Die Chips-Schoko-Käse-Diät

Ich merke deutlich, dass der Win­ter kommt. Und zwar nicht an den ein bis drei Flocken, die vom Him­mel fallen, sondern daran, dass ich mich linkshändig durchs Fernseh­programm zappe. Weil meine rechte Hand in der Chipstüte steckt. Und zwar nicht, um ein Mäusefäustchen voll Erdnussflips zu stibitzen, son­dern um mit großen Schaufelbewe­gungen die salzigen Dinger in mei­nen Mund zu befördern. Mampf! Maßlosigkeit hat mein Gesicht.

Neulich war es wieder so weit. Die Gier fuhr in mich wie der böse Geist in Rosemary’s Baby. Ich kam von einem Termin, auf dem man mir sogar zu essen gegeben hatte. Nur ein kleines Stück Käse zum Abschluss wollte ich mir vor dem Fernseher noch genehmigen. Ein winziges Eckchen bloß. Aber kaum hatte ich die Tup­perware geöffnet, mutierte sie zur käsegewordenen Büchse der Pan­dora. Ich kostete zunächst ein Spitz­chen Walnusskäse, Fettanteil 60 Prozent. Danach trennte ich einen Schnitz vom mittelalten Gouda ab. Als Nächstes ließ ich mir ein Viertel Scamorza munden. Nach einer säu­erlichen Weintraube beschloss ich, dass das kein guter Abschluss war. Ich schielte zum Walnusskäse und schob ein ordentliches Stück davon in meinen Mund. O Gott, jetzt war er aber sehr geschwunden! Auf den Schock warf ich ein fingerbreites Stück Gouda nach und noch eines zur Sicherheit.

Ich kaute auf der nächsten Alibi-Traube und versuchte, rational „Schluss jetzt!“ zu denken. „Nein, iss weiter! Gib mir Walnusskäse! Mehr Walnusskäse, du fetter Hob­bit!!!“, flüsterte mir ein Golom­ähnliches, unsichtbares Wesen ins Ohr. Ich betrachtete den traurigen Walnusskäse-Rest. Den konnte man ja gar nicht mehr aufheben, fing es in mir zu denken an, dann spürte ich schon, wie meine Zähne Wal­nuss und Fett zerrieben. Danach raschelte die Katze. Die Erdnuss­flipstüte! Die hatte ich ja total ver­gessen. Ich zog der Katze ihr Plastik­kopfkissen weg und fuhr mit den Fingern so genüsslich in die Flips wie als Kind ehedem mit den Füßen voran ins Bälleparadies. Aaahhhh!

Jetzt war es auch schon egal. Heute würde ich keinen Preis fürs Maßhalten mehr gewinnen. Ich ließ die Zügel locker und stopfte mich voll, bis mein Atem staubte. Um die Erdnusswüste in meinem Mund anzufeuchten, schwankte ich mit ein paar Schlucken Cola nach. Welch perfekte Kombination! Längst wollte ich schon im Bett sein, aber eine Doku über die Faber-Castells fesselte mich ans Sofa — und meine Hand an die Chipstüte. Ich werde die Grafen persönlich für meinen Konsum verantwortlich machen. Wenn man mir eine Packung Bleistifte gereicht hätte — Faber­ Castell’sche natür­lich —, hätte ich die vermutlich auch noch zwi­schen meinen Kiefern zermalmt.

So weit kam es dann doch nicht. Nachdem ich meinen Salzexzess mit drei Rippen Schokolade neutra­lisiert hatte, schaffte ich es irgend­wann tatsächlich ins Bett. Mit gespannter Schlafanzughose schlug ich zur Nachtlektüre eine Frauen­zeitschrift auf. Bei der Winterdiät blieb ich hängen. Morgens vier Pflaumen, abends gedünsteter Fisch mit nichts. Als Zwischen­snack wurden ein paar Mandeln empfohlen. Ich betrachtete sie län­ger. Dann rumpelte ich hoch und rannte zum Küchenschrank. Ir­gendwo musste doch noch diese Dose mit Erdnüsschen sein??!