Mein Leben ist Wabi Sabi

Um mich auf eine Japanreise vor­zubereiten — die Tante liest sich gerade in das Thema Erdbeben ein —, bin ich auf einen wunderbaren Begriff gestoßen: „Wabi Sabi“. Nein, mit Wasabi hat es nichts zu tun. Es geht vielmehr, wenn ich es richtig verstanden habe, um das Prinzip des Nicht-Perfekten. Erst wenn ein Ding schon ein bisschen Patina angesetzt hat, ist es für die Japaner richtig schön. Ein kleiner Sprung in der Schüssel, darauf ste­hen sie total. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber irgendwie bin ich mir da gleich eingefallen. Endlich habe ich einen Begriff, der mein Leben definiert! Wobei, sind wir nicht alle ein bisschen Wabi Sabi? Ich denke schon.


„Beschränke alles auf das Wesent­liche, aber entferne nicht die Poe­sie“, beschreibt ein Japan-Experte das Prinzip. Zu steril darf nichts sein. Ein Fels sollte bemoost sein, ein Strohdach grasbewachsen. Und ein Teekessel erscheint ihnen erst richtig schön, wenn er ein wenig angerostet ist. Von offensichtlicher Schönheit à la amerikanischen IT-Girls halten die Japaner nichts. Sie lieben es lieber auf den zweiten Blick — verhüllt und ein bisschen derangiert. Ist das nicht roman­tisch?


Davon abgesehen, rückt es meine Wohnung in ein ganz anderes Licht. Seitdem ich von dem Prinzip gehört habe, steige ich mit einem ganz anderen Gefühl über meinen Kla­mottenhaufen im Schlafzimmer. Er ist nämlich gar kein Haufen, son­dern Boden-Wabi-Sabi vom Feins­ten. Meine Kleidungsstücke verhül­len die sonst viel zu offensichtliche Schönheit meines Laminatbodens.
Nur ansatzweise schimmert sein fei­ner Fichtenton durch die Wäsche. Und weckt beim Betrachter die Sehnsucht, ihn einmal in voller Pracht zu sehen. Und Sehnsucht gehört unbedingt zu Wabi Sabi.


In der Küche geht es weiter: Die etwas zu voll gepackte Spülmaschi­ne versorgt mich dort regelmäßig mit henkellosen Tassen und stiel­losen, aber dadurch umso stilvolle­ren Weingläsern. Nur die unkaputt­baren Senfgläser erweisen sich als völlig resistent gegen jede Form des Wabi Sabi. Als Nächstes wabisabt meine italienische Kaffeemaschine. Patina in ihrem Inneren ist gar kein Ausdruck! Ich denke, ich werde sie vor mei­ner Reise fotografieren und das Bild von ihr in meinen Geldbeutel ste­cken. In Japan könnte ich damit ganz groß herauskommen. „Big in Japan“ — das Lied ist praktisch für mich und meine Kaffeemaschine geschrieben worden.


Wenn die Japaner dann schon vor Begeisterung der Ohnmacht nahe sind, zücke ich noch einen Trumpf: ein Foto von meinem Basilikum. Einen besseren Ausdruck von Ver­gänglichkeit — darauf stehen sie auch — gibt es nicht. Dagegen kann die Kirschblüte als japanisches Vanitas-Symbol aber so was von ein­packen. Wenn mir die Japaner sym­pathisch sind, lade ich sie ein, den poetischen Niedergang einer einst im Saft stehenden, Fotosynthese ohne Ende betreibenden Pflanze in ein welkes Häufchen Elend live mit­zuerleben. Ich sehe die Schlagzeile in Tokios Zeitungen schon vor mir: „Röckl-San, der neue Wabi-Sabi-Superstar!“ In diesem Sinn, Sayonara.