Ich mach’ Heilfaaaaasten!

Wer ist hip? Der, der gegen den Trend schwimmt, genau. Ich esse mich gerade gegen den Strom. Wäh­rend um mich herum die Mäßigung ausgebrochen ist, drängt es mich zum Fettigen, Deftigen und Schwe­ren. „Hunger hab ich eigentlich gar nicht mehr“, sagte eine Freundin neulich zu mir am Telefon. Sie heil­fastet gerade. Nach drei Entlas­tungstagen ist sie jetzt in der erns­ten Phase: Gemüse­brühe ohne Ge­müse, dazu Obst­saft. Ende. Ihre Stimme klang ein bisschen schwächlich. In etwa so, wie Lena Meyer-Landrut jetzt aus­sieht: zu dünn. „Toll!“, rief ich in den Hörer und strich mir über die Rigatoni-al-Forno-Plauze, die ich mir am Tag vorher beim Italiener angefressen hatte.

Vor ein paar Wochen, ziemlich genau am Aschermittwoch, fing es an. Mit einem Burger nach der Arbeit. Am nächsten Tag war ich schon wieder im Fast-Food-Lokal. Am übernächsten Abend gab es zur Abwechslung Currywurst. Mit Pommes rot-weiß. Die folgenden Tage gesellten sich dazu: ein Schnit­zel, ein Schäufele und Tantes bester Nudelsalat — mit Liebe und drei Litern Mayonnaise gemacht. Abgerundet wird das Ganze von einem ungekannten Heißhunger auf Süßes. Wie Gollum auf seinen Schatz stürzte ich mich vorgestern im Supermarkt auf Nutella-Bre­zeln, Schokopudding und Erdnuss­berge in zartbitterer Schokolade. Hammm!

Ich ahne langsam, was vor sich geht: Statt Entlastungstagen mache ich anscheinend Belastungstage. Oder, wie es eine andere Freundin — nicht die Heilfasterin, der fehlt inzwischen die Kraft zum Sprechen — ausdrückte: „Du machst halt Heil­faaaaasten!“ Mit Fast Food statt mit Glaubersalz.

So muss es sein. Anscheinend teste ich, was mein Körper aushal­ten kann — nur andersherum als die echten Heilfaster. Ich muss sagen, es läuft ganz gut. Wobei ich heute noch aufholen muss. Weil ich die Currywurst in der Kantine ausgelas­sen habe, muss ich heute Abend min­destens einen Bur­ger plus XL-Pommes aufneh­men und die Ration der Erd­nuss- Schokoberge erhöhen. Hart, aber Konsequenz muss sein. Außer­dem muss ich auch noch ausglei­chen, dass ich heute Treppen gestie­gen bin. Bis in den vierten Stock! Auweia. Zu viel Bewegung ist nicht erlaubt an Belastungstagen. Da sind am Abend mindestens drei Stunden Fernsehschauen mit Extremcouching angesagt.

Und ich bin ja noch nicht mal in der ernsten Phase. Ab Montag geht’s los: Da esse ich morgens dann gleich drei Frühstückseier und rühre noch einen Löffel Zucker mehr in den Kaffee. Eigentlich müsste ich auch noch eine Zigarette rauchen, aber das kann ich kreis­laufmäßig höchstens nach Sonnen­untergang leisten. Dazu schenke ich mir Alcopops ein oder trinke Eier­likör, um meine Kalorien zu halten. Bewegungen stelle ich dann am bes­ten ganz ein. Nur Handytippen ist noch erlaubt. Um den Pizzaliefer­dienst zu rufen. O Gott, es wird eine Quälerei. Darauf gleich mal einen Bissen vom Schokocroissant. Aber ich schwöre, ich halte durch. Ich gebe alles. Und wenn es ganz hart kommt, ruf ich Reiner Calli Calmund an. Der schafft’s ja auch. Irgendwie.