Jetzt neu: Hass auf die Lügenmeteorologen

Wie schön, die Medien können aufatmen. Seit Rosenmontag gerät die Presse zumindest in den Karnevalshochburgen aus dem Visier der Besorgten und  Unzufriedenen. Nicht die gleichgeschalteten Journalisten haben mit den Mächtigen gekungelt: Es waren die „Lügenmeteorologen“.

Für viele Menschen ist klar: Die professionellen Wetterfrösche haben Stürme vorhergesagt, um das Volk vom Feiern abzuhalten. Wir wurden belogen, weil die Politik Angst davor hatte, dass ein Karnevalsumzug von Terroristen attackiert werden könnte oder dass unbescholtene Jeckinnen von schmierigen Fingern begrapscht werden könnte. Erfahrene Gardemädchen kennen das zwar, aber in ihrem Fall fummeln eher Präsidenten und Elferräte. Und die dürfen das.

An die Gefahr verheerender Windstöße glaubt doch keiner. Das Fälschen von Wetterberichten wurde vom rumänischen Ex-Diktator Nicolae Ceaucescu virtuos betrieben. Das Fachwissen  sozialistischer Systeme indes verschwindet nie ganz. Die Vorratsdatenspeicherung beweist es.

Doch gibt es pegida-ähnlichen Zorn wegen abgesagter Karnevalsumzüge? Wer das beurteilen will, schaut am besten auf die Facebook-Seiten wahlkämpfender Politikerinnen. So steht bei der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer unter anderem Folgendes: „Wenn ich das schon lese… Das Wohl der Menschen… Schliessen sie die Grenzen endlich, dann haben sie mal was sinnvolles gemacht! für das Wohl der Menschen in Deutschland!!!.“ Oder: „Und sowas verlogenes soll das Volk Wählen ???„.

Bei ihrer Gegenkandidat Julia Klöckner klingt das so: „Ja, ja, was ein Zufall – der Sturm. Oder sollten es eher erhebliche Sicherheitsbedenken anderer Art gewesen sein? Für wie bescheuert hält die Politik die Bürger eigentlich?????.“ Oder: „Ich wohne in Mainz. Hier weht kein laues Lüftchen!!!! Die haben nur Angst, dass vor der Wahl etwas passiert und die Leute dann AFD wählen.“

Wir schlussfolgern: Wir sind nicht nur das Volk, sondern ab sofort auch das Wetter. Vor einer Lüge sollten wir uns jedoch hüten: Über Sonnenschein, Regen, Schnee oder Wind entscheidet nicht Frauke Petry. Petrus ist zuständig. Immer noch.

 

Obergrenze wird das Wort des Jahres

Freunde unserer deutschen Sprache freuen sich immer auf die Wahl des „Wort des Jahres“. Welcher Begriff hat sich mit Macht in unseren Sprachgebrauch geschlichen und die öffentliche Diskussion geprägt. 2016 befindet sich erst im zweiten Monat, aber der Sieger dürfte klar sein: „Obergrenze“ wird es.

Tatsächlich handelt es sich um einen Begriff, der bislang ein Schattendasein inmitten verschiedener Gesetzbücher geführt hat.  Betroffen von der Obergrenze waren und sind zum Beispiel arbeitslos gewordene Besserverdiener. Für sie gilt ein Limit nach oben. In den Sammlungen von Zitaten und Aphorismen, die kluge Aussagen bis zurück in die Antike auflisten, kommt dieses Wort nicht vor.

Dank Horst Seehofer und den Pegida-Schreihälsen wissen wir allerdings, dass die „Obergrenze“ dem Wesen nach böse ist. Wurde sie doch von ihm mit zusammenbegissenen Zähnen in Sachen Flüchtlinge eingeführt und dank vielfacher Wiederholung wirksam in die öffentliche Debatte eingeführt. Sie ist so zum Synonym dafür geworden, dass eben irgendwann Schluss ist. Unser Wort ist das Basta der Bürokraten und Abstempler.

Viele finden es gut, zumal wir unsere eigenen Obergrenzen kennen oder zumindest erahnen. Wie gerne hätten wir ein Limit für unser Gewicht, wie klug wäre für manchen eines für die Kombination Schnitzel und Landbier, wie segensreich eine Obergrenze für sinnlose E-Mails.

Stattdessen kommt die Regierung mit der Obergrenze für Bargeld daher. Man soll bei Einkäufen nur noch maximal 5000 Euro von Hand zu Hand weitergeben dürfen. Dies würde, so sagt man uns, dem weltweiten Terrorismus einen empfindlichen Schlag versetzen.

Ganz bestimmt, wir sind für den Kampf gegen Idioten mit Sprengstoffgürteln. Aber dass in einem freien Land mutmaßlich freien Bürgerinnen und Bürgern vorgeschrieben wird, ob sie ihren Gebrauchtwagen mittels Bargeld, Überweisungszettel oder Online-Banking kaufen, geht zu weit. Denn was kommt als nächstes? Kreditkartenpflicht beim Brezenkauf?

Wie wir etwas bezahlen, geht den Staat nichts an. Wir ziehen die Lehre – und stellen unsere Forderung auf: Die Obergrenze für absurde politische Ideen, sie möge kommen.

 

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Petry Heil vor Lesbos

Empörung über AfD-Größen teile ich in den allermeisten Fällen. Nun hat Parteichefin Frauke Petry erklärt, dass man zum Schutz der Grenzen in letzter Konsequenz auf Flüchtlinge schießen müsse. Der Aufschrei ist groß und kommt von allen Seiten. In diesem Fall ist die Heuchelei allerdings groß.

Ganz leise sein sollte jene, die nach  Turbo-Abschiebungen, Obergrenzen für Asyl und gesicherte Außengrenzen rufen oder darüber schwadronieren , dass Griechenland „seine Hausaufgaben“ machen müsse. Würden ihre Vorschläge zu realem Handeln, würde brutale Gewalt gegen Menschen zwangsläufig. Denn wie anders wollte man Zuwanderung eindämmen, wenn Flüchtlinge zahlreicher kommen als vom Parlament beschlossen? Es müsste Gegenmaßnahmen geben.

Wie zum Beispiel bei Melilla. Drei, bis zu sieben Meter hohe Zäune schotten diese spanische EU-Exklave in Nordafrika gegen den Nachbarn Marokko ab. Zwischen den Zäunen gibt es Stolperfallen, das Drahtgeflecht ist so dicht, dass sich ein Mensch beim Hochklettern kaum festhalten kann. Es wird berichtet, dass gescheiterte Flüchtlinge verprügelt und schließlich von der Polizei in irgendeiner menschenleeren Gegend ausgesetzt werden. Wollen wir Vergleichbares auch auf Lesbos und an anderen bisher schönen Stränden des Mittelmeeres?

Zyniker würden einer Frauke Petry in diesem Fall höchste Kompetenz zuschreiben. Sie ist selbst hinter dem Zaun aufgewachsen. Die Grenzanlagen der DDR waren Meisterwerke deutscher Bürokraten-Gründlichkeit. Es war kaum möglich, gesund von Ost nach West zu kommen. Wer sich erwischen ließ, bezahlte gegebenenfalls mit dem Leben. Man hat sogar Maschinen erfunden, um Menschen zu erschießen. Auch dieser unerträgliche Zustand hat zu einer friedlichen Revolution und zur Wiedervereinigung beigetragen.

Im Westen hat man sich stets über den Schießbefehl empört. Man hat ihn als für Demokraten undenkbaren Staatsterrorismus bezeichnet. Droht nun die erneute Einführung der Todesstrafe? Oder wollen wir es allen Ernstes so sehen, dass sich der Staat angesichts von Zuwanderung in einer Notwehrsituation befindet, die alles erlaubt, was eigentlich undenkbar ist?

Gar das, was die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch ergänzend zu den Aussagen ihrer Chefin zu Protokoll gegeben hat? Polizisten müssten auch auf Kinder schießen, wenn diese nach Deutschland eindringen wollten. „Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“, lautet ihre Logik.

Eine derzeitige Zehn-Prozent-Partei in diesem Land hat also Anführer/-innen, die keinen Skrupel hätten, Polizisten zu Mördern in Uniform zu machen. Menschenverächter sehen sich im Krieg – und sie sind auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, aufzuwachen und umzukehren. Gerade für die, die sich ganz bieder „besorgte Bürger“ nennen.

 

 

Kauflust – mit ziemlich mieser Laune

Niemand sollte die Deutungsmacht der Marktforschungsinstitute gering- oder unterschätzen. Denn sie horchen uns aus, bewerten die gesammelten Daten und sagen uns daraufhin wie wir sind. Oder wie wir zu sein behaupten. Manchmal interpretieren die professionellen Verhaltensforscher aber falsch.

So hat die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung wie jedes Monat die Kaufneigung der Deutschen erforscht. Trotz Börsenturbulenzen, Terrorgefahr und des politischen Streits über die Asylpolitik sei die Kaufneigung ungebrochen. Eine gute Nachricht sei das, meint man bei der GfK. Nicht einmal die Flüchtlinge spielten beim Shoppen eine Rolle. Der Zuzug werde erst zur Belastung, wenn Verbraucher um ihren Job fürchteten. Ansonsten herrsche Kauflust.

Was für ein abseitiges Gerede. Die guten Umsätze im Handel ergeben sich kaum deshalb, weil der Anteil der wohlhabenden Menschen durch eine famose Wirtschaftspolitik gestiegen ist. Sondern eher dadurch, dass es in einer alternden Gesellschaft zusehends unwichtig wird, ob man Geld hat. Die Finanzkarriere des sorgsam alternden Menschen sah in der langen Ära vor der digitalen Finanzwirtschaft so aus, dass man bis zur Rente möglichst viel Geld gespart hat. Das hat man anschließend nicht verjubelt, sondern hat sich zu von den Zinsen zu Weihnachten etwas Nettes angeschafft. Geschrumpft ist das Vermögen nur sehr langsam.

Heute läuft das anders. Wegen der Politik der Europäischen Zentralbank gibt es keine Zinsen mehr. Wer ein gutes Polster hat, erlebt, wie es immer weiter schrumpft. Und sollte jemand teure Pflege brauchen, lautet die Formel: Hilfe bekommt nur, wer zuvor arm geworden ist.

Also raus in die Fußgängerzone, ran an den Computer – und weg mit dem Ballast. Seien wir verschwenderisch, befreien wir uns von der Last des Geldes. Die Konsumforscher sind dankbar. Sie jubilieren mit heißem Herzen. Unsere Laune ist schlecht, vielleicht fluchen wir sogar. Doch die Kassen klingeln lauter.

Was ist deutsch?

Diese schwierigen Zeiten haben etwas Gutes. Sie bringen uns zum Philosophieren über wahre Werte, unser Denken und Reden wird tiefschürfender. Denn wir müssen klären, wer wir Deutschen sind und wie Flüchtlinge werden müssen, damit sie irgendwann dazugehören. Es geht um den Fortbestand der „deutschen Leitkultur“.

Alsdenn: Was ist das? Wer oder was steht für diese „deutsche Leitkultur“? Um das herauszufinden, sollten wir den zeitlichen Rahmen unseres Definitionsversuches abstecken. Nicht anzuzweifeln ist ja, dass unser aller Ureltern Afrikaner waren. Von dort aus breitete sich der Homo sapiens unaufhaltsam aus. Die Umstellung von Jagd auf Ackerbau und Viehzucht – was der betont agrarfreundlichen CSU immer sehr geholfen hat – erfolgte auf dem Gebiet des heutigen Syrien beziehungsweise Irak.

So weit sollten wir nicht ausholen. Zwingend werden wir jedoch anerkennen müssen, dass der Kaffee aus Arabien und die Kartoffel aus Südmerika zu uns gekommen sind. Die Erfindung des Bieres können wir auch nicht für uns beanspruchen. So zeigt das Neue Museum in Berlin die vor rund 3750 Jahren modellierte Figur eines ägyptischen Bierbrauers.

Reindeutsch sind Tore von Thomas Müller und Götze sowie Flugparaden von Neuer. Was aber ist mit Treffern von Özil oder Podolski? Helene Fischer wirkt geradezu nibelungenblond, stammt aber aus Kasachstan. Bushido – einer von uns? Gut möglich, einen Integrationspreis hat er ja bekommen.

Erschließt sich die Kultur über unsere Tugenden? Pünktlichkeit? Leider durch Berliner Flughafen und Elbphilharmonie widerlegt. Ehrlichkeit? Man schaue auf Volkswagen und Uli Hoeneß. Großartiger Erfindergeist? Die Pkw-Maut lässt uns zweifeln. Wir sind christlich? Dann dürften wir Bedürftige nicht zurückweisen. Wir sind für Frauenrechte? Die Zahl der Chefinnen in unseren Firmen sagt etwas anderes.

Aus all diesen Aspekten ergibt sich: Um eine wirklich gute deutsche Leitkultur formulieren zu können, müssten wir einige als besonders deutsch oder bayerisch geltende Persönlichkeiten abschieben. Das zieht sich allerdings, aus rechtlichen Gründen. Also sollten wir uns zunächst auf folgenden Grundkonsens einigen: Der Genuss von Schweinefleisch und Alkohol ist unantastbar. Wenn das vereinbart ist, ist der größte Ärger weg. Wir philosophieren fortan ohne Stress. Und das kann nur gut sein.

Reich sein ist nicht so einfach

Oh Unrecht, wie bist du groß! Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dem reichsten Prozent gehört mehr als dem ganzen großen Rest. So sagt es die soziale Organisation Oxfam. Wir schauen auf diese Nachricht mit großer Empörung und ziemlichem Neid. Aber seien wir barmherzig. Reich sein ist nicht so einfach.

Zunächst müssen wir einen immer noch weit verbreiteten Irrtum überwinden: Der Kapitalismus ist dem Wesen nach nicht sozial. Die Gierigsten sind seine Helden. Man muss ihn – mit wirksamen Gesetzen – menschenfreundlich formen.

Nun hat unsere Marktwirtschaft mehr abhängig Beschäftigten zur eigenen Doppelhaushälfte verholfen als jedes realsozialistische System. Aber sie ist im Laufe der letzten Jahrzehnte zusehends unsozial geworden. Staatliche Vorschriften wurden zurückgefahren, verrückt spekulierende Banken wurden gerettet, verschärfte Kontrollen und Zwangsmaßnahmen wurden für die Arbeitslosen eingeführt. In der Diskussion wirkte es manchmal so, als seien diejenigen, die nichts besitzen, die rücksichtslosesten Ausbeuter der Gesellschaft.

Doch wozu der Neid? Ein wirtschaftlich erfolgreicher Mensch sieht sich auf der Sonnenseite des Schicksals. Aber wie bei jedem Glück lässt das nach, wenn es zur Routine wird. Der Reiche lebt tendenziell in Angst. Er hat ja viel zu verlieren. Sowieso ist er vom Reichtum überfordert.

Nehmen wir einen 60-Jährigen, zehn Milliarden Euro schweren Mann.  Würde er keinen Cent mehr dazuverdienen, müsste er bis zum seinem Ableben im 90. Lebensjahr täglich 913.000 Euro ausgeben, um sein Vermögen komplett aufzubrauchen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er zum 80. Geburtstag eine 25-jährige Luxusfrau heiraten muss, um auf Glitzer-Partys auch mit Rollator noch willkommen zu sein, kann der Geldspeicher kaum komplett geleert werden. Und die junge Frau, der die Integration in die Gesellschaft durch eigene Arbeit verwehrt bleibt, wird ihn zusehends spüren lassen, dass sie ihn statt im Ehebett lieber in einem Sarg sähe.

Unser Fazit in zwei Sätzen lautet also: Übergroßer Reichtum ist sinnlos. Bittere Armut ist ein Skandal. Zwingen wir das Kapital also ruhig zur Rücksichtnahme, zum Beispiel durch höhere Steuern. Ganz sicher: Es ist das Beste für alle.

 

 

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

Edel, hilfreich – Gutmensch

Diese Zeiten sind durchgeknallt. Da gibt es überall reichlich Bomben und Geschrei. Und dann werden diejenigen, die bedrängten Menschen helfen, auch noch beschimpft. „Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres.  Trost ist selten – aber es gibt ihn.

Die Sprach-Jury hat zutreffend gewählt. Denn eigentlich dürfter unser Begriff keine Häme vermitteln. Er ist aus zwei positiven Worten zusammengesetzt (sofern man das beim Homo Sapiens so sehen mag) und beinhaltet erstrebenswerte Eigenschaften. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, ließ schon Goethe verlauten. Der große Dichter ging sogar so weit,  Texte unter dem Pseudonym „Gutmann“ zu veröffentlichen.

Woher also der Hass? Letztlich dürfte es ein psychologisches Phänomen sein. Die selbst ernannten Retter des Abendlandes wissen nur zu gut, dass dessen Leitreligion das Christentum ist. Dieses wiederum gibt seinen Gläubigen ein Mindestmaß an Barmherzigkeit vor. Auf Erden wird entschieden, wo man seine Ewigkeit verbringt. Auf der Wolke oder im Feuer.

Nun möchten auch Pegida-Leute in den Himmel. Daran arbeiten sie, indem sie sich den satanischen Botschaften der Lügenpresse mutig entgegenwerfen. Das mit der Nächstenliebe kriegen sie aber nicht so gut hin, weil ihnen dazu das Herz fehlt. Scheitern jedoch macht mürrisch und grantig auf jene, die zumindest neutestamentarisch betrachtet als Vorbilder gelten würden.

Also sagt man, dass es sich um naive, depperte Romantiker handelt, die für Dunkeldeutschland sorgen, da sie dauerhaft den Halbmond ins Land holen. Solche Leute gehören weggebrüllt.

Was ist der Trost? Die Schreihälse sind nicht die Mehrheit, sie sind bloß lauter. Beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg gab es für die Rede des Oberbürgermeister immer dann spontanen Beifall, wenn er die Flüchtlingshelfer und alle anderen Menschen lobte, die ehren- oder hauptamtlich daran mitwirken, dass das Ankommen der Fremden in einer menschlichen Atmosphäre geschieht.

Man sieht, die guten Reflexe funktionieren noch. Und seien wir ehrlich: Ein Schlechtmensch zu sein – das kann niemand wirklich wollen.

 

 

Von Flüchtlingen und billigen Tomaten

Reden wir über Tomaten. Über diese wunderbare Frucht, ohne die unsere Pizza wie trockenes Brot und unser Speiseplan öde wäre. Diese Frucht hat mit Flucht und Asyl zu tun. Mehr, als wir vielleicht denken.

Ich habe mich für ein Medienprojekt in Mali engagiert. In Nara und Timbuktu im Norden des Landes werden mit Hilfe von Spenden Radiospots produziert und ausgestrahlt. Diese werben für ein tolerantes Zusammenleben, aber auch dafür, auf die gefährliche Reise nach Europa zu verzichten. Den Hörern  werden Tipps gegeben, wie man in der Heimat Geld verdienen könnte.

Die Sendungen sind sehr erfolgreich. Gerade hat das Büro der UN-Friedensmission in Goa dem örtlichen Projektleiter eine dauerhafte Finanzierung in Aussicht gestellt. Die Empfehlungen haben gewirkt: Mindestens 20 junge Männer, die bereits von Schleppern angesprochen worden waren, haben sich auf die Tomatenzucht verlegt.

Aber ist das eine gute Idee? Man kann es nur hoffen. Die Zeit hat jüngst über Ghana berichtet. Im Mittelpunkt dieses Artikels stand ein Tomatenbauer. Seine Arbeit lohnt sich nicht mehr, denn die von ihm angebauten Früchte sind auf dem örtlichen Markt nicht konkurrenzfähig. Es gibt zum Beispiel viel billigere Dosentomaten aus China.

Nun hoffen viele junge Ghanaer auf ein besseres Leben in Europa. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer. Die Flüchtlinge suchen Arbeit und finden sie zu Tausenden auf den großen Tomatenfarmen in Apulien. Für zwölf Stunden Arbeit bekommen sie an guten Tagen 50 Euro. Sie machen also für schlechtes Geld das, was sie auch daheim täten: Tomaten pflücken.

Allerdings werden die von ihnen geernteten Früchte für den Export von der EU subventioniert. Sie landen somit – konkurrenzlos billig – auf den Märkten Afrikas.

Es gibt noch eine andere Facette des Flüchtlingsthemas: Als in den 60-er Jahren die so genannten Gastarbeiter gekommen sind, war der Deal, dass sie hier freie Arbeitsplätze übernehmen und einen guten Teil der Löhne in die Heimat schicken. Die Ursprungsländer wurden so gestärkt.

Heute gibt es in den arabischen und/oder afrikanischen Ländern einen enormen Überschuss an ziemlich chancenlosen jungen Menschen. Auch sie werden, wenn sie es denn schaffen, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen. Für jede Regierung in dieser Weltregion ist der Exodus somit von Vorteil.

All das zeigt, dass jene Politikerinnen und Politiker, die jetzt sagen, dass es nur ein paar schärfere Gesetze, Obergrenzen oder internationale Konferenzen bräuchte, um das Flüchtlingsthema in den Griff zu bekommen, um leichtsinnige (Vor-)Gaukler handelt. Es wird nicht allzu lange dauern, und ihre Versprechen werden als unerfüllbar entlarvt, mit der Folge eines weiteren Vertrauenverlustes.

Viel muss verändert werden. Mit den billigen Tomaten könnte es beginnen…