Ich sprüh` den Stress weg!

Normalerweise rege ich mich ja eher gerne mal auf. Ich will nicht sagen, dass ich zur Hysterie neige, aber als Fels in der Brandung hat mich noch keiner meiner Freunde bezeichnet. Eher vielleicht als Sturm im Wasserglas. Damit ist jetzt Schluss. Nachdem neulich schon eine Jacke mein Leben ansatz­weise verändert hat, greift jetzt ein Deodorant in meine internen Vor­gänge ein. Der Stress-Protektor einer Kosmetik-Marke macht mich so ruhig, dass ich mich fast nicht mehr wiedererkenne.

Angeschafft habe ich mir das Ding, weil ich bei meiner ersten Lesung im Kuno sicherstellen wollte, dass ich zumindest olfak­torisch nicht unangenehm auffalle. Ein Deo, das auch bei extremem emo­tionalen Stress schützt, wie es die Verpackung ver­spricht, schien mir genau recht. Dabei hätte mir schon zu denken geben können, dass das Deo nicht etwa für einen halben Tag oder meinetwegen zwölf Stunden lang für Aprilfrische im Achselbereich sorgt, sondern für geschlagene 48 – in Worten achtundvierzig – Stun­den. Wow. Für wen ist so ein Frisch­haltemittel eigentlich gedacht? Berg­arbeiter, die zwei Tage lang unter­irdisch versenkt werden? Wer, bitte, braucht sonst ein Deo, das 48 Stun­den hält?

Egal, ich trug den Achsel­erfrischer einen Tag vor der Lesung schon einmal auf. Um zu testen, ob das Ding überhaupt irgendeine Wirkung zeigt. Ab da wurde alles anders. Langsamer irgendwie. „Gedschilld“, wie die Jugend sagt. Ein Interviewpartner sagte mir kurz­fristig ab, die U-Bahn rauschte vor meiner Nase davon, die Katze hüpfte daheim aus unerfindlichen Gründen (Kneipenentzug?) im Sechs­eck — egal. „Woschd“, dachte es in mir, wobei man von Denken lang­sam schon nicht mehr reden konnte. Ich fühlte mich zunehmend wie Gemüse. Eher so vegetativ. Kein unangenehmes Gefühl. Jetzt reg’ dich doch mal ein bisschen auf, stachelte ich mich an. Vielleicht bleibt dir morgen bei der Lesung ja die Spucke weg. Oder du verläufst dich vorher. Oder keiner lacht. Ich horchte in mich hinein. Es regte sich kein Fünkchen Aufregung. Nichts.

Einen Tag später, kurz vor der Lesung, war ich immer noch zen­buddhistisch ruhig. Ich wurde mir langsam wirklich unheimlich. Er­leichtert regis­trierte ich den leichten Schweiß­film, der sich in meiner Handfläche immerhin doch gebildet hatte. Ver­mutlich lag der aber auch nur daran, dass ich bei 14 Grad Außen­temperatur Handschuhe angezogen hatte.

Inzwischen glaube ich, das Deo ist gar kein Deo, sondern ein starkes Beruhigungsmittel. Vielleicht hätte ich nicht so tief einatmen sollen, als ich es aufgesprüht habe. Aber es ist auch angenehm. Ich komme so gut zurecht mit meiner Umwelt seit­dem. Erst wenn ich die Sprühdose zum Einschlafen verwende, sollte ich die Sache vielleicht doch über­denken. Ich sag’ nur Michael Jack­son und Propofol. Vielleicht hat die Sache bei ihm ja auch mit einem Deo angefangen? Wiehuuu! Wenn ich demnächst im Moonwalk durch Nürnberg laufe, wissen wir Bescheid …

Erschien in: 1

Catwalk auf dem Bistro-Tisch

Manche Sachen muss man einfach selber sehen, damit man sie glaubt. Ich habe es jetzt getan: Ich habe mich selbst von meiner Knei­pen- Katze über­zeugt. „Servus“, rief ich ihr nach, als ich sie vor ein paar Tagen abends vor meiner Haustür in die Freiheit entließ. Eine Stunde später machte auch ich mich in ihre Stamm­kneipe auf. Gespannt öffnete ich die Tür. Würde ich Joker jetzt beim Karteln am Tresen erwischen? „Isser da?“, flüsterte ich dem Wirt zu. „Freilich!“, sagte er und deutete nach rechts. Und tatsächlich. Auf einer Bank neben einem lärmen­den Achtertisch schlief auf einem apricotfarbenen Kissen seelenru­hig — mein Haus­tier. Ich setzte mich zu ihr. Irritiert hob sie den Kopf. Ich war ihr sicht­lich unangenehm. Muddi war ihr in die Disse gefolgt. Wie peinlich. Um ihre Unabhängigkeit zu demonstrie­ren, sprang sie auf den Tisch und zeigte den Gästen, wie ein Catwalk tatsächlich aussieht.

Um sein Doppelleben abzurun­den, hat mein Tier dort sogar eine andere Identität angenommen. In der Kneipe heißt sie „Peterle“, benannt nach dem dicken Peter, der gerne am Tresen sitzt. Warum, brau­che ich, glaube ich, nicht zu sagen. Um es mit dem Handwerker, der ihr heute im Treppenhaus begegnete, auszudrücken: „Ah, Ihre Katze. Schwanger?“ „Nein, nur dick.“ Ja, die Gefahr, dass sie durch Gully­ritzen fällt, ist nicht gegeben.

Seit Mai letzten Jahres kommt Peterle, formerly known as Joker, in das kleine Lokal des netten Wirtes. Warum nur?, rätselte man in dem Bistro vor ein paar Monaten. Der Besitzer des Lottoladens ein paar Straßen weiter löste den Fall schnel­ler als jeder Tatort-Kommissar. „Das ist bestimmt die Katz von der Anette Röckl“, schilderte mir der Wirt die Herleitung des Lotto-Man­nes, der zum einen offensichtlich NN­Leser ist und zweitens die Bewohner in Schoppershof besser kennt als die NSA Merkels SMS. „In der ihrem Haus hat eine ältere Frau gewohnt. Da war die Katz bestimmt immer. Und die ist seit Mai im Heim.“ Von wegen Anonymität in der Groß­stadt! Wer das behauptet, soll mal zu uns nach Schoppershof ziehen. Dann aber immer schön regelmäßig die Bettwäsche zum Fenster raus lüften… Das Dorf sieht alles.

Es ist aber auch rührend, wie sehr sich alle um mein Viech kümmern. Ich beneide es tatsächlich. Wegen mir hat nämlich noch nie ein Wirt nachts noch mal aufgesperrt. Für „Peterle“ schon. Einmal habe ich dem armen Tier anscheinend viel zu spät die Pforten nach draußen geöffnet. Der Wirt war schon dabei aufzustuhlen. Seine Frau war bereits vor ein paar Minuten gen Heimat aufgebrochen. Dann rief sie ihren Mann auf dem Handy an: „Das Peterle mit seinen kleinen Beinen“, rief sie ins Telefon. „Der rennt wie die Sau um sein Leben, du kannst noch nicht zusper­ren!“ Und der gute Wirt sperrte noch mal auf. Damit meine Katze am Feierabend doch noch in ihre Stammkneipe kam. Auf einen Kat­zensprung.

Und die Moral von der Geschicht? Es kommt wesentlich besser an, auf vier Pfoten in eine Kneipe hineinzu­gehen, als auf allen vieren raus.

Erschien in: 1

Die Katze auf dem kühlen Barhocker

Haustier-Geschichten gehören ja in dieselbe Kategorie wie süße Kin­der- Anekdoten: Man behält sie am besten für sich. So wollte ich es eigentlich auch halten, uneigentlich muss ich Ihnen diese Story aber ein­fach doch erzählen. Für mich hat sich neulich nämlich ein großes Mys­terium gelöst. Die Frage: Was treibt meine Katze eigentlich nachts?
Dass sie immer erst frühmorgens nach Hause kommt, ist nichts Beson­deres. Dass sie seit einigen Monaten dann am Fressnapf völlig desinteres­siert vorbeispaziert, ist allerdings neu. Und ungefähr so wahrschein­lich wie Reiner Calmund auf dem Titel von Men’s Health. Dessen Aus­maß — auf eine Katze übertragen — hat mein Tier im Übrigen. Und auch wenn sie ein, zwei Tage länger weg war, dünner kam sie nie zurück. Jetzt weiß ich, warum. Meine Katze geht nicht einfach spazieren. Meine Katze geht in die Kneipe. Und zwar täglich. Das verriet mir neulich der Wirt, der mich zufällig vor dem Bäcker traf.

„Du,“ begann er das Gespräch, „hast du noch die Katz’?“ Er war vor Jahren an einer Joker-Einfang-Ak­tion beteiligt gewesen. Damals war die Mieze aber halb so alt und nur ein Drittel so fett. „Ja, hab ich. Den Joker, immer noch. Warum?“, fragte ich. „Der kummd jeden Dooch zu mir“, sagte er und strahlte. „Was macht er?“, gab ich zurück, wie eine Ehefrau, die vom Doppelleben ihres Gatten erfährt. „Freilich, jeden Tag kummd er, immer nachts“, wieder­holte der Wirt und holte sein Handy aus der Tasche. Darauf waren ein­deutige Beweisfotos: Joker, alle viere von sich gestreckt auf dem Stuhl schlafend, Joker auf dem Fens­terbrett, Joker umgeben von einem Meer an Trockenfutter. „,Sensiddiv‘ krichdd er“, erklärte mir der Wirt. „Nassfutter frisst er ja nimmer.“ Das hatte ich in der Tat auch schon festgestellt. „Er kommt echt jeden Tag?“, fragte ich verdattert nach. „Ja“, bestätigte der Wirt.

Aber nicht nur das: Meine Katze hat sogar einen Stammplatz in der Kneipe. Wagt es jemand, darauf zu sitzen oder seine Tasche darauf abzu­legen, schafft sie es meistens durch penetrantes Anstarren, dass ihr Stuhl bald wieder frei ist. In schwe­ren Fällen verlässt sie das Gesche­hen. „Wenn ihm was ned bassd, geht er widder“, erklärte mir der Wirt. Anerkennung lag in seiner Stimme.

Auch ich muss sagen, Hut ab. Sich als Katze in einer Kneipe einen Stammplatz zu erarbeiten, alle Ach­tung. Ich dachte bis dato naiv, sie liegt unter einem Busch an der Bis­marckschule. Stattdessen hockt sie jeden Tag auf einem Barhocker. Viel­leicht kann Joker inzwischen ja sogar schon Schafkopfen? Zutrauen würde ich’s ihr. Eine Frage stellt sich aber: Jokers Stammkneipe macht um ein Uhr zu. Wohin geht sie dann? In die Wacht am Rhein? Neu­lich roch sie in der Früh nach frem­dem Damenparfüm. Ob sie Lippen­stiftspuren an ihrem Fellkragen hatte, konnte ich nicht erkennen…

Liebe Kneipenbesitzer, gebt mir doch bitte Bescheid, wenn bei euch regelmäßig eine übergewichtige Katze auftaucht. Sie ist grau geti­gert und hört nicht auf ihren Namen. Fressen kann sie sehr gut. Trinken vermutlich auch. Nur Mäuse hat sie nie dabei. Lasst es mich deshalb bitte wissen, wenn sie Stammkunde ist. Dann komm ich vorbei und zahle endlich ihren Bierdeckel. Cash auf die Kralle!

PS: Die Besitzerin der Katze und Ver­fasserin dieser Zeilen liest am 19.2. um 20 Uhr im „Ku No“ aus ihren Kolum­nen. Karten gibt es im Ku No, an der Abendkasse und an der Kulturinfo.