Hier spricht Joker!

 joker

 

Liebe Leute und Leser, lie­be Mäuse in Schoppershof,

wie ihr schon wisst: Ich bin zurück. Mein schwatzhaftes Frauchen, das mich in jeder zweiten von diesen Dingern, Kolonnen oder so, verbrät, hat es euch ja schon mit­geteilt. Ich finde, es ist an der Zeit, dass ich mich sel­ber einmal zum Geschehen äußere. Die Röckl tippt für mich, obwohl sie es auch nicht viel besser kann als ich, aber gut. Ich möchte einiges klar­stellen: Richtig ist, dass ich neulich mit einer Jüngeren mitgegangen bin, die tatsächlich auf dem Nachhauseweg von Rock im Park war. Sie hat zwar versucht, mich unterwegs abzuschütteln, aber so schnell geb ich nicht auf! Falsch ist, dass ich vom Rechenberg bis nach Ziegelstein fünf Katzen ver­droschen habe. Es waren nur zwei — und sie hatten es verdient. Richtig ist, dass ich mich bei mei­ner Neuen echt wohlgefühlt habe, auch wenn ich den drei griechischen Hirtenhunden erst mal klarmachen musste, wer jetzt der Herr im Haus ist. Miez. Falsch ist hingegen, dass die Hirtenhunde jetzt auf Schadenersatz wegen Kör­perverletzung klagen. Hunde sind viel zu doof, um zum Anwalt zu gehen. So.


Dann noch ein Wörtchen zum sau­beren Onkel Christian aus Herolds­berg: Schön und gut, dass Sie die schreiberischen Machwerke meines Frauchens lesen, aber mussten Sie mich gleich verpfeifen? Wenn Sie nicht draufgekommen wären, dass ich der Röckl ihr Pseudo-Kater bin, könnte ich heute noch das gute Kat­zenfutter
in Ziegelstein genießen. Herzlichen Dank!
Und auch du, lieber Feuerbachs-Wirt — schon mal was von Privat­sphäre gehört? Ich liebe dein Tro­ckenfutter „sensitiv“ und deinen Biergarten, aber gleich das ganze Viertel mit meinem Konterfei zu bekleben, nur weil ich mir mal eine Woche Auszeit gegönnt habe? Fährst du nie in den Urlaub? Aber es war schon schön, wie du dich gefreut hast, als ich zum Deutsch­landspiel vorbeige­kommen bin. Und dass die Mama vom Lottoladenbesitzer fast ge­weint hat, war schon auch süß.


Ehrlich, ihr seid alle die besten Zweibeiner, die ich kenne. Aber mit festen Bindungen habe ich es ein­fach nicht so. Googelt halt mal unter „Katze“, da werdet ihr sehen, dass das bei uns einfach nicht drin ist in der DNA. Wir lieben die Frei­heit! Und wir können Gedanken lesen. Deshalb, Fräulein Röckl — wegen Halsband und GPS-Ortung: Denk gar nicht drüber nach!
Servus und schnurr, euer Joker.

Joker ist wieder da!

jokerLiebe Leser, liebe Nürnberger und vor allem liebe Schop­pershofer, an dieser Stelle sei außerhalb der Reihe vermeldet: Das Tier ist wieder da! Sie können die Suche einstellen. Nach einer Woche Ferienaufenthalt bei einer sehr netten und, tja, tatsächlich jüngeren Frau habe ich mein Haustier, das keines sein will, wieder ins traute Heim geholt. Wie es dazu kam, dass es der netten Frau bis Ziegelstein (!) nach­lief, wie viele Katzen Joker auf dem Weg verdroschen hat und welch tragende Rolle ein gewisser Onkel Christian aus Heroldsberg bei der Zusammenführung spielte — das alles wird ausführlich im nächsten „Hallo Nürnberg“ be­sprochen.


Für jetzt nur so viel: Es ist wieder Alltag eingekehrt in Schoppershof. Nach einer Nacht Hausarrest muss­te ich das Tier wieder in die Freiheit lassen, weil es mich sonst in den Wahnsinn miaut hätte. Und es tat, was es immer tut: Es trabte zum Feu­erbach- Wirt Jürgen, der ein paar Tage zuvor eine Großfahndung im Viertel angezettelt hatte und inzwi­schen
vermutlich ein paar graue Haare mehr auf dem Kopf hat. Pünktlich zum Anpfiff Deutschland gegen Portugal saß Joker jedenfalls im Biergarten. Ich konnte mich selbst davon überzeugen, als ich dort vorbeiradelte. Die Katze, der Wirt, das Bier — alles ist gut.


Vielen Dank Ihnen allen fürs Mit­fiebern! Ich versuche, den irren Joker unter Kontrolle zu halten. Wobei ich dann ja keine Geschich­ten
mehr hätte…

Joker, bitte melde dich!

jokiLieber Joker,

in meiner Not veröffentliche ich diesen Brief an dich. Ich weiß, du kannst besser fressen als lesen, aber vielleicht findest du ja jemanden, der dir meine Zeilen vorliest. Mir ist klar, es hat in letzter Zeit Unstim­migkeiten zwischen uns gegeben. Darüber, ob vier Mahlzeiten am Tag genug sind und ob das Sofa ein guter Kratzbaum ist oder nicht. Mei­nungsverschiedenheiten hatten wir auch darüber, wem das Kopfkissen gehört. Es tut mir leid, dass ich dabei ab und zu einmal meine Stim­me erhoben habe. Auch dass ich das Grillhähnchen neu­lich nicht mit dir geteilt habe, ob­wohl ich sehen konnte, wie sehr dein Herz — und deine Kralle — dar­an hängt, tut mir nachträglich sehr leid.


Endgültig eskaliert ist der Streit dann, als ich dich letzte Woche, als du nichtsahnend aus deiner Kneipe zurückgekehrt bist, in den Korb bugsiert und zum Tierarzt gefahren habe. Ich hätte vorher mit dir über die Impfung und das Thermometer in deinem Hintern sprechen müs­sen, ich weiß. Ich kann verstehen, dass dich das in deiner Autonomie verletzt hat. Meine Psychologin hat ausführlich mit mir darüber gespro­chen, was so etwas mit dem Gegen­über macht.


Könnte ich alle diese Dinge unge­schehen machen, ich würde es tun.
Dann lägest du jetzt auf mir und würdest meinen schwarzen Rock vollhaaren oder du würdest über meine Tastatur laufen. Stattdessen ist da jetzt nur eine Leere. Und ein Abdruck deiner sechs Kilo auf dem Sofa. Denn du bist fort. Ohne Abschiedsbrief, nicht mal einen klei­nen Haufen hast du im Katzenklo hinterlassen. Wo du bist, willst du mir nicht verraten. Von deinem Wirt weiß ich nur, dass du auch nicht in deiner Stammkneipe gewe­sen bist. Vermutlich brauchst du ein bisschen Abstand, um einen leeren Bauch zu bekom­men. Ich hoffe nur, du bist nicht mit einer anderen auf und davon. Mit einer Jüngeren, die du bei Rock im Park gefunden hast. Sollte es so sein, fall bitte nicht auf sie herein: In den schönen bunten Dosen ist kein Futter, sondern nur Bier! Ich will dich doch nur vor einer Enttäu­schung bewahren.

Lieber Joker, falls dir irgendje­mand diesen Brief vorliest, bitte, gib dir einen Ruck und komm zurück. Oder ruf mich wenigstens an. Schick mir eine Maus. Was auch immer. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Auch die Fusselrolle im Bad ist schon ganz depressiv.
Bitte, mein Hase, gib mir noch eine Chance. Ich nenn dich auch nie wieder Dicke! Kralle drauf.
Dein Frauchen.

Ja, ich will die Kundenkarte!

Bislang habe ich mich immer erfolgreich gewehrt. Anfragen wie „Haben Sie eine Kundenkarte?“ sind an mir abgeglitten wie Spiegel­eier auf Teflon. „Nein, ich habe keine Kundenkarte und ich möchte auch keine, danke“, war meine Stan­dardantwort. Damit habe ich jeden Kassierer zum Aufgeben gebracht. Nur um meine Socken oder den Kaf­fee zum Mitnehmen fünf Cent billi­ger zu kriegen, gebe ich doch nicht mein halbes Leben preis! So weit kommt’s noch!

Gestern kam es dann so weit. Eine Verkäuferin in einem Klei­derladen in der Innenstadt hatte eine terriermäßige Nachfrage-Tech­nik, gegen die in­vestigativer Jour­nalismus gar nichts ist. „Nein, ich möchte keine Kundenkarte“, sagte ich meinen üblichen Spruch auf. „Wirklich?“ Sie schenkte mir ein ungläubiges Lächeln. Ich nickte, gefestigt wie Schillers Glocke. „Damit können Sie aber viel günstiger online ein­kaufen. Ohne Versandkosten.“ Ich zuckte mit den Schultern. Was ich brauche, besorge ich mir noch wie Oma anno dazumal ihre Kittel­schürze: indem ich ganz analog auf meinen zwei Beinen in die Stadt gehe. Die Ware versende ich stets mit mir zusammen nach Hause. Sehr kostengünstig.

„Sie bekommen auch Punkte auf Ihren Einkauf. Ein Punkt, ein Euro.“ Ich zuckte noch mal mit den Schultern. „Heute würde sich’s aber bei Ihnen lohnen“, sagte sie und schob mir den Kassenbon hin. 97,90 Euro. Sie sah mir gespannt in die Augen. Ich schaute zurück, unverrückbar. Schweigend packte sie meine Sachen ein. Kleid Num­mer eins verschwand in der Tüte, Kleid Nummer zwei ebenso. Dann nahm sie die Stoffhose vom Bügel. Sie stutzte kurz, schaute an mir herunter, dann glitt ein listiges Lächeln über ihr Gesicht. „Mit der Karte können Sie sich übrigens auch die Hosen kürzen lassen…“ Ihre stahlblauen Augen waren wie Laser auf mich gerichtet. Die Frau hatte offenbar keinen Wim­pernschlag. Ich starrte zurück. Dann merkte ich, wie mein linkes Augenlid zu zucken begann. Es ent­ging meiner Widersacherin nicht. Sie nützte die minimale Schwäche sofort aus. Und packte den nächs­ten, den ultimativen Trumpf auf den Verkaufstresen. „Und heute bekommen Sie sogar ein Ge­schenk.“ Sie legte eine dramatische Pause ein. „Zwei tolle Nagellacke in modischen Farben. Hier vor Ihnen stehen sie.“

Ich weiß, es ist primitiv. Aber es war wie damals bei der Barbiepup­pen- Verteilung auf der Spielwarenmesse. Irgendetwas oder irgendwer in mir juchzte auf. Zwei Nagellacke! In Rosa und Pink! O ja, o ja, o ja! Ich weiß nicht, wer da in mir schreit, aber er muss ziem­lich doof sein. Oder noch sehr, sehr klein. Ich hoffe inständig auf Letzte­res. Denn Nagellack kann ich mir ja wohl auch einfach so kaufen. Die Person in mir führte sich dagegen auf, als ob es sich hier um die zwei allerletzten Nagellacke der Welt handelte. Ich musste die Kunden­karte nehmen, alles andere wäre unverantwortlich. „Okay“, presste ich hervor. „Ich nehm das Ding.“ „Super“, lächelte die Kassiererin. „Das macht dann sechs Euro für die Karte.“ Ich zuckte zusammen. Zwei billige Nagellacke, die ich vorher gar nicht wollte, plus die Freigabe meiner Daten für sechs Euro? Was war das bitte für eine Rechnung? Mir blieb nur eines: Ich kaufte noch eine Kette. Macht einen Punkt mehr. Und morgen lass ich mir die Hosen kürzen. In Salami-Technik. Aus 7/8 lass ich 3/4 machen, dann eine Kniebundhose und am Ende Hotpants. Die kann ich zwar nie im Leben anziehen. Aber immerhin hat sich die Kundenkarte dann gelohnt. Ich bin ja nicht blöd!