Liebe auf vier Beinen

sesselIch bin verliebt! Er ist breiter als hoch, alt und hat krumme Beine. Nein, ich spreche nicht von Richard „Mörtel“ Lugner, den ich neulich mit seinem neusten Spatzi treffen durfte, sondern von einem Sessel. Von meinem Sessel, besser gesagt!
Es war Liebe auf den ersten Blick im Secondhand-Laden: Schüchtern stand er in der Ecke, eine klassische Schönheit neben wuchtigen Couch­garnituren des Grauens. Gleich als ich an ihm vorbei bin, habe ich einen Stich im Herzen gespürt. Als ich ihn zum zweiten Mal umkreiste, war es um mich geschehen. Ich eilte zur Kasse, hielt um seine Armlehne an, zahlte die Mit­gift und schleppte ihn ab. Seitdem leben wir zusam­men — und es ist wunderbar! Wobei ich mich schon frage, ob es nicht ein schlechtes Zei­chen ist
, wenn man sich nach der Arbeit freut, zu einem Sessel heim­zukommen. Ganz sicher bin ich mir nicht.


Neulich hatten wir allerdings unseren ersten kleinen Streit. Bei mir wurde es später in der Redakti­on. Als ich nach Hause kam, war der Sessel
sauer. Mit verkniffenem Kissen sah er mich an. Ich setzte mich in ihn und erklärte ihm die Lage. „Ja, okay, wir wollten heute ,Dirty Dancing’ anschauen, aber in meinem Job kann ich nun mal nicht einfach den Griffel fallen lassen.“ Er war trotzdem sauer. Erst nach einer Stunde merkte ich, dass die Sprungfedern unter meinem Hin­tern endlich etwas lockerer wurden. Ich schnaufte auf.


Jeden Morgen streiche ich ihm zärtlich über die glänzenden, dun­kelbraunen Armlehnen. Und freue mich, dass ich ihn für mein Heim gewinnen konnte. Das stinkt aller­dings gegen den Sessel ziemlich ab. Irgendwie verlangt er nach einer anderen Umgebung. Eher so nach einer Wohnung, in der man vom West- zum Ostflügel zehn Minuten braucht. Und ob die Wohnung noch in Schoppershof liegen darf, ist auch zu bezweifeln.


Kann ein Möbelstück ein Leben verändern? Wahrscheinlich muss ich bald nach Erlenstegen umziehen — oder zumindest in die Nordstadt. Auch wenn ich dafür natürlich die Katze umschu­len
muss. Apropos: Deren Fell beißt sich farblich ziemlich mit meinem Sessel. Ich denke, ich wer­de sie einfach überziehen. Dann hät­te ich auch endlich einen passenden Fußschemel! Sorry, aber ich habe neulich ein Foto von Joker gesehen, von oben fotografiert. Die Ähnlich­keit mit einem Hocker war nicht von der Hand zu weisen… Ich rede mal mit ihm darüber. Ob ein Rosen­muster- Überzug für ihn grundsätz­lich in Ordnung wäre. Alles mit Querstreifen ist natürlich ausge­schlossen bei seiner Breite.


Immerhin
ein adäquates Gegen­über habe ich für meinen Sessel schon: den Kaschmirschal von Iris von Arnim. Ich drapiere ihn heute Abend gleich mal lässig über seine Rückenlehne. Angelina Jolie und Brad Pitt sind nichts gegen dieses Paar, ich schwöre!