Wir wollen alle anders sein
“Ich will so bleiben, wie ich bin. Du darfst.” In der Rangliste der verlogensten Werbeversprechen stünde dieser Vorschlag für mich ganz oben. Ich kenne nämlich nur ganz wenige Menschen, die das überhaupt wollen. Die große Mehrheit verwendet eine ungeheuere Energie darauf, anders zu sein oder zu werden.
Wir leben in Zeiten der Castings und des Benchmarkings, also der vergleichenden Forschung. Und so finden wir uns fast alle zu dick. Das ist angesichts der fortschreitenden Fettleibigkeit unserer Gesellschaft nicht verwunderlich. Aber hilft dieses Problem letztlich nicht vor allem den Verfassern von Abnehm-Ratgebern und den Herstellern von Diät-Kost? Es mag ja sein, dass wir mal unter Schmerzen zehn oder zwanzig Kilo abspecken. Das Problem ist bloß, dass wir nach einem halben mindestens genauso viel wiegen wie vor unserer Kur. Anstatt Bücher und neue Regale zu kaufen, könnten wir also gleich ein paar Flaschen Wein aufmachen.
Das mit den Haaren ist auch ...weiter lesen
Hilfe, mich plagt das Milliardärs-Mitleid
Liebe Leser, ich muss zugeben: Ich bin verwirrt. Einfach deshalb, weil ich Mitleid mit einer Ex-Milliardärin habe. Jawohl, Madeleine Schickedanz tut mir leid. Und ich wünsche ihr, dass ihre famosen Anlageberater ordentlich zahlen müssen.
Die Quelle-Erbin ist mir in ihrer ganzen Tragik sympathisch. Sie kann nicht mit Geld umgehen, was sie mit mir als Journalisten definitiv verbindet. Angehörige meines Berufsstandes wollen ja – zumindest wenn sie jung sind – zuallererst die Welt retten und erst anschließend über die Bezahlung reden.
Madeleine Schickedanz hat geerbt, hat sich aber mit fiesen Gestalten in Nadelstreifen eingelassen. Dabei hat sie irrsinnig viel Geld verloren. Für Superreiche ist das superschlimm. Denn wenngleich ein paar wenige Milliönchen übrigbleiben sollten, so ist doch das Renomée im Eimer. Das tut besonders weh – ein Psychiater in New York hat sich darauf spezialisiert, diese Wunden der Betuchten zu heilen. Schickedanz hatte ...weiter lesen
Guttenbergs Brief: Bis Ende 2013 gescheitert
“Vorerst gescheitert” lautet der Titel des Buches mit dem Männergespräch zwischen Karl-Theodor zu Guttenberg und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Seit heute wissen wir, dass das Scheitern bis Ende 2013 anhalten wird. Der ehemalige Politik-Star hat den CSU-Mitgliedern einen entsprechenden Brief geschrieben. Hier ist er. Sprachanalytiker, Graphologen und sonstige Kommentatoren bitte vortreten…
Von Döner-Morden, Herdprämien und Peanuts
Erinnern Sie sich? Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen. Geholfen hat es nichts bis wenig. Aber es macht uns klar, dass Jury-Entscheidungen mitunter seltsam sind. Das Preisgericht für das „Unwort des Jahres“ hat allerdings hervorragende Arbeit geleistet. „Döner-Morde“ sind wahrhaftig ein ekliger Begriff.
Schlimm ist der Rassismus, der hier mitschwingt. Türkinnen und Türken werden mit einem bestimmten Essen identifiziert, das bei uns zudem deutlich häufiger verkauft und gegessen wird, als in deren Heimat. Man muss sich fragen: Hätte jemand „Spagehtti-Morde“ gesagt, wenn die Neonazis Italiener erschossen hätten? Wäre nach einer Anschlagsserie in Nürnberg der Begriff „Lebkuchen-Morde“ denkbar? Würde man sich in München um die Aufklärung der „Weißwurst-Morde“ bemühen? Sicher nicht, der Respekt vor den Opfern wäre zu groß. Gut, dass die Jury daran erinnert.
Aber was ist aus früheren Unwörtern geworden? Werden sie noch benutzt ...weiter lesen
Die Liebe der Nation: Dschungelmaden auf Silikon
Die Kundschaft der Medien ist schon etwas ganz Besonderes. Sie zeigt sich voller Abscheu über inhumane Kampagnen, sorgt sich um Ethik und um die Reinheit der Kinderseelen. Deshalb rufen Leser, Hörer und Seher immer wieder nach guten, schönen, glücklich machenden Nachrichten. Wenn dann aber Menschen dazu “eingeladen” werden, vor laufender Kamera Maden auszulutschen, Käfer zu essen oder Emu-Blut zu trinken, sitzt die halbe Nation vor den Fernsehgeräten. So geschehen beim Start der neuesten Staffel des RTL-Dschungelcamps.
6,88 Millionen Zuschauer haben die Marktforscher ermittelt, den Rekordwert für Freitagabend. Aber wie kann das sein, wo doch linke Intellektuelle solche Sendungen angewidert ablehnen, aber sogar konservative Kreise einst ein Verbot des Ekelcamps gefordert haben? Ist den Menschen gar nichts mehr heilig?
Klare Antwort: Nein. Jedenfalls nicht, wenn es um gescheiterte Promis geht. Scheiternde Berühmtheiten sind das Brot einer ganzen Branche. ...weiter lesen
Ein DJ braucht saubere Finger und…
Nicht wenige junge Menschen versuchen sich in ihrer Freizeit als DJ´s. Aber sind sie auf diese Tätigkeit ausreichend vorbereitet? Wie es geht zeigt dieses Video aus dem Jahr 1969. Und anders als bei Loriots Jodeldiplom handelt es sich nicht um Satire.

Gesucht: Ein alter Mann zum Anlehnen
Achtung, hier kommt ein Stoßseufzer: Dieses Land braucht Vorbilder! Dringendst! Wenn selbst der Bundespräsident, also der “Erste Mann im Staat” in merkwürdige Geschäfte und Kungeleien verwickelt ist, müssen wahre Helden her. Aber wie das so ist, in unserer schnelllebigen Zeit. Diese sind voraussichtlich nur noch zeitlich begrenzt für uns da.
Denn das Volk zieht gnadenlose Konsequenzen aus dem Scheitern der Ministerial-Praktikanten von der FDP: Es setzt auf alte Männer. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift “stern” gilt Nelson Mandela (bald 93) den Deutschen als absolute moralische Institution. 82 Prozent nannten ihn ein “großes Vorbild”. Gleich dahinter folgt Alt-Kanzler Helmut Schmidt (im Dezember) mit 74 Prozent. Ihm wird sogar verziehen, dass er Kettenraucher ist. Der Dalai Lama alias Tendzin Gyatsho auf Platz drei bekommt 69 Prozent. Er ist ein netter Kerl – und hat eventuell den Platz von Jopi Heesters eingenommen. ...weiter lesen
Warum Babynamen immer kürzer werden
Früher hießen Kinder Kurt-Heinrich oder Edeltraud, im Jahr 2011 waren die beiden beliebtesten Vornamen Mia und Ben. Auch die meisten anderen Lieblingsnamen der Eltern haben höchstens fünf Buchstaben. Nicht mehr lange, und in unseren Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen herrscht ein einziges Vornamen- Stakkato. Aber was sind die Gründe für den Trend zur Kürze? weiter lesen
Röslers Mitte hilft uns gar nicht
Also sprach Philipp Rösler: “Wir brauchen Wachstum in der Mitte.” So also stellt sich der FDP-Chef den Weg zur Rettung des Landes, seiner Partei und seiner eigenen Jobs vor. Warum das alles so gut sein soll, sagt er aber nicht.
Wir alle wissen, dass sich außer der Linken alle Bundestagsparteien in “der Mitte” daheim fühlen. Das liegt wohl daran, dass man dort die große Masse an Menschen und somit das größte Wählerpotenzial vermutet. Wahrscheinlich denkt man auch, dass dort Eigenschaften wie Vernunft, Politikverstand und Duldsamkeit verortet sind.
Das Zentrum hat aber einen großen Nachteil: Es ist nur bedingt zukunftsfähig. Die Masse der Vernünftigen strebt vor allem danach, gut zu funktionieren. Kreativität, die Lust auf Veränderung, kommt hingegen meistens von den Rändern. Das Wort “Mittelstand”, das jeder FDP-Chef permanent vorbeten muss muss, signalisiert keinesfalls die Lust auf Bewegung.
Und wenn man sich einen ...weiter lesen
Der dumme Mann von Schloss Bellevue

Wer zuviel telefoniert, macht auch mal Fehler.
Die Aufregung um den Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann halte ich für übertrieben. Jede Aktion, die sich – von wem auch immer – gegen die Pressefreiheit richtet, ist Mist. Aber diese Welle der Solidarität, die nun über das fieseste Blatt der Republik schwappt, wirkt kurios. Die überleben ...weiter lesen
Seehofer, der scheinheilige Rentenzweifler
Was bringt das neue Jahr – außer guten Vorsätzen, die man schnell vergisst? 2012 ist es die Aussicht auf mehr Arbeit. Mehr Lebensarbeit. Denn die Aktion “Rente mit 67″ beginnt. Und schon schlägt die Stunde des großen Populisten Horst Seehofer.
Falls das Rentenalter steige, ohne dass es mehr Arbeit für Ältere gebe, sei das eine Rentenkürzung durch die Hintertür. Und das sei nicht sozial, hat der bayerische Ministerpräsident fein erkannt. Allerdings ist er mit dieser Kritik der Zweifelsheuchler der alten CSU-Schule. Als solcher folgt er diesem Prinzip: Mitregieren, mitbeschließen, kritisieren, Nachdenken fordern – und dann weitermachen wie zuvor beschlossen. Ernst nehmen müsste man das nicht, wenn es nicht noch immer Menschen gäbe, die auf diese Masche hereinfallen.
Aber wie ist es denn nun, mit der Rente ab 67? Ich halte dieses Gesetz für unsozial. Sicher, es ist ein Argument, dass längeres Arbeiten möglich sein müsste, wenn es immer ...weiter lesen
Die Sterne wissen: Ich werde 2012 viel Zeitung lesen
Wir alle wissen, dass die größte aller bisher bekannten Wirtschaftskrisen für 2012 (nach 2009, 2010 und 2011) beschlossene Sache ist. Mir ist das egal. Denn es steht fest, dass ich in diesem Jahr Spaß und Freude haben werde.
Merkur ist nämlich an meiner Seite. Sagt die Astrowoche. Uns so werde ich beruflichen Erfolg wie nie zuvor haben. Da werde eine tolle Stelle frei, dort gebe es ein prima Geschäft. Ich sollte allerdings, so die Sternendeuter, nicht zu gierig werden. Sonst könnte ich eine enttäuschung erleben. Woraus wir lernen: Es ist nicht nur so, dass in jeder Krise eine Chance steckt. Genauso steckt in jeder Chance eine Krise.
Zu allem Überfluss betritt Anfang April Liebesplanet Venus mein Sternzeichen. Das soll mir traumhafte Stunden der Zweisamkeit bescheren. Allerdings nur bis Juli. Logisch, denn im Laufe des Juni beginnt die Fußball-EM. Vielleicht werde, so das Horoskop, jemand von früher wieder in mein Leben treten. Das muss nicht unbedingt sein, ...weiter lesen
Mein Adrenalinschub durch kaltes Licht
Nein, ich möchte dieses Blog nicht zum Diskussionforum über Qualiätsjournalismus machen. Aber was qualitätsloser Journalismus anrichten kann, ist enorm. Ich hatte wegen eines leichtfertigen Schiefmelders heute einen völlig ungeplanten Adrenalin-Kaufrausch-Schub.
Da fahre ich also auf der Autobahn Richtung Heimat. Mit dem Ziel, diesen Tag sowie das Jahr als solches lässig ausklingen zu lassen, als im Radio gemeldet wird: “Was sich zum Jahreswechsel ändert: Ab 2012 ist es mit Glühbirnen vorbei.” Und schon war es mit der eingebetteten Staubeobachtung (embedded traffic jam watching) vorbei. Nur eine Frage ging mir noch durch den Kopf: Wie lange haben die Geschäfte am 31. Dezember offen? Wo könnte es noch ausreichende Bestände an Glühbirnen geben? Wo kann der Lichthamster vor 2012 noch zuschlagen?
Ich finde nämlich das Licht von altmodischen Glühbirnen viel schöner als die kalte Beleuchtung von Energiesparlampen. Ich meine auch, dass es für jeden ...weiter lesen
Der Bundespräsident als böser Weihnachtsmann

Fernsehtipp: Lieber Benedikt als Christian gucken.
Seine im typischen Knödelton vorgetragene “Entschuldigung” war doch nur eine Pflichtübung. Er musste eine Beruhigungspille unters Volk schmeißen, um ein bisschen aus der Schusslinie zu kommen. Damit er den Rücken frei hat, um zu Weihnachten über Nächstenliebe, über das famose mitmenschliche Engagement der Krankenschwestern und Feuerwehrleute, über den herausragenden einsatz deutscher Soldaten am Hindukusch ...weiter lesen
Das Leben ist ein Fahrstuhl
Im Leben geht es meistens Auf und Ab. Mancher wird zum Star und stürzt genauso schnell wieder ab. Mancher gerät in die Krise – kommt aber wieder nach oben. Dazu ein paar Gedanken aus dem Fahrstuhl… weiter lesen