Parapluie mit Bindungsangst

O Mann, schon wieder einer, der mit mir Schluss gemacht hat! Lang­sam verzweifle ich echt. Was mache ich eigentlich immer falsch? Dabei hat diesmal alles so schön angefangen mit uns beiden. In einem Klamottenladen sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Ich stand gerade an der Kasse, um einen Fün­ferpack Socken zu bezahlen, als mein Blick auf ihn fiel: Er war so schön, dass mir der Atem stockte. Schneller als ich denken konnte, streckte ich die Hand aus und zog ihn zu mir. Seine Kumpels schauten ihm traurig nach. Aber ich wusste sofort, der oder keiner. Ich packte ihn, zahlte und ging. Endlich hatte ich ihn gefunden: den Regenschirm meines Lebens! Schwarz mit auf­gedruckten Rosen. Ich war sofort verliebt.

Am nächsten Tag stellte ich ihn meinen Freunden vor. Er erntete überall bewundernde Blicke — „ihr passt super zusammen“, war der ein­stimmige Tenor. „Mein Gott, ist der schön!“, entfuhr es meiner Kolle­gin, nachdem ich seine Schwingen einmal kurz aufgespannt hatte. Ich spürte, ich war angekommen. End­lich. Der Rosenkavalier der himmli­schen Schleusen war mein. Und tatsächlich schützte er mich fürsorglich vor niagarafallartigen Regenfällen und ließ mich elegant wie Mary Poppins die Pfützen über­springen. Hätte Audrey Hepburn einen Regenschirm wählen müssen, sie hätte meinen genommen. Mit ihm an meiner Seite fühlte ich mich geborgen, sicher und wunderschön.

Eine ganze Woche lang, dann hat der Mistkerl sich vom Acker ge­macht. In der U-Bahn. Da hat die Romantik aber schnell ein Loch. Hätte er sich nicht einen stilvolle­ren Ort aussuchen können? Das Grand-Hotel oder so? Aber nein, auf dem Weg nach Langwasser Süd verabschiedet er sich. Ich bin ent­täuscht. Auch von der Art seines Abgangs. Statt sich zu erklären, bleibt er einfach feige und still im Abteil liegen. Kein Abschiedsgruß, kein letztes Aufspannen, nichts.

Es sind doch alle gleich. Ehrlich. Regenschirme haben Bindungs­ängste. Dauerhafte Beziehungen, die länger als ein halbes Jahr gehen, sind nichts für diese Aufspanner.
Dabei gilt: je schöner, desto schneller weg. Alte, windschiefe Krücken bleiben natürlich gern bei einem. Die lassen sich sogar hinterhertragen, wenn man sie mal absichtlich im Schirm­ständer vergessen will. Wackelkan­didaten mit halbseitiger Spanner­Lähmung, krummem Stiel oder die, die dauerhaft keinen Schirm mehr hochbekommen, stapeln sich auf meiner Garderobe zuhauf. Eisern warten sie auf den Tag, der mit Si­cherheit kommen wird: Wenn mein Neuer mit mir Schluss gemacht hat. Dann rappeln sie in ihrer Kiste vor Freude. Und ich muss wieder eine der alten Krücken nehmen. Aber diesmal kommt er mir nicht so ein­fach davon. Ich hole ihn mir zurück. Und dann soll er mir im Fundbüro der VAG mal erzählen, was die Nummer bitte sollte.
Ich finde, man sollte einen Verein gründen für alle Parapluie-Verlasse­nen. Und ich weiß, was ich dann übernehme: die Schirmherrschaft.

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Perfekt unperfekt

Immer diese perfekten Menschen: Sie sprechen mindestens zwölf Spra­chen, beherrschen Boldern, Step­pen, Wüstenreiten und Unter-Was­ser- Klöppeln und sehen bei allen Tätigkeiten auch noch verdammt gut aus. 10 Uhr, Mount Everest, die Frisur sitzt. Weil nicht mal die Haare wagen würden, den Perfek­ten in die Quere zu kommen. Wer Pech hat, trifft im wahren Leben auf diese Exemplare der Vollkom­menheit, vor allem in den sozialen Netzwerken tummeln sie sich aber zuhauf. Dort prä­sentieren sie ihr aufregendes Leben am Strand von Hawaii, in Hono­lulu oder auf Curaçao, während wir in Schoppershof oder Langwasser auf dem Sofa sitzen. Während ihr Film „Blaue Lagune“ heißt, lautet unser Titel „Immer nie am Meer“. Den Film gibt es tatsächlich. Er endet nicht happy. Natürlich.

Eine Freundin von mir wird momentan von einer Internet-Be­kanntschaft tyrannisiert. Sie hört auf den schönen Namen „Coconut Bikini-Girl“, und hat alles, was die Freundin nicht zu haben glaubt: per­fekte Erlebnisse, perfekte Karriere, perfekte Körpermaße. Wenn sie nicht gerade in einer coolen Strand­bar Cocktails schlürft, vollführt sie in knapper Kleidung irgendein Work-out. Ohne Schweißflecken unter den Achseln, versteht sich.

Was soll das? Geht das noch mit rechten Dingen zu und ist so viel Perfektion eigentlich erlaubt? Ich glaube inzwischen, die Perfek­ten sind einfach gar keine Men­schen. Sie sind eine Art außerirdi­sche Spezies. Und als solche sollten wir sie auch betrachten, dann kön­nen wir gleich viel gnädiger sein. Denn sie haben es auch nicht leicht mit ihrer Perfektion: Vielleicht würden sie in der Kantine auch mal gerne die Spaghettisoße auf ihr weißes Anzughemd spritzen, allein — sie können es gar nicht! Dank per­fekter Erdanziehungskräfte können sie auch keine Gläser umwerfen, volle schon gleich gar nicht. Mit Rotwein gefüllte dreimal nicht. Bei Vorträgen können sie kein Lampen­fieber entwickeln, keine roten Köpfe und auch kein Rumgegatze. Die Ärmsten, oder?

Beruhigend ist auch dieses Zitat der Schauspielerin Catherine Deneuve: „Charme und Perfektion vertragen sich schlecht miteinan­der. Charme setzt kleine Fehler voraus, die man verdecken möch­te.“ Juhuu! Also stehen wir doch zu unseren Fehlern, wir, die wir dazu befähigt sind. Stolpern wir über Bordsteine, spucken wir beim Essen, lassen wir Ketchup-Flaschen fallen und laufen wir bei öffentli­chen Reden puterrot an. Und zwar einfach nur deshalb: Weil wir es können! Alles wird. Ich zähle auf Sie!

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Mein Computer ist Daniela Katzenberger

„Schau ich weg von dem Fleck, druckt der Drucker wieder ned.“ An dieser Stelle eine kleine, zornige Gesangseinlage auf widerspenstige Geräte mit Starallüren. Davon gibt es bei mir reichlich. Mein Computer zum Beispiel: Er will unbedingt gese­hen werden. Von mir. Meine Augen müssen aufgerissen wie bei „Clock­work Orange“ auf ihm ruhen, sonst macht er — gar nix. Nada.

Schon tausend­mal haben wir das Spielchen gespielt, es ist immer wieder das­selbe. Freudig und meistens auch eilig klicke ich am Feierabend auf seinem Bildschirm „Herunterfah­ren“ an. Solange ich dann vor ihm sitzen bleibe, leistet er dem auch Folge. Aber wehe, ich ziehe schon einmal meine Jacke an. Oder, noch schlim­mer, ich verlasse den Raum, um noch mal für Damen zu gehen. Dann streikt er.
Wenn er die Arme verschränken könnte, würde er es machen. Und wenn er einen ganz schlechten Tag hat, hängt er sich komplett auf. Dann hab ich am nächsten Morgen auch noch was davon.

Lange habe ich gerätselt, woher das Phänomen kommt. Welche Art von Computer-Krankheit hat mein PC? Ich glaube, ich weiß es jetzt: Er hat den It-Girl-Virus. Egal, wie lang­weilig die Handlungen sind — solange man dabei beobachtet wird, ist alles gut. Ich glaube, mein Compu­ter glaubt, er wäre Daniela Katzen­berger! Wobei die wenigstens noch einigermaßen unterhaltsam ist. Und Witze macht bei ihren doofen Aktivi­täten. Aber einem Computer beim Herunterfahren zuzuschauen? Dage­gen ist jeder Tatort spannend, ehrlich. Ähnlich gela­gert, nur andershe­rum, ist sein Kum­pel, der Drucker. Der druckt grund­sätzlich nicht, wenn ich daneben­stehe. Lange habe ich schon neben ihm gewartet. Einmal war der blät­terlose Baum vor meinem Bürofens­ter danach grün. Wollen wir ja mal sehen, wer früher nachgibt, habe ich mir gedacht. Am Ende war es immer ich. Eile ich aber zurück, um in mei­nem Zimmer erneut auf „Drucken“ zu drücken, höre ich auf halber Stre­cke ein vertrautes Rumpeln. Der Dru­cker druckt. Aber, ätsch: Der Text ist zur Hälfte abgeschnitten. Hat da wohl jemand vergessen, von Quer­auf Hochformat umzustellen?! Grrr. Irgendwann bringe ich ihn um. Aber wer druckt dann nicht?

Ich habe natürlich auch schon ver­sucht, ihn zu überlisten. Laut klap­pernd habe ich mich entfernt, um dann ganz leise auf dem Flur zu war­ten. Auf den Trick fällt er nicht rein. Er spürt, dass ich noch da bin. Im Grunde verhält er sich wie der echte Promi: Er weiß um seine Berühmt­heit und lässt die Presse nach seiner Pfeife tanzen.

Moment, mein Katzenberger-Com­puter spinnt gerade wieder. Weil ich zu lange aus dem Fenster geschaut habe. Wann hören diese It-Girl-Allü­ren auf? Ich glaub, ich frag mal nach: in der IT-Abteilung.

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Ice Ice, Baby!

Vorgestern hab ich es im Café Wanderer auf dem Tiergärtnertor­platz wieder festgestellt: Ich bin ein wechselwarmes Wesen. Meine Kör­perwärme sinkt mit dem Thermome­ter. Während alle anderen um zehn Uhr abends immer noch lässig im T-Shirt herumsaßen, musste ich das Zähneklappern unterdrücken. Und zwar trotz Unterhemd, Shirt, Hemd und Jacke! Tapfer versuchte ich mein Zittern so weit unter Kon­trolle zu halten, dass mir die Eiswür­fel nicht aus dem Aperol Spritz schwappten. Denn natürlich hatte man ein extra kühles Getränk zu sich zu nehmen. Heißgetränke waren etwas für Memmen. Ich hatte die abschätzigen Blicke der T-Shirt-Träger in meinem Rücken genau gespürt, als ich vorher einen Cappuccino bestellt hatte.

Ich hielt gerade nach einer Decke Ausschau, als eine Bekannte vorbei­geschwebt kam. „Hi, na?“, fragte sie. Zur dünnen Stoffhose mit Schu­hen ohne Socken trug sie ein Som­mer- Top und eine Jeansjacke — offen natürlich. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, sie sah entspannt aus. Genau wie alle anderen, die auf dem Kopfstein­pflaster sitzend, so taten, als ob wir uns in Neapel befänden. Und zwar im August.

Wie, bitte, machen die das? Soll mir keiner erzählen, dass das mit rechten Dingen zugeht. Wärmt am Ende der immer noch aktuelle Hips­ter- Vollbart bis in die Füße hinun­ter? Selbst wenn dem so wäre — eine Lösung für mich wäre er auch nicht. Dann doch lieber eine Decke. Oder haben die Körperwärme-Speiche­rer vielleicht eine Heiz-App in ihrem Handy?

Während die anderen vermutlich unterm Sternenhimmel übernachtet haben, musste ich irgendwann zur Gesundheitserhaltung (ich bin bald Trauzeugin, Hallo!) den Heimweg antreten. Während ich bergablau­fend versuchte, meinen Schal so zu falten, dass er einen wärmenden Pelzkragen ergab, hörte ich hinter mir ein provokant schmatzendes Geräusch. „Das werden doch wohl keine ..?“, dachte ich gerade, als mich ein Typ überholte: in kurzer Hose und — genau — Flipflops. Läs­sig zog er an mir vorbei. Flipflop, flipflop. Hohn pur hat einen Sound.

Bitte, ab jetzt spiele ich das Spiel mit – aber auf meine Art. Ich werde undercover aufrüsten, dass den Wär­mespeicherern zur Jeansjacke auch noch der Mund offen stehen bleibt. Skiunterwäsche wird meine Basis sein, darüber ein Nierenwärmer aus Angora. Zwischen Schlüpfer und Caprihose installiere ich ein Mini-Heizkissen und meine Sandalen kleide ich mit beheizbaren Sohlen aus. Ha! Der erste wandelnde Heiz­pilz trägt meinen Namen. Derma­ßen erwärmt von hinten und unten, kann ich oben dann lässig ein T-Shirt und ein dünnes Jäckchen tragen. Wenn überhaupt!

Dann gehe ich an die Bar und gebe einen neuen Cocktail in Auf­trag: Arktis. Mit extra viel Eis. Mit meinen hautfarbenen Handschuhen transportiere ich ihn an meinen Platz. Und im Wind des von mir auf­gestellten Ventilators betrachte ich lächelnd die fliegenden Rausche­bärte der Hipster. Und wehe auch nur einer sagt: „Hier zieht’s.“ Dann schlürfe ich an meinem arktischen Drink und spreche die magischen vier Worte: „Geh halt rein, Memme.“ Es wird so cool, ich freu mich drauf!

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Wasser auf die Fischerchöre

Bei mir ist eine seltsame Verände­rung im Gange. Es hat damit begon­nen, dass die älteste und stets für Ordnung sorgende Bewohnerin un­seres Mietshauses ins Heim gezogen ist. Seitdem schiebe ich die frei herumfliegenden Prospekte von Piz­zadienst und Co. im Treppenhaus plötzlich zusammen. Außerdem schließe ich regelmäßig die Türe zum Hof. Sonst kann man die Ein­brecher ja auch gleich schriftlich einladen! Und dieses Schuhregal da im zweiten Stock vor der Tür – muss das sein?!

Vor ein paar Tagen hat sich mein neues Ich selbst übertroffen: Ich habe Wasser auf junge Menschen gekippt. Aus dem dritten Stock. Und das Schlimmste — es hat Spaß gemacht. O ja! Zu meiner Verteidi­gung muss ich sagen: Sie wollten es nicht anders.
Brav und groß­kariert lag ich in meinem Bett, als um halb ein Uhr nachts — bautz, da ging die Türe auf — eine Horde Mädchen ins Treppen­haus trampelte. „Atemlos durch die Nacht“, schallte Helene Fischers Gassenhauer zu mir empor. Zehn Minuten später flog die Tür — bautz — ein zweites Mal auf. Laut singend verließ die Damenhorde das eigene Quartier und versammelte sich vor dem Haus. Direkt unter meinem Fenster. Um sich dort mal richtig schön ein- und auszusingen.

Eine halbe Stunde hörte ich mir die Fischerchöre an. Proportional zum Liedgut-Output wurde mein Hals dicker. Beim dritten „Atem­los“ in Folge musste ich den obers­ten Knopf des Schlafanzuges öff­nen. Dann fiel mein Blick auf mei­nen Nachttisch. Genauer, auf das Wasserglas darauf. Es war halbvoll, wie der Optimist zu sagen pflegt. Ich spürte, wie meine Hand ein freu­diges Zucken durchfuhr. Tu es, flüs­terte es in mir. Um fair zu sein, riss ich das Fenster auf und begann mei­nen Dialog auf gepflegte Art und Weise: „Ey!!!!“ Unten drehten sich zehn blonde Pferdeschwänze nach oben. „Ihr singt ja sehr schön, aber geht halt in eine Kneipe, ihr beschallt die ganze Straße“, rief ich. Bei aller Kritik war ich immerhin konstruktiv, oder? Die Schwänze dankten es mir jedoch nicht. Im Gegenteil: Sie lachten mich aus. Ach Gott, die Muddi im Schlafan­zug. ..

Ich war ihnen fast ein bisschen dankbar dafür. Schneller als ich „Na warte“ denken konnte, griff meine Hand das Wasserglas und kippte es nach unten. Es dauerte eine Sekunde, zwei, drei – dann drang ein köstliches Kreischen an mein Ohr. Ich hatte den Fischerchor getroffen.

Mit pumperndem Herzen setzte ich mich ins Bett. Was, wenn die Pferdeschwänze jetzt an meiner Tür klingelten, um den Frisurschaden zu beklagen? Dann würde ich ihnen eben einen Impulsvortrag zum Thema nächt­liche Ruhestörung halten. So. Ich lauerte. Es passierte — nichts. Ruhe kehrte ein über Schoppershof. Und ich hatte dafür gesorgt. Mir schwoll die Brust im Schlafanzug. Die Nacht war mit mir!

Seitdem habe ich ein bisschen Angst. Wohin führt mich mein neues Ich? Werde ich jetzt Else Kling? Wenn mir eine Kittelschürze wächst und mir Lockenwickler auf dem Kopf sprießen, muss ich etwas unternehmen!
Bis dahin schaue ich, dass es immer gut gefüllt ist. Das Wasser­glas neben meinem Bett.
ⓘ Am 7. Mai um 20 Uhr liest die Verfasserin dieser Zeilen im Kuno. Karten an der Tourist­ Info, Königstraße 93, und im Kuno, Wurzelbauerstraße 29.
Telefon: (09 11) 55 33 87.

Die Braut, der man nicht traut

Wie bei Facebook, war auch das nur eine Frage der Zeit. Lange habe ich über eine Freundin gelacht, die wöchentlich von Hochzeit zu Hoch­zeit hetzte und im Schweiße ihres Angesichts Tischkärtchen in speziel­len Blickachsen ausrichtete (so, dass die Schwiegermutter uns sieht, aber die Tante auch, nebeneinander dürfen sie aber nicht sitzen). Jetzt bin ich auch dran.

„Trauzeugin? Na klar, gerne!“, besiegelte ich leichtfertig mein Schicksal. Gefügig gemacht durch die schmeichelnde Ehre und ein Glas Sekt. Zehn Minuten später stieg mit den Blubberbläschen auch ein dumpfes Gefühl in mir hoch. In meinem Gehirn ange­langt, entfaltete es sich zu einem Begriff: Junggesel­linnenabschied. Selbst ich hatte schon von diesem Ereignis gehört, bei dem man in entwürdigender Weise durch die Stadt ziehen und Unterwäsche verkaufen musste. „Neeeein“, winkte die Freundin ab. Davon sei überhaupt keine Rede. „Ich will dich nur als geistigen Bei­stand, ehrlich.“

Dürfen Bräute lügen? Seit ich eine E-Mail von zwei anderen Mitge­fangenen der Hochzeitsgesellschaft empfangen habe, zweifle ich an ihren Worten. Die Braut, der man nicht traut, so heißt jetzt mein Film. Von „Spielen“ bei der Feier war plötzlich die Rede. Sogar das Unaus­sprechliche ist darin gefallen. Ich schreibe es hier nur ganz leise hin: Hochzeitszeitung.
Waaaaah! Alle Schilderungen, die ich im Zusammenhang mit die­sem Wort bisher erhalten habe, waren ein Horrorszenario. Beste­hend aus unbrauchbaren Texten, nichtvorhandenen Kinderbildern und investierten Arbeitsstunden, in denen man locker auch eine Firma hätte gründen können.

Bisher dachte ich, mein größtes Problem bei der Angelegenheit wäre die Kleiderfrage. Meine, wohl­gemerkt. Die Braut trägt ein Braut­kleid, das ist ja einfach. Aber die Trauzeugin? Nachdem ich neulich ein Kleid für mich gefunden hatte, dachte ich, meine Probleme wären gelöst. Rechtzeitig beim Standes­amt aufkreuzen, Autogramm drun­tersetzen, essen gehen, Ende.

Die Frage einer Kollegin, ob eine „Aktion“ nach dem Standesamt ge­plant sei, trug nichts zu meiner Be­ruhigung bei. Aktion? Die Freundin heiratet, reichte das nicht?! Ich goo­gelte fieberhaft in meinem Gehirn und im PC. Luft­ballons, die in den Himmel flie­gen, das wäre doch etwas. „Ja“, meinte die Kollegin. „Dazu brauchst du dann nur noch eine He­liumpumpe, mit der du die Ballons rechtzeitig vorher aufpumpst. Kärt­chen, auf die alle Leute etwas schrei­ben müssen. Dann müssen die Bal­lons erst mal irgendwo festgebun­den. ..“ An der Stelle hielt ich mir die Ohren zu. Ich weiß nicht, warum manche Leute mit ihrem Realismus alles kaputtmachen müssen?!

Seitdem schlafe ich schlecht. Ich habe eine Vision vor Augen: Ich knie schwitzend vor dem Standes­amt und pumpe im Akkord Ballons auf, die dann zerplatzen. Hinter mir steht die Freundin und macht ein trauriges Gesicht, weil ich den Sekt­empfang vergessen habe. Außerdem ist sie die einzige Braut auf dem Erd­ball ohne Hochzeitszeitung. Und ohne Junggesellinnenabschied. Und ohne Gästebuch. Ich kann nur hof­fen, der Bräutigam kommt.

Ich wiederum habe an dem Tag, glaube ich, Magen-Darm-Probleme. Ich spüre schon jetzt so ein komi­sches Rumoren in meinen Gedär­men. .. So oder so bin ich sicher: Es wird ein unvergesslicher Tag.

Schönwetter-Terror

Die Sonne lacht, der Himmel strahlt, alle Vögel drehen durch. Wer bei dieser Wetterlage drinnen bleiben will, der braucht eine gute Entschuldigung. Ich hatte letztes Wochenende keine, also schleppte ich mich, trotz harter Nachtschicht am Tresen, am Sonntag in den Stadt­park. Zum Glück! Ich wäre nämlich sonst wahrscheinlich die einzige Nürnbergerin gewesen, die das Haus nicht verlassen hätte. Vermut­lich hätte die NSA veranlasst, dass man polizeilich nach mir sucht und mich in Schoppershof mit dem Megafon ausruft: „Frrrrau Anedde Röggl, kommen Sie sofford aus dem Haus und gehen Sie in den Schdadd­barg wie alle anderen Nordstädter auch, Herrschaftszeiten!“

Tatsächlich war der Park voll wie die Münchner Wiesn bei der Eröff­nung. Alles, was sich bewegen konnte, schlenderte, rollte und fuhr dort durch die Gegend. Bereits nach den ersten Schritten knallte mir das erste Rollerkind in die Hacken, nach vorne fiel ich fast über ein Dreirad. Von links kreuzte ein älte­rer Herr, der die Kunst beherrschte, mit nur minimalster Vorwärtsbewe­gung Fahrrad zu fahren. Von rechts traumtänzelte ein verliebtes Pär­chen heran. Ich konnte die Aura der beiden schon spüren, bevor sie selbst in Sicht waren. Aus Strahlenschutzgründen setzte ich die Sonnenbrille auf, als die beiden eng umschlungen an mir vorüberschritten.

Man musste sich aber auch gar nicht selbst bewegen können, um am Stadtpark-Massenauflauf teilzu­nehmen. Wer selbst nicht konnte, wurde einfach in Gang gesetzt. Das war der Tag, an dem auch die Roll­stuhl- Omas mal wieder gelüftet wurden. Selbst Bettlägerige hat man an mir vorbeigeschoben. In Lie­gelage!
Spätestens da war mir klar, dass ich auf keinen Fall in meiner Woh­nung hätte bleiben können. Nicht mal, wenn ich einen „Seier im Gsichd“ gehabt hätte wie ein gewis­ser „Dooomass“. Der hatte nämlich eine ganz besonders schwere Tre­sen- Nachtschicht hinter sich, wie ich von einer Frau neben mir auf der Parkbank erfuhr. Ihr großer Hund am Boden seufzte zum Auf­takt der Story dreimal schwer. Sie erzählte sie nicht mir, sondern ihrem Kompagnon. „Mein Godd naa, hat der an Breller ghabd“, meinte die Besitzerin des seufzen­den Hundes. „Erschd isser in Fahr­radkeller nundergflung, dann die Treppen zu sich rauf!“ Ich begann ein bisschen mit Thomas zu leiden. „Ach, isser übern verstellten Flucht­wech hammkumma“, meinte der Kompagnon. In mir begann es zu zucken. Nicht lachen. Lau­schen ist ja un­fein. Ich konzentrierte mich auf die Kinder in der Ferne.

Der Hund seufzte abermals. „Ja, was hadder denn?“, rätselte der Kompagnon. Ich fragte mich das­selbe. „Allmächd, edz wass ich, was ihm ned passd“, rief sein Frauchen und haute sich auf den Oberschen­kel. „Dem Dooomass ist gesdern in seim Breller der Bizzakaddong aus der Hand gfallen — von der had er a grouß Stück gfressen. Des treibt ihn edz um!“ Beim Stichwort Essen meldete mein Magen, dass ich sehr wohl eine gute Entschuldigung hätte, mein beschauliches Zuhause wieder auf­zusuchen: Ich musste dringend Nah­rung aufnehmen. Was, war ja klar: „Bizza“. Allerdings nur aus der Tief­kühle. Es sei denn, auch meine Nachbarn kämen mit „Breller“ heim. Und einem Brat-Gigerle. Dann schnapp und seufz!

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Ich mach’ Heilfaaaaasten!

Wer ist hip? Der, der gegen den Trend schwimmt, genau. Ich esse mich gerade gegen den Strom. Wäh­rend um mich herum die Mäßigung ausgebrochen ist, drängt es mich zum Fettigen, Deftigen und Schwe­ren. „Hunger hab ich eigentlich gar nicht mehr“, sagte eine Freundin neulich zu mir am Telefon. Sie heil­fastet gerade. Nach drei Entlas­tungstagen ist sie jetzt in der erns­ten Phase: Gemüse­brühe ohne Ge­müse, dazu Obst­saft. Ende. Ihre Stimme klang ein bisschen schwächlich. In etwa so, wie Lena Meyer-Landrut jetzt aus­sieht: zu dünn. „Toll!“, rief ich in den Hörer und strich mir über die Rigatoni-al-Forno-Plauze, die ich mir am Tag vorher beim Italiener angefressen hatte.

Vor ein paar Wochen, ziemlich genau am Aschermittwoch, fing es an. Mit einem Burger nach der Arbeit. Am nächsten Tag war ich schon wieder im Fast-Food-Lokal. Am übernächsten Abend gab es zur Abwechslung Currywurst. Mit Pommes rot-weiß. Die folgenden Tage gesellten sich dazu: ein Schnit­zel, ein Schäufele und Tantes bester Nudelsalat — mit Liebe und drei Litern Mayonnaise gemacht. Abgerundet wird das Ganze von einem ungekannten Heißhunger auf Süßes. Wie Gollum auf seinen Schatz stürzte ich mich vorgestern im Supermarkt auf Nutella-Bre­zeln, Schokopudding und Erdnuss­berge in zartbitterer Schokolade. Hammm!

Ich ahne langsam, was vor sich geht: Statt Entlastungstagen mache ich anscheinend Belastungstage. Oder, wie es eine andere Freundin — nicht die Heilfasterin, der fehlt inzwischen die Kraft zum Sprechen — ausdrückte: „Du machst halt Heil­faaaaasten!“ Mit Fast Food statt mit Glaubersalz.

So muss es sein. Anscheinend teste ich, was mein Körper aushal­ten kann — nur andersherum als die echten Heilfaster. Ich muss sagen, es läuft ganz gut. Wobei ich heute noch aufholen muss. Weil ich die Currywurst in der Kantine ausgelas­sen habe, muss ich heute Abend min­destens einen Bur­ger plus XL-Pommes aufneh­men und die Ration der Erd­nuss- Schokoberge erhöhen. Hart, aber Konsequenz muss sein. Außer­dem muss ich auch noch ausglei­chen, dass ich heute Treppen gestie­gen bin. Bis in den vierten Stock! Auweia. Zu viel Bewegung ist nicht erlaubt an Belastungstagen. Da sind am Abend mindestens drei Stunden Fernsehschauen mit Extremcouching angesagt.

Und ich bin ja noch nicht mal in der ernsten Phase. Ab Montag geht’s los: Da esse ich morgens dann gleich drei Frühstückseier und rühre noch einen Löffel Zucker mehr in den Kaffee. Eigentlich müsste ich auch noch eine Zigarette rauchen, aber das kann ich kreis­laufmäßig höchstens nach Sonnen­untergang leisten. Dazu schenke ich mir Alcopops ein oder trinke Eier­likör, um meine Kalorien zu halten. Bewegungen stelle ich dann am bes­ten ganz ein. Nur Handytippen ist noch erlaubt. Um den Pizzaliefer­dienst zu rufen. O Gott, es wird eine Quälerei. Darauf gleich mal einen Bissen vom Schokocroissant. Aber ich schwöre, ich halte durch. Ich gebe alles. Und wenn es ganz hart kommt, ruf ich Reiner Calli Calmund an. Der schafft’s ja auch. Irgendwie.

Ich brauch` ein Anti-Virusprogramm!

Typisch. Die ganze Zeit ist alles bestens, der Körper macht sein Ding, ohne zu klagen. Aber kaum tritt man seinen Urlaub an, kratzt es im Hals. Dabei habe ich mich doch von allen schniefenden Kollegen fern­gehalten. Und alle verschnupften Freunde sofort im Stich gelassen. Getreu nach dem Motto: Einmal nie­sen „Gesundheit“ wünschen, zwei­mal niesen Flucht ergreifen plus Sagrotan-Dusche. Nach jeder U-Bahn-Fahrt hab ich mir die Hände so heiß gewaschen, dass Fingerfood fast eine ganze neue Bedeutung bekom­men hätte. Igitt, Entschuldigung. Es kam so über mich. Genau wie diese verdammte Erkältung.

Aber ich ahne schon, woher ich sie habe — trotz aller Vorsicht: Es hängt mit diesem Facebook zusam­men, diesem hinterhältigen Ge­sichtsbuch. Dort hab ich mir einen dieser Computerviren eingefangen, garantiert! Wahrscheinlich war er in einem Online-Witz versteckt. Die werden ja von Gott und der Welt geteilt. Alle reichen den Witz von Computer zu Computer weiter. Und dann kommt das verunreinigte Ding bei mir an. Und mitten in mei­nen Lachanfall mischt sich schon der Hustenkoller. Sauber, das hab ich jetzt davon. Als Nächstes bekomme ich wahrscheinlich Online-Läuse. Weil mich wieder jemand auf Facebook „angestupst“ hat, ohne sich die Hände zu waschen. Grrrrr.

Vielleicht kommt der Virus aber auch von diesen Urlaubsfotos, die einem die Leute gern aus fremden Ländern schicken. Wer weiß, mit was die einen so infizieren, mit ihren exotischen Essensaufnahmen. Papaya-Grillen auf Affenhirn! Da kann man am Ende noch froh sein, wenn man nur einen ordinären Schnupfen hat und nicht Malaria. Ist doch wahr.

Und wie werde ich das Zeug jetzt wieder los? Auch im Netz vermut­lich. Auf Facebook ist doch alles möglich. Ich google mal, ob der Zuckerbergs Mark da was erfunden hat. Ein Antivirus-Programm. Oder eine elektronische Reinigungskas­sette — die Älteren erinnern sich viel­leicht. Irgendwas. Aber wehe, er bietet mir nur vir­tuelle Lutschtabletten an. Dann krieg ich so einen Hals! Und den stelle ich dann auch in sein Netz­werk. Mit Virus. Weltweit. Zucker­berg, ich hust’ dir was!

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Willkommen bei Fiesbook

Jetzt haben sie mich also doch gekriegt. Eigentlich wollte ich ja als letzter Mensch, der nicht in diesem Club ist, in die Geschichte ein­gehen. Aber jetzt hat Mark Zucker­berg auch bei mir zugeschlagen: Ich teile es Ihnen hiermit mit, besser gesagt, ich poste es: Ja, auch ich bin jetzt auf Facebook. Ob ich es „like“, also mag, weiß ich noch nicht. Dazu bin ich noch zu ver­wirrt. Mir schwirrt der Schädel vor lauter Hierhin­schreiben, Dorthin­klicken und Teilen, Teilen, Teilen. Ein bisschen komme ich mir vor wie die Menschen im 19. Jahrhundert, die nach Pferdekutschen zum ersten Mal mit Automobilen konfrontiert wurden. Aber meine Kollegin sagt, das geht vorbei.

Keine Ahnung, in welche irrwitzi­gen Gefilde mich der Zuckerbergs Mark noch führen wird. Hoffentlich sind jetzt wenigstens alle zufrieden, die mich jahrelang entgeistert frag­ten: „Was??? Du bist NICHT bei Facebook? Als Journalistin??!“ Ich hätte ja zu gerne „Nein, und ich schreibe auch noch auf einer Schreibmaschine!“ geantwortet, aber jetzt bin ich doch eingeknickt.
Wäre ich mein 75-jähriger Onkel, wäre mir das nicht passiert. Ich teile hier mal den Dialog mit Ihnen.

Onkel: Facebook? Also dazu fehlt mir die Zeit!

Tante: Du! Bei dir würden ja auch alle abschalten, so langweilig ist das, was du da immer machst. Du sitzt ja bloß rum. Das will freilich keiner wissen.

Onkel: Bitte? Wo sitze ich denn immer nur rum? Am Montag war ich ja wohl beim Tennis und unlängst außerdem im Tannenhof. Das könnte ich auch mal flippern!

Tante und ich: Flippern?
Onkel: Flippern. Oder twittern oder wie das eben heißt.

Ich: Twittern ist aber wieder was ganz anderes …

Onkel: Meinet­wegen. Vielleicht kaufe ich mir aber doch mal so ein Tablett.

Ich: Aber erst, wenn ich Tabletten besorgt habe. Zur Beruhigung. Das steh’ ich sonst nicht durch. Nächste Woche habe ich Urlaub, da können wir uns das mal anschauen.

Tante: Nächste Woche? Da wird das Wetter aber wieder schlecht …

Onkel: Das ist doch jetzt egal. Sie braucht kein Wetter mehr. Sie hat jetzt Facebook!

Oje. Mal schauen, ob der Mann mal wieder recht hat. Vielleicht ver­lagert sich mein reales Leben jetzt immer mehr ins Virtuelle. Ich fühle mich schon ein bisschen wie die Per­sonen in Haruki Murakamis Roma­nen. Dort verschwinden Menschen ja auch gerne in irrealen Welten. In denen Tiere sprechen können. Apro­pos: Wie ich meine Katze kenne, hockt die schon längst bei Facebook rum. Wehe, sie „liked“ meine Seite nicht, dann ist Katzenfutter gestri­chen. Und zwar ganz real!