18. April 2014 von Klaus Schrage

Ehrt den Ohrwurm! Er hat es verdient

Das Äußere zählt nicht. Auf die inneren Werte kommt es an. Wir, die wir uns zum fortschrittlichen Teil dieser Gesellschaft zählen, sind uns da ganz sicher. Niemals würden wir angesichts eines hässlichen Individuums unsere Abscheu zugeben oder gar ausleben. Immer würden wir nach dem Schönen und Guten hinter der Fratze schauen. Gut so, aber es gibt Ausnahmen: zum Beispiel den Ohrwurm. Und das ist ungerecht.

Nein, es geht nicht um den deutschen Schlager, dessen Grad an Schönheit oder Hässlichkeit oft genug höchst umstritten ist. Sondern um den Geradeausflügler, dieses Insekt, das mit seiner chitingepanzerten Greifzange am Hintern aussieht, als hätte jemand Lakritz mit einem ...weiter lesen

15. April 2014 von Klaus Schrage

Der Kunde ist Opfer. Teil 3: Die Stehlampe

Du sitzt also da, schaust irgendeine Fernsehshow und denkst an nichts. Wohnzimmer-Prärie vom Feinsten. Plötzlich aber: Ein lauter Knall, das Licht geht aus, Sicherung futsch. Es ist etwas passiert. Außerplanmäßig.

Aber kein Problem. Einfach zum Sicherungskasten, Hebelchen hoch, Glühbirne suchen und finden. Reinschrauben und – fertig? Schön wär’s, denn es die Schnur zum Ein- und Ausschalten unserer wunderbaren Jugendstillampe löst keinen Klick mehr aus. Und schon gar kein Licht. Mit mäßigem Talent suche ich nach dem Fehler. Ich ringe mit der (Birnen-)Fassung. Und scheitere doch. Ein Experte muss her. 30 Euro hat die Lampe gekostet, teurer sollte es nicht werden.

Den Fachmann meiner Wahl habe ich schnell ausgemacht. Bei uns um Eck hat ein Elektromeister ein Geschäft aufgemacht. Die Urkunde an der Wand verheißt Sachkunde, die wirre Dekoration und die gut bestückten Stahlregale passen zur schwierigen Aufgabe: Finde ein Ersatzteil für eine 90 Jahre ...weiter lesen

13. April 2014 von Klaus Schrage

Der Kunde als Opfer (2): Scheibenwischer

Zwei berühmte Schutzpatrone haben mich bei meinem zweiten verkorksten Einkauf begleitet: Peter Ludolf und Bill Gates. Der eine, das Schrottplatz-Superhirn, das uns versprochen hat, in einem komplett chaotischem Lager auch das absurdeste Auto-Ersatzteil auf Anhieb zu finden. Der andere, der uns dank Computer eine schöne, neue, einfachere Welt versprochen hat und darüber zum reichsten Menschen der Welt geworden ist. Wie wir alle wissen, hat einer von beiden gelogen.

Wie alle Autofahrer wissen, gehören Scheibenwischerblätter zu den Verschleißteilen. So ein Gummi kann Wind, Wetter und dem Scheuern über schlampig abgekratzte Eisflächen nicht ewig trotzen. Unsere Fensterputzer sorgen dann nicht mehr für vollen Durchblick, sondern hinterlassen Schlieren. Die wiederum führen dazu, dass bei Gegenlicht die Gefahr von Unfällen steigt, deren Folgen auch der nette Mann von ...weiter lesen

11. April 2014 von Klaus Schrage

Der Kunde ist Opfer. Teil 1: Der Toner

Achtung, hier beginnt eine Trilogie. Genauer gesagt, eine Kunden-Tragödie in drei Akten. Ich schreibe sie in der festen Erkenntnis, dass die Menschen in diesem Wirtschaftssystem verarscht werden. Aus Gründen der Authentizität sind fränkische Zitate unvermeidbar. Teil eins: Der Toner.

Ehrlich, ich war stolz auf meinen koreanischen Drucker. Ach was, Drucker. Ein Gerät mit Kopier- und Scanfunktion, eine vervielfältigende Wollmilchsau sozusagen. Und zu einem Preis, der noch vor fünf Jahren für einen Laserdrucker bestenfalls als schüchterne Anzahlung gereicht hätte. Irgendwas knapp unter 200 Euro. Ein allerfeinstes Geiz-Geil-Schnäppchen also. Das Gerät arbeitete gut. Aber dann: Blink, blink, der Toner ist leer. Wir wissen: Der Toner ist dem Drucker sein Akku. Also immer futsch, wenn du ihn dringend brauchst. Auf zur Ersatzbeschaffung.

Erste Station: Eine “Tinten-Tankstelle”. Der Verkäufer mustert den mitgebrachten Toner-Behälter und stellt die gnadenlose ...weiter lesen

6. April 2014 von Klaus Schrage

Wenn das Show-Sofa zum Sarg wird

“Wetten, dass…?” ist nicht mehr. Ja, dieser Satz wird wahr. Die größte Show des deutschen Fernsehen wird Ende des Jahres von uns gegangen sein – nach langem Siechtum. Dieser Tod war absehbar.

Ich zitiere mich einfach selbst. Zum Abschieds-Auftritt von Thomas Gottschalk Ende 2012 habe ich geschrieben:

“Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.

Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch.

So hat sich ...weiter lesen

4. April 2014 von Klaus Schrage

Die lustigen Rentner sind unser Ruin

Ach, diese Rentner. Sie werden uns ruinieren. Sie sind unser Verderben. Wollen bezahltes Nichtstun schon mit 63. Obwohl der Zusammenbruch der Ökonomie droht. Widerliche Egoisten!

Erstmal: Die Debatte ist aufgeblasen. Wer mit 63 ohne Abschläge gehen will, muss ja 45 Jahre als Beitragszahler/-in gearbeitet haben. Daran dürfte der schnelle Abgang öfters scheitern. Aber das ist eine Randbemerkung.

Erstaunlicher ist die Verlogenheit unserer Wirtschaftsbosse. Vor ein paar Jahren wurde das Thema noch ganz anders gehandhabt. Ältere Beschäftigte wurden als Problem gesehen. Sie seien unflexibel, könnten dem technologischen Fortschritt nicht mehr folgen. Außerdem seien sie ständig wochenlang krank oder auf Reha. Und teurer seien die Alten sowieso.

„Jung und dynamisch“ war angesagt. Also wurde in vielen Firmen aufgeräumt. Die Generation Ü50 wurde weggschickt, ...weiter lesen

2. April 2014 von Klaus Schrage

Die neue Show: Zu Gast bei Uli Hoeneß

Ja, es ist so: Uli Hoeneß erweitert unseren Horizont. Im Zuge seiner Steueraffäre haben wir nicht nur erfahren, was einen 62-Jährigen Metzger zum Weinen bringt. Wir entdecken ein für uns bis dahin völlig unwichtiges Thema: Das Leben im Gefängnis.

Da hat also die Justizvollzugsanstalt Landsberg/Lech gut 150 Journalistinnen und Journalisten durch ihre Wohnräume geführt. Es war zu erfahren, dass die Zellentüren mit 20 Quadratzentimetern großen “Kostklappen” versehen sind, dass die Häftlinge im rund 1000 Quadratmeter großen Hof Tischtennis und Schach spielen können und dass der “Generaleinschluss” täglich um 19 Uhr ist. Die Zellen verfügen über ein Waschbecken mit Kaltwasserhahn und über ein Fernsehgerät ohne Pay-TV. Der einzige Luxus für den prominenten Gefangenen könnte eine Zelle in Südlage sein. Diese wäre einfach heller und freundlicher.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer fand den Presserundgang geschmacklos und hat ...weiter lesen

31. März 2014 von Klaus Schrage

Ein Gürteltier, das kein Arsch ist

Ach, es hätte so gut gepasst. Der übermächtige Welt-Fußballverband Fifa als übergroßér Trottel. Weil nämlich das Maskottchen der Weltmeisterschaft “Fuleco” genannt wurde. Und dieses Wort bedeute in Brasilien umgangssprachlich “Arsch”. Welcher Fehltritt!

Reden wir nicht davon, dass Fifa-Maskottchen meistens beschissen ausschauen, Man erinnere sich nur an den völlig verkorksten Zottel-”Goleo”, der 2006 für die WM in Deutschland geworben hat. Diesmal handelt es sich um ein Gürteltier in den brasilianischen Landesfarben, das wie ein Gummi-Schwimmtier vom Discounter erinnert. Bestimmt kein Fan-Produkt, das man sich freiwillig in die Wohnung holen würde.

Aber der Name? Dass es sich um eine Umschreibung für “Anus” handeln soll, meldete in Deutschland zuerst die “Welt”. Ein renommiertes, glaubwürdiges Blatt also. Und so machte die vermeintliche Enthüllung schnell worldwidewebweit die Runde. Witze wie “Leckt’s ...weiter lesen

30. März 2014 von Klaus Schrage

Das Rätsel der anderen Zeit

Na, auch so müde? Schon gestern beim Bäcker gab es an den Kaffeetischchen nur diese Fragen: Wird es jetzt früher hell oder später dunkel? Ist die Nacht länger? Was sagt die Katze, die ihr Fressen später bekommt? Oder kriegt sie es früher als sonst? Werden wir diese schwierige Situation gut überstehen? Richtig erkannt, es ging um die Sommerzeit.

Die alljährliche Zeitumstellung ist ein Rätsel. Wir haben uns mit so Vielem abgefunden: Damit, dass uns Angela Merkel bis 2025 regieren, dass nur noch Bayern München deutscher Meister werden und dass zwecks Klimawandel irgendwann die Welt untergehen wird. Aber bei der Sommerzeit ist das anders. Wir hadern und fragen, was in aller Welt das Ganze bringen soll.

Vielleicht ja, weil es bei diesem Thema Gewinner und Verlierer gibt. Wer im Frühtau zur Arbeit muss, grummelt darüber, dass es morgens wieder dunkel ist. Wer gerne nach Feierabend durch die Wälder joggt, freut sich darüber, dass er dabei die Wurzeln besser sieht. ...weiter lesen

28. März 2014 von Klaus Schrage

Lebenskraft muss billig sein

Wieder ist es da, das ultimative Sonderangebot: Drei Rinder-Minutensteaks für 3,49 Euro, drei Schweine-Riesenschnitzel für 4,49. Nein, in diesem Land muss niemand hungern. Irgendein fettiges Brett kriegt jeder zwischen die Zähne.

Fleisch ist eben ein Stück Lebenskraft. Daran glauben wir seit der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Hungern nach dem großen Krieg war vorbei. In jeder Küche durfte nun täglich gebrutzelt werden. Und wenn nicht, gab es ja immer noch Wurst für das Abendbrot. Sicher, viele Menschen haben dieses Muster überwunden. Auf unseren Italienreisen lernten wir, dass man Nudeln nicht nur für die Buchstabensuppe brauchen kann. Wir mögen auch das Besondere. Wir rollen unser Sushi selbst und kratzen kleine Köstlichkeiten aus Tapas-Schüsselchen.

Essen und Trinken in Deutschland haben sich gewandelt. Davon kündet gerade auch eine große Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Curry- und Bratwurst sind unsere Favoriten geblieben, aber den Toast Hawaii ...weiter lesen

27. März 2014 von Klaus Schrage

Gib mir Sicherheit…

Wir brauchen Sicherheit, wenigstens ein kleines bisschen. Genauso wie das Zootier, das für regelmäßiges Fressen bereitwillig seine Wildheit einbüsst, akzteptieren auch wir seltsame Dinge, wenn uns denn nichts passiert. Zum Beispiel im Flugverkehr.

Nehmen wir einen durchschnittlichen Flug mit Chickenwings (Name von der Redaktion geändert). Hier wird der Passagier zunächst bewusst verunsichert. Er kommt mit einem Gepäckstück, welches nur unwesentlich größer ist als der Schminkkoffer einer in Würde gealterten Film-Diva. Weil er Flüssigkeiten mitführt, möchte unser Flugfreund sein Köfferchen aufgeben. 25 Euro würde der Transport kosten. Mehr, als es im Nebensaison-Sale gekostet hat. Keine Alternative also.

Fortgesetzt wird die Konditionierung des Fluggastes an der Sicherheitskontrolle. Auf Höhe des Schildes „Diskretion“ ist quer über den Boden eine gelbe Linie gezogen. Diese darf auf gar keinen Fall überschritten werden. Sonst folgt, so unsere Befürchtung, ...weiter lesen

23. März 2014 von Klaus Schrage

Der Eiserne Vorhang wirkt noch

Man hätte es im Europa des 21. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten: Da kommt ein “lupenreiner Demokrat” und lässt seine Soldaten ein Stück Land, so groß wie Mittelfranken und Oberbayern zusammen, erobern. Die Krim hat den Besitzer gewechselt. Präsident Wladimir Putin ist der unumstrittene Held des russischen Riesenreiches.

Er wird jetzt schonungslos analysiert. Sein Großvater war ein Koch von Stalin. Sein Vater soll ihn mit dem Gürtel geschlagen haben. Andere Kinder sollen ihn gehänselt haben, weil er dünn und schmächtig gewesen sei. Als KGB-Agent in Dresden musste er sächsisch sprechende Menschen ausspionieren. Demnach wäre da einiges abzuarbeiten gewesen.

Was aber hilft uns das? Keine Ahnung. Sicher, es darf nicht sein, einem souveränen Staat eines seiner Teile einfach wegzunehmen. Andererseits wäre ich heilfroh, wenn aus dieser Geschichte kein militärischer Konflikt wird, in den am Ende auch die Nato hineingezogen werden.

Mir wird ...weiter lesen

18. März 2014 von Klaus Schrage

Energie gibt’s. Aber die Wende?

Da ich erstens fleißig und zweitens der Zukunft zugewandt bin, habe ich mich diese Woche in die Fortbildung gestürzt. Thema heute: Der Klimawandel als journalistische Herausforderung. Das ist er ohne jeden Zweifel. Schon deshalb, weil wir unsere weltberühmte Energiewende kaum hinbekommen dürften.

Man hofft ja, dass man sich nach einer Tagung anders fühlt als nach dem Konsum einer öffentlich-rechtlichen Talk-Show. Das ist nicht wirklich so. Zwar sind die Informationen fundierter, klüger, inhaltsschwerer. Man ist auch nicht durch Chips und Nüsschen abgelenkt. Aber am Ende bleibt – hier wie dort – dieses unbestimmte Gefühl, dass es vergebene Liebesmüh sein könnte, die Menschen im Detail zu informieren.

Ich habe gerlernt, dass sich Kohlendioxid-Moleküle in der Atmosphäre bewegen und deshalb Wärme auf die Erde zurückstrahlen. Das sei ein Hauptgrund für den Klimawandel. Dieses Wissen hilft mir kaum. Denn den meisten Leserinnen und Lesern wird das Thema ...weiter lesen

17. März 2014 von Klaus Schrage

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber ...weiter lesen

10. März 2014 von Klaus Schrage

Hoeneß-Prozess: Es lebe die “tätige Reue”

Erster Tag im Prozess gegen Uli Hoeneß. Es lebe die “tätige Reue”. Auf diese hatte sein großer Bewunderer Edmund Stoiber in Günther Jauchs Talkshow immer wieder hingewiesen. Tatsächlich hat der Präsident von Bayern München vor Gericht ein umfassendes Geständnis abgelegt. Aber Reue? Das nehme ich ihm nicht ab.

Zumindest keine Reue in dem Sinn, dass er es bedauert, der Gesellschaft einen zweistelligen Millionenbetrag vorenthalten zu haben. Steuersünder wie er geben zwar zu, einen Fehler gemacht zu haben. Sie beklagen aber in Wahrheit die negativen Auswirkungen auf sich selbst. Ob mit ihren Steuergeldern ein Kindergarten hätte gebaut werden können, ist ihnen egal. Die persönliche Schande ist ihre Tragödie, Auch eine Alice Schwarzer denkt sehr wahrscheinlich so.

Steuersünder/-innen dieses Kalibers denken an ihre Verdienste. Haben sie nicht diesem Land den Champions-League-Sieg beschert? Haben sie nicht den Guardiola nach Deutschland geholt? Haben sie ...weiter lesen