Schlabber-Bikini als Sommertrend

Sorry, falls dieser Text Schweißflecken aufweist. Wenn Sie diese Zeilen lesen, hat Petrus den Planeten vermutlich schon wieder auf Normaltemperatur runtergedreht. Während ich hier aber noch am Schreiben dran — ran bin, wie der TV-Rheinländer gerne sagt —, fließt es aus allen Poren. Sommer! Endlich. Und juhu natürlich. Nach all der Jammerei über Novemberwetter bis in den Juni müssen wir jetzt vor Glück im Fünfeck springen. Und auch ich will mich natürlich nicht beschweren. Ich will es wirklich nicht. Aber ich muss. Ein kleines bisschen nur.

Eigentlich geht es auch gar nicht um den Sommer, sondern um meinen Lieblingsbikini. Der hat innerhalb der kurzen Winterzeit von nur acht Monaten eine sackähnliche Gestalt angenommen. Keine Ahnung, wie das passiert ist. Vielleicht hat ihn meine Riesenkatze ja mal anprobiert… Ich schwöre, das letzte Mal, als ich mit dem Ding im Meer baden war, saß es noch ganz normal an meinem Körper. Jedenfalls in meiner Erinnerung.

Jetzt kann ich die Badehose entweder bis fast unter die Schulterblätter hochziehen oder wahlweise den Zwickel in den Kniekehlen tragen. Beides ist jetzt nicht ganz so sexy. Passend dazu sind auch die Träger des Oberteils so ausgeleiert, dass ich den Neckholder so weit oben knoten muss, dass das Oberteil gefühltermaßen gleich unter meinen Ohren anfängt. Kein Outfit, mit dem man freiwillig neben knackigen Teenies im Freibad Platz nehmen möchte. Apropos: Waren die eigentlich schon immer so glatt und makellos, die jungen Menschen? Und können die nicht einfach ein eigenes Bad für sich bekommen und mich mit ihrer Perfektion in Ruhe lassen? Wenn ich dazu bald eine Unterschriftenliste starte, zähle ich auf Mitstreiter!

Es gibt nur noch einen, der einem das eigene Selbstbild noch fieser entgegenhält als die Youngsters: der Spiegel in der Umkleidekabine beim Bikini-Kauf. Nach meiner Schwimmsack-Entdeckung stürzte ich postwendend in die Stadt, um ein neues Badeoutfit zu erwerben. Es war kein schönes Erlebnis: Drei Dreiecke auf einem Vanillepudding verteilt — mehr sog i net.

Dann doch lieber mein alter Schlabber-Bikini. Tapfer habe ich mit ihm am Leib kurz vor der Hitzeimplosion das Freibad betreten. Und ich kann nur sagen: Es hat sich gelohnt. Zwischen gepiercten Braunbäuchen liegend, betrachtete ich eine Vierergruppe Freibad-Lolitas. Sie stoppten vor mir: „Ey, Simone!“, rief eine zu mir. Ich stutzte. Meinten die mich? Ich fühlte, wie sich mein Bikini vor Stolz blähte. „Naa, des is doch net die Simone“, stellte eine von ihnen dann fest. Frustriert fiel mein Bikini in sich zusammen. Hatten sie mich doch enttarnt. Aber jetzt kommt’s: Es waren nicht Alter und Bikini, die mich von Simone unterschieden, sondern: „Die Simone, die hat doch ka Zeitung dabei!“ Ich schaute auf die NN neben mir und grinste.

Primitiv, aber man amüsiert sich, so gut man kann! Hat Karl Lagerfeld mal gesagt, weil er sich freute, dass er in engere Hosen passte als seine 20-jährigen Assistenten. Ich versteh’ den Mann. Und mach’ es umgekehrt: Wenn Schlabber-Bikinis demnächst Trend sind, wissen Sie, wer den gesetzt hat: „Simone“.

Wir Franken werden gemobbt

Mobbing. Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass dieses Wort wie geschaffen ist für den frän­kischen Gaumen? Das ist doch kein Zufall. Wir Franken werden doch die ganze Zeit gemobbt! Mit Loddar-Witzchen und regionalen Irrtümern. (Ach, du kommst aus Bayern? Nein!) Das schlimmste Franken-Mobbing ist mir aber im Studium passiert. Als ich so irre war, für eine Theaterrolle vorzusprechen. Ich hatte mich gut vorbereitet – vor allem auf die harten Konsonanten. „P“ und „T“ aussto­ßend wartete ich zwischen den henna­gefärbten, asymmetrischen Haarfri­suren meiner Kommilitonen auf mei­nen Einsatz.

Der Theater-Professor kam, ich sprach, das Urteil war vernichtend. „Sie bewegen sich schön durch den Raum“, begann er meinen Verriss zartfühlend. „Aber Sie sagen „Buccch“, „Kürche“ und „Ürgend­wie“.“ Ich schaute ihn verständnis­los an. Was wollte der Mann von mir? Kürche? Ja klar. Wie denn sonst? Der Theatermann schüttelte sein akade­misch zerzaustes Haar, dann erklärte er: „Tja, das ist das Problem von Leuten, die nicht zweispra­chig aufgewachsen sind.“ Bitte? Hatte ich irgendwas ver­passt? Konnte ich doch nichts dafür, dass meine Mutter keine Französin war. Kurz darauf dämmer­te mir, dass der gute Mann damit offen­bar zum Ausdruck bringen wollte, dass ich von meinen Franggn-Eltern nur Dialekt sprechend er­zogen wurde – ohne Hochdeutsch als Fremdsprache.

Mir wurde heiß. Ein Wort manifes­tierte sich mit leuchtenden Buchsta­ben in meinen frankonisierten Ge­hirnwindungen: Depp! Statt den fein­geistigen Preußen mit diesem Wort­brocken umzuhauen, hielt ich lieber meine einsprachige Klappe. Leider war ich nicht nur zornig, ich schämte mich auch wegen mei­ner, sprachlich be­trachtet, hundsgrüb­beligen Erziehung. Konnte man Eltern rückwirkend dafür verklagen? Eigentlich hätte es nicht mehr schlim­mer werden können, aber der Professor setzte noch eins drauf: „Entweder Sie gehen lieber zu einem fränkischen Fernsehsender“, sag­te er. „Oder sie genie­ßen Sprecherziehung bei…“ – und jetzt kam die größte Gemeinheit — „bei Herrn Traupe.“ Traupe! Darin stecken alle Buch­staben, die ein Franke nicht ausspre­chen kann! Hartes T am Anfang, gefolgt von einem ungerollten „R“, danach ein hartes „P“. Ein Sprech­lehrer mit so einem Namen war eine Anfeindung und Provokation für je­den Franken. Ich schnaufte durch und schaffte es, den Raum halbwegs erhobenen Hauptes zu verlassen.

Draußen wartete eine Freundin auf mich. Sie wollte wissen, wie das Vorsprechen – das Wort „Casting“ war damals noch nicht erfunden – gelaufen war. „Ich sage ,Buccch’ und ,Kürche‘, das geht nicht. Ich muss erst gescheit sprechen lernen“, sagte ich mit hängendem Kopf. Sie schaute mich verstört an: „Hochdeutsch? All­mächd. Aber bist du dann noch du?!“ Ich bin dann doch ich geblieben. Herr Traupe hat mich nie gesehen und mit der Theaterkarriere wurde es folglich nichts. Stattdessen schrei­be ich lieber. Weil ein getipptes „R“ nicht rollt. Wer weiß, am Ende ver­fasse ich vielleicht sogar einmal ein Buccch. Über Kürchen. Ürgend­wann.

Drehen Sie, wenn möglich, um!

Ohne sie wäre ich nicht nach Polen gekommen und auch Prinz Charles in Langenburg hätte ich ver­mutlich erst einen Tag später gefun­den: Die Frau in meinem Navi ist Gold wert. Wo wegweisende Beifah­rer normalerweise ausflippen („Hier abbiegen, oh Mann, warum bist du weitergefahren?!!“) oder Total-Ausfälle sind („Warte mal, ich kann grad das Schild nicht lesen … äh …“) bleibt sie ruhig. Egal ob es sich um einen dreispuri­gen Kreisverkehr handelt oder um ein Kaff in Hohen­lohe. „Fahren Sie geradeaus, dann nehmen Sie die Autobahn.“ Höf­lich, bestimmt, gelassen.

Seitdem sie mich zweimal durch Extremsituationen geschaukelt hat, bin ich ein bisschen abhängig von ihr. Und ich frage mich: warum beschränkt sich ihr Einsatz nur aufs Auto? Ich könnte sie auch im norma­len Alltag gut gebrauchen. Dann müsste ich endlich nicht mehr alle Entscheidungen alleine treffen. Da warte ich schon lange drauf.

Beispiel Beziehung (rein hypothe­tisch): Soll ich noch bleiben oder mache ich mich lieber vom Acker? Eine Frage, mit der man drei gute Freunde zehn Nächte lang beschäfti­gen oder drei Tagebücher füllen kann. Oder man schaltet das Bezie­hungs­Navi ein. „Nehmen Sie die Ausfahrt.“ Alles klar! Wer dann nicht weiß, ob heute oder morgen, erhält von der Dame noch mehr Klarheit. „Die Ausfahrt liegt vor Ihnen.“ Und vor falschen Kandida­ten würde sie einen natürlich war­nen. Nähere ich mich bei einem Date dem Holzweg, schaltet sich die Lady ein: „Drehen Sie, wenn mög­lich, um.“

Das Sozial-Navi könnte mich auch davor bewahren, bei einer Feier in der Arbeit peinliche Kalauer rauszu­hauen. „Achtung, Achtung“, würde die Dame ganz ruhig sagen, wenn ich das zweite Glas Prosecco in mich eingefüllt habe. Und auf dem Gang zur Toilette würde sie verhin­dern, dass ich mit dem Chef zusam­menstoße: „Halten Sie sich rechts.“ Nachts würde sie mich mit sanf­ter Stimme aus Gedankenschleifen befreien: „Im Kreisverkehr, nehmen Sie die zweite Ausfahrt.“ Und schwupps, hört mein Hirn auf, gor­dische Knoten lösen zu wollen und steuert stattdessen auf grüne Schafs­weiden mit weißen Wölkchen zu. Perfekt.

Hoppla, ich bekomme gerade eine Ansage: „In der nächsten Zeile — Sie haben Ihr Ziel erreicht. Na dann. Tschüss!

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