Joggen mit Verfolgungswahn

Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Dieses schöne Zitat stammt von dem englischen Fantasy-Schrift­steller Terry Pratchett. Neulich fiel es mir wieder ein, als ich im Stadt­park joggen war. Ich muss es ganz klar sagen: Ich leide im sportlichen Bereich unter Verfolgungswahn.

Die ersten Meter ist noch alles gut. Aber kaum begegne ich dem ersten Fußgänger, geht es los. Da, die Oma, die ich nach ewigen Zeiten dann doch überholen kann, ich weiß genau, was sie denkt: „Ach God­derla, in der ihrem Alter war ich aber scho besser beinander. Da is ja a alte Frau mit Krückstock schnel­ler.“ Kaum bin ich an der Großmut­ter vorbei, dräut das nächste Unheil: die Müttergruppe. Schlank und rank schieben sie in schnellem Schritt ihre Kindlein vor sich her. Allein der Kinderwagen bremst sie in der Aus­übung ihrer garantiert perfekten Sportlichkeit. Selbst eine Woche nach der Geburt waren sie fitter, als ich es je sein werde. Ich weiß es, ich schwöre. Zähne zusammenbeißen! Möglichst japsfrei strample ich mich an der Mutter-Mustergruppe vorbei.

Ein paar Meter habe ich meine Ruhe. Dann falle ich ins Visier des Liebespärchens, das verträumt auf einer Parkbank sitzt. Haben die gerade „langsam“ gesagt? Ich glaube schon, dass ich so was gehört habe. Na toll. Beschäftigt euch doch bitte mit euch selbst. Und lasst die arme Joggerin einfach ihre Runden zie­hen, Herrschaft.

Die erste Runde ist immerhin fast geschafft. Super, wenn ich nicht vor­her noch an den Biertrinkern vorbei müsste. „Plopp“ macht ihre Bügelfla­sche, der Stoppelbart-Mund ver­zieht sich zu einem abschätzigen Grinsen. „Lauf ruhig, du Streber“, wollen sie mir sagen: „Ewig leben wirst auch du deshalb nicht.“ „Ich trinke auch gern Bier“, würde ich ihnen gern zurufen. „Halt nicht schon mit­tags, aber trotzdem! Und ich laufe nur fünfmal im Jahr, ehr­lich.“ Nachdem ich zum zweiten Mal am fest­zementiert sitzenden Liebespaar vorbeige­kommen bin („Mein Gott, ist sie nach nur einer Runde rot!“), begegnet mir mein schlimmster Feind auf der Strecke: der andere, der echte Jog­ger! Leichtfüßig wie ein Reh sprintet er mir entgegen, keine Schweißperle verun­ziert sein Haupt. Der Körper ist gestrafft, der Dress fleckenfrei. Ganz kurz fällt sein Blick auf mich, als er an mir vorüber­schwebt. „Mein Gott, warum tut sie sich das an? Wurde für solche nicht Nordic Walking erfunden?“, lese ich auf seiner Stirn, dann ist er in zwei Sätzen an mir vorbei.

Kann das bitte mal jemand abstel­len? Ich will nicht ständig mit den Gedanken anderer Leute belästigt werden. Und nein, ich bilde mir das nicht nur ein. Das haben Sie doch gerade gedacht, oder? Na bitte.

Hexenschuss in der Disco

Wer einmal in einer öffentlichen Toilette Tür an Tür mit einem frem­den Menschen vollkommen synchron gepinkelt hat, der weiß: Wir sind nicht so individuell, wie wir denken. Die Frage, die ich mir seit geraumer Zeit stelle, könnte deshalb vielleicht auch Sie bewegen. (Vor allem, wenn Sie sehr enge Ho­sen oder sehr große Brillen tragen, sollten Sie unbedingt weiterlesen, sonst aber auch.) Die Frage lautet: Hilfe, bin ich zu alt für meinen Lifestyle? Diese Check­liste verrät Ihnen, ob Ihr Alter und Ihr Verhalten schon so weit auseinan­derliegen wie die Augen von Uschi Glas oder ob sich alles noch im Rah­men bewegt.

1. Sie können sich zu Ihren Enkeln nicht mehr herunterbeugen — weil Ihre Röhren-Jeans zu eng sind.
2. Die nerdige Brille mit den Rie­sengläsern, die Sie tragen, stammt nicht von einem trendigen Optiker, sondern ist ein Kommunionsge­schenk aus den 70ern.
3. Sie gehen immer noch gerne tanzen. Sie denken, dass der Ort, den Sie dazu aufsuchen, „Disco“ heißt.
4. Bei „Club“ denken Sie automa­tisch an den ersten FCN.
5. Bei Ihrer Lieblingsserie hatten Sie neulich einen Nervenzusammen­bruch, weil Sie die Hauptdarsteller altersmäßig überholt haben. Die Men­schen, die Sie in der „Disco“ treffen, kennen die Serie gar nicht mehr.
6. Das Schwarzlicht reflektiert beim Tanzen nicht mehr Ihr T-Shirt, sondern Ihr Haupthaar.
7. Sie sind die einzige Person ohne Mütze in der „Disco“. (Vor allem, wenn der vorherige Punkt zutrifft, sollten Sie das eventuell ändern.) 8. Der junge Nachbar über Ihnen siezt Sie, wenn er sich bei Ihnen über zu laute Musik beschwert. 9. Die Musik, die Sie zu laut auf­gedreht haben, ist „Thriller“ von Michael Jackson. 10. Sie finden „40“ plötzlich gar nicht mehr sooooo alt … 50 auch nicht. 11. Sie wundern sich, warum an der Bar plötzlich nur noch Kinder bedienen. Sie wenden sich an die ein­zige ältere Servicekraft hinter dem Tresen, weil Sie Ihnen bekannt vor­kommt. Sie erkennen, dass es sich um eine Spiegelbar handelt.
12. Auf Ihre Altersangabe erhal­ten Sie ungläubiges Gelächter. Stufe zwei: die Ungläu­bigkeit fehlt. 13. Nach der Party fahren Sie die Gäste heim, weil Sie die einzige Person mit Führer­schein sind. 14. Am nächsten Tag haben Sie keinen Kater, sondern einen Hexen­schuss.
15. Neon kündigt Ihnen das Abo wegen Altersgrenzenüberschreitung. 16. Sie haben bei diesen Zeilen mehr als einmal zustimmend ge­nickt. Wie man den Artikel auf Face­book teilt, wissen Sie trotzdem nicht.

Ergebnis:

0—4 Mal Ja: Sie müssen sich keine Sorgen machen. Alles im Rahmen. Noch.
5—8 Mal Ja: Vielleicht sollten Sie doch mal übers Haarefärben nach­denken. Schröder tut es ja auch.
9—12 Mal Ja: Sie bewegen sich hart an der Grenze. Versuchen Sie sich entweder weniger kindisch zu verhal­ten oder dabei jünger auszusehen. Und sagen Sie um Gottes willen nicht mehr „Disco“!
12—16 Mal Ja: Herzlichen Glück­wunsch: Sie sind unrettbarer Berufs­jugendlicher. Nehmen Sie Kontakt zu Dieter Bohlen, Jürgen Drews und Thomas Gottschalk auf. Andere kön­nen Ihnen jetzt auch nicht mehr hel­fen.
Für alle gilt: Bleiben Sie tapfer. Alles wird. Vielleicht sogar gut.