Leiten ist gut, aber Kulturen gibt es viele

Das Wirken des Gesetzgebers erfreut uns dann am meisten, wenn es klare Verhältnisse schafft. Wir wollen schließlich woran wir sind. Doch so einfach geht Politik nicht. Jüngstes Beispiel: Die CSU möchte den Begriff „Leitkultur“ in der Bayerischen Verfassung verankern.

Bayerische Verfasung, gibt es die überhaupt? Jawohl, und sie ist nicht das schlechteste derartige Regelwerk. Darin heißt es zum Beispiel: „Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Erholung.“ Oder auch: „Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.“ Oder: „Ausbeutung, die gesundheitliche Schäden nach sich zieht, ist als Körperverletzung strafbar.“

Aber Leitkultur, was soll das sein? Ministerpräsident Horst Seehofer erklärt zwar, dass „unsere Hausordnung“ nicht verhandelbar sei. Wer dann aber welche Treppe kehrt oder wer zu was intergriert werden soll – da bleibt es sehr im Allgemeinen, indem er sagt:„Bayern soll Bayern bleiben. Deshalb streben wir an, dass der Begriff der Leitkultur als Voraussetzung für Solidarität und Miteinander in die Bayerische Verfassung aufgenommen wird.“

Gegen „Leit“ ist nichts zu sagen. Hier wird eine Richtung vorgegeben. Wir kennen den Leitwolf, der uns den Weg zeigt, den zumeist besonders intelligenten Leitartikel als Grundlage für politische Meinungsbildung, den Leitfaden, der uns durch jedes Labyrinth unserer Gedanken lenkt. Wir wissen, dass Leitzinsen auch gegen Null gehen können und dass uns Leitplanken davor bewahren, in tiefe Schluchten zu stürzen.

Doch Kultur? Davon gibt es so unendlich viel. Wir können uns zwar denken, dass für die CSU der Islam nicht zu Deutschland gehört. Aber ist uns der Döner nicht genauso nahe wie die Bratwurst? Sind Tore eines polnischen Mittelstürmers, die von einem Franzosen muslimischen Glaubens vorbereitet wurden, etwas nicht mit unserer Leitkultur vereinbar? Ist Leitkultur eine Form von Hochkultur? Oder ist sie Alternativkultur im Sinne eines Bollwerks gegen das allgemeine Multikulti?

Was wollen wir unseren neuen Mitbürgern lehren, womit wollen wir sie vertraut machen?  Unternehmenskultur, Sprachkultur, Popkultur, Monokultur, Wohnkultur, Pilzkultur, Tischkultur, Müllkultur oder Hydrokultur? Ist die Integration des Flüchtlings gar erst dann vollendet, wenn er Freikörperkultur gut findet?

All das müssten wir wissen, um die bayerische Leitkultur-Initiative zu verstehen. Bis dahin sei festgestellt: Dieser Freistaat mag seine ganz eigenen Kulturbringer haben. Die Lederhose ist es nicht.

US-Fernsehduelle: Gebt uns Muhammad Ali zurück

Die USA waren auch schon mal spannender. Nächte haben wir uns um die Ohren geschlagen, um Mondlandungen oder famose Boxkämpfe zu verfolgen. Heute bekommen wir Magerkost – in Form von Fernsehduellen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump.

Wer uns den so genannten Schlagabtausch als Ereignis verkaufen möchte, verwendet gerne das Wort „historisch“. Das sind Fernsehduelle wahrlich nicht. Wir müssen uns nur an die vorab als famos angekündigten Redegefechte zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück erinnern. Jeglicher Anflug von Attacke wurde als grandioser Höhepunkt verbucht, jedes 0:0 im Bezirksliga-Fußball wäre spannender gewesen. Als Extrakt der Diskussionen ist heute Merkels Satz „Sie kennen mich“ überliefert. An alles andere denken nur engagierteste Beobachter.

Und nun sollen wir nach Amerika schauen. Dort, wo sich eine außerordentlich unsympathische Frau mit einem ausgewiesenen Ekelpaket auseinandersetzt. Diese streiten also über den im neoliberalen Finanzkapitalismus verschwindenden Mittelstand, über Chancengleichheit für weiße Automobilarbeiter, Mittelstandfrauen jeglicher Herkunft und Transgender sowie über den Rest der Welt, den Hillary Clinton von vielen roten Teppichen und Donald Trump von Begegnungen mit osteuropäischen Schönheitsköniginnen kennt.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Barack Obama villeicht kein ganz großer, aber jedenfalls ein besonderer US-Präsident war, den wir schon bald vermissen werden. Klar, wir in Deutschland bevorzugen die Kandidatin des Establishments. Weil sie wohl weiß, wie es sich regiert. Aber die Zahl der Amerikaner, die daran glauben, dass ein Milliardär, der offenbar keine Steuern zahlt, ihre Rettung ist, ist offensichtlich nicht unerheblich.

Absurdes Theate. Also muss es erlaubt sein „Wählt doch, wen Ihr wollt“ zu sagen. Zumal das so stimmt. Die Nacht ist zum Schlafen da. Und wenn Ihr uns vom Gegenteil überzeugen wollt, dann bringt – zur Original-Sendezeit – einen WM-Kampf mit Muhammad Ali. Ansonsten: Gute Nacht. Langweilige Fernsehduelle haben wir bald selber wieder.

 

 

Dicke sind die wahren Rebellen

Es ist nichts Neues: Gerade ist wieder eine Studie erschienen, wonach Dicksein die eigentliche Geißel der Menschheit sei. Dafür spricht, dass es zumindest in den reichen Ländern immer mehr Dicke gibt. Aber braucht es dieses Klagelied?

In früheren Zeiten dachte man über runde Bäuche anders. Wer einen solchen hatte, war zum Beispiel Großfürst oder Sultan. Er hatte es im Leben geschafft. Gicht war ein Beweis von Wohlstand, der pochende Schmerz im großen Zeh wurde mit Stolz ertragen. „Auf vollem Bauch sitzt ein fröhliches Haupt“, meinte der neidische Volksmund.

Spätestens im 19. Jahrhundert drehte sich der Wind. „Wer dick und faul, hat selten Glück“, formulierte der Dichter Wilhelm Busch feindselig. Und dann dieser Liedtext: „Und darum bin ich froh, dass ich kein Dicker bin. Denn dick sein ist ’ne Quälerei. Ja ich bin froh, dass ich so’n dürrer Hering bin. Denn dünn bedeutet frei zu sein.“ Gesungen wurde er von Marius Müller-Westernhagen – vor 26 Jahren.

Diese Botschaft hat sich zur gesellschaftlichen Erkenntnis verfestigt. Laut der aktuellen Forsa-Untersuchung für die Krankenkasse DAK macht Fettleibigkeit krank und einsam.  Übergewicht wird als persönliches Versagen angeschaut, davon Betroffene werden wegen ihrer vermeintlichen Faulheit verspottet oder ausgegrenzt. 71 Prozent der Befragten empfinden stark Übergewichtige als unästhetisch, 15 Prozent meiden gar den Kontakt mit ihnen. Bei der Präsentation der Studie wurde vor mehr als 60 Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Depressionen gewarnt.

Tja, man schaue auf den Auftraggeber. Selbstverständlich haben Krankenkassen ein Interesse an gut trainierten, drahtigen Mitgliedern ohne Zivilisationskrankheiten. So wie die gesamte Wirtschaft. Der ordentliche moderne Mensch ist ein Unternehmen für sich. Weshalb er gut daran tut, sein Humankapital in Schuss zu halten. Körper und Geist stehen im Dienst der Rendite. So und nur so gehört es sich.

Abgesehen davon, dass das Nicht-Erreichen von Diätzielen depressiv machen kann, ist sowieso anzuzweifeln ob kollektives Dünnsein tatsächlich ein erstrebenswertes Ziel ist. Eine gute Demokratie, wie auch eine kreative Wirtschaft leben vom Mut zum Anderssein, von der Unterschiedlichkeit ihrer Menschen.

Alsdenn: Seid nett zu den Dicken. Sie tun uns gut,weil sie freundliche Rebellen sind. (Sagt einer, der offensichtlich auch zu wenig joggt.)

 

Andreas Scheuer: Der Hassprediger mit der Föhnfrisur

Markige Sprüche, überbordende Arroganz und schicke Föhnfrisur – dies waren und sind die Kennzeichen von Andreas Scheuer. Seine Betrachtungen zur Weltlage im Allgemeinen und zur Zuwanderung im Besonderen waren immer umstritten. Jetzt aber ist dem aus Passau stammenden CSU-Generalsekretär ein geradezu Trump’scher Geniestreich gelungen: Eine Aussage, die bei anständigen Menschen Brechreiz auslöst.

„Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los.“ So ließ sich Horst Seehofers Lautsprecher im Regensburger Presseclub verlauten. Wahrscheinlich, um klarzumachen, dass es in diesen schweren Zeiten alles braucht, bloß keine Empathie.

Ist so einer ein Fall für das Strafgesetzbuch? Eigentlich schon. Dessen Paragraph 130, Absatz 2, lautet wie folgt: „Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, die Menschenwürde  anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“

Strafstatbestand zumindest vielleicht erfüllt. Schließlich läuft Scheuers Aussage darauf hinaus, dass jemand stört, nur weil er schwarz ist. Weil er ja ansonsten nette Dinge tut. Doch als Bundestagsabgeordneter genießt er Immunität.

Also hinterfragen wir seine Argumente. Und da ist schon erstaunlich, dass Scheuer einen Jungen im Ministrantenalter einen Wirtschaftsflüchtling nennt. Erstaunlich, weil sich Vertreter seiner Partei ansonsten über 16-jährige oder noch jüngere muslimische Ehefrauen echauffieren, die über die Balkanroute ins Land gesickert sind. Das sind ja hilflose Kinder.

Stichwort fußballspielend: Sollte unser Flüchtling in dieser Disziplin so richtig gut sein, darf man davon ausgehen, dass die CSU-Riege auf der Ehrentribüne des ihr eng verbundenen Steuersünder-Vereins Bayern München einem solchen Senegalesen heftigst zujubeln würde.

Zudem, der Knabe ministriert. Da wird das ganze Gerede richtig absurd. Denn hatte nicht seine Partei gefordert, christliche Zuwanderer zu bevorzugen?

All das zeigt: Scheuers Gemotze ist Quatsch, aber man kennt das ja: Auch der geföhnte  Hassprediger schielt auf die Doofen. ER wird welche finden.

 

 

 

 

 

Der Kaiser ist kein Heiland

Wer sich als Mensch den Göttern nähert, fällt besonders tief. Dieser Satz gilt in diesen Tagen für Franz Beckenbauer. Der charmanteste, smarteste und erfolgreichste deutsche Fußballer wird als gieriger Gauner entlarvt. Und dies zehn Jahre nach seinem Aufstieg zur vermeintlichen Lichtgestalt.

Mit dem Votum zwielichtiger Funktionäre für das deutsche Sommermärchen hatte er dem Volk vermittelt, dass die Bezeichnung „Der Kaiser“ in seinem Fall enorm untertrieben sei. Franz Beckenbauer erschien als Mensch, der jeden anderen von allem Möglichen überzeugen könnte. Überbrückten andere Fußballer seiner Generation die Zeit bis zur Rente als Geschäftsführer eines Lotto-Toto-Ladens, so sprudelten bei ihm die Werbeeinnahmen noch einmal so richtig. Es gibt wohl kaum einen bedeutenden deutschen Konzern, für den „der Franz“ nicht die Werbefigur abgegeben hat.

Die dankbaren Menschen reagierten nicht genervt, sondern dankten ihm mit kultischer Verehrung.

Man darf sicher annehmen, dass er jene 5,5 Millionen Euro, die er als WM-Botschafter eingesteckt haben soll, nicht im Mindesten gebraucht hat. Die Lichtgestalt war längst so reich, dass ihr ausreichend Gelegenheiten fehlten, ihr Geld jenseits bezahlter Empfänge und Hubschrauberflüge wenigstens einigermaßen auszugeben. Andererseits: Wer, wie er, Beträge dieser Höhe mit leichter Hand an Berater von hochbegabten Jugendlichen aus Schwellenländern überwiesen hat, sieht ein solches Honorar wahrscheinlich als korrekte Ehrenamts-Entschädigung an.

Da ist einer aufgestiegen und in größter Höhe geflogen.  Aber daran kann man trefflich scheitern. Hoch gebildete Menschen kennen das als Sage von Ikarus. Uns anderen genügt ein Gedicht von Robert Gernhardt:

„Ich sprach nachts: Es werde Licht! Aber heller wurd‘ es nicht. Ich sprach: Wasser werde Wein! Doch das Wasser ließ dies sein. Ich sprach: Lahmer, Du kannst gehn! Doch er blieb auf Krücken stehn. Da ward auch dem Dümmsten klar, daß ich nicht der Heiland war.“

Kinder machen uns kaputt

Unglaublich. Da wendet unser Staat seit vielen Jahren Unmengen an Geld auf, um die nationale Gebärfreude zu steigern. Es gibt Kindergeld, Elterngeld, Betreuuungsgeld, Kindergartenkostenzuschuss, und, und, und… Doch nun kommt der Club of Rome und verkündet Folgendes: Zu viele Kinder tun dem Planeten nicht gut. Frauen, die mit 50 nicht mehr als einen Sohn oder Tochter auf die Welt gebracht haben, sollen mit einer stattlichen Prämie von 71.000 € belohnt werden.

Verrückt, denkt man sich zunächst. Schließlich betrifft uns das Problem mit der schlampigen Geburtenkontrolle gar nicht. Wenn Überbevölkerung produziert wird, dann doch nicht in Deutschland. Hierzulande würde es für ein solche Prämie einen billigen Mitnahmeeffekt geben. Wer plant schon mit zwei und mehr Kindern? Anderswo gibt es deutlich mehr Babys, allerdings: Da das Industrieland-Kind laut Club of Rome 30-mal so viele Ressourcen verbraucht wie seine Altersgenossen in den Entwicklungsländern, ist es potenziell gefährlicher für das Weltklima.

Die Dinge sind vertrackt. Gar nicht kompliziert ist jedoch der Grundgedanke des Club of Rome. Es ist ein Appell zu einer bescheideneren Lebensweise. Das Wirtschaftswachstum soll gedrosselt, Arbeit gerechter verteilt, das Leben entschleunigt werden. Falls das klappt könnte man die problematische Idee der Forscher, die Rente frühestens mit 70 beginnen zu lassen, vielleicht tatsächlich diskutieren. Richtig gut gefällt die Anregung, gesundheitsschädliche Produkte zu besteuern.

Bleibt noch der Vorschlag, die Erbschaftssteuer in mehreren Schritten auf 100 Prozent anzuheben. Wie bitte? Omas Häuschen soll der Staat bekommen? So nicht. Aber keine Bange: Die bei den Geringverdienern so beliebte AfD will die Erbschaftssteuer ganz abschaffen, die CSU wird wenigstens dafür sorgen, dass dieser Steuersatz erst ab einem Erbe von zehn Milliarden € greift.

Das größte denkbare Unrecht ist somit unwahrscheinlich. Allerdings: Wozu muss noch vererbt werden, wenn es eh keine Kinder mehr gibt? Allmählich beginnen wir zu verstehen.

 

 

 

 

Eine Million Tote und noch viel mehr Angst

Wie würden sich die Attentäter vom 11. September 2001 heute fühlen? Wären sie stolz, weil sie mit einem Terrorakt mit 3000 Opfern den Tod von einer Million anderer Menschen ausgelöst haben? Oder schmoren sie sowieso in der Hölle, weil die meisten dieser Toten Muslime gewesen sind? Uns, den „Ungläubigen“ hat ihre Tat vor allem eines gebracht: Angst.

Es ist erschreckend und erstaunlich zugleich, wie sich das Denken in einer eigentlich freien, offenen Gesellschaft verändert hat. Wenn sich ein Muslim traditionell kleidet und sich, wie von daheim gewohnt, einen Kinnbart wuchern lässt, wird er als bedrohlich empfunden. Alleine das Äußere reicht, um einen uns unbekannten Menschen als blutrünstigen religiösen Fanatiker anzuschauen. „Der Araber“ bedroht uns. Kaum jemand ist von dieser Reaktion völlig frei.

Wie absurd groß unsere Verunsicherung ist, zeigt sich am Streit über die Burka. Dieses seltsame Kleidungsstück wird gewiss als Mittel zur Unterdrückung benutzt. Aber warum bringt uns alleine die Aussicht, einer solchen Frau auf der Straße zu begegnen, so stark in Bedrängnis, dass wir per Gesetz das Verhüllen des Gesichts verbieten wollen? Haben wir generell Angst vor religiösen Symbolen in unserem vom Geld geprägten Alltag?

Der 11. September und alles was danach geschehen ist, hat unsere Fähigkeit geschwächt, anderen Menschen ohne Vorbehalte zu begegnen. Dabei sind Menschen im arabischem Raum kaum anders als wir. Sie möchten ohne tägliche Not in Frieden leben, sie möchten lieben und geliebt werden. Sie wollen keine Bomben zünden, sondern nach einem angenehmen Abend einschlafen und etwas Schönes träumen. Sie schauen unsere Fernsehserien und diskutieren über Fußball-Bundesliga und Champions League.

Ihnen wird dieser Text jetzt zu tendenziös, blauäugig und gutmenschig? Dann haben es die Attentäter enorm viel geschafft: Eine Million Tote und ein Vielfaches an Menschen in Angst.

 

Kurskorrektur: Was bedeutet das eigentlich?

„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt.“ Mit diesen Versen untermauerte Guido Westerwelle im Jahr 2001 seinen Anspruch auf die Führung der FDP. Zehn Jahre lang war er Kapitän der Liberalen, ehe er von seinen Parteifreunden zum Verzicht gedrängt wurde. Angela Merkel befindet sich im elften Jahr ihrer Kanzlerschaft. Und auch ihre Matrosen machen ihr zusehends das Leben schwer. „Kurskorrektur, Kurskorrektur!“ rufen sie immer lauter.

An die Spitze der Meuterer hat sich – und das erst nicht seit gestern – Horst Seehofer gesetzt. Er und seine CSU bringt beim Thema Flüchtlinge immer wieder griffige Schlagworte in die öffentliche Diskussion ein. Ob das nun Transitzonen sind, Obergrenzen oder Rechtsbruch. Man muss die Kanzlerin fragen, warum sie bei diesen notorischen Attacken so sehr Mutti und so wenig Chefin ist. Müssten in ihrem Kabinett im Falle eines kleinen Koalitionsbruches mit der CSU Entwicklungshilfe-, Agrar- und Mautminister ersetzt werden -wo wäre das Problem?

Stattdessen springt uns die neueste Anti-Merkel-Parole über alle Kanälen entgegen. Eine Kurskorrektur, einen Kurswechsel soll es geben. Nur wohin? Und mit welchem Personal?

Man stelle sich vor, der für seine schnellen Meinungsänderungen berühmt-berüchtigte Horst Seehofer würde gemeinsam mit dem ebenfalls wenig geradlinigen Sigmar Gabriel auf der Brücke stehen. Würde dies Schiff dann in einem zackigen Links-Rechts-Kurs über das Wasser schlingern, um am Ende im selben Hafen anzukommen, den Angela Merkel angesteuert hat? Oder würde es wegen eines ständigen Kurswechsels in einem rechtsdrehenden Strudel in der Ostsee vor Schwerin  versinken?

Gab es denn nicht schon Kurswechsel? Fragwürdige Staaten wurden zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Asylgesetze wurden verschärft, der Familien-Nachzug wurde ausgesetzt. Die Balkan-Route wurde dichtgemacht und mit einem Rücknahme- und Abhalte-Abkommen mit der Türkei gekoppelt. Deren Präsident Erdogan ist immer wichtiger geworden und wir hofiert. Die Botschaft ist doch sonnenklar: Fremde und vor allem Muslime sind unerwünscht. Alles Nähere regelt ein Gesetz.

Eine Kurskorrektur würde demnach bedeuten, dass man sich wieder den Flüchtlingen zuwendet. Was Angela Merkel in ihrer aktuellen Regierungserklärung auch getan hat. Dank des Abkommens mit der Türkei seien in der Ägäis deutlich weniger Menschen ertrunken, sagte sie. Anderswo im Mittelmeer waren es mehr, das sagte sie nicht.

Laut Unicef sind weltweit 50 Millionen Kinder auf die Flucht. Tja, falls uns diese Nachricht berührt, haben wir das Herz am rechten Fleck. Falls nicht, ist es uns in die Hose gerutscht. Die Kurskorrektur wäre dann vollstreckt.

 

 

 

 

Macht ist hässlich. Aber sie gehört zum Leben

Macht ist uns zuwider. Als gute Demokraten möchten wir Andersdenkende ausschließlich mit Argumenten von unserer Meinung überzeugen. Die Idee, uns mit mehr oder weniger sanfter Gewalt durchzusetzen, gefällt uns nicht. Jedenfalls würden wir das von uns behaupten. Das Problem: Macht gehört zum Leben.

Das erleben wir gerade aus einer Richtung, die wir bis vor kurzem nicht gekannt haben. Die Türkei hat erreicht, dass sich die Bundesregierung von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert hat. Jedenfalls hat diese festgestellt, dass dieser Beschluss keine rechtlichen Folgen hätte. Das passt uns gar nicht. Dieses in unseren Augen immer noch rückständige Land mit seinen Macho-Politikern, will uns vorschreiben, was Meinungsfreiheit ist? Unsere Angela Merkel kuscht vor dem Wüterich vom Bosporus? Wenn hier jemand die moralische Kraft hat, andere zu belehren – dann doch wir.

Falsch gedacht. Da die Türkei bis auf Weiteres die faktische EU-Außengrenze zu Kriegsgebieten ist, hat sie hierzu die Macht. Präsident Erdogan braucht für eigene Propaganda-Zwecke ein paar nette Worte? Dann wird das gemacht.

Nehmen wir Apple. Dieser Konzern hat sich bleibende Verdienste um die Welt erworben, weil er zur rasanten Verbreitung der größtmöglichen Ablenkungs-Spielzeuge erworben hat. Dieses Unternehmen ist also schwer in Mode, weshalb es Länder gerne auf ihrem Territorium ansiedeln möchten. Apple residiert mit seiner Europa-Zentrale in Irland, seine Deutschland-Filiale hat ihren Sitz in München.

Nun hat die EU-Kommission den Konzern zu einer Nachzahlung von 13 Milliarden Euro an den irischen Staat verdonnert. Und siehe da: Irland will das Geld gar nicht, der bayerische Finanzminister Markus Söder winkt schon mal ab. Apple hat die Macht, den Standort zu wechseln. Es soll bitte bleiben, wo es ist. Wofür hat ein Gemeinwesen die arbeitende Bevölkerung?

Auch da ist sie wieder, die böse, böse Macht von oben. Wir wenden uns mit Grausen ab – und liegen falsch. Schließlich sind solche Fragen auch unser Alltag. Etwa dann, wenn wir mit einem Vorschulkind in die Quengelzone der Supermarktkasse vordringen. Auch dann geht es darum, wer sich durchsetzt.

Am Ende ist es die alte Leier. Man kann mit uns alles machen, wenn wir es uns gefallen lassen. Das Sofa ist bequem. Aber Macht entsteht dort nicht.

Wir schaffen es. Falls uns das Leben nicht schafft

Wir sind geschafft. So fühlt es sich für viele Menschen an. Der Probleme sind viele, die Veränderung ist groß. Und dann auch noch die Flüchtlinge. Hat also Bundeskanzlerin Angela Merkel innerlich hämisch grinsend „Wir schaffen Euch“ gedacht, als sie den famosesten Politiker-Satz seit „Der Islam gehört zu Deutschland“ gesagt hat? Läuft da eine Verschwörung?

Gemach, gemach. Fragen wir uns doch erst einmal, warum uns dieser schlichte Satz so tief berührt. Nein, es ist nicht Barack Obama und sein „Yes, we can“. Es ist das Alte Testament. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, lautet dessen erster Satz. Wir machen das jetzt mal, verständigte sich der Herr damals mit dem Heiligen Geist. Das war der Anfang von VW, Airbus, Smartphones und Fußball-Bundesliga.

Zweifeln mag man am Text der Bibel-Übersetzung. Müsste es nicht „Im Anfang erschuf Gott…“ heißen? Kleine Vorsilbe, großer Unterschied. Wer etwas schafft, nimmt des Lebens Mühsal auf sich, um eine ihm gestellte Aufgabe zu erledigen. Er ist Opfer im großen Spiel und spürt sein Glück wie alte Menschen, die zufrieden sind, wenn sie trotz aller Gebrechen irgendwie doch über die Runden kommen.

Wer etwas erschafft, gestaltet die Voraussetzungen  für etwas Neues. Er bewältigt nicht nur, sondern formt die Zukunft.

Man muss allerdings befürchten, dass Angela Merkel tatsächlich eher etwas schafft. Unter ihrer Ägide hat die Regierung die bevorstehende Zuwanderung zunächst ignoriert. Man ließ die Dinge geschehen, um dann zu sehen, wie man irgendwie damit zurechtkommt. Gemäß der Devise des chinesischen Gelehrten Laoste: Nichtstun ist besser, als mit Mühe nichts zu schaffen.

Doch reicht das? Wahrscheinlich nicht. Denn so sehr die Balkan-Route verrammelt werden kann, so wenig lässt sich das Mittelmeer einzäunen. Bleiben wir bei den Gelehrten: „Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden“, blickte der römische Gelehrte Tacitus erstaunlich vorausschauend auf die europäische Flüchtlingspolitik.

„Die Tränen lassen nichts gelingen. Wer schaffen will, muss fröhlich sein“, ergänzte der Dichter Theodor Fontane. Woraus wir letztlich lernen: Nichts schafft uns, wenn wir es schaffen wollen. Aber tun müssen wir schon etwas.