Eingeschweißt und zugenäht

Neulich war’s mal wieder so weit: Schwitzend stand ich in der U-Bahn und freute mich auf den Eis­café in meiner Hand. Nur der Deckel trennte mich noch von der Erfrischung. Dachte ich jedenfalls. Ich wackelte an dem Plastikdeckel, nichts tat sich. Ich ruckelte, ich zog. Nichts. Ich schraubte, ich rüttelte, dann fing ich leise an zu fluchen. Das Teenie-Mädchen neben mir warf mir einen mitleidigen Blick zu. Eine Mittdreißigerin, die ihren Kaf­fee nicht aufbekommt, wie uncool ist das denn bitte?

Im Schweiße mei­nes Angesichts be­trachtete ich den Kaffebecher. Unge­fähr so müssen sich die Affen füh­len, denen Biologen für wissen­schaftliche Untersuchungen Rätsel­aufgaben stellen. Na, wie rum passt die Banane in das runde Loch? Na, wie geht der Drecks-Kaffee-Becher auf? Ich unterzog das Ding einer detaillierten Analyse, dann biss ich kraftvoll in den Rand. Das Teenie­Mädel neben mir zog die Augen­brauen hoch. Vermutlich postete sie auf Facebook gerade etwas über eine Irre in der U-Bahn. Egal. Wie ein Biber auf Ecstasy knabberte ich um den unteren Rand des Deckels. Gleich würde der Deckel fallen. Nur noch ein paar Zentimeter. Ich spuckte ein paar Plastikfusel aus. Wo gebissen wird, fallen Späne. Inzwischen betrach­tete mich auch ein älterer Herr mit merkwürdigem Blick.

Herrschaft, ich konnte doch nichts dafür, dass dieses Ding wie für einen Atomkrieg verschweißt war! Ein Biss noch, dann war ich rum. Triumphierend zog ich den Plastikrand ab. Er hinterließ einen roten Striemen auf meinem Finger. Sah so Kundenfreundlichkeit aus? Ich schüttelte den Kopf. Dann ruckelte ich am Becher. Er bewegte sich keinen Millimeter. Fester war noch nie etwas mit seiner Umwelt verschweißt als dieser Deckel mit dem Becher. Eher ließen sich die Steinkugeln auf der Museumsbrü­cke in die Pegnitz schubsen (was man mich als Kind immer probieren ließ), als dass dieser Deckel sich löste.

Fassungslos starrte ich auf das Ding in meiner Hand. Dann ent­deckte ich oben eine kleine Alu­folie. Mit einem Nippel. Ich zog an ihm — die Pipeline zum Kaffee war frei. Ganz einfach. Okay, offensicht­lich bin ich Kaffee­bechern intellektu­ell nicht gewach­sen. Aber eine Frage sei mir trotzdem gestattet: Was soll das??! Die Produkt-Desig­ner spinnen doch. Es kann nur ein Haufen Sadisten sein, der da am Werk ist. Anders ist es doch nicht zu erklären, dass wir entweder vorm Erfrischungsgetränk fast verdurs­ten müssen oder uns alle Finger­nägel abbrechen, nur um eine läppi­sche Packung Käseaufschnitt aufzu­bekommen.

Früher war es doch nur die Büch­senmilch, die durch die Löcherstan­zerei ein gewisses Gefahrenpoten­zial hatte (Ü-30-Leser erinnern sich). Heute muss fast jedes Lebens­mittel mit Schere, Messer und bruta­ler Gewalt aus seiner Verpackung geschnitten werden. Selbst der Kopfsalat ist in tausend Schichten Plastik eingeschweißt. Und manche Tetra-Milch kann nur Hulk oder ein Armdrück-Weltmeister öffnen!

Das kann’s doch nicht sein. Ich finde, wir sollten zurückschlagen, beziehungsweise -schweißen. Und die Herren und Damen Verpa­ckungskünstler selbst achtfach in Klarsichtfolie wickeln, luftdicht laminieren und dann in der Wüste aussetzen. Vor einem Eimer Wasser. Mit Deckel. Jawohl.

Sie kämmt sich auf das Podest!

Begeben Sie sich bitte in Startposition. Und drei, zwei, eins, los! Verfolgen Sie diese Zeilen so schnell Sie können und schauen Sie dabei bloß, dass ein Auge nicht das andere überholt. Schon gar nicht unter Gelb! Und wenn Sie Mitleser haben, dann lassen Sie bloß keine Türen offen, sonst ist es bald vorbei mit der Pole-Position.
Hä? Wenn Sie nur Bahnhof verstehen, dann geht es Ihnen so wie mir am Norisring vorletztes Wochenende. Bisher hatte ich mit Autorennen so viel zu tun wie Daniela Katzenberger mit Atomphysik.
Aber ein Job bei der Zeitung bildet ja immer weiter. Ich weiß jetzt, dass eine Stunde im Kreis fahren als Sport gilt. Vielleicht probier‘ ich das demnächst mal mit der Straßenbahnline 5 aus. Okay, die Geschwindigkeit ist ein bisschen anders, aber dafür ist es auch nicht so laut.

Meine Ohren vibrieren seit dem Rennen immer noch. Wer bitte, geht dort freiwillig hin? 100000 — alleine an einem Tag, wie ich dort erfahren habe. Und ich habe einiges erfahren: Ich weiß, dass beim „Pitwalk“ alle auf die Fahrbahn stürmen dürfen. Dort ist es noch heißer und noch lauter. Die Boliden knattern heran mit einer Lautstärke wie das Feuerwerk zur Jahrtausendwende, dazu ziehen Menschen mit Bohrmaschinen-ähnlichen Geräten die Reifen fest.
Dazu spielt eine Blaskapelle und junge Mädchen in knappen Höschen halten vor den Autos Nummern in die Luft.
Meine Güte, das können sich doch echt nur Männer ausgedacht haben! Beziehungsweise ehemalige kleine Jungs, die gerne mit Matchbox- Autos gespielt haben. Nicht umsonst sehen die Fahrer in normalen Anzügen aus wie Konfirmanden.

Ich finde, auch wir Frauen sollten eine Sportart bekommen, die ähnlich bekloppt ist und total gehypt wird. 24 Stunden Puppenhaar-Kämmen, zum Beispiel. Das gibt auch Muckis in den Armen, ich schwöre. Das Ganze findet in einem pinken Stadion statt, nach jeder Stunde regnet es Glitzer. Das ist mindestens genauso sinnvoll, wie im Kreis fahren — und umweltschonend. Und die Berichterstattung im Fernsehen wäre so schön:

„Da vorne kniet La Rini. Sie kämmt jetzt schon seit dreiundzwanzigeinhalb Stunden ohne Ermüdungserscheinung. Anscheinend ist sie in Top-Form. Ab und zu schüttelt sie den Arm aus, lässt sich kurz von ihrem Assistenten massieren, aber sie ist zäh. Bislang hat ihre Verfolgerin Coultbitch keine Chance. Obwohl sie beim Pony immer besser durchkommt, hat sie am Hinterkopf der Puppe jetzt einen Knoten im Haar, der sie aufhält. Wird La Rini sich in den nächsten 30 Minuten auf das Podest kämmen? Die Zeichen stehen gut dafür. Beim Qualifying lag sie schließlich 0,0000067 Sekunden vor dem Feld ihrer Verfolgerinnen.
Oh mein Gott, was macht sie jetzt? La Rini schüttelt den Kopf, schaut verzweifelt zu ihrem Assistenten. Ihr ist ein Zinken aus dem Kamm gebrochen! Das wird auch der Assistent mit Superkleber nicht so schnell richten können. Die Trockenzeit kann sie nie wieder aufholen. Ist das das Aus für La Rini? So knapp vor dem Ziel? Tatsächlich. Coultbitch kämmt sich an ihr vorbei. Das war’s für Italien. Aber so ist Sport eben.“

Ich bin nicht aggressiv!!

An dieser Stelle möchte ich ganz sanft ein Thema ansprechen, das mir am Herzen liegt. Eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Es nervt. Es geht mir auf den Wecker! Ehrlich, ich kann’s nicht mehr hören: Dieses beknackte Klischee, Frauen, betroffen vom PMS (prä­menstruellen Syndrom, für alle Ignoranten, die nicht wissen, was die Abkürzung bedeutet), sollen angeblich aggressiv sein. Wenn ich das höre, krieg’ ich soooo einen Hals!

Ich zum Bei­spiel bin die Ruhe selbst. Gut, natür­lich in dem Rah­men, in dem ich die Ruhe selbst sein kann. Wenn ich — wie heute morgen — ganz unten an der Treppe fest­stelle, dass das Handy noch in der Wohnung auf dem Küchentisch liegt, macht mich das natürlich ein bisschen ärgerlich. Wenn mir dann, nachdem ich drei Stockwerke nach oben gehatscht bin und wieder nach unten, von der U-Bahn nur noch der kalte Hauch des Abfahrens entge­genweht, freue ich mich natürlich nicht. Wenn ich dann auch noch, in die Zeitung versunken, fast den eigentlichen Ausstiegsort verpasse, in der letzten Sekunde hochrumple und nur noch millimeterscharf der Guillotinierung durch die U-Bahn­Tür entkomme, dann mag es sein, dass auch mein Lächeln eher in den Merkel-Modus verfällt.

Okay. vielleicht verspüre ich sogar eine leichte, eine ganz leichte Form der inneren Anspannung. Aber doch nicht, weil ich körperlich beeinträchtigt bin an diesem Tag, sondern weil das tägliche Leben ein­fach oft eine Zumutung ist!
Vielleicht bin ich an Tagen wie diesen einfach etwas sensibler dafür. Aber das ist doch nicht meine Schuld, Herrgott noch mal! Was kann ich denn dafür, dass in der Kantine genau bei mir das Schnit­zel an solchen Tagen aus ist? Oder nur die nervigsten Termine auf mei­nem Schreibtisch landen? Ich bin genau wie immer. In meiner Mitte. Bloß blöd kom­men sollte mir heute niemand mehr. Wenn heute noch mal eine Agentur anruft und fragt, ob ich Eselsritte durch die Steiermark zu verlosen hätte, garantiere ich für nichts. Schlimmer wäre nur, wenn mich jetzt noch mal jemand beim Schreiben unterbricht. Dann bre­che ich demjenigen etwas.

Was? Ich, aggressiv? AGGRES­SIV?? Na, herzlichen Dank. Ich geh’ jetzt heim. Und borge mir ein Buch, das sich eine gute Freundin letzte Woche gekauft hat. Titel: „Mir reicht’s!“ Nein, sie hatte da nicht PMS.
PS: Gerade war ich bei meinem Apotheker. Neben Schmerztablet­ten hat er mir folgende Worte über den Tresen geschoben: „Glaum Sie’s: Ich könnt’ heut allen eine nei­haua. Ka Angst, Ihna net!“ Ich glaub’, der kriegt bald seine Tage…

Ritt auf der Todesmaschine

Es gibt ja Menschen, die haben vor gar nichts Angst. Egal ob Tiefseetauchen, Bungeejumping oder einwöchiger Besuch der Großfamilie — bei diesen Leuten geht grundsätzlich alles. Kein Problem!
Bei mir trifft das, ihr ahnt es, nicht ganz so zu. Furchtlos bekenne ich an dieser Stelle: Ja, Angst ist ab und zu mein Thema. Zum Beispiel habe ich etwas, das ich „reale“ Höhenangst nenne. Als Hochhauskind kann ich zwar ohne Probleme aus einem Balkon im 20. Stockwerk schauen, einen 30 Zentimeter hohen Schemel zu erklimmen, verursacht mir aber einen Drehschwindel, als ob ich auf dem Mount Everest stünde. Glühbirnen an Deckenlampen zu wechseln, gehört eindeutig nicht zu meinen Lieblingsaufgaben!

Und jetzt kommt mein eigentlicher Anfangssatz: Neulich habe ich auf einem Pferd Platz genommen. Einem lebendigen Pferd. Ein Tier, das eindeutig höher ist als mein 30-Zentimeter-Schemel. Zwei Kolleginnen aus dem Hause „Furchtlos und Co.“ haben mich in diese Situation geritten. „Dooooch, du musst da auch mal drauf!“
Zähneknirschend wuchtete ich mich also in den Sattel. Selbst Cindy aus Marzahn hätte es eleganter hinbekommen. Oben angekommen, wollte ich vor allem eines: wieder runter. Mit schweißiger Hand umklammerte ich den Reitknauf. Wo, bitte, waren die Sicherheitsgurte? Auch ein Lenkrad hätte ich besser gefunden als die zwei windigen Zügel. Damit sollte ich die Muskelmaschine lenken? Ich atmete tief durch.

Dann kam es noch schlimmer: Das Pferd setzte sich in Gang. Zwei Runden führte die Kollegin Pferd und mich durch die Reithalle. In jeder Kurve wurden meine Schweißflecken größer. Ich sah mich vom Pferd rutschen, am Boden liegen, mein letzter Blick wäre der in einen Huf… Ruhig, sprach ich mir gut zu, ganz ruhig. „Na?“, fragte die Kollegin und Pferdebesitzerin zu mir nach oben. „Jou“, presste ich durch meine Zahnreihen hervor. Immerhin das war Cowboy-like.
Irgendwann war es vorbei. Das Pferd stoppte, ich hatte überlebt. Juhu und wiehaha! Ich wollte den Erdboden küssen wie der Papst.

Vorher musste ich nur noch eines tun: Absteigen. Sollte zu schaffen sein. Wenn man mir nur noch schnell sagen würde, wie…? „Fuß aus dem Steigbügel, Bein drüberschwingen und abspringen“, kam es von unten. Ach so. Waaaas? Das waren keine Kolleginnen, das waren Monster! Von einem Pferd springen, geht’s noch? Da könnte ich ja gleich von einem Pferd springen, haha. Ich versuchte, die Sache auszusitzen. Als nach fünf Minuten immer noch weder Superman noch Hulk vorbeigekommen waren, um mich zu retten, tat ich das Unfassbare: Ich schwang mein Bein über den Pferdehintern und landete nicht auf der Fresse, sondern tatsächlich am Boden! Und das, ohne das Pferd umzureißen. Jippieh.

Drei Stunden später erreichte mich eine SMS von der Pferdebesitzerin: „Super, dass ihr da wart“, schrieb sie. „Nächstes Mal üben wir das Traben.“ Nächstes Mal?!? Nächstes Mal übe ich nur auf der Burg. Und zwar den Eppelein-von-Gailingen-Sprung. Dann gibt es immerhin kein drittes Mal. Sie hätten mich denn zuvor!

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