Sie sieht mich einfach nicht!


Manchmal komme ich mir vor wie in dem alten Witz „Geht ein Mann zum Psychiater und sagt: ,Herr Dok­tor, jeder übersieht mich.’ Sagt der Arzt: ,Der Nächste, bitte!’“ Wirk­lich, ich habe die Gabe, unsichtbar sein zu können. Allerdings nicht dann, wenn ich mich in der Stadt beim „Drei im Weggla“-Kauf mit Senf bespritze oder Interviews mit Salatblättern zwischen den Zähnen führe, sondern immer nur dann, wenn ich etwas bestellen möchte in einem Lokal. Egal ob Kneipe oder Sushi-Bar, die Bedienung schaut durch mich durch, als ob ich Harry Potters Unsichtbarkeitsmantel um die Schultern liegen hätte.
Vorgestern ist es mir wieder pas­siert, in einem Biergarten. Freudig sank ich mit einer Freundin dort in die aufgestellten Liegestühle. Die Sonne brannte uns auf den Scheitel, ein Kaltgetränk musste dringend her. Ein gut gelaunter junger Mann in farbenfrohen Bermudas schlän­gelte sich, ein Tablett über dem Kopf balancierend, durch die Rei­hen. Er beugte sich links von uns darnieder, um eine Bestellung aufzu­nehmen, er beugte sich rechts von uns darnieder. Zu uns schaute er kein einziges Mal.


Gerade wollte ich mit den Fingern schnippen wie früher der Mathestreber mit dem Taschenrech­ner, als sein Blick — Holla, die Bier­fee! — tatsächlich in unsere Rich­tung ging. Allerdings nur fast. Seine Augen blieben an dem Liegestuhl­paar vor uns kleben. Dort hatten zwei junge Frauen Platz genommen, die Pocahontas Konkurrenz mach­ten. Sie lächelten, warfen die Haare nach hinten und flöteten mit
geschürzten Lippen ihre Bestellung. Wir dahinter blieben auf dem Tro­ckenen. Eher Wüstenblume als Poca­hontas. Um nicht zu verdorren, ver­schafften wir uns am Tresen selbst ein Bier.
Dann zogen wir ein paar Open-Air-Cafés weiter. Zur Sicherheit besorgten wir uns gleich selbst ein Getränk. Eine weise Entscheidung. Denn die junge Kellnerin, ebenfalls Typ Pocahontas, nahm uns zwar wahr. Allerdings nur deshalb, weil ihr unsere Beine im Weg lagen. Ge­konnt stieg sie über uns, um die Gruppe neben uns nach ihren Wünschen zu befra­gen. Bei ihrem Rückweg zogen wir eilig die Beine ein — und schauten in unsere fast leeren Flaschen. Schnel­ler als wir „Ähm“ rufen konnten, war Bar-Pocahontas entfleucht.


Es geht mir überall so. Ich bin ein­fach der Xavier Naidoo der Bedie­nungen: „Sie sieht mich nicht. Sie sieht mich einfach nicht!“ Viel­leicht stimme ich Xaviers Lied das nächste Mal in der Kneipe an. Mit einem Stehgeiger und dem Rosen­verkäufer. Der sieht mich im Übri­gen immer! Warum kann ich da, bit­te, mal nicht unsichtbar sein? Oder wenn der Chef die Arbeit verteilt?


Bei der nächsten Konferenz ver­halte ich mich einfach so, als ob ich etwas bestellen wollte. Ich halte mei­nen Terminkalender hochkant, so dass er wie eine Getränkekarte aus­sieht, dann winke ich, um Aufmerk­samkeit heischend, meinem Chef. Wetten, dass die Termine alle an meine Kollegen verteilt werden? Ich zaubere mich dann heimlich ins Schwimmbad. Hoffentlich will ich dort dann keine Pommes bestel­len . ..