In fünf Minuten bin ich da!

Oh, hoppla, Sie sind ja schon da … Wollten Sie vielleicht nicht noch kurz etwas erledigen, bevor Sie in diesen Text hier einsteigen? Zum Beispiel einen Kaffee kochen, duschen, endlich mal die Großmut­ter im Heim besuchen oder die Zei­tung holen? Wie, die haben Sie schon geholt, sonst hätten Sie diese Kolumne ja noch gar nicht aufge­schlagen? Ein überzeugendes Argu­ment. Die Sache ist nur die, ich bin noch nicht ganz so weit. Aber gleich, also quasi sofort, bin ich ganz bei Ihnen. In fünf Minuten spä­testens schalte ich mich dazu, dann geht es los mit dieser Kolumne.


Nein, ich spinne nicht und ich will auch nicht unhöflich sein, ich habe nur gelernt, dass Pünktlichsein so was von veraltet ist. Ehrlich, wer heutzutage noch zu der verabredeten Uhrzeit irgend­wo aufkreuzt, beweist damit nur, dass er anscheinend nichts Besseres zu tun hat. Und das kann ich mir echt nicht leisten. Vor allem, weil es mir in letzter Zeit schon zu oft pas­siert ist. Neulich erst wieder. „Okay, um eins im Café“, habe ich mich mit einer Freundin verabre­det. Die Freundin ist sehr hip, im Gegensatz zu mir. Des Öfteren habe ich schon auf sie gewartet, an ver­schiedenen Plätzen in Nürnberg. Am Schönen Brunnen habe ich ein­mal so lange gestanden, dass mich eine japanische Reisegruppe schon für die Stadtführerin gehalten hat.
Diesmal war ich aber diejenige, die zu spät dran war für den Café-Besuch. Um die Zeit wieder einzuholen, duschte ich in Schall­geschwindigkeit, schüttete der Kat­ze aus dem Handgelenk Futter in den Napf, bevor ich mit nassen Haa­ren aus dem Haus rannte. Ich lief so schnell durch den Stadtpark, wie ich normalerweise beim Joggen in meiner Bestzeit nicht unterwegs bin.


Mit vom Gegenwind trocken ge­föhnten Haaren und verschwitztem Rücken lief ich gerade in die Zielge­rade zu dem Café ein, bereit, mich zum ersten Mal bei der Freundin für die Verspätung zu entschuldigen statt umgekehrt, als eine Nachricht
auf meinem Handy aufploppte: „Noch fünf Minuten, sooorry!“, schrieb die Freundin. Meine Nackenhaare sträubten sich, ich bremste abrupt ab. Die letzten 100 Meter schlich ich im Schnecken­gang zu dem Café. So langsam ich konnte, sank ich auf den erstbesten Stuhl. Von der Freundin keine Spur am Horizont. Die Bedienung wisch­te an mir vorbei. „Ich komme gleich, einen Moment“, raunte sie mir zu. Ich packte die Zeitung aus.


Kurz vorm Weltspiegel auf der letzten Seite kamen beide Damen im lässigen Schritt auf mich zu. Die eine mit einem Tablett unterm Arm, die andere mit ihrem Fahrrad an der Hand. Ich knirschte mit den Zähnen. Hätte ich inzwischen einen Kuchen bestellen können, wäre das Geräusch viel­leicht nicht so laut gewesen. „Tschuldigung, früher war ich immer pünktlich“, erklärte sich die Freundin. „Aber dann musste ich immer auf die anderen warten. Des­halb komme ich jetzt selber immer irgendwie zu spät.“ Ich habe ihr mit fünfminütiger Verspätung verzie­hen. Danach habe ich beschlossen, das Prinzip der modernen Verabre­dung künftig auch für mich anzu­wenden. Sorry, werde ich zur U-Bahn sagen, wenn sie gerade in Schoppershof einfährt, ich nehme lieber die, die fünf Minuten später kommt. Beim Bäcker stelle ich mich einfach noch mal hinten an — sonst komme ich am Ende noch zur Konfe­renz in der Arbeit pünktlich! Das muss nun wirklich nicht sein, dass der Chef denkt, ich hätte zu viel Zeit.


Gleich am nächsten Tag wollte ich damit anfangen. Leider habe ich ausgerechnet da den letzten, den al­lerletzten Menschen getroffen, der Verabredungen noch strikt einhält: den Stromzähler-Auswechsler mei­nes Energielieferanten. Er läutete Punkt acht Uhr morgens an meiner Wohnungstür. Natürlich war ich selbst da schon wieder als Erste da.
Ich gebe es auf, ich werde einfach nicht mehr hip. Aber vielleicht ja in fünf Minuten … Wenn Sie so lange kurz warten könnten?