Wasser auf die Fischerchöre

Bei mir ist eine seltsame Verände­rung im Gange. Es hat damit begon­nen, dass die älteste und stets für Ordnung sorgende Bewohnerin un­seres Mietshauses ins Heim gezogen ist. Seitdem schiebe ich die frei herumfliegenden Prospekte von Piz­zadienst und Co. im Treppenhaus plötzlich zusammen. Außerdem schließe ich regelmäßig die Türe zum Hof. Sonst kann man die Ein­brecher ja auch gleich schriftlich einladen! Und dieses Schuhregal da im zweiten Stock vor der Tür – muss das sein?!

Vor ein paar Tagen hat sich mein neues Ich selbst übertroffen: Ich habe Wasser auf junge Menschen gekippt. Aus dem dritten Stock. Und das Schlimmste — es hat Spaß gemacht. O ja! Zu meiner Verteidi­gung muss ich sagen: Sie wollten es nicht anders.
Brav und groß­kariert lag ich in meinem Bett, als um halb ein Uhr nachts — bautz, da ging die Türe auf — eine Horde Mädchen ins Treppen­haus trampelte. „Atemlos durch die Nacht“, schallte Helene Fischers Gassenhauer zu mir empor. Zehn Minuten später flog die Tür — bautz — ein zweites Mal auf. Laut singend verließ die Damenhorde das eigene Quartier und versammelte sich vor dem Haus. Direkt unter meinem Fenster. Um sich dort mal richtig schön ein- und auszusingen.

Eine halbe Stunde hörte ich mir die Fischerchöre an. Proportional zum Liedgut-Output wurde mein Hals dicker. Beim dritten „Atem­los“ in Folge musste ich den obers­ten Knopf des Schlafanzuges öff­nen. Dann fiel mein Blick auf mei­nen Nachttisch. Genauer, auf das Wasserglas darauf. Es war halbvoll, wie der Optimist zu sagen pflegt. Ich spürte, wie meine Hand ein freu­diges Zucken durchfuhr. Tu es, flüs­terte es in mir. Um fair zu sein, riss ich das Fenster auf und begann mei­nen Dialog auf gepflegte Art und Weise: „Ey!!!!“ Unten drehten sich zehn blonde Pferdeschwänze nach oben. „Ihr singt ja sehr schön, aber geht halt in eine Kneipe, ihr beschallt die ganze Straße“, rief ich. Bei aller Kritik war ich immerhin konstruktiv, oder? Die Schwänze dankten es mir jedoch nicht. Im Gegenteil: Sie lachten mich aus. Ach Gott, die Muddi im Schlafan­zug. ..

Ich war ihnen fast ein bisschen dankbar dafür. Schneller als ich „Na warte“ denken konnte, griff meine Hand das Wasserglas und kippte es nach unten. Es dauerte eine Sekunde, zwei, drei – dann drang ein köstliches Kreischen an mein Ohr. Ich hatte den Fischerchor getroffen.

Mit pumperndem Herzen setzte ich mich ins Bett. Was, wenn die Pferdeschwänze jetzt an meiner Tür klingelten, um den Frisurschaden zu beklagen? Dann würde ich ihnen eben einen Impulsvortrag zum Thema nächt­liche Ruhestörung halten. So. Ich lauerte. Es passierte — nichts. Ruhe kehrte ein über Schoppershof. Und ich hatte dafür gesorgt. Mir schwoll die Brust im Schlafanzug. Die Nacht war mit mir!

Seitdem habe ich ein bisschen Angst. Wohin führt mich mein neues Ich? Werde ich jetzt Else Kling? Wenn mir eine Kittelschürze wächst und mir Lockenwickler auf dem Kopf sprießen, muss ich etwas unternehmen!
Bis dahin schaue ich, dass es immer gut gefüllt ist. Das Wasser­glas neben meinem Bett.
ⓘ Am 7. Mai um 20 Uhr liest die Verfasserin dieser Zeilen im Kuno. Karten an der Tourist­ Info, Königstraße 93, und im Kuno, Wurzelbauerstraße 29.
Telefon: (09 11) 55 33 87.