High Noon in Unterfranken

Man kann den Franken ja einiges vorwerfen, aber übertriebenen Opti­mismus sicher nicht. Gut, neu ist das nicht, aber live erlebt immer wieder schön. Oder viel mehr: bassd scho. Getoppt wird der Mittel­franke dabei nur noch durch einen: den Unterfranken. In Haßfurt wur­de mir neulich klar, woher das lieb­reizende Städtchen wohl seinen Namen hat.

Am Dienstag, dem Tag an dem Petrus Franken temperaturtech­nisch spontan nach Südspanien ver­schob, saß ich mit einer Freundin in einem Café. Es wehte ein laues Lüft­chen, die Stiefmütterchen im Blu­menkübel platzten fast vor Som­mergelb, dösige Zufriedenheit lag in der Luft.  Dann kam sie ums Eck. Schlurfenden Schrittes. Bedrohlich fiel ihr Schatten auf unsere Häup­ter, noch ehe sie selbst leibhaftig eingetroffen war: Die Rentner-Gang! Mit Stöcken bewaffnet traten drei ältere Damen in den Ring der Sonnenterrasse. Unseren Gruß er­widerten sie nicht, dafür verfehlte eine der Ladys nur knapp mit ihrem Spazierstock den kleinen Hund der Freundin. Dem Sensenstock entron­nen flüchtete er sich quietschend un­ter unseren Tisch. Wir hielten in­stinktiv den Atem an und unterlie­ßen zu laute Schnorchelgeräusche mit unseren Trinkhalmen.


Die Inquisition, die dann am Ne­bentisch stattfand, hätten wir aller­dings auch mit Ohrpfropfen nicht verpassen können. „Was für Koung ham S’ ner?“, erkundigte sich das augenscheinliche Oberhaupt der Gang. Die Antwort der Bedienung war Anlass zu einem umfassenden Fra­genkatalog. Unter anderem erhielt er Fragen bezüglich der Beschaffen­heit des Bodens. Der Art der Creme­füllung. „Aha Buddercreme.“ So­wie zur Menge der Befüllung. „Arch viel?“ „Nein.“
„Ich muss erst mal schauen, wie viel Geld ich überhaupt dabei hab“, bremste eine der Ladys die Käse-Himbeerkuchen-Träume aus. Keine Buttercreme für Hilde?


In diesem sensiblen Moment kam zum Glück der Ritter der Tafelrun­de ums Eck. Ihm fehlte dazu nur ein Pferd. Dafür hatte er zwei Krücken und eine so tiefe Bräune wie meine Büroledertasche nach zehn Jahren Einsatz. „Wie geht’s?“ , erkundigte sich das Oberhaupt der Weiber. „Was?“, gab Very Old Shatterhand zurück. „Wie geht’s“, schraubte das Oberhaupt die Dezibel nach oben. „Waaas?“, zuckte Shatterhand mit den Achseln. Er hatte nicht nur kein Pferd, sondern offenbar auch keine Ohren. „Wie’s geht!!!!!“, schrie das Oberhaupt mit erstaunlicher Kraft in den Lungen. Und siehe da, er hatte verstan­den: „Ach so.
Schleeecht!“, brüllte Old Tatterhand zurück. Ver­wies auf seine Beine, die mehrere Brüche hatten, diverse andere Schwachstellen am Körper und am Leben insgesamt. Der Ascheturm auf seiner Zigarette bog sich miss­mutig nach unten wie die Mundwin­kel von Angela Merkel.


Wir waren dagegen damit be­schäftigt, dass sich unsere Mund­winkel nicht hinaufbogen wie eine auf dem Kopf stehende Merkel. Den Groll der Rentner-Gang auf sich zu ziehen war bestimmt keine gute Idee. Sie waren schon länger schlecht gelaunt, als wir überhaupt auf Erden. Das würden sie sich von uns bestimmt nicht vermiesen las­sen.
Und nur, weil das Wetter schön war, musste man noch lange nicht gut drauf sein. Im Gegenteil. Bei uns in Franken kann schönes Wet­ter schließlich sogar als Beleidigung herhalten. „Bleide Sunna!“ Das soll uns erst mal einer nach­machen. Dann schießen wir ihn zum Mond.

Die Katze ist on Tour

mieze

 

Es ist schon lustig: Berufsmäßig muss ich mich auf die Jagd nach Pro­mis machen — in Nürnberg eine nicht ganz leichte Aufgabe. Dabei bräuchte ich gar nicht in die Ferne schweifen, denn der eigentliche Pro­mi ist mir oft ganz nah. Obwohl er stets Fell trägt, ist er beliebt und bekannt. Wie ein bunter Hund — und das, obwohl es sich um eine Kat­ze handelt. Um meine Katze Joker, um genauer zu sein. Sie hat nicht nur Peter Althof als Bodyguard, son­dern teilte auch schon mit dem OB die Bierbank. Jetzt hat sie es auch noch zur Facebook-Prominenz ge­schafft! Aber der Reihe nach.


Nach meinem ersten Club-Spiel lag ich um elf Uhr abends auf dem Sofa, als mein Handy klingelte. Ein freundlich klingender Mann teilte mir mit, dass sich mein Tier bei ihm im Gang befände und er aus Jokers Stammlokal er­fahren habe, wohin die Mieze eigent­lich gehört: zu mir nämlich, auch wenn sie das selber nicht wahr­haben will. Immerhin hatte sie es diesmal nicht bis Ziegelstein ge­schafft, sondern nur ein paar Stra­ßen weiter.
Im vierten Stock eines Miez­(haha!)Hauses konnte ich mein Vieh dann in Empfang neh­men. Es latschte durch die Küche, als ob es immer schon dort gewe­sen wäre. Angst in frem­den Revieren kennt mei­ne Katze nicht. Diät auch nicht, wie ich wieder fest­stellen konnte, als ich den Fellquader im Katzen­korb zu mir nach Hause gewuchtet hatte.


Dort sank ich auf einen Stuhl und klappte das Handy auf. „Von Vorteil, wenn man so eine berühmte Katze hat. Ich hoffe, sie ist wieder zu Hause“, schrieb mir mei­ne Cousine. Aus Berlin! Ich überlegte kurz, ob sie
Kontakte zur NSA hat, dann stach mir ein Aufruf auf Facebook ins Auge: Der freundliche Katzenfinder hatte Joker dort zwei Stunden vor­her gepostet. „Hilfe, die Katze hat mich bis zur Wohnung verfolgt. Wer kennt sie??“, stand über einem Bild, auf dem die Mieze lässig über den Laminat quillt. Nachdem ihre Statt­lichkeit kommentiert wurde („Sieht schwanger aus! Oder gut gefüttert! ;-)), führte die Spur schnell zu mir. „Das muss Joker sein!“, schrieb eine Frau. „Sie gehört zu einer Jour­nalistin in Schoppershof!“ „Hast du Kontaktdaten?“, gab mein Katzen­finder zurück. „Nein“, antwortete die Frau. „Aber frag mal im Feuer­bach. Der Wirt kennt die Katze!“

Und weil der gute Wirt nicht nur die Katze, sondern auch mich kennt, bekam ich mein Tier also zurück. Ganze einein­halb Tage hat sie bei mir geschlafen wie ein Stein. Dann wollte sie wieder um die Häu­ser ziehen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich habe so eine Ahnung, was als Nächstes kommt: Ein Selfie mit AC/DC. Aus deren Rockerbus hol ich sie aber nicht heraus! Da kann sie mal schön selbst heim-catwalken!

Bommes, Bier und Bino

Neulich war es so weit: Ich hatte mein allererstes Mal. Beim Club! Ein Schlagerspiel wie gegen Sand­hausen kann nicht mal ich mir ent­gehen lassen. Schon der Auftakt war gut.
„Leute, ich muss früher weg, ich geh zum Club“, rief ich in die Kolle­genrunde. Rätselnd schaute mich eine Kollegin an: „Wieso, was ist dort heut?“, fragte sie. „Äh, na ja, er spielt halt.“ Tosendes Gelächter bei den Herren. „Ach so…“, war die Kollegin enttäuscht. Sie hatte offen­bar eher mit einer Modenschau gerechnet. Warum sollte ich, bitte schön, sonst zum Club gehen?!


Warum bin ich, bitte schön, nicht schon viel öfter zum Club gegangen, fragte ich mich nach meinem Ein­treffen
im Stadi­on. Man darf sit­zen, es gibt Curry­wurst mit Pom­mes und das Bier wird einem direkt an den Platz getragen. Dazu gibt es einen super Chor, okay, mit beschränkter Lied­auswahl, aber immerhin, und Live-Kommentatoren vom Feinsten. Eine Marcella Reif zu meiner Rechten sollte meine Ohren im Folgenden noch zum Wackeln bringen. Bei ihr konnte ich sehr schön lernen, auf was es bei einem echten Club-Fan ankommt.


Erstens: Gute Laune. Zweitens: Nur schlechte Laune ist gute Laune. Drittens: Eine Außerbetriebnahme der eigenen Goschen ist nur kurz­fristig und nur aufgrund von Bier­aufnahme zu verzeihen. Ansonsten wird, viertens, kommentiert. Und zwar, fünftens, alles — und das so laut wie möglich.
Wichtig ist dabei eine möglichst optimistische Herangehensweise: „Es Wetter bassd, die Hymne woar schee. Danach gemmer no ins Gärt­la“, ließ Marcella Reif ihren Kompa­gnon und mich wissen. „Bloß des Fußballspiel dazwischen, des musst ausblenden!“ Eine Taktik, die ich um einiges leichter umsetzen konnte als meine Nebensitzerin. Während ich ver­suchte,
an der Schulter meiner auf­gesprungenen Vordersitzerin vor­bei, gegen die Abendsonne aufs Spielfeld zu blinzeln, hatte Marcel­la Reif die Lage im Blick. „Wos is etz scho widder, du Luft?! Steh auf!!“, versuchte sie einen Sandhau­sener für das zügige Weiterspielen zu begeistern. Tatsächlich erhob sich der Gefallene irgendwann wie­der. Nürnberg war im Ballbesitz. Aber auch das konnte meine Neben­sitzerin nicht lange milde stimmen: „Ja dreh di halt noch fünfmal!“, rief sie einem Nürnberger Spieler zu, dem sie sofort alternative Berufs­möglichkeiten aufzeigte: „Wenn der sich so gern dreht, soll er halt zum Ballett geh! Do hatter Platz, do kan­ner so aSchow abziehng!“

Während ich noch beeindruckt der scharfsinni­gen Analyse mei­ner Nebensitzerin nachhing, riss dieser fünf Minuten später der nicht vorhandene Ge­duldsfaden. „Glabbsters naa! Etz gemmer nunder und drong ihner des Tor a weng hie und her. Viel­leicht treffen s’ dann amal!“ Nur einer konnte die Zornesfalte auf Marcellas Stirn glätten. „Bino!“ Kein Liebespaar der Welt, und wäre es noch so frisch entflammt, könnte einen Kosenamen zärtlicher flüs­tern, als meine Nebensitzerin diese vier Buchstaben: „Biiino!“ Wenn Franken lieben, dann klingt es wie Butter, die auf einer Schäufele­kruste schmilzt. Dummerweise wurde Pinola kurz darauf in die Hacken getreten. Die darauffolgende Einschätzung der Spielsituation meiner Nebensitze­rin kann ich hier nicht abdrucken. Nur so viel: Sie war nicht einver­standen. Und hatte einige Vorstel­lungen, was mit den Körperteilen des Gegenspielers zu veranstalten möglich wäre.

Am Ende hat der Club sogar gewonnen. Was will ich mehr?
Ich denke, ich komme wieder. Und freu mich auf die drei heiligen Bs: Bommes, Bier und Bino!