Es reibt sich die Haut mit Q10 ein

Neulich dachte ich, heute wäre ein guter Zeitpunkt, mir dieses Creme-Pröbchen ins Gesicht zu schmieren, das mir eine Parfümerie-Verkäuferin zugesteckt hatte. Das Wochenende war, sagen wir mal, herausfordernd. Ein bisschen Q10 konnte da nicht schaden. „Es reibt sich die Haut mit der Lotion ein“ – schon Kosmetik-Experte Hannibal Lecter wusste, was Frauenhaut schön zart macht…

Ich kramte die Creme hervor und begann zu schmieren. Weil ich die Augenpartie, wie verlangt, aus­sparte, war ich in der Lage, die Rückseite der Probe zu lesen. Lei­der. Was stand da? Ich kniff die Augen zusammen. „Für die Haut ab 35.“ Na, herzli­chen Dank! O.k., ich bin sogar zwei Jahre älter und falle damit voll in die Zielgruppe der Verjüngungs-Creme.
Aber muss man mir das so deut­lich sagen? Beziehungsweise ste­cken? Sehr charmant, Frau Verkäu­ferin mit dem viel zu blauen Lid­schatten, nebenbei bemerkt. Viel­leicht stecke ich ihr demnächst auch mal ein Pröbchen zu. Ein Mini-Abo der von mir erfundenen Zeitschrift. „Schminkst du noch oder siehst du schon aus?“ Ha!

Vor allem, die gute Frau steckt so eine „Ab-35-Probe“ doch keiner Kundin zu, die sie vermutlich jün­ger schätzt. Die Annahme liegt nahe, dass die Verkäuferinnen ange­wiesen sind, nur Kundinnen, die ein­deutig älter als 35 aussehen, so ein Pröbchen zuzustecken. Sie wissen, worauf ich hinaus will: Wie alt, zum Henker, schau ich eigentlich aus? Ich spürte, wie sich eine Zornesfalte auf meiner Stirne furchen wollte, dann rief es in mir: Halt ein! Und ich hielt ein. Tickte ich eigentlich noch ganz richtig, mich mit Mitte, o.k., Ende 30 aufzuführen wie die Dietrich mit 75? Einem Mann würde so was doch nie einfallen! Mit 37 fühlt der sich doch im aller­besten Alter. Und ist es ja auch. Warum soll das bei uns Frauen anders sein? Gemäß dem Michael Jackson-Lied „Man in the Mirror“, demzufolge man bei Veränderungen immer bei der Person im Spiegel anfangen sollte, war ich bereit, bei mir den Alterungswahn zu stoppen.

Tatsächlich finde ich Falten schön. Ohne Mist. Weil ein Gesicht mit ein paar Knautschungen deutlich inte­ressanter ist als ein Aprikosen-Kopf. Ein bisschen sichtbarer Schmerz ist wun­derbar! Bei den anderen. Stopp! O.k, dann halt auch bei mir. Ich werde das Älterwerden künftig nehmen wie ein Mann. Das heißt: Ich merke es gar nicht. Ich fühle mich gut und lebenserfahren. Ich bin kein Milchbubi mehr, ich weiß, wie der Hase läuft.
Hey, sollte ich nicht gleich das ganze Leben wie ein Mann nehmen? Dann fühle ich mich als Single umso besser. Denn das heißt nur, ich bin ein Freigeist, ein Abenteu­rer, ein Casanova. Sail away! Trin­ken darf ich zudem, wann und so viel ich will — ich bin halt ein geselli­ger Mann. Der gerne spätnachts heimkommt. Dass ich nicht kochen kann, macht mich putzig hilflos. Und wenn ich doch einmal ein But­terbrot kredenze, gibt’s tosenden Applaus.

Was, ich verallgemeinere hier? Reite üble Klischees? Ach nein, jetzt nehmen Sie mir bitte nicht die Illu­sion, ich bin grad so gut dabei. Als Mann hätt’ ich’s doch so gut! Wobei — wie ich mich kenne, wäre ich am Ende Jogi Löw. Mit haut­engen Hemden und Werbung für: Antifalten-Cremes!

Winter, bleib, wo du bist!

„Winter ade, scheiden tut weh“ musste ich als Kind mal auf der Blockflöte flöten. Nach bunten Noten. Blau, blau, rot, blau. Zu den schwarzen Noten bin ich nie ge­kommen, weil vorher die Musik unterrichtende Kindergärtnerin schwanger wurde — aber das ist wie­der ein anderes Thema. Mein Thema ist heute der Winter, der gar nicht scheiden kann, weil er dazu erst ein­mal da gewesen sein müsste.

Tut er aber nicht. Statt eingefrore­ner Autoscheiben schlagen die Bäume aus. Menschen fahren auf Vespas durch Schoppershof und neulich habe ich sogar Vogelge­zwitscher gehört — falls es nicht doch nur mein eigener war. Nie­mand kann auf Verkehrschaos und Sör schimpfen, weil auf den Straßen nicht einmal Raureif liegt. Wäre der Winter eine Lieferung, im bösen Online-Ver­sandhandel wäre der Status: „Win­ter wurde noch nicht abgeschickt. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Aber nur zu gerne doch, oder? Wegen mir kann der Winter einfach bleiben, wo auch immer er ist. In den USA zum Beispiel. Als Strafe für ihre Abhörerei müssen sie jetzt Schnee schippen. Gut so!

Ich finde, wir sollten alle eine Petition unterschrei­ben, in der wir for­dern, dass der Win­ter dieses Jahr ein­fach mal ausfällt. Alles andere wäre auch eine fiese, arg­listige Täuschung. Uns erst in Früh­lingsgefühlen wie­gen und uns dann überfallartig ein­eisen, während wir schutz- und arglos im Straßencafé sit­zen? Das soll „Win­ter“, der Hund, lieber mal blei­benlassen. Unsere Herzen sind auf Neuanfang eingestellt. „Etz geht’s ’nauswärts“, wie der Franke so schön sagt, ist das beherrschende Gefühl. Jetzt noch mal mit Eis und Schnee anzukommen, wäre so, wie einem frisch verliebten Pärchen noch vor der Hochzeit Schei­dungspapiere vor den Latz zu knallen.

Vielleicht können wir mit der ver­einigten Macht unserer Gedanken und Handlungen dafür sorgen, dass die vierte Jahreszeit diesmal tat­sächlich ausfällt. Ich motte heute sofort den Wintermantel ein, die dicken Stiefel packe ich weg, der Katze kämme ich das Winterfell aus (sieht sie auch gleich mal schlanker aus) und ich verbanne Handschuhe und Mützen. Dann reiße ich die Fenster auf wie in lauen Sommernächten — wenn der Winter dann hereinschaut, hole ich die Blockflöte raus. Den Anfang kann ich noch. „Winter ade, schei­den tut überhaupt gar nicht weh!“ Wenn er’s dann immer noch nicht kapiert, hole ich meinen Nachbarn. Der ist Geiger.

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Einkaufen mit dem i-Arm

Welcher Tag ist heute? Nachdem Sie die Wochenendzeitung in der Hand halten, vermutlich Samstag. 2014. Kann ja nicht schaden, das einmal festzuhalten, denn man kommt ja total durcheinander mit der ganzen Weihnachterei und Sil­vesterei. Oder bin etwa nur ich so desorientiert? Ehrlich, normaler­weise habe ich es ja nicht so mit „normal“, aber jetzt, finde ich, kann langsam mal alles wieder nor­mal sein! Ist doch wahr: Entweder haben alle Geschäfte geschlossen, weil schon wieder Feiertag ist oder man teilt sich den Laden mit dem Rest Nürnbergs und kann den Guinness­rekord im Schlan­gestehen brechen.

Apropos bre­chen: Ich hätte mir neulich beim Einkaufen fast den Arm gebrochen — wegen krasser Überlastung. Ich habe nämlich eine Einkaufswagen-Allergie. Aus gutem Grund: Erstens verkeilt man sich mit den eisernen Riesendingern sehr gern mit ande­ren Kunden, zweitens fahren die Wägen grundsätzlich in die Gegen­richtung, in die man selbst schiebt. Da könnte man gleich einen bocki­gen Esel durch den Laden schieben. Der wäre wenigstens kuscheliger.

Deshalb kaufe ich grundsätzlich ohne Einkaufswagen ein. Die Körbe sind allerdings meistens aus, wes­halb ich die Einkäufe allein durch Armeskraft zur Kasse bugsieren muss. Ein gekonntes Stapelkonzept ist da von Vorteil. Auf dem Gebiet habe ich es bald zur Meisterschaft gebracht. So viel sei an dieser Stelle verraten: Eine Tiefkühlpizza ist ein ausgezeichneter Grundstock. Eier und Kopfsalat scheiden dagegen aus. So was machen nur Anfänger. Bis unters Kinn habe ich auf diese Weise schon Pizza, Kaffee, Milch, Zucker und obendrauf (hier gehö­ren sie hin) Eier gestapelt. Eines muss man bei dieser Technik aber wissen: wann Schluss ist. Legt man stattdessen nach dem alten Bau­klötzchenprinzip immer noch eines obendrauf — hier ein Täfelchen Schokolade, da noch ein Päckchen Wattebäuschchen, kann das letzte Pfefferminzblättchen den Supergau verursachen. Wem das passiert, der kann nur hoffen, dass er nicht ausge­rechnet an diesem Tag die Tomaten­soße in der Jumbo-Glasflasche ein­gekauft hat. Nicht umsonst beobachtet einen das Supermarkt­personal in sol­chen Fällen mit Argusaugen. Stap­ler sind nicht gerne gesehen. Geschweige denn Hochstapler.

Ich finde, die Evolution könnte mal langsam einen dritten Arm her­vorbringen. Einer hält die Pizza, der zweite stapelt drauf und der dritte hält das ganze Zeug zusam­men. Wäre auch sonst praktisch. Ich könnte hier schreiben, während mir der dritte Arm Erdnussflips in den Mund wirft. Oder mir den Kalender vor die Nase hält, damit ich besser orientiert bin und nicht am Montag wieder an geschlossenen Läden abpralle. Hey, vielleicht sollte ich mir die Idee schnell patentieren lassen. Bevor es heißt, die Firma mit dem Apfel-Logo hat ihn entwickelt: den (Dre) i-Arm.

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Mein Leben als Comic

„Machen Sie heute ein­mal etwas, das sie noch nie getan haben!“ Das raten einem Psychologen in Frau­enzeitschriften ja gerne einmal, um das Leben auf­zupeppen. Bei mir war es neulich so weit: ich sollte vor einer Schulklasse ste­hen und von meinem Beruf berichten. Zeitung in der Schule nennt sich das. „Kein Problem!“, versicher­ten mir meine Kollegen, ich rutschte unruhig auf mei­nen Bürostuhl herum. Er­innerungen an Referate in der Schule und an der Uni ploppten in meinem Kopf auf. Es sind nicht meine allerschönsten Erinnerun­gen.

Dann verdrängte ich die Sache. Ich war sehr gut darin. Einen Tag vorher wandelte sich das latent unangenehme Gefühl dann in ein deutlich ungutes Gefühl. Das Gefühl „Angst“ zu nennen wäre nicht ganz abwegig. Wer vor einer Klasse steht, sollte ein paar Lehrer-Qualitäten mitbringen; darunter vor allem eine: natürliche Autorität. Meine Autorität reicht nicht mal dazu aus, meine Katze auf meiner Bettdecke in ihre Schranken zu wei­sen. Und jetzt sollte ich es mit einer Horde von noch nicht ganz aus­gewachsenen Zweibeinern zu tun haben? Was, wenn sie mich mit Tomaten bewarfen oder mit Lösch­papierkügelchen? Oder mir ein Furzkissen unter den Stuhl legten? Waaah! Vor meinem geis­tigen Auge sah ich mich schon hinterm Pult kauern, während die Lehrerin mit gestähl­ter Dauerwellen-Frisur über mich den Kopf schüttelte. O Gott.

Ich schlief nicht gut in dieser Nacht. Am Morgen zog ich tapfer in den Kampf. Genauer gesagt in den Hummelsteiner Weg 25, wo die Mittelschule beheimatet ist, deren Klasse ich aufsuchen sollte. Der Hausmeister wies mir den Weg in den zweiten Stock. Mein Herz klopfte. Während ich versuchte, meine natürliche Autorität herauf­zubeschwören, tippte mir ein zarter Finger auf die Schulter: „Sind Sie die Frau Röckl“, fragte mich ein freundliches kleines Gesicht. Ich nickte und das Mädchen schob mich ins Klassenzimmer. Was ich dort vorfand, war unglaublich: die Lehre­rin trug keine Stahlwolle auf dem Kopf, sondern lange knallrote Haare, statt Kostüm trug sie legere Baggy Pants. Die halbwüchsigen Zweibeiner waren friedliche Mäd­chen und Jungen, die offenbar nicht mal Kirschtomaten mit sich führ­ten. Und auch sonst nichts Böses im Schilde. Stattdessen stellten sie mir aufgeweckte Fragen und lächelten. Sogar die Jungs! Ich schnaufte durch.

Von wegen Schulhorror. Nie ging eine Stunde schneller vorbei. Am Ende überreich­ten mir die freundlichen Tee­nies sogar noch eine „TV-Tüte“ ganz nach meinem Geschmack — mit Erdnussflips und Schokolade. Und dem Allertollsten: einem Stapel selbst gemalter Comics zu einer meiner Kolumnen. Um es in der Jugendsprache zu sagen: Wie geil ist das denn bitte?!
Mein Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe. Dank der Comics ist mein Büro jetzt bunt und meine Finger duften beim Tippen nach Erdnussflips.

Ach, ich wollte, ich wäre Heinz Rühmann. Dann würde ich mir jetzt eine Feuerzangenbowle brauen und danach sofort eines tun: Mich wie­der einschulen lassen. Natürlich nur in die 8b am Hummelsteiner Weg 25! Aber Vorsicht: Mathe sollte lieber keiner von mir abschreiben…

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