Lug und Trug: Auch Autofirmen kennen sich aus

Die Überzeugung, dass uns Banken nach Strich und Faden betrügen, haben wir schon lange. Doch es gibt eine andere mächtige Sparte innerhalb des Wirtschaftszweiges „Lug und Trug“: Es sind die Autohersteller. In Verbindung mit ihren Werkstätten werden sie mitunter unerträglich.

Gerade läuft das von Staat und EU begleitete Programm „Rettet die Luxusautos“. Im Jahr 2020 darf die Neuwagenflotte jedes Herstellers nur noch maximal 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Das ist bei dicken Limousinen oder SUV’s kaum hinzukriegen.

Also wird getrickst. Das Messen des Verbrauchs erfolgt unter Laborbedingungen. Und so kommen selbst richtig große Karossen auf Werte, die meine Ente vor 30 Jahren nicht geschafft hat.

Absurd wird es, wenn Elektromobilität ins Spiel kommt. Dann werden Autos als so sparsam dargestellt, dass man sich fast schon fragt, wo man nach einer Urlaubsreise die überschüssige Energie ins Netz einspeisen kann. Möglich ist das natürlich nur, weil Fahren mit Strom angeblich keinerlei Belastungen der Umwelt auslöst.

Welche Verarsche! Aber das ist nichts gegen Begegnungen mit Vertragswerkstätten der Hersteller. Hierzu eine wahre Geschichte:

In meiner Verwandtschaft fährt jemand einen 14 Jahre alten Lancia Lybra. Dieser hatte einen Motorschaden. Eine freie Werkstatt tauschte den Motor aus, kurz darauf blieb der Wagen wieder stehen, mutmaßlich wegen defekter Steuerungsgeräte.

Solche Geräte kontrollieren (so mein frisch erworbenes Halbwissen) die Zentralverriegelung und die Benzinzufuhr zum Motor und sorgen auch dafür, dass die Wegfahrsperre nicht sinnlos aktiviert wird. Letzteres war offenbar passiert.

Müsste da nicht eine original Fiat-Lancia-Werkstatt helfen können? Nein, hieß es von dort, alte Steuergeräte könne man nicht mehr am Computer „auslesen“. Man müsste es austauschen. Und da sei zu sehen, dass es neue Ersatzteile nur für bis zu zehn Jahre alte Autos gebe. Gebrauchte Teile baue man als Vertragswerkstatt aber nicht ein.

Da bleibe nur der Schrottplatz. Für 80 Euro sei man bereit, den Wagen dorthin zu bringen. Die Erkenntnis, dass man nichts tun kann, kostete – nach offenbar beschwerlichen Tests – 200 Euro. Die vorherige Reparatur 1600 Euro.

Du kannst in einer solchen Situation jammern, betteln, schimpfen. Du kannst fragen, ob das bedeutet, dass ein über zehn Jahre altes Auto, an dem ein unbegabter Dieb herumgeschraubt hat, zwangsläufig für immer stillgelegt ist. Du kannst feierlich erklären, dass es verrückt ist, Autos der Marken Fiat und Lancia zu kaufen, wenn es nach zehn Jahren keine Ersatzteile mehr gibt.

Am Ende erklärt dir der Mechaniker Folgendes: „Das mit den zehn Jahren ist eine Richtlinie, ich denke, so eine EU-Richtlinie.“ Man sollte einmal wissenschaftlich untersuchen, wie lange es bei Diskussionen über Missstände im Durchschnitt dauert, bis die EU schuld ist. In mir reift eine andere Erkenntnis: Um Hassprediger zu werden, brauchst du keine Religion. Manchmal reicht schon dein Auto in der Werkstatt.

Danke, so ein Kopftuchstreit tut gut

Ja, es ist wahr. In diesen elend schweren Zeiten mit Irak, Syrien, Ukraine, Ebola, AfD und 1. FC Nürnberg sehnt sich der Mensch nach überflüssigen Konflikten oder erträglichen Skandalen. Und die gibt ese. Aktuelles Beispiel: Kirchliche Einrichtungen dürfen ihren Mitarbeiterinnen das Tragen von Kopftüchern verbieten.

Durchgesetzt hat dies ein evangelisches Krankenhaus in Bochum vor dem Bundesarbeitsgericht. Tja, und da fragt man sich schon. Angenommen, man ist gerade mit dem Kopf gegen die Türkante gestoßen und möchte, dass die Platzwunde schnellstmöglich genäht wird: Achtet man dann darauf, ob die Putzfrau ein Kopftuch trägt, die sie als Reinigungsfachkraft ausweist, die grunsätzlich in Richtung Mekka kehrt? Würde ich mich bedroht fühlen, wenn die Assistenzärztin, die mir vor der Operation Blut anzapft, demonstrativ ihr Haar verhüllt? Fürchte ich salafistische Gehirnwäsche, weil die Erzieherin im Kindergarten als Muslima erkennbar ist? Belastet es mich als Altenheimbewohner, wenn die Küchenhilfe termingerecht den Gebetsteppich ausrollt.

Das ist doch Unsinn. Zumal der größte Feind des nach dem Paradies strebenden  Menschen, die lebenslustigen Atheisten sind. Jene Zeitgenossen, die frech behaupten, dass es die Auferstehung gar nicht gibt. Während andere mühsam daran arbeiten, durch irdisches Wohlverhalten einen Platz auf einer rosa Wolke zu bekommen. Hat man je gehört, dass Gottesleugner einheitliche Mützen tragen? Tja, und so dürfen die einen machen was sie wollen, während die anderen, die ihren Glauben zeigen, mit Repressalien und Jobverlust bestraft werden.

Richtig ist das auf gar keinen Fall. Denn nicht zuletzt ist es ja so, dass das Verhüllen des Haupthaares auch in christlichen Kreisen vorkommt. Sollen die Nonnen und Diakonissen jetzt wallende Mähnen tragen, damit die Welt wieder ins Lot kommt? Müssten nicht 80 Prozent aller Marienstatuen aus den Kirchen entfernt werden?

Oder schaffen wir den Kompromiss – mit Kopftüchern, die mit einem stilisierten Heiligenschein bedruckt sind? Darauf müssten sich doch Menschen aller Religionen einigen können. Am Ende ärgern sich nur noch die Atheisten. Aber die haben es ja auch verdient.

 

Schade, Ihr Schotten! Wir hätten Euch gebraucht…

Ach, Ihr Schotten! Ihr wart unsere Hoffnung. Wir hatten gedacht, Ihr würdet es machen, wie wir es von Mel Gibson alias Braveheart kannten. Ihr würdet die Röcke hochheben und den Engländern ein für allemal den nackten Hintern zeigen. Und so ein Beispiel für uns Franken setzen.

Eigentlich träumen wir doch schon lange davon, uns selbstständig zu machen und die Oberbayern ihrem Schicksal zu überlassen. Sollen sie doch den Seehofer behalten, Modellautos bauen, sich an Oktoberfest-Dirndln und an den Bergen erfreuen. Wir haben den Horizont! Der zählt viel mehr. Bussi-Bussi ist nicht unser Ding. Wir sagen ehrlich, ob wir jemand mögen oder nicht.

Und diese Perspektiven! Vom Bau teurer Autos würden wir zwar nicht mehr profitieren. Ebensowenig wie von den High-Tech-Produkten der obayerischen Panzerschmieden. Aber wir wären Weltmarktführer bei Dingen, die die Menschen wirklich brauchen: Bratwürste, wirklich gutes Bier, herben Qualitäts-Wein, Sportklamotten zum Abtrainieren der Genuss-Folgen und Jesuskinder, die Mädchen sind und blonde Perücken tragen.

Grandiose Möglichkeiten hätten wir aber auch auf anderen Feldern.  Die CSU müsste sich wieder anstrengen, weil sie nicht zwangsläufig die Landesregierung stellen würde. Wir bekämen einen eigenen ARD-Sender, der viel öfter einen Tatort produzieren würde. Wegen der geringen Kriminalitätsrate wäre unser Landeskriminalamt mit der Aufklärung von Sellerie-Diebstählen im Knoblauchsland ausgelastet.

Und wenn wir richtig ernst machen, regeln wir auch die Mutter aller Themen, den Fußball. Der 1. FC Nürnberg würde, wenn auch in einem gewissen Wechsel mit Greuther Fürth, wieder regelmäßig Landesmeister. Er würde in der Champions-League-Qualifikation gegen Metalurg Saporischschja obsiegen und dann richtig durchstarten. Die fränkische Nationalmannschaft würde Gibraltar und die Faröer gnadenlos vom Platz fegen und mit rot-weißen Fahnen nach Katar fahren.

Es wäre so schön. Aber es ist anders gekommen. Lieber Mel Gibson, zu schade, dass Du bloß ein Schauspieler bist.

 

 

 

Apple hilf: Wir haben keine Zeit!

Ich habe keine Zeit! Wahrscheinlich gibt es kein Gefühl, das die Menschen in diesem Land mehr verbindet. 35-Stunden-Woche? 30 Tage Urlaub? Egal, wir glauben fest daran, dass unser Leben viel zu eilig an uns vorbeirauscht. Nicht wir haben unser Dasein im Griff, sondern die Zeiger der Uhr.

Somit ist es absolut zeitgemäß, wenn uns die Firma Apple ein Smartphone als Armbanduhr anbietet. Dorthin schauen wir ohnehin dauernd. Und da dieses Gerät fest mit dem Besitzer verbunden ist, hilft es uns mehr als jedes Handy in unserem Bemühen um Effizienz. Schließlich muss, wer keine Zeit hat, zusehen, dass er welche freischaufelt. Was natürlich leichter ist, wenn man weiß, wie viel Zeit man für welche Tätigkeit verschwendet.

Für den Durchschnittsmenschen gibt es neuerdings belastbare Werte. So will eine britische Organisation namens Macmillan Cancer Support herausgefunden haben, dass der Westeuropäer pro Jahr 6,8 Tage auf dem Klo sitzt. Was man durch das Abschrauben der Schüssel ändern könnte. Auf dem Stehklo geht’s nämlich schneller. Nur unwesentlich länger, nämlich 7,9 Tage pro Jahr, sucht der Mensch nach irgendetwas. Meine iWatch würde hier einen deutlich höheren Wert anzeigen.

Angeblich 11,9 Tage pro Jahr wird unsere Wäsche gewaschen. Fast genauso lange, nämlich 11,3 Tage, sind wir nach dieser Statistik erkältet.

Und wir warten und warten: So stehen wir 2,3 Tage pro Jahr für irgendetwas in der Schlange. Wir warten 2,2 Tage darauf, dass die Ampel von Rot auf Grün springt. Schließlich hängen wir 1,7 Tage pro Jahr in einer Telefonwarteschleife. Welche ja wiederum eine Erfindung der Neuzeit ist.

Alleine für diese wunderbaren Tätigkeiten ist somit rechnerisch ein Jahresurlaub zu opfern. Unglaublich – und deshalb brauchen wir die Apple-Uhr, damit wir alles registrieren, analysieren und gnadenlos benchmarken können. Denn Zeitgewinn macht glücklich.

Wobei: Ein bisschen droht auch hier der Dobrindt-Maut-Effekt. Es könnte nämlich sein, dass das Erfassen und Auswerten der Daten mehr Zeit verschlingt, als man durch Effizienz  gewinnen kann. Verschieben werden sich die Messwerte sowieso. Weil immer mehr Menschen immer öfter auf die Uhr schauen, werden wir mehr Zeit als bisher mit Ellenbogen-Operationen verbringen. Aber vielleicht sind wir dann seltener erkältet…

 

 

 

Papa kommt mit dem Rollator

Reden wir von Gewissheiten: Es soll ja Zeiten gegeben haben, in denen junge Menschen sicher waren, dass es ihnen einmal besser gehen würde als ihren Eltern und Großeltern. Unmittelbar nach dem Krieg war diese Erwartung extrem naheliegend, aber sie hielt sich – durch Fakten gestützt – noch einige Jahrzehnte lang.

Diese grundlegende Zuversicht ist geschwunden. Der moderne Mensch weiß, dass er sich zunächst einige Jahre im Beruf bewähren muss, ehe er an Luxus denkt. Die Befristung will ja überwunden sein. Und Kinder sind, wie wir alle wissen, eine sündhaft teure Angelegenheit. Was man auch daran sieht, dass kinderlose Paare mit doppeltem Einkommen im schicken Cabrio, Eltern jedoch in einem viereckigen Pseudo-Transporter mit niedriger Ladekante sitzen. Paare ohne Anhang genießen ein Candle-Light-Dinner, die anderen beim Elternabend.

Unterm Strich ist es jedenfalls so, dass sich immer mehr Frauen Zeit lassen, bis sie sich für ein Kind entscheiden. 22 Prozent der Gebärenden in Deutschland sind 35 Jahre oder älter. Noch deutlich höher ist dieser Anteil in den Krisenländern Spanien mit 34 und Italien 33 Prozent.

Und: Weil zum Kind bei Verzicht auf hilfreiche Medizin das andere Geschlecht gehört, wird die Sache zusätzlich kompliziert. Denn immer mehr Männer bleiben so lange bei den Eltern wohnen, bis für sie dieses Sprichwort greift: “Einen alten Baum verpflanzt man nicht.”

Weil Zeugung ohne die gleichzeitige Verfügbarkeit der Zeugenden nicht möglich ist, ist der Trend klar: Immer mehr Eltern werden Ältern, Mami muss zur Einschulung die grauen Haare färben, zur Abi-Feier kommt Papa mit dem Rollator. Und Urgroßeltern werden zur Rote-Liste-Art. Schade eigentlich!

 

 

 

 

 

Die Hysterie um die islamistischen Warnwesten

“Wehret den Anfängen.” Keine Frage, dieser Satz ist wahr. Aber zurzeit erleben wir unter diesem Motto in Deutschland eine hochgradig hysterische Debatte, und zwar um diese Wuppertaler “Scharia-Polizei”.

Die Berichterstattung in den Medien wirkt, als hätte sich bei uns der islamistische Höllenschlund geöffnet und würden ab sofort Kopfabschneider mit Müllwerker-Warnwesten durch unsere Innenstädte marodieren. Ich habe da Zweifel, denn die Inszenierung folgt einem allzu bekannten Muster.  Zuerst, am Donnerstag und Freitag, bringt die Bild-Zeitung das Thema auf, indem sie das Gruppenbild einiger mutmaßlich salafistischer Suppenkasper zeigt. Über das Wochenende folgen dem Leitmedium vom Boulevard andere Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Die allgemeine Besorgnis steigert sich zur Empörung – was schließlich dazu führt, dass vor allem konservative Politikerinnen und Politikern ihr rhetorisches Beschützer-Modul aktivieren.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wertet das Wuppertaler Tugendschlurfen als Kriegserklärung an den deutschen Staat. Er fordert einen Sondergipfel der Innenminister. Und eine ganz große Karriere macht diese Schlagzeile: “Merkel fordert entschiedenes Vorgehen gegen die Scharia-Polizei.”

Bin ich dafür, mit den Mitteln des Rechtstaates. Wenn religiöse Eiferer meinen, anderen Menschen als “Polizei” belästigen oder gar bedrohen zu können, haben sie einen Denkzettel verdient. Aber: Fundamentalisten gibt es in jeder Religion. Und haben wir es mit den Zeugen Jehovas bisher nicht auch so einigermaßen ausgehalten? Selbst, wenn sie an der Haustüre klingeln? Auch sie sind entschieden gegen Glücksspiel, Drogen und Pornographie.

Ganz neu sind Schlagzeilen über eine Scharia-Polizei nicht. Im Juni 2010 berichtete die Tagesschau, dass islamistische Sittenwächter in Indonesien Frauenkleidung auf ausreichende Tugendhaftigkeit überprüften. Ende November letzten Jahres hat eine nigerianische Scharia-Polizei in einer öffentlichen Zeremonie 240.000 Flaschen Bier zerstört. Gibt es das bald auch bei uns?

Eher mal nicht. Zumal die Salafisten sehr wohl eine Anziehungskraft vor allem auf unzufriedene junge Männer haben. Aber trotzdem eine kleine Gruppe mit extremen Zielen bleiben.

Wichtig ist mir dieser Satz: Der Islam ist nicht böse.

Daran dürfen, daran sollten wir ruhig glauben. Den Warnwesten zum Trotz.

 

 

 

 

Schlechtes Wetter, ganz übler Bericht

Über das Wetter reden – lohnt sich das überhaupt noch? Dieser Un-Sommer mag uns noch ein paar schöne Tage bringen. Aber eigentlich rechnen wir eher mit einem nahtlosen Übergang in den Winter. Der eigentliche Skandal ist aber nicht das Nieselwetter. Es sind die Wetterberichte.

Seit vielen Wochen ist es das immergleiche Ritual: Man verspricht uns, dass sich die Wolken innerhalb der nächsten Tagen verziehen und dass aus 15 zwischen 25 und 27 Grad werden. Und was passiert? Die Sonne bleibt verdeckt, Heizungen werden eingeschaltet, die Hitzeprognose wird jeweils einen Tag nach hinten verschoben.

Der Wetterbericht stimmt nie, zumindest nach unserer Empfindung. Jedenfalls ist er öfter falsch als früher. Woran aber liegt das? Daran, dass Jörg Kachelmann von der Bildfläche verschwunden ist? Jener Mann, der wahrhaft zuverlässig den Draht nach oben hatte? Oder ist es der Internet-Effekt, ausgelöst durch Gratis-Wetter-Apps?

Ist ein zuverlässiger Wetterbericht zu teuer geworden? Wird er von billigen Praktikanten/-innen erstellt, die für Nachrichtensendungen, Zeitungen und Magazine nebenbei auch noch die Horoskope schreiben?

Handelt es sich gar um gezielte Desinformation? Es ist noch in guter Erinnerung, wie der frühere rumänische Präsident Nicloae Ceausescu in harten Wintern den Wetterbericht fälschen ließ, damit sich das Volk mit blaugefrorenen Lippen entweichlichen konnte. Läuft gerade etwas Ähnliches ab? Scheut man die Nachricht, dass es mit dem Klimawandel ganz anders als versprochen läuft? Dass unsere Kiefernwälder eben nicht durch Palmenhaine ersetzt werden, sondern dass es so viel regnet, dass unsere Kartoffeln in der Erde faulen?

Wir wissen es (noch) nicht. Was wir aber wissen, ist: Wir wollen wenigstens ein Mal in der Woche sicher erfahren, ob wir einen Regenschirm brauchen oder nicht. Und ein bisschen Sonne? Ja, das möchten wir auch.

Ein Gedenktag ist wieder wichtig – leider

“Nie wieder Krieg!” So wichtig und zugleich so utopisch war dieser Aufruf schon lange nicht mehr. Rund um diesen Antikriegstag, dem 1. September 2014, scheint alles in die andere Richtung zu laufen. “Überall Krieg” ist unser Gefühl.

Der plötzlich wieder wichtige Gedenktag hat seinen Ursprung im Osten. 1950 wurde er erstmals in der DDR als “Weltfriedenstag” gefeiert, damals zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Jahre später wurde in Westdeutschland vom Deutschen Gewerkschaftsbund zum Antikriegstag aufgerufen. Zuletzt haben ihn viele Menschen als überflüssiges Ritual von notorisch Friedensbewegten belächelt.

Und jetzt erleben wir fassungslos, wie uns der Krieg ganz nahe kommt. Auch, weil er uns eifrig nähergebracht wird. Die “Bild”-Zeitung hetzt gegen Putin und zieht über die westlichen Politiker her, die nach ihrer Wahrnehmung nur reden, reden und reden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt die Menschen darauf ein, dass nicht nur Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sondern dass die Terroristen des so genannten “Islamischen Staat” schon in Kürze in unseren Städten auftauchen werden. Falls man sie nicht mit deutschen Waffen stoppt.

Und so nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Man schickt Kriegsgerät an üble, korrupte Gestalten, um den Blutrausch der vermeintlich komplett Irren vom “Islamischen Staat” zu stoppen. Deren reiche Freunde in Katar reden mit uns  derweil lieber vom Fußball. Und wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, ehe “der Westen” den syrischen Giftgas-Mörder Assad zum Verbündeten erklärt. Was wiederum den russischen Präsidenten mit den kalten Augen mittelbar zum Freund macht.

Ja, man sieht mit hilfloser Wut, dass es tausende Menschen gibt, deren Erfüllung es zu sein scheint, Herr über Leben und Tod zu sein. Deshalb fällt es schwer, zu bedenken, wem all die Waffen in ein paar Jahren gehören und welche Verbündeten die Feinde von morgen sein werden. Die Frage ist zurzeit nur, wie man sich weniger falsch verhält. Für Frieden zu werben, ist aber wieder richtig wichtig. Und richtig- Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

 

Die Welt redet über Glatzen – praktisch sind sie allemal

Wenn wir darüber philosophieren, mit welchen Äußerlichkeiten sich besonders viele Menschen besonders intensiv beschäftigen, riecht es schnell nach Frauenfeindlichkeit. Es würde wohl darum gehen, worüber man(n) halt so redet. Aber es gibt auch ein Schönheitsproblem der Männer, das in fast allen Kulturen der Welt ein Thema ist: die Glatze.

Wie sehr Haarausfall zu globalem Leid führt, wurde jetzt am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn erforscht. Anhand von Bildern unterschiedlich ausgeprägter männlicher Glatzen konnten deren Forscher nachweisen, dass es im Deutschen, Amerikanischen und Japanischen erstaunlich ähnliche Vorstellungen zum Beispiel vom Begriff „Geheimratsecken“ gibt.

Im Amerikanischen heißt die lichte Stirn „widow’s peak“ also “Witwenspitze”. Japaner sagen „emu jigata hage”, soviel wie „M-Form-Glatze“. Der „Kahlkopf“ im Deutschen wird im Englischen „bald“ und im Japanischen „tsurutsuru atama“ genannt – glänzender oder rutschiger Kopf. Große Einigkeit herrschte bei den internationalen Teilnehmern der Studie auch darüber,  ab wann der Haarausfall beginnt und wo er in einen Kahlkopf mündet. Alle wissen Bescheid. Und alle reden darüber.

Die Glatze ist somit wie Knoblauch. Man muss sie ertragen. Aber man kann sich damit trösten, dass ein kahler Kopf ganz praktisch ist. Für die Pflege reichen ein kleiner Plastikkamm und ein Spritzer Möbelpolitur. Man ist davor gefeit, dass einem der Starfriseur flaschenweise Haarpflege-Spezialmittelchen aufschwätzt. Man ist im Bad schneller fertig und muss sich keine Sorgen machen, dass man sich durch das Tragen einer Mütze die Frisur ruiniert.  Man hat tendenziell weniger Schuppen auf den Schultern und seltenst Haare in der Suppe.
Wenn wir also wieder mal unsere Restbestände im Spiegel sehen, grinsen wir einfach frech zurück. Haarausfall signalisiert Lebenserfahrung, Klugheit und Wohlstand. Seien wir stolz und folgen wir einem kleinen Gedicht: Der Glatzkopf der die Glatze fönt, hat mit dem Schicksal sich versöhnt! Was aber ist mit den Sprachforschern in Bonn? Ihnen huldigen wir mit einem Witz: Wann sagen Chinesen mit Glatze “Guten Morgen”? Antwort: Wenn sie Deutsch können.

 

 

 

Beim Eiswasser-Unsinn fühle ich mich alt

Zu Hilfe, ich werde alt! Bisher hatte ich die seltsamsten Windungen des Internets stets amüsiert oder gar interessiert verfolgt. Wirklich schlimm habe ich nichts gefunden. Aber in diesen Tagen kommt mir der Humor abhanden. Das Stichwort lautet “Ice Bucket Challenge”.

Da stellen sich also Menschen vor eine Smartphone-Kamera, erklären, dass und warum sie gleich nass werden und schütten sich dann einen Eimer mit mutmaßlich kaltem Wasser über den Kopf. Männer sagen dann “Brrrrr”, Frauen kreischen so, wie die allermeisten Männer nicht kreischen. Zugleich werden durch das Nominieren anderer Zeitgenossen jeweils drei weitere Mutproben in Auftrag gegeben.

Besonders beliebt ist dieser Spaß bei Menschen, die berühmt sind und noch berühmter werden wollen und die bei dieser Gelegenheit zeigen, dass sie über Humor und Nächstenliebe verfügen. Denn die Eiswasser-Probanden sammeln auch Spenden für die Erforschung der Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Entweder zwingen sie Feiglinge moralisch dazu, sich freizukaufen. Oder sie geben selber ein paar Euros. In den USA sind auf diese Weise angeblich schon um die 100 Millionen Dollar zusammengekommen. 

Es ist ja gut, dass auf ALS aufmerksam gemacht und für dessen Erforschung gessamelt wird. Handelt es sich doch um eine der miesesten Krankheiten überhaupt. Die Patienten erleben bei vollem Bewusstsein mit, wie ihre Muskulatur verschwindet. Am Ende steht der Tod durch Ersticken. Heilbar ist dieses Leiden (noch) nicht.

Das große Wässern ist demnach eine gute Sache. Aber warum mag ich nicht mitmachen? Vielleicht, weil ich lieber doch nicht wie Mark Zuckerberg, Justin Bieber oder Cristiano Ronaldo sein möchte. Vielleicht, weil es mich fatal an das dümmste Ritual des deutschen Fußballs, die weltberühmte Bayern-München-Meisterschafts-Weißbierdusche erinnert. Oder weil ich an diese Kettenbriefe denken muss, bei denen sich ein todkrankes Kind in Florida nichts sehnlicher wünscht, als letzte Grüße von 100 Millionen Menschen aus aller Welt zu bekommen.

Kurzum, ich erlaube mir einen großen Luxus. Ich finde doof, was für die Masse lustig ist. Und dusche weiter warm.

P.S.: Heute hat mich eine Nominierung ereilt. Passt schon, spenden wollte ich eh mal wieder.