Geh mir bloß nicht auf den Lack!

Neulich hat­te ich mein erstes Mal. Ja, ein biss­chen spät, zugegeben, aber im­merhin. Und natürlich will ich Ihnen die­ses Erlebnis nicht vorenthalten. Um es à la Mer­kel zu sagen: Sie kennen mich, meine Damen und Herren. Wobei ich mich nicht mit der Bundeskanzlerin ver­gleichen will. Natürlich nicht, um Gottes willen. Allerdings habe ich schon einen kleinen Höhenflug. Ich kenne mich fast gar nicht mehr. Irgendwie bin ich nicht mehr die­selbe, nachdem ich mir — Achtung — die Fingernägel lackiert habe!

Wow, jetzt ist es raus. Es mag unspektakulär erscheinen, aber meine Finger sind seitdem ein an­derer Mensch. Bislang unauffällig, drängen sie sich ständig in den Vor­dergrund. Auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe. Bisher waren meine Augen auf die Tastatur geheftet, um die Fehlerquote meines professionel­len Drei-Finger-Systems einzugren­zen. Jetzt werde ich von meinen dunkel-kirschfarbenen Fingerenden komplett abgelenkt. Wie putzig sie über die Tasten springen! Und wie goldig sie sich vertrippnen ..äh.. ver­tippen. Kann ich diesen Nägeln böse sein?

Nein. Nach all den Jahren des Hin­tenanstehens spielen sie jetzt einmal die erste Geige. Wobei sie es schon ein bisschen übertreiben. Im Restau­rant zwingen sie mich, wie Eduard mit den Scherenhänden mit dem Besteck herumzufummeln, nur damit das Auge meines Gegenübers auf sie fällt. Bei meiner Begleitung kam das nicht so super an: „Kannst du bitte mal das Messer aus meinem Gesicht wegnehmen? Danke.“ Dosen öffne ich nicht mehr selbst, damit der Lack keinen Kratzer abbe­kommt, generell versuche ich es zu vermeiden, mit scharfen Gegenstän­den in Berührung zu kommen. Eher würde ich mich aus der Jacke heraus­schneiden (lassen!), als am kaputten Reißverschluss herumzuziehen. Schrammen am Auto waren mir immer egal, jetzt bin ich nur noch glücklich, wenn sich meine Zahnrei­hen in meinen Hochglanznägeln spie­geln. Neulich war ich kurz davor, die Bierflasche zurück in den Kühl­schrank zu legen und einen Sekt zu öffnen. Weil der besser zu meinen Nägeln passt.

Was kommt als Nächstes? Wenn mir meine Nägel bald den Zutritt zu meiner Stammkneipe verweigern (Fichte zu Kirsche, wie sieht das denn aus?!), dann muss ich definitiv etwas ändern. Sonst ende ich noch in Yuppie-Kneipen, wo ich mich mit BWL-Studentinnen über die neues­ten Nageldesign-Trends (Strass ist voll out!) unterhalte…
Warum, bitte, warnt einen davor niemand? Ich finde, auf jeder Nagel­lackflasche sollte künftig stehen: „Lackieren kann Ihr Leben und das der Menschen in Ihrer Umgebung drastisch verändern.“ Am besten rufe ich jetzt sofort die Verbraucher­zentrale an. Äh … könnte vielleicht bitte jemand für mich wählen? Mein Telefon hat so scharfe Tasten…