Dobrindt zupft am Gänseblümchen

Man sieht ihn vor sich: Unseren Verkehrsminister Alexander Dobrindt, wie er auf einer Almwiese oberhalb der Autobahn München-Salzburg sitzt, an einem Gänseblümchen zupft und die Worte “die Maut kommt, die Maut kommt, die Maut kommt” murmelt. Da ist einer so fest im Glauben, dass ihn Vernunft nicht interessieren muss. Er will, der Horst will, also muss es sein.

Trefflich könnte man anhand der Pkw-Maut die Psychologie der Realpolitik beleuchten. Die SPD als Koalitionspartnerin mag noch so sehr davon überzeugt sein, dass es sich bei diesem Projekt um Krampf handelt – sie muss es trotzdem mitmachen. Auch in der Union dürfte mancher leiden. So bleiben jene, die sonst so gerne reden, lieber stumm.

Aber ein Problem ist noch da: die EU, natürlich. Diese sieht es immer noch so, dass durch die Dobrindt-Maut “Gebietsfremde”, wie das Verkehrsministerium die Ausländer neuerdings nennt, diskriminiert werden. Das aber ist Sturheit. Denn in Wahrheit werden bloß die Deutschen bevorzugt. Es geht auch nicht anders. Denn wer nicht in Deutschland lebt, zahlt keine Kfz-Steuer und kann sie folglich auch nicht zurückerstattet bekommen. Ist das so schwierig?

Anscheinend schon. Weshalb der CSU-Minister einen Ausweg braucht. Vielleicht sollte er den Ausgleich nicht so offensichtlich infrastrukturnah schaffen. Wie wäre es, wenn die Maut vom Solidaritätszuschlag abgezogen würde? Das dürfte in Brüssel keiner merken. Man könnte auch ganz vernünftig und den sinnlosen Plan beerdigen. Das jedoch wäre ein Sieg der EU über den Freistaat Bayern. Es wäre, als hätte die berühmt-berüchtigte Troika in Seehofers Revier zugeschlagen und dürfte auch noch auf Beifall hoffen.

Völlig klar, dass das nicht geht. Lieber nimmt man in Kauf, dass am Ende doch alle – ohne Steuerbonus – zahlen. Auch das wäre ein Sieg der Leute in Brüssel. Aber sie wären für CSU und Bild die alleinigen Bösen. Und so soll es doch sein…

 

 

WM in Katar: Joseph wird kein Messias mehr

Diese Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass Profi-Fußball immer und überall ist. In manchen Wochen wird an jedem Nachmittag oder Abend gekickt. Aber der wahre Belastungstest kommt erst noch: Die Fifa will die Weltmeisterschaft 2022 in die Vorweihnachtszeit legen. Am 23. Dezember soll Finale sein. Unser Advent als Zeit der stillen Besinnungslosigkeit bekommt einen weiteren Stressfaktor.

So ist sie eben, die Fifa. In ihrer unermesslichen Geldgier hat sie die WM versehentlich in ein Emirat vergeben, in dem es zwecks größter Hitze blödsinnig erscheint, überhaupt Fußball zu spielen. Außerdem müssen die ganzen Stadien auf eine Fläche passen, die nur eineinhalb Mal größer als Mittelfranken ist. Was schon fast wie eine Aufforderung zu gemäßigten Eroberungskriegen wirkt.

Wirkliche Sinnkrisen wird aber der Termin auslösen. Nehmen wir bloß den Einzelhandel. Traditionell waren große sommerliche Sportereignisse ein guter Anlass um für neue Fernsehgeräte das Urlaubsgeld zu verpulvern. Wie machen wir das 2022? Im November kaufen, aber das Geschenk erst nach Weihnachten bezahlen? Verschenken wir Fußballtrikots, Kamelschrei-Tröten und schwarz-rot-goldene Bohrturm-Mützen bereits zu Halloween? Startet der Sale schon Anfang Dezember? Und: Wann, bitteschön, sollen Männer Einkaufen gehen? Der 24. Dezember 2022 ist zwar ein Samstag – doch zwecks Restalkohol könnte dieser Weg kein leichter sein.

Ganz grundsätzlich hätte man von einem Menschen, der wie Blatter Joseph heißt, so viel Respektlosigkeit gegenüber dem christlichen Kommerz nicht erwartet.  Doch das halten wir aus. Die Bibel hat den Fußball vorhergesehen. “Viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor”, kommentierte das zweite Buch Mose das Elfmeterschießen bei großer Hitze. “Sie umgeben mich von allen Seiten; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren”, sagt Psalm 118 über den Widerstand bei Powerplay. Und wer der erste Torwart war, wissen wir auch, denn: “Gott sprach: Noah, geh in den Kasten, ich lass es stürmen.”

Den WM-Gastgebern wiederum müsste ihre Zusammenarbeit mit der Fifa eigentlich peinlich sein. Denn islamische Gelehrte sehen Fußball keineswegs positiv. Sie wünschen sich sportliche Betätigungen, die keine Schäden für Körper und Geist verursachen und weder Neid noch Hass schüren. Das ist in diesem Sport undenkbar.

Aber das ist den islamisten-freundlichen Scheichs an dieser Stelle wurscht. Sie reiben sich die Hände, wenn es im Abendland vor Weihnachten noch mehr Zwist und Streit gibt als ohnehin gewohnt. Und der Blatter Sepp hilft eifrig mit. Er mag im Geld schwimmen, bis er ein U-Boot braucht. Aber Messias wird er keiner mehr.

 

 

Die Revolution kommt. Auch bei uns.

Wir haben wieder ein Feindbild. Es sind nicht mehr die Lokführer, nicht die Piloten. Es sind die Griechen. Ziemlich jugendliche Typen, die ihre Milliardenschulden mit einer dreisten Lässigkeit durch die Gegend tragen. Aber sehen wir sie wirklich als Feinde? Oder sind uns den neuen Regierungs-Hellenen nicht doch ziemlich sympathisch?

Falls ja, es läge in unseren Genen. Seitdem unseren Eltern und Großeltern in den 60-er Jahren mit Käfer und Isetta die Großglockner-Hochalpenstraße bezwungen haben, hatten wir diese gewisse Sehnsucht nach Süden. Wir wurden Zeugen von stundenlangen Mittagspausen, undeutschem Genuss beim Essen und der Fähigkeit, einfach so dazusitzen und das völlig in Ordnung zu finden. Sandstrand statt Bruttosozialprodukt. Seitdem wollten wir, wenigstens ein kleines bisschen, Südländer sein.

Materiell sind wir die Erfolgreichen geblieben. Aber sind wir glücklich genug, um immerzu Kapitalisten bleiben zu wollen? Offensichtlich nicht. Forscher der Freien Universität Berlin wollen durch eine Befragung herausgefunden haben, dass linksextreme Einstellungen  in Deutschland weit verbreitet sind. Ein Sechstel der Bevölkerung hat demnach eine solche Grundhaltung. Immerhin sieben Prozent der Befragten stimmten dem Einsatz politisch motivierter Gewalt zu.

Zudem hielten in der Umfrage der Freien Universiät mehr als 60 Prozent der Befragten das real existierende deutsche System nicht für eine echte Demokratie. 50 Prozent meinten: Wer anders – vor allem links – denke, werde immer stärker von Staat und Polizei behelligt. Schließlich der Gipfel der Erkenntnisse: Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen halten den Sozialismus oder Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei.

Was lernen wir aus alldem? Wir verachten unseren Wohlstand zutiefst. Zumindest so lange, wie wir ihn noch nicht verloren haben. Wir sind Revolutionäre. Wir haben es bloß noch nicht bemerkt.

Stecken wir also die Hände in die Hosentaschen und tanzen grinsend den Varoufakis. Wir lieben unser linkes Feindbild wie uns selbst. Hoch die internationale Solidarität!

 

Das neue Fastengebet: “Mein Freund ist Lokführer”

Ja, es ist wahr: Ich habe den vierten erfolgreichen Tag des neuen protestantischen Fastens hinter mir. Die evangelische Kirche hat ja empfohlen, bis Ostern bewusst auf jedweden Zorn zu verzichten. Man solle versuchen, so die Aufforderung, andere Menschen bewusst positiv zu sehen. Nun denn.

Die Fastenzeit hat in letzter Konsequenz den Sinn, uns unsere natürliche Neigung zur Sünde bewusst zu machen. Bisher haben wir uns an der Völlerei abgearbeitet. Mit einem, wie wir wissen, zweifelhaften Erfolg. Die Menschen werden im Durchschnitt immer dicker. Es ist wahrscheinlich dieser Diät-Effekt. Wer unter Qualen auf Genuss verzichtet, neigt dazu, besonders heftig zuzuschlagen, wenn er wieder darf.

Vermeidbare Todsünden gibt es noch ein paar andere. Man könnte sich fastend an Hochmut, Geiz, Wollust, Neid und Faulheit abarbeiten. Doch auch der Zorn ist beim Herrn nicht wohlgelitten. Er mag gute Gründe haben und grundehrlich sein. Aber ein Wut-Tornado  hinterlässt immer eine Schneise der Verwüstung. Böse Worte holt man nicht zurück.

Gewollte Sanftmut wirkt zunächst weniger schwer, als der Verzicht auf Fleisch und Alkohol. Aber das Zwischenmenschliche ist auch nicht so einfach zu regeln. Beziehungen, ob privat oder im Beruf, sind stets ein verletzliches System von Zuneigung, Gleichgültigkeit und Ablehnung. Niemand kann jeden mögen. Andererseits wissen Kriminologen: Je heißer die Leidenschaft, desto gefährlicher kann es werden, wenn sie sich in Hass wandelt.

Ich habe seit Aschermittwoch nicht gestritten, auch wenn gelegentliches Unterdrückungskribbeln spürbar war. Doch die große Prüfung kann noch kommen. Ich werde in diesen Tagen einen Zug brauchen. Wie rette ich mein Seelenheil, wenn GdL-Chef Claus Weselsky wieder zuschlagen sollte? Mein Plan: Ich werde die Hände falten und zehn Mal “Mein Freund ist Lokführer” murmeln. Wenn das genügen sollte, habe ich es wohl geschafft. Darauf einen Fastenschnaps!

 

 

 

 

Aufgepasst: Aaron ist purer Sex

Es ist eine – manchmal bittere – Wahrheit. Mit der Wahl des Vornamens stellen Eltern entscheidend die Weichen für den Lebensweg ihres Kindes. Sogar das Liebesleben wird davon entscheidend beeinflusst. Denn Männer haben mehr Erfolg bei Frauen, wenn ihre Vornamen mit einem Buchstaben aus der ersten Hälfte des Alphabets beginnen.

Diese Erkenntnis haben Forscher der Queen Mary Universität in London gewonnen. Sie sind der Frage nachgegangen, welche Eigenschaften auf Online-Kuppel-Seiten zum Erfolg führen. Und siehe da: Auf den Namen kommt es an.

Stimmen die Erkenntnisse, dann sorgen Aaron, Achim und Adam als erstgenannte deutsche Vornamen bei Frauen für ein Höchstmaß an Hormonausschüttung. Sexy sind aber auch andere Namen bis zum Grenz-Buchstaben M. Brad Pitt, Casanova, Clark Gable, Franz Beckenbauer, George Clooney und der jeweilige Bachelor sollten demnach definitiv zu den von vielen Musen Geküssten gehören. Sean Connery hingegen ist entweder die bei jeder Regel vorhandene Ausnahme oder ist von seinem Nachnamen gerettet worden.

Auch der Blick in die Politik spricht für die Londoner These. Barack Obama ist ein größerer Frauentyp als Waldimir Putin. Che Guevara ist sexier als Sigmar Gabriel,  Gregor Gysi schlägt Volker Kauder. Angela Merkel ist zwar kein Mann, wird aber häufiger angekreuzt als die meisten anderen angeklickt.

Bei alldem kann man nur feststellen: Erotik ist nicht alles im Leben. Auch die Uwes, Viktors, Willis, Xavers und Yannicks sind feine Kerle. Dass der Name Zacharias weitgehend von den Geburtsurkunden verschwunden ist, passt allerdings ins Bild. Ein richtig großer Mann dieses Namens war im 8. Jahrhundert Papst. Er rächte sich furchtbar und ließ den Verzehr von Hasenfleisch verbieten, weil ihm die Rammler als allzu sitten- und moralgefährdend erschienen. Andererseits brauchte er keine Frau.

So ist es im Leben. Die Gründe mögen unterschiedlich sein, aber ein jeder hat sein Schicksal. Und das fügt sich. So oder so.

 

 

Seien wir faul. Zeit verschwenden wir sowieso

Wer kennt nicht dieses Gefühl? Man hat von seinem Grundrecht auf Faulheit Gebrauch gemacht – und plagt sich nun mit seinem schlechten Gewissen herum. Hätte man nicht in der Zeit des Nichtstuns etwas tun müssen? Darf Stillstand sein? Gerne würde man aus vollem Herzen “Ja” sagen. Aber ein bisschen Magengrummeln bleibt eben doch.

Dabei kommt es oft noch schlimmer: Unser Dasein ist prallvoll mit erzwungenen Pausen. Das hat gerade der ADAC ermittelt. Nach seiner Darstellung gab es auf Deutschlands Autobahnen im vergangenen Jahr 475.00o Staus mit einer Gesamtlänge von 960.000 Kilometern. Dies sei, so der Automobilclub, ein neuer Rekord. Das Volk sei in Staus ziemlich gealtert. Die Autobahn-Stillstände hätten nämlich 285.000 Stunden gedauert. Dies seien umgerechnet mehr als 32 Jahre.

Zwar hat sich der ADAC zuletzt nicht durch ein seriöses Auswerten von Daten hervorgetan. Aber in diesem Fall glauben wir gerne, dass es immer schlimmer wird. Mehr Staus sind logisch in einer Zeit, in der schon die einfachsten Produkte im Onlinehandel bestellt und wieder zurückgeschickt werden. Irgendeiner muss die ganzen Sachen ja fahren.

Zwangspausen gehören dazu. Wenn wir davon ausgehen, dass der durchschnittliche Mensch etwa ein Fünftel seines Arbeitslebens mit dem Warten auf den Feierabend verbringt, gehen auf dem Weg bis zur Rente zirka sieben Jahre. Eltern pubertierender Mädchen vergeuden viel Lebenszeit damit, auf den Einlass ins Bad zu warten.

Aber tun wir nicht so, als würden wir mit unserer Zeit streng haushalten. So haben in den guten Zeiten von “Wetten, dass…?” zirka zehn Millionen Fernsehzuschauer pro Jahr rund 250 Millionen Stunden Lebenszeit vergeudet. Das sind 10,4 Millionen Tage und 28.520 Jahre. Und wenn wir an die Fußballfans denken, die dank Bezahlsender an sieben Tagen pro Woche im Schnitt um die drei Stunden ihres Lieblingssports sehen, wird uns endgültig schwummrig. Die öffentlich-rechtlich ausgestrahlten Spiele kommen schließlich noch dazu. Würden Männer diese Zeit zum Arbeiten verwenden, die Rente mit 42 wäre möglich.

Doch das ist nicht der Punkt. Vielmehr lernen wir gerade, dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen. Zeit verschwenden wir sowieso. Seien wir also faul – und fühlen wir uns richtig gut dabei. (Der Verfasser wechselt hiermit auf’s Sofa.)

 

Wer niest, sündigt nicht

Es gehört zum Wesen der kalten Jahreszeit, dass der Mensch auf existenzielle Lebensfragen zurückgeführt wird. Wenn die Grippewelle übers Land wogt, bewegen uns sogar inmitten zahlloser Weltkrisen vor allem Vorbeugung und Therapie. Zum Beispiel die Frage, wie man richtig niest.

Das Niesen ist als plötzlicher Ausbruch das Tourette-Syndrom unter den einfachen Körperfunktionen. Also hat man in allen Kulturen über seine Ursachen und Folgen nachgedacht. In Spanien war der Aberglaube verbreitet, dass sich jemand mit seiner Schleimeruption auch gleich die Seele aus dem Leib schleudern kann. In Ostasien ging man davon aus, dass im Moment des Niesens an einem anderen Ort jemand über einen redet. Man stelle sich das Näschen von Helene Fischer vor, wenn dies nur ansatzweise stimmen würde. Im alten Griechenland war gezieltes Niesen Teil der Empfängnisverhütung.

Wie auch immer. Wer niest, ist ein Opfer. Nicht einmal die mächtigsten Herrscher dieser Welt können es unterdrücken. Für seine Umgebung ist der Niesende jedoch meistens ein Problemfall. Wenigstens dann, wenn er es nicht schafft, diese Übung bloß mit einem unterdrückten Quietschen zu erledigen. Wer urplötzlich losdonnert, erschrickt andere Menschen zu Tode. Und er bringt sie gefühlt an den Rand desselben, indem er sie mit einem scharfen Sprühregen aus Viren und Bakterien benetzt. Bis zu 160 km/h kann die ausgeatmete Luft erreichen.

Was aber hilft? Der Benimm-Ratgeber Knigge sähe es am liebsten, wenn man sich noch vor der Eruption ein Taschentuch vor das Gesicht halten könnte. Auch Linkshänder sollten vermeiden, in die rechte Grußhand zu nießen. Wer besonders gesundheitsbewusst ist, nutzt ein ansonsten vergessenes Körperteil, die Ellbogenbeuge. Wer hier entsorgt, schont die nächste Umgebung, sollte aber für den Rest des Tages von Umarmungen absehen.

Schade ist nur eines: Das tröstende “Gesundheit!” ist aus den Benimm-Regeln gestrichen worden. Stattdessen wird erwartet, dass der Nieser “Entschuldigung” sagt. So ist es, in dieser Gesellschaft. Früher kam ein “Helf Dir Gott!”. Heute heißt es “Hilf Dir selbst”. Selbst mit Fieber wird es kälter. Schade, eigentlich.

 

Arbeitgeber sind wie Wasser…

Vorsicht, dieses Land ist in Gefahr. Ein gefräßiges Monster ist unterwegs. Es verzehrt Gewinne, ruiniert famose Firmen und verteuert das Leben für Alle. Es ist der Mindestlohn. Seitdem er gilt, heulen die Chefs.

Der Trost: Arbeitgeber sind wie Wasser. Sie finden immer einen Weg. Der ist manchmal einfach. Wer einen Langzeitarbeitslosen einstellt, darf sechs Monate lang ungestraft Lohndumping betreiben. Auch Praktikanten eignen sich als billige Arbeitskräfte, weil sie die 8,50 € pro Stunde erst bekommen, wenn sie mehr als drei Monate wertschöpfend für ihren Traumberuf üben.

“Bürokratie” als Kampfbegriff geht immer. Darüber jammern zurzeit zum Beispiel die Transportunternehmen. Müssen sie doch die Arbeitszeit ihrer Fahrer dokumentieren. Die Arbeitgeber flehen “Rettet uns!” – aber ist was dran? Wieso kann jeder von seinem Sofa aus verfolgen, auf welcher Autobahn sein bestelltes Paket gerade unterwegs ist, aber nicht, wie lange ein Mensch für die Lieferung am Steuer gesessen ist?

Vielleicht geht das nicht, weil Arbeitsstunden manchmal länger dauern. Wenn ein Zimmermädchen vor dem Mindestlohn pro Stunde vier Zimmer gereinigt hat, bekommt sie jetzt den Auftrag, in dieser Zeit sechs Zimmer herzurichten. Das ist nicht zu schaffen, aber die unbezahlte Zusatzzeit ist eben arbeitnehmerisches Risiko.

Apropos: Machen wir doch abhängig Beschäftigte zu mündigen Unternehmern. Schaffen wir Jobs für selbstständige Schubkarrenfahrer. Diese mieten beim Chefunternehmer Karre und Schaufel und bearbeiten dann die Baugruben 9, 10 und 11. Mindestlohn muss nicht gezahlt werden, denn Freiberufler handeln ihr Honorar selber aus.

Das ist der eigentliche Traum der Ausbeuter. Sie bieten Arbeit an und 20 Tagelöhner balgen sind darum, indem sie sich immer weiter unterbieten.  Das 19. Jahrhundert ist zurück. Der Mindestlohn beginnt bei Null. Fressen dürfen wieder die richtigen Leute.

P. S.: Statt Mindestlohn ging auch Schwarzarbeit. Die Bundesregierung weiß das und hatte deshalb geplant, beim Zoll jedes Jahr 160 zusätzliche Kontrolleure auszubilden. Inzwischen ist man davon abgekommen. Man verstärkt mit ihnen lieber die Polizei. Offizielle Begründung: Die islamistische Bedrohung. Die Isis-Mörder helfen beim Lohndumping? Wenn sie das bei Pegida erfahren, dann gnade uns Allah und jeder andere Gott.

 

Unsere Verehrung, Frau Kanzlerin

Sehen wir den Dingen in die Augen: Es muss Liebe sein. Wir verehren unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel wie keine andere Frau. Wie nur, kann das sein?

Unsere Spitzenfrau hat ja eine ganz eigene Geschichte. Lange Zeit wurde sie als “Kohls Mädchen” belächelt. Wir waren uns einig, dass eine Frau, noch dazu eine mit dieser Frisur, nie und nimmer unsere Republik führen könnte. Aber es kam anders. Vormalige Platzhirsche der Union wurden reihenweise zusammengefaltet, eingetütet und entsorgt. Merkel beherrscht die Kunst, Macht brutal anzuwenden, dabei aber stets verbindlich zu wirken.

Das ist wichtig, denn die Sehnsucht nach Reinheit und Sanftmut ist groß in unserem Land. Der zweite Platz ging bei der Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes You Gov an die blutjunge pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai.

Wie elend ist jedoch die Lage der Männer? Sie schaffen lediglich Beliebtheits-Bronze – und zwar durch einen altersweisen Kettenraucher. Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist der Umfrage zufolge der drittmeist bewunderte Mensch in Deutschland. Nicht der wirtschaftsweise Minister Sigmar Gabriel, nicht der Erfinder der Schwarzen Null, Wolfgang Schäuble und auch auch nicht der allwissende Cem Özdemir liegen vorne, sondern ein 96-jähriger Politiker von damals.

Was läuft da schief? Gibt es keine tollen Männer mehr? Ist der famose Horst Seehofer zu bayerisch, um gesamtdeutsch zu reüssieren? Ist die Zeit gekommen, um den Weltfrauentag am 8. März in Zukunft dem neuen schwachen Geschlecht zu widmen?

Es sieht ganz danach aus. Aber eine Frage muss noch erlaubt sein: Wo bitteschön, war Papst Franziskus? Wo war Manuel Neuer? Jawohl, jetzt gibt es Blumen für Angela Merkel. Aber trotzdem, liebe Frauen. Freut Euch nicht zu früh. Der Wind dreht manchmal schneller als man denkt.

 

Ekel-Essen macht uns nur noch stärker

Also sprach meine ehrenamtliche Medienberatung: “Wenn du Klicks willst, musst du über das Dschungelcamp schreiben.”Ja, stimmt schon. Aber irgendetwas in mir sträubt sich. Ich habe nämlich von der aktuellen Staffel nur 15 Minuten gesehen. Sachkunde vorzutäuschen, hieße demnach Lügenpresse sein.

Die wahrhaftige Dschungelcamp-Presse ist die Bild-Zeitung. In ihr habe ich als vermutlich nicht gelogene Meldung gelesen, dass eine gewisse Maren Gilzer einfach alles runterschluckt. Die somit zur Dschungelköniging Gewordene war in den 80-er Jahren eine ausgesprochende Katalog-Schönheit. Nach dem Start des Privatfernsehens drehte sie in einer Sendung namens “Glücksrad” Buchstaben um. Sie war die Händlerin, bei der man ein “E” kaufen konnte. Auch ich fand sie damals nicht unsexy.

Ihr Dschungelcamp-Auftritt ist nicht würdevoll, aber lehrreich. Wir erfahren nämlich, dass den essenden Menschen nahezu nichts umbringt. Auch die ekligsten Körperteile ekliger Tiere haben irgend einen Nährwert. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.

Und um das zu wissen, brauchen wir keinen Dschungel. Eine Pute aus einem ostwestfälischen Mega-Stall ist wohl kaum gesünder als eine Kakerlake aus australischer Freilandhaltung. Also haben wir uns doch nicht so. Probieren wir etwas Neues.

Zumindest eines ist sicher: Der Glaube, dass ein hoher Preis für Qualität bürgt, ist zumindest unter Männern nicht so weit verbreitet. Gemäß einer aktuellen Statistik ist das billige Oettinger das beliebteste Bier der Deutschen. Es siegte knapp vor Krombacher. Jenem Bier, dessen Verkauf schon mal der Aufforstung des brasilianischen Dschungels diente.

Fazit: Wir bleiben uns treu. Vielleicht ekeln wir uns manchmal. Aber wenn, dann bitte bodenständig.