer schönen Zukunft. Das ist erlaubt.

 

 

 

Wenn der Mount Everest wackelt, lässt der Seegang nach

Wie gut. Ein Erdbeben. So, wie diese kûrzen Sätze dastehen, lesen sie sich hochgradig zynisch. Aber so ist das Leben. So denkt die Politik. Da war unsere Kanzlerin samt Gefolge angesichts der Empörung über massenhaft ertrinkender Flüchtlinge tatsächlich in Bedrängnis geraten. Man stand kurz davor, Herz zeigen zu müssen. Und dann wackelt der Mount Everest.

Nepal muss geholfen werden. Schnell und wirksam. Ich habe vor ein paar Jahren eine Journalisten-Delegation aus diesem Land betreut. Die Vorstellung, dass die netten Kollegen von damals irgendwo in Kathmandu unter einem Schuttberg begraben sein könnten, gefällt mir gar nicht. Selbstverständlich sollten wir alle etwas spenden.

Aber die Dauerkatastrophe im Mittelmeer darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn die Beschlüsse des EU-Gipfels sind vor allem eine auf Öffentlichkeit getrimmte Realpolitik. Die verändert nur selten viel. Die  aktuellen Spitzenkräfte der Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union haben ein bisschen Zucker beschlossen, also mehr Geld für Seenotrettung. Zugleich aber deutlich mehr Peitsche, so etwa durch das Erfassen von Fingerabdrücken bei Flüchtlingen, um eine Wiedereinreise nach abgelehntem Asylantrag zu verhindern.

Die größtmögliche Schnapsidee aber ist der Versenken von Schleuser-Booten. Nach allem, was wir wissen, setzen die Schlepper in der Regel Boote ein, auf deren Rückkehr sie gerne verzichten. Flüchtlinge auf diese Weise stoppen zu wollen, ist so, als würde man Schrottplätze bombardieren, um die Staus im Berufsverkehr zu bekämpfen. Untergangsfahrzeuge übelster Qualität werden sich für “hochkriminelle Schleuser” immer wieder finden lassen.

Man kann auch anders fragen: Gehört es nicht zu unseren wichtigsten westlichen Werten, dass das Eigentum anderer Menschen respektiert wird? Ist der Kapitalismus nicht die Wurzel unseres Wohlstandes? Woher nehmen wir das Recht, mittels Kampfflugzeugen Schiffe versenken zu spielen und das Eigentum anderer Leute zu vernichten? Würden wir es mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn libysche Drohnen unsere Busbahnhöfe beschießen würden, weil sich die Regierung dieses Landes vorgenommen hat, etwas gegen unsere anarchistische Reisefreiheit zu tun? Sicher nicht.

Hinzu kommt, dass die chirurgische Präzision westlicher Luftschläge ähnlich ausgeprägt ist wie die Treffgenauigkeit des Bundeswehr-Gewehrs G 36. In Afghanistan oder Pakistan wurde das ausreichend  belegt. Wenn der Westen seine Grenzen schützt, möchte man kein unbescholtener Fischer sein.

Das Leid wird weitergehen. In Nepal bis auf Weiteres. Im Mittelmeer auf Dauer. Vielleicht lässt wenigstens der Seegang nach. Für eine Verschnaufpause. Das Top-Thema der Medien ist gerade ein anderes.