Die aufrechten Anständigen sind wichtiger denn je

Man bekommt das Gruseln. Wahrscheinlich noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg treten Neonazis so offen und dreist in Erscheinung. Und noch nie haben sie so viele brave Mitläufer gefunden. Es hat sich etwas Übles zusammengebraut in diesem Land.

Es wird wirklich Zeit für den “Aufstand der Anständigen”. Dieser war, nach fremdenfeindlichen Verbrechen der Vergangenheit, ein wiederkehrender Aufruf. Man dachte, das Problem sei ein Vorübergehendes und könnte beseitigt werden. Leider falsch.

Eher scheint es so, als würde die oftmals besoffene Gewalt von Rechts zum alltäglichen Geschehen. Staunen muss man darüber nicht. Wer keine Perspektive hat, wird anfällig für Hass und die wachsende Ungerechtigkeit Land ist nicht zu übersehen. Die Hartz-Gesetze mögen der Konjunktur gut getan haben, aber sie führen dazu, dass eine große Zahl von Menschen vom Wohlstand abgekoppelt wird.

Nach Angaben der Gewerkschaften gibt es alleine im Großraum Nürnberg 60.000 Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren. Befristete, prekäre Jobs sind nicht mehr die Ausnahme. Und wer in Hartz IV gefallen ist, muss als “Kunde” der Arbeitsagenturen auch gleich ein paar Grundrechte abgeben. Freie Wahl des Arbeitsplatzes? Unverletzlichkeit der Wohnung? Recht auf Eigentum? Freie Entfaltung der Persönlichkeit? Ist weg oder eingeschränkt – wie bei einem Häftling. Wer Hartz IV braucht, lebt in einem Gefängnis.

Nun gibt es ausreichend reiche Deppen. Wer arm ist, gröhlt auch nicht automatisch mit dem rechten Mob.

Trotzdem: Starke Worte aus jeweils aktuellem Anlass bekehren keine Rassisten und jene, die sich mit ihnen solidarisieren. Die  Aufgabe, eine offene und gerechte Gesellschaft zu gestalten, endet nicht im Umfeld der Flüchtlingsheime. Sie ist viel, viel größer. Ohne aufrechte Anständige, die die Politik auf Trab halten, wird es nicht gelingen.

 

Die Sehnsucht nach der besseren Welt

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Seitdem Krisen in unserem Umfeld unaufhaltsam zunehmen, mehren sich die Berichte in Sachen Weltall. Als hätten wir hier auf der Erde nicht genug zu tun, lesen und sehen wir zusehends Texte und Bilder rund um die Frage, ob es da draußen andere Lebewesen gibt und ob sich ein Umzug für die Menschheit lohnen könnte.

Wir erfahren von einem deutschen Astronauten und einem fahrbaren Roboter aus Berliner Produktion, die demnächst zum Mond fliegen könnten. Eine Forscherin erprobt im Zuge einer wissenschaftlichen Simulation das Leben auf dem Mars. Die ganz Verwegenen lockt der Planet 452 b als möglicher neuer Lebensraum.

Warum faszinieren uns solche Gedankenspiele so sehr? Nennen wir es romantische Sehnsucht. Wir wissen zwar, dass das Weltall ein überwiegend tödliches Umfeld ist und dass alle für uns erreichbaren Planeten außer Steinen und Staub nichts zu bieten haben. Aber trotzdem wäre es doch schön, einen Planeten ohne unsere Probleme zu finden. Ohne Kriege, verzweifelte Flüchtlinge, kriselnde Währungen, ohne Klimawandel, Pflegenotstand und ohne Lieder von Helene Fischer.

Wenn schon fast alle unsere Versuche, das Paradies auf Erden zu schaffen, in Diktaturen geendet sind, wenn das eigentliche Paradies – je nach Glaubensrichtung – ungewiss oder nur durch Mord und Totschlag zu erreichen ist: Ist es da nicht allzu verständlich, dass man wegmöchte? Wer ins Weltall fliegen kann, hat die Macht, den ganzen Mist zurückzulassen. Und wird vielleicht eine viel bessere Welt mit viel besseren Lebewesen finden. Welch eine Verheißung!

Nun ist irdisch-rationales Denken dem Galaktischen und Intergalaktischen vielleicht nicht angemessen. Tun wir es trotzdem, müssen wir davon ausgehen, dass es kaum einen bewohnten Planeten geben dürfte, auf dem sich Lebewesen nicht von anderen Lebewesen ernähren. Selbst eine rundum vegan organisierte Gesellschaft würde auf diesem Prinzip beruhen. Wenn aber der Vorteil auf Kosten anderer erworben wird, ist das Böse auch in dieser fremden Welt.

Und was könnte wohl passieren, wenn wir in Richtung Planet Sorgenfrei davonflögen? Entweder wir treffen auf eine überragend kluge Spezies, welche vorab wissen würde, was für seltsame Asylbewerber im Raumschiff daherkommen. Oder wir würden Leuten begegnen, deren geistige Entwicklung irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter angekommen ist. Also auf IS-Truppen oder auf Neonazis aus Ostsachsen.

In beiden Fällen würde die Ankunft unserer Abgesandten doch so aussehen: Die Rampe geht herunter, sie treten in ihrem Raumanzügen nach außen, heben freundlich grüßend die rechte Hand – und werden erschossen.

Wir sollten also begreifen: Das Weltall lohnt sich nicht. Unser Platz ist hier. Mit all seinen Problemen. Leben wir unsere Sehnsucht. Lösen wir sie!

 

 

 

 

 

Abweichler? Streitet nicht, wir sitzen lieber auf dem Sofa

Es liest sich so einfach: “Jedes Mitglied des Bundestages folgt bei Reden, Handlungen, Abstimmungen und Wahlen seiner Überzeugung und seinem Gewissen”.  So steht es in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages. Aber wie ist die Wirklichkeit – in Zeiten der Euro-Hilfspakete?

Jedenfalls nicht so einfach. Man könnte anmerken, dass zum Erfüllen dieses Anspruches eine eigene Überzeugung überhaupt vorhanden sein müsste. Das klingt zynisch, aber andererseits: Nicht jeder Abgeordnete kann sich so tief in sämtliche Themen arbeiten, dass er jeweils frei und unbelastet entscheiden könnte. Er braucht jemand, der ihm die Richtung weist. Seien es nun die Kanzlerin, der Fraktionschef oder der Lobbyist mit dem großen Bewirtungs-Etat.

Gewissen? Auch das muss man erst einmal haben. In der realen Politik werden es vor allem redliche Menschen nur selten erleben, dass sie eine Entscheidung mit frohem Herzen zu 100 Prozent mittragen können. Jedes Gesetz ist ein Kompromiss, an dem bis zur Abstimmung alle möglichen Interessierten herumgeschraubt haben. Und es geht immer auch um Macht. Wer nur seinem Gewissen folgt, streut Sand ins Getriebe, legt sich mit seinem Freunden an und ist bald selber weg.

In der Öffentlichkeit wird der Aufrechte selten gelobt. Eher schon winken ihm abschätzige Bezeichnungen wie “Abweichler”. So, wie wir das gerade in Sachen Griechenland-Hilfspakete erleben.

Wie eigentlich, so fragt man sich, ist es um unser Land und um seine Demokratie bestellt, wenn das Vertreten einer zwecks Fraktionsdisziplin nicht genehmen Meinung als lästig oder störend empfunden wird? Warum sind Querdenker unbeliebt? Wie kann es sein, dass wir alle so tun, als wäre es mega-spannend, ob Mutti Merkel bei einer Entscheidung 50, 60 oder 70 Stimmen aus dem Lager fehlen? Obwohl wir wissen, dass es bei der Abstimmung immer noch locker zum Sieg reicht.

Vielleicht liegt es an unserer eigenen Müdigkeit. Wir möchten, dass der Laden läuft. Egal, was hinten rauskommt. Lasst uns in Ruhe mit eurer anstrengenden, hässlichen Politik. Zuviel Streit belastet nur, wir sitzen lieber gemütlich auf dem Sofa. Dass wir dabei ein schlechtes Gewissen, stimmt auch. Aber das ist ein anderes Thema…

 

Kommt, wir drucken das Internet

In welcher langen Partynacht ist diese Idee entstanden? Zwei englische Studenten aus Leicester haben ihren Forschergeist zusammengenommen und sich folgende Frage gestellt: Wie viel Kopierpapier bräuchte man, um das komplette Internet auszudrucken?

Gedanklich klingt das fatal nach der Sekretärin, die einen Brief vorsichtshalber kopiert, bevor sie ihn ins Faxgerät schiebt. Es hat keinen Sinn. Aber andererseits: Das Internet lebt. Nur virtuell zwar, aber oft mit schweren Folgen in der realen Welt. Also liegt Kontrolle nahe – und die funktioniert am besten mit Lochen und Heften. Dann weiß man Bescheid, auch wenn der Strom mal weg ist. Alsdenn.

Wollte man die NSA analog toppen, müssten nach den Erkenntnissen der beiden Studenten rund 4,5 Milliarden Webseiten vervielfältigt werden. Dies wären, bei vorsichtig kalkulierten 30 Seiten pro Webseite rund 136 Milliarden DIN-A-4-Blätter. Aufeinander gelegt wäre dieser Stapel 13.357 Kilometer hoch. -Das entspricht 9200 aufeinander gestellten VW Golf oder 5500 aufrecht gestapelten Fußball-Toren. Das ausgedruckte Internet wäre also viel zu groß für jede Bibliothek dieser Welt.

Andererseits wissen wir, dass weite Teile des Internets auf keine Kuhhaut passen. Es enthält nicht nur – je nach Bildformat – etliche Millionen Seiten an Pornofotos, sondern auch mehr unnützes Wissen als 500.000 Sendungen von “Wer wird Millionär?”. Insbesondere hier erfährt man superschnell, dass der westliche Mensch pro Dusche 62 Liter Wasser verbraucht, dass bei Seepferdchen die Männchen die Kinder austragen, dass Angela Merkel als Kind Eiskunstläuferin werden wollte und dass manche Ameisenarten tauchen können.

Ja, die Informationsflut in der virtuellen Welt ist gewaltig. Aber Angst haben wir nicht. Denn es gibt ja Google. Da schrumpft das Internet auf eine überschaubare Größe, so sehr es sich ansonsten galaxiengleich ausdehnt. Oder wann haben Sie zuletzt auf die zweite Suchmaschinen-Seite geschaut? Vielleicht versehentlich nach einer Party. Ansonsten aber nicht.

 

Erhitzt, erschöpft – und bald in der Sauna

Schier endlos ist die Zahl der internationalen Gedenk- und Aktionstage. Doch manchmal sind sie auf den falsch platziert. Nehmen wir etwa den “Tag des chronischen Erschöpfungssyndroms”. Dieser findet am 12. Mai statt. Jedoch, wir bräuchten ihn jetzt.

Unsere Erschöpfung lässt sich mittlerweile in Wochen bemessen. Das Wetter hat uns machtvoll gezeigt, was uns blüht, wenn es mit dem Klimawandel richtig ernst wird. Diejenigen, die selbst bei kleinsten Regenschauern nörgeln, sind verstummt. Die Zeiten, in denen ein Heinrich Heine mutmaßte, dass ein Sommer in Deutschland bloß ein grün angestrichener Winter sei, sind vorbei. Es brennt von oben. Die Menschen haben es satt.

Und nicht nur die. Igel verdursten reihenweise, Vögeln vergeht das Zwitschern, Fischköpfe donnern im flachen Wasser gegen Kieselsteine. Die Hopfenernte, und damit unser Bier, ist in Gefahr. Mancherorts ist sogar das Gießen der Gärten verboten. Was dazu führt, dass weinende Hobbygärtner zusehen müssen, wie ihr Salat noch in der Erde welk wird. Bis zur großen Invasion von Wanderheuschrecken ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Die Wüste lebt – zurzeit bloß nicht dort, wo sie hingehört. Aus dem Norden Malis etwa wird gemeldet, dass es dort, am Rand der Sahara seit über einer Woche regnet. So stark, dass die ersten, aus Lehm gebauten Häuser eingestürzt sind.

“Es ist furchtbar!”, wird die Lage geschildert. Genau wie hier, wo das Wehklagen jetzt der Hitze, spätestens nach drei Tagen Regenwetter aber dem kühlen Nass gelten wird.  Bei uns wäre allerdings die Rettung nah: Am 24. September ist “Tag der Sauna”. Da passt

 

 

 

“Katastrophen” im Mittelmeer? Das meiste Leid bleibt im Dunkeln

Ja, wir sind beunruhigt. Weil im Mittelmeer Boot um Boot voll ist, weil es nicht mehr zu ertragen ist, wie sich angeblich anständige Bürger in Terroristen verwandeln, Flüchtlingsheime anzünden und “Weg mit dem Dreck” schreien. Ob es anders wäre, wenn wir den ganzen Wahnsinn kennen würden, den die Menschen durchlebt haben, wenn sie es bis zu uns geschafft haben?

Wir reden viel von den “Katastrophen im Mittelmeer”. Die gibt es täglich und wir schauen schockiert zu, weil in der Nähe der italienischen Küste genug Kamerateams sind, die uns Bilder liefern. Das Management des massenhaften Sterbens läuft dann so, wie wir es in unserem behüteten Deutschland von den Lebensmittelskandalen kennen. Es wird “Drama” und “Skandal” gerufen, es werden schärfere Kontrollen und entschlossene Maßnahmen gefordert. Drei Tage später ist Fußball und Kita-Streik. Das Thema gerät in Vergessenheit. Bis zum nächsten Mal.

Die allermeisten anderen Tode bleiben vor unseren Augen verborgen. Wir wissen nicht, was auf der Fluchtroute in die Türkei passiert, die Korrespondenten berichten nur selten über Assads Fassbomben und schildern den IS-Terror aus sicherer Entfernung, und sei es mit Hilfe der Propaganda-Videos. Es gibt keine Filme von den Leichen der Verdursteten in der Sahara, obwohl deren Zahl bestimmt größer ist dürfte als jene der Opfer im Mittelmeer.

Die irrwitzigen Zustände in den Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln scheinen gelegentlich. Aber wer sieht schon TV-Beiträge über die ungarischen und bulgarischen Polizisten, die Flüchtlinge von ihren scharfen Hunden mit sadistischer Gier verfolgen lassen.

Der Fußweg zuvor war lang. Aber es ist so: Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg ist ein Hit, Amir auf dem Trampelpfad durch Serbien ist eine Bedrohung. Zumal er ein Gespenst bleibt. Die Bilder für die große Masse entstehen anderswo. Die ganze Wahrheit bleibt im Dunkeln.  Würden wir sie wissen wollen? Wer mag das von sich sagen?

 

 

 

Ob Kermit oder Merkel: Die Promis sind arm dran

Manches, was uns heftigst bewegt, könnte uns genauso gut egal sein könnte. Nehmen wir die Prominachrichten. Mit einer Mischung aus Voyeurismus und Mitgefühl beobachten wir die Lebensdramen bedeutender Persönlichkeiten. Aber geht es uns wirklich um diese Menschen?

Gerade wurde das Ende einer weltberühmten Beziehung gemeldet: Kermit der Frosch und Miss Piggy haben sich getrennt. „Nach vorsichtigen Überlegungen, überlegten Betrachtungen und be­trächtlichen Kabbeleien haben wir die schwierige Entscheidung getrof­fen, unsere romantische Beziehung zu beenden“, teilten die Stars der „Mup­pet Show“ via Facebook und Twitter mit. Die berufliche Zusammenarbeit der beiden soll aber fortgesetzt werden.

Ernsthafte Zeitgenossen dürften die Meldung mit den Worten “Was soll der Krampf?” kommentieren. Denn wie blöd muss die Menschheit sein, wenn sie sich jetzt schon mit dem Schicksal von Comic-Figuren befasst. Ereilen uns demnächst die Meldungen über die gescheiterten Homo-Ehen von Tom und Jerry und von Fix und Foxi? Wirft sich Minnie Mouse endgültig Gustav Gans an den Hals? Landet Idefix im Tierheim.

Andererseits ernährt sich ein beachtlicher Teil der Medienbranche davon, in seinen Zeitschriften oder Sendungen den Raum zwischen den Anzeigen mit sinnlosen Geschichten zu füllen. Aktuell ist die Ehe von Angela Merkel bedroht, es soll sogar ein Techtelmechtel mit dem Franzosen-Präsidenten Hollande gegeben haben. Eine schöne Frau bedroht das Leben von Prinz Harry, Entertainer Thomas Gottschalk hat eine heimliche Familien in Polen, der Schlagersänger Tony Marshall hat versehentlich eine falsche Tochter aufgezogen.

Die meisten dieser Geschichten stimmen nicht, aber was soll’s? Hauptsache, wir lesen sie. In der wohligen Gewissheit, dass wir weniger Ruhm oder Geld haben, aber im Großen und Ganzen die glücklicheren Menschen sind.

Bei Kermit und Piggy sind wir eh erleichtert. Denn wenn wir uns vorstellen, was herauskäme, wenn sich Frosch und Schwein paarten: Oh, mein Gott…

 

 

Landesverrat? Bürger sind keine fremde Macht

Freiheit und Demokratie lassen sich im Grundsatz von zwei Seiten beleuchten: Entweder man gewährt allen Menschen die volle Freiheit, was zwingend dazu führt, dass mancher seine Möglichkeiten auf Kosten anderer missbraucht. Das Böse ist das Drama der Freiheit. Oder man verknüpft Freiheit mit dem Begriff “wehrhafte Demokratie”. Was dazu führen kann, dass man das bekämpft, was man eigentlich beschützen möchte. Und dass man Staatsfeinde sieht, die gar keine sind.

So wirkt das bei der Affäre um das Internet-Blog netzpolitik.org. Dessen Macher haben im Februar dieses Jahres aufgedeckt, dass der Verfassungsschutz dank einer staatlichen Geldspritze daran arbeiten kann, massenhaft Internet-Inhalte zu erheben und auszuwerten, darunter Kontaktlisten und Beziehungsgeflechte bei Facebook. Ziel sei es, “bislang unbekannte Zusammenhänge” aufzuzeigen.

Die Blogger haben diese Tatsache aufgedeckt und publiziert. Sie haben damit Sand ins Getriebe der so genannten Staatsschützer gestreut, haben aufgeklärt und haben eine beginnende Ausspäh-Aktion zum Thema der öffentlichen Debatte gemacht. Ganz im Sinne vieler Bürger. Kurzum: Sie haben getan, was Journalisten tun müssen.

Der Verfassungsschutz sieht das anders. Er wittert Verrat, genauer gesagt, Landesverrat. Was aber ist das? Paragraph 94 Strafgesetzbuch sagt dazu: “Landesverrat begeht, wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelmänner mitteilt oder sonst an einen Unbefugten gelangen lässt oder öffentlich bekanntmacht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen, und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik herbeiführt.”

Bestimmt ist es so, dass ein Generalbundesanwalt über Ermittlungen nachdenken muss, wenn ihn eine für die Staatssicherheit zuständige Bundesbehörde dazu auffordert. Aber hätte Harald Range, für den das millionenfache Ausspionieren von Bundesbürgern durch die US-Behörde NSA keine verfolgungswürdige Straftat darstellt, nicht sofort erkennen müssen, dass es im konkreten Fall keiner Ermittlungen bedarf? Jedenfalls dann nicht, wenn er an den hohen Wert der Pressefreiheit gedacht hätte. Oder betrachten Menschen, die sich wie er um Sicherheit kümmern, die Bürger als “Unbefugte” oder als “fremde Macht”?

Diese Affäre muss schnellstmöglich beendet werden. Wir wiederum sollten wach sein gegenüber jenen, die vorgeben, uns zu beschützen. Vielleicht halten wir es mit dem klugen Briten Oscar Wilde: “Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend der Menschen”, sagte er völlig zurecht. Wem das zu poetisch ist, erinnert sich einfach an diesen Graffiti-Spruch: “Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.”

In diesem Sinne: Danke netzpolitik.org!

Wem gehört die Zeit?

“Gott hat dem Menschen Zeit gegeben. Aber von Eile hat er nichts gesagt.” So lautet ein türkisches Sprichwort. Das klingt anheimelnd und nett. Doch ist das hier beschriebene Recht auf Faulheit eine Verheißung? Nein! Nie mehr!

Seit Erfindung der Flatrate lebt der moderne Mensch in zwei Welten, analog und digital. Das fordert uns heraus. Um auf jeder Daseinsebene mitmischen zu können, sind wir immer und überall auf Empfang. Wir verpassen nichts mehr und sind allzeit bereit, um unseren Kunden zu dienen. Schließlich sind Beruf und Geld der Maßstab für den Sinn unserer Existenz.

Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber reicht uns zu diesem Zweck hilfreich die Hand. In einem Positionspapier hat diese ehrenwerte Vereinigung festgestellt, dass die digitale Welt voller Chancen stecke. Dort gebe es enorme Umsätze und Gewinne, die nur darauf warteten, eingesackt zu werden. Was auch klappe, wenn man nicht zu viele Pausen macht.

Jedoch, es gibt Gesetze. Diese besagen zum Beispiel, dass ein Acht-Stunden-Tag die Regel sein und ein Zehn-Stunden-Tag die absolute Obergrenze sein sollen. Diese verlangen, dass nach spätestens sechs Arbeitsstunden eine Pause von mindestens einer halben Stunde gemacht werden und dass zwischen Arbeitsende und -beginn eine Ruhephase von mindestens elf Stunden liegen muss.

“Nostalgie”, “veraltet”, rufen da die Arbeitgeber. Das Heil der Zukunft sei die Flexibilisierung. Nichtstun ist verschenkte Lebenszeit, wer im Urlaub seine E-Mails nicht wenigstens liest, ist ein unbrauchbarer “Low Performer”.

Man könnte das Richtige tun, nämlich den Arbeitgebern eine lange Nase machen, pünktlich die Firma verlassen und sich gemütlich auf’s Sofa oder in eine Pilsbar setzen. Das wäre richtig, denn niemand ist unendlich belastbar. Und wer Burnout hat, ist im Durchschnitt sieben Wochen krank. Der Marathon im Hamsterrad macht kaputt, ein Dauerkranker kostet bloß.

Aber sieht das diese Gesellschaft so? Als in Nürnberg bekannt wurde, dass im Hauptbahnhof ein Discounter eröffnet und an allen sieben Wochentagen von 6 bis 22 Uhr geöffnet sein soll, erhoben Kirchen und Gewerkschaften zarte Einwände. Gerade am Sonntag müsse das doch nicht sein. Die überwiegende Reaktion des Volkes? Diese überbewerteten, gestrigen Organisationen sollten den Mund halten. Konsumenten wollen Freiheit!

Es scheint, dass das stets erreichbare Smartphone die Massen erfolgreich sozialisiert hat. Aber auch dessen Akku ist mal leer. Wenn also die Frage “Wem gehört die Zeit?” auftaucht, sollte man gelegentlich einfach “Mir!” sagen. So viel Luxus muss erlaubt sein.

 

 

Der Wetterfrosch muss Commandante werden

Es ist wieder passiert: Ich habe lange nachgedacht, ob ich aus dem Haus gehen soll. Ich habe überlegt, ob ich das Auto stehen lassen soll. Und ob es ohne Regenjacke geht. Denn es gab eine Sturmwarnung. Passiert ist: Fast nichts. Und so geht das seit gefühlten zwei Wochen. Wir werden vor Katastrophen-Wetter gewarnt, aber die Wolken ziehen irgendwie an uns vorbei. Was ist bloß los?

Ich habe da mittlerweile meine ganz eigene Verschwörungstherie. Ich glaube, dass der Wetterbericht als verlässliche Dienstleistung ein Opfer des raubtierkapitalistischen Privatisierungswahns sowie des allgemeinen Trends zur Banalisierung geworden ist. In Italien zum Beispiel wird der Wetterbericht von einem ernst blickenden Mann vorgetragen. Dieser trägt eine blaue Luftwaffen-Uniform und hat den Dienstgrad Commandante. Auf seine Prognosen kann man gut vertrauen.

Behördliche Vorhersagen – gibt’s das nicht auch bei uns? Schon, aber die sind wohl nicht mehr zeitgemäß. Wer will sich Sonnenscheindauer und Niederschlagsmengen von einem schlecht gekämmten Amts-Meteorologen ankündigen lassen, wenn die private Konkurrenz schöne blonde Frauen und lustige Männer vor die Kamera stellt? Der Umsatzverlust kostet Planstellen, die Arbeit wird schlampig, Prognosen werden zum Orakel. Am Ende ist der Wetterbericht nur noch Show. Falsch, aber immerhin unterhaltsam.

Und dieser Trend ist so gut wie unumkehrbar. Denn traurige Profi-Meteorologen leiden selbstverständlich mehr unter der gesellschaftlichen Missachtung ihres Wissens. Sie sitzen einsam in Pilsbars oder schauen als Frührentner auf Parkbänken sitzend mit trübem Blick in den Himmel, der ihnen nicht mehr gehört. Ihre Behörde wiederum behandelt das Vorhersagewesen unter dem versicherungstechnischen Aspekt. Wer Katastrophen vorhersagt, die nicht eintreffen, kann nicht verklagt werden. Umgekehrt vielleicht schon.

Die so ausgelöste Desinformation ist gewaltig. Die Not ist groß. Wahrscheinlich bleibt nur eine Lösung: Schlagen wir die Brücke zurück zur öffentlich-rechtlichen Prognose. Fangen wir uns einen Wetterfrosch und befördern wir ihn zum Commandante. Der kann das. Mindestens besser.