Der Jacken-Tsunami

Ordnung ist das halbe Leben. Irgendwie findet bei mir immer die andere Hälfte statt. Egal, wie sehr ich mich auch bemühe, das Chaos klebt an mir wie Kaugummi an der Schuhsohle. Neulich wurde diese Tatsache wieder bewiesen. Ich wollte einmal im Leben als Gastgebe­rin einen guten Eindruck machen. Und zwar nicht bei meinen Freundin­nen oder irgendwelchen Kneipen­genossen, sondern bei meiner Ver­wandtschaft.

Aufgrund meiner erneuten Alte­rung, auch Geburtstag genannt, hatte ich Tante und Onkel zu mir ein­geladen. Tonnenweise Lendchen in Pilzrahmsoße habe ich bei den bei­den im Laufe meines Lebens schon vertilgt. Jetzt war der Moment gekommen, mich endlich zu revan­chieren, Und mich und mein Heim — und meine dicke Katze — von der bes­ten Seite zu zeigen. Ich war nun 37 — eine Frau in einem Alter, in dem sie weiß, was sie tut. Und das sollten die beiden auch sehen.

Zwei Wochen vorher hatte ich die Menüabfolge bis in kleinste Detail ausgearbeitet, eine Woche vorher begann ich, die Katze regelmäßig zu kämmen. Zwei Tage vorher hatte ich sie so weit, dass sie, in Vertretung nichtvorhandener Kinder, Mittel­scheitel trug und nur auf Ansprache hin höflich miaute. Einen Tag vorher schaute ich mich in meiner unge­wohnt aufgeräumten Wohnung um. Und was ich sah, war gut: Keine Krü­mel am Boden, kein Kissen ver­knickt, alle Bilder gerade. Stolz lächelte ich mein Spiegelbild an. Na also, geht doch, dachte ich noch — dann hörte ich ein Rauschen. Lässig brach die Garderobe aus der Wand. Komplett und einfach so. Ich habe nichts getan, ich schwöre.

Gut, ich habe im Lauf der letzten sechs Jahre immer mehr Jacken und Taschen an die Haken gehängt. Und diese Jacken und Taschen waren nicht leer, sondern größtenteils gefüllt. Umgerechnet hatte ich vermutlich fünf Schweine­hälften an der Altbauwand hängen. Aber die Garderobe hatte sich nie beschwert. Kein Ächzen im Gebälk, kein Knirschen im Sandstein hatte den Jacken- und Taschen-Tsunami angekündigt, der mich jetzt ereilte. Knietief stand ich in Trenchcoats, Wintermänteln, Übergangsjacken und Sommerjacketts. Gordisch ver­knotet mit Umhängetaschen in allen Formen, Farben und Größen. Fassungslos starrte ich von den klaffenden Löchern in der Wand zu dem Altkleider-Wall, der sich in mei­nem Gang auftürmte. Warum hatte sich die verfluchte Garderobe genau diesen Moment ausgesucht, um loszu­lassen? Hatte ich das Strauß-Karma etwa immer noch nicht überwun­den? Die mittelgescheitelte Katze sprang begeistert in den Haufen, machte sich ein Nest und schlief ein.

Als ich am nächsten Tag die Schockstarre überwunden hatte, inspizierte ich den Haufen. Da waren ja die drei Schals, die ich ver­loren geglaubt hatte. Und die rote, blaue und gelbe Tasche, die ich in vergangenen Sommern so gerne getragen hatte! Ich schaufelte das Zeug im Akkord in einen Schrank. Bloß weg damit. Tante und Onkel fanden einen aufgeräumten Gang vor. Sie lächelten und überreichten mir einen Strauß mit Geldscheinen. Ich weiß, was ich mir davon kaufe. Einen Garderobenständer. An den hänge ich künftig nur eine Tasche aus Federn und maximal zwei Som­merjacken. Wenn ich ab jetzt ein leichtes Mädchen werde, trägt die Garderobe die Verantwortung. Ich hoffe, sie hält es aus.

Erschien in: 1

Ein Solo in der Pärchenhölle

So, an dieser Stelle muss einmal eine Lanze gebrochen werden für alle Singles. Weil wir es ohnehin schon schwer genug haben. Spätes­tens ab 30 wird der Solotänzer-Life­style zur echten Herausforderung. In dem Alter wird nämlich die Parole ausgegeben: „Paart euch, traut euch, lasst euch häuslich nie­der. Und zwar pronto!“ Und die meisten folgen. Okay, der Partner ist vielleicht nicht George Clooney, aber „was liechdd, des pichdd“, wie der Franken-Kartler sagt. Natür­lich gibt es auch einige, die füreinan­der geschaffen sind. Glückwunsch!

Grundsätzlich gilt: Jeder wie er will. Absolut! Wer das Haus nur noch zu zweit ver­lässt, weil er auf Partys ohne den Partner umzufallen droht — kein Problem. Wir Singles sind doch tole­rant. Umgekehrt, liebe Paarhufer, gilt das aber auch: Schaut uns bitte nicht mehr so traurig an, wenn wir auf die Frage „Was macht die Liebe?“ mit einem romantischen „Nix“ antworten.
Es hört sich für eure vier Ohren zwar vermutlich verwunderlich an: Aber ja, auch als Single kann man ganz nett und lustig leben. Kein „Wann kommst du heim, wo gehst du hin und wie lange liegt dieser Käse schon im Kühlschrank?!“ Der Single ist ein freier Vogel — auch wenn ab und zu mal ein Sink­flug dabei ist. Bestenfalls gruppiert er andere Single-Vögel um sich herum. Dann kann er mit ihnen bis in die frühen Morgenstunden zwit­schern und zufrieden mit der U-Bahn nach Hause fahren, mit der die Zweisamkeitsfetischisten am Sonntag zum Schweinebraten der Schwiegermutter fahren. Wunder­bar.
Bis die Pärchenfalle kommt. Ein Abend alleine unter Paaren. Wer das als Single gemeistert hat, hat die Tapferkeitsmedaille verdient. Und zwar in verschiedenen Härte­graden:

Bronze: Alle Menschen, die älter als zwölf sind, haben einen Partner dabei, bewegen sich aber hin und wieder noch alleine durch den Raum. (Obacht: Toilette zählt nicht!)
Silber: Die meisten Paare sind bereits zu einem Wolpertinger mit vier Beinen und Armen verschmol­zen. Ihre Körperteile sind meistens ineinander verschränkt. Der „Love-Wolper“ ernährt sich durch wechsel­seitig verabreichte Speisen (Oliven, Kirschtomaten).
Gold: Der Wolpertinger hat auch die Nahrungsaufnahme eingestellt. Er ernährt sich über die Küsse des anderen. Alle halbe Stunde kommt es zur sogenannten Kuss-Schnappat­mung. Dann schaut der Love-Wol­per kurz irritiert auf und flüstert: „Schatz, wollen wir noch einen Wein?“
Platin: Diese höchste Auszeich­nung wird nur im äußersten Horror­szenario verliehen: Alle Pärchen im Raum sind frisch verliebt. Oliven sind ruck, zuck weg, wobei die Betreffenden zum Füttern gar keine Hand mehr frei haben (wegen vier­händigen Körperteile-Streichel-Einsatzes) und die Nahrung mit der Nase ansaugen müssen. (Vorsicht Pärchen: Die Nahrungsmittel soll­ten dabei nie kleiner als das Nasen­loch sein. Andernfalls droht der Nüsschen-Nieser, der einen ganz schnell in den Status „Single“ zurückbefördern kann.)

Hat ein Single einen solchen Abend überstanden, ohne zu wei­nen, zu schreien oder den Expartner auf Knien um Rücknahme anzufle­hen, dann darf er sich die Medaille stolz an die Brust heften. Und so lange mit seinem Solo-Leben weitermachen, bis plötzlich eines schönen Tages wie durch Zau­berhand zwei Finger vor seinem Mund erscheinen. Mit einer Olive… Auf die ist er hoffentlich allergisch. Sonst gnade ihm Gott!

Schoppershof liegt auf der Couch

In New York habe ich es noch auf den Jetlag geschoben. Kaum ange­kommen, hat mich der Schlaf über­mannt. Zwölf Stunden Marathon-Schlummer. In Köln war es neulich dasselbe. Vermutlich würde ich heute noch schlafen, wenn man mich nicht irgendwann wachgerüt­telt hätte. Und warum? Weil dort endlich mal „Schnauze“ vor dem Haus war. Es war so still, wie ich es in Schoppershof nur selten erlebe.

Ich weiß, ich habe es schon geschrieben, aber es ist doch auch nicht zu fassen: Kaum ist die Vier-Monats-Baustelle vor meinem Fens­ter abgebaut, erschüttert eine Wohnungsreno­vierung mein Haus, dass die Katze auf der Bettdecke hin- und herge­schleudert wird. Und nachdem die Müllabfuhr erfolgreich die Türe ein­gerammt hat, schellt der Paket­mann. Sollte ich dann immer noch nicht wach sein, helfen die Nach­barn über mir aus, die gerne mit gro­ßen Möbelstücken werfen. Als letz­tes Glied in der Lautkette ruft die Tante ins Telefon: „Hab ich dich geweckt? Sorry!“ Grrrr. Noch ein bisschen weniger Schönheitsschlaf, und ich kann mich fürs nächste Volksfest als Geis­terbahn- Erschrecker bewerben.

Ja, okay, vielleicht übertreibe ich ein bisschen. Aber warum bitte ist ausgerechnet Schoppershof so laut? Weil sonst nichts los ist? Versucht mein Stadtteil, seine Behäbigkeit damit zu kompensieren? Ich glaube, dann muss er dringend mal in Thera­pie gehen. Meinetwegen auch zu mir.

„Hey, Schoppershof“, würde ich dann sagen. „Hast du ein aktuelles Thema, über das wir in dieser Sit­zung sprechen wollen?“

„Mmpfbassdscho“, würde Schop­pershof antworten.

Ich: „Ich spüre so eine leichte Aggressivität bei dir. Magst du darü­ber reden?

Schoppershof: „Ich bin NICHT AGGRESSIV, verdammt noch mal!“ Ich: „Merkst du, wie emotional du auf diese Frage reagierst? Warum ist das so?“ Schoppershof (jetzt weinerlich): Ach, irgendwie ist bei mir nix los. Ich spür’ so eine Leere.

Ich (aktiv zuhörend): Okay …

Schoppershof (nach Taschentuch suchend): Ich weiß auch nicht. Wenn ich schon ein Stadtteil in Nürnberg sein muss und nicht in Paris, London oder New York, warum bin ich dann nicht Gosten­hof? Oder wenig­stens Jo­schluchz- hannis!

Ich: Was wäre dann an deinem Leben besser?

Schoppershof (dramatisch): Alles! Die haben zumindest ein paar Kneipen. Und ein paar Party-People. Und ich, ich … ich hab nix!“

Ich (Taschentuch reichend): Fin­dest du nicht, dass jedes Viertel etwas für sich hat? Andere kopieren bringt dich nicht weiter. Sei einfach du. Zähl’ bitte mal deine guten Eigenschaften auf.

Schoppershof (schnäuzend): Na ja… ich hab ganz hübsche Häuser. Und die Hundekacke auf den Geh­wegen wird meistens schnell wegge­macht. Ich bin erholsam, weil meine Bewohner sich am liebsten innen aufhalten…

Ich: Na schau, das ist doch schon mal was. Und vergiss mal deinen hübschen Stadtpark nicht, da wären die anderen froh drum!

Schoppershof (Hoffnung schöp­fend): Ja, stimmt. Der ist schön. Und die Enten, die sind auch nett…

Ich: Genau … Oh, hoppla, ich seh’ gerade, unsere 50 Minuten sind um. Jetzt gehst du bitte nach Hause und versuchst, morgen mal nicht in der Früh zu randalieren, okay?

Schoppershof (brav): Ja, ich pro­bier’s. Servus.

Ich (ins Wartezimmer rufend): Langwasser und Laufamholz, bitte reinkommen, ihr seid die Nächsten!