Parapluie mit Bindungsangst

O Mann, schon wieder einer, der mit mir Schluss gemacht hat! Lang­sam verzweifle ich echt. Was mache ich eigentlich immer falsch? Dabei hat diesmal alles so schön angefangen mit uns beiden. In einem Klamottenladen sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Ich stand gerade an der Kasse, um einen Fün­ferpack Socken zu bezahlen, als mein Blick auf ihn fiel: Er war so schön, dass mir der Atem stockte. Schneller als ich denken konnte, streckte ich die Hand aus und zog ihn zu mir. Seine Kumpels schauten ihm traurig nach. Aber ich wusste sofort, der oder keiner. Ich packte ihn, zahlte und ging. Endlich hatte ich ihn gefunden: den Regenschirm meines Lebens! Schwarz mit auf­gedruckten Rosen. Ich war sofort verliebt.

Am nächsten Tag stellte ich ihn meinen Freunden vor. Er erntete überall bewundernde Blicke — „ihr passt super zusammen“, war der ein­stimmige Tenor. „Mein Gott, ist der schön!“, entfuhr es meiner Kolle­gin, nachdem ich seine Schwingen einmal kurz aufgespannt hatte. Ich spürte, ich war angekommen. End­lich. Der Rosenkavalier der himmli­schen Schleusen war mein. Und tatsächlich schützte er mich fürsorglich vor niagarafallartigen Regenfällen und ließ mich elegant wie Mary Poppins die Pfützen über­springen. Hätte Audrey Hepburn einen Regenschirm wählen müssen, sie hätte meinen genommen. Mit ihm an meiner Seite fühlte ich mich geborgen, sicher und wunderschön.

Eine ganze Woche lang, dann hat der Mistkerl sich vom Acker ge­macht. In der U-Bahn. Da hat die Romantik aber schnell ein Loch. Hätte er sich nicht einen stilvolle­ren Ort aussuchen können? Das Grand-Hotel oder so? Aber nein, auf dem Weg nach Langwasser Süd verabschiedet er sich. Ich bin ent­täuscht. Auch von der Art seines Abgangs. Statt sich zu erklären, bleibt er einfach feige und still im Abteil liegen. Kein Abschiedsgruß, kein letztes Aufspannen, nichts.

Es sind doch alle gleich. Ehrlich. Regenschirme haben Bindungs­ängste. Dauerhafte Beziehungen, die länger als ein halbes Jahr gehen, sind nichts für diese Aufspanner.
Dabei gilt: je schöner, desto schneller weg. Alte, windschiefe Krücken bleiben natürlich gern bei einem. Die lassen sich sogar hinterhertragen, wenn man sie mal absichtlich im Schirm­ständer vergessen will. Wackelkan­didaten mit halbseitiger Spanner­Lähmung, krummem Stiel oder die, die dauerhaft keinen Schirm mehr hochbekommen, stapeln sich auf meiner Garderobe zuhauf. Eisern warten sie auf den Tag, der mit Si­cherheit kommen wird: Wenn mein Neuer mit mir Schluss gemacht hat. Dann rappeln sie in ihrer Kiste vor Freude. Und ich muss wieder eine der alten Krücken nehmen. Aber diesmal kommt er mir nicht so ein­fach davon. Ich hole ihn mir zurück. Und dann soll er mir im Fundbüro der VAG mal erzählen, was die Nummer bitte sollte.
Ich finde, man sollte einen Verein gründen für alle Parapluie-Verlasse­nen. Und ich weiß, was ich dann übernehme: die Schirmherrschaft.

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