Cliffhanger in der U-Bahn

Und, wann haben Sie das letzte Mal Ihre Zehennägel geschnitten? Wenn es mal wieder so weit war, rate ich Ihnen, setzen Sie sich in die U-Bahn und berichten einer Freun­din ausführlich am Telefon darü­ber. Das kommt super an im Bahn-Abteil. Ehrlich. Neulich, auf dem Weg von Langwasser Süd zum Hauptbahnhof habe ich so viel In­put von einer jungen Frau neben mir bekommen, dass ich froh war, mein Buch zu Hause vergessen zu haben.
Schon ihr Gesprächseinstieg mit der Freundin, die sie an der Handy­strippe hatte, war genial: „Erinner’ mich dran, dass ich morgen zum Frauenarzt gehe.“ Wow. Das ist doch mal ein Auftakt, da bleibt man dran.

Und es ging gut weiter. Ich erfuhr nicht nur, dass die Pille von meiner Mitreisenden wegen „der Haut und der Schmerzen“ eingenommen wurde, sondern, dass es einer ande­ren Freundin, namens Nancy genauso ging. Die mutierte angeb­lich geradezu, wenn sie die Tablet­ten nicht regelmäßig einnahm. „Die kriegt dann voll die Pickel am Rücken“, sprach meine Sitznachba­rin ins Telefon und kühlte die heiße Info mit einem Schluck aus ihrer Coladose runter. O je, dachte ich und freute mich zum ersten Mal ein bisschen über den miesen Frühling. Dann muss Nancy wenigstens nicht ihren Rücken freilegen. Die Freun­din am anderen Ende der Leitung fand die Diagnose „Pickel am Rücken“ anscheinend weniger tra­gisch. „Aber halt schon richtige Eiterpickel, ne“, legte deshalb meine Telefonlady nach. „Und Damenbart!“

Jesus! Bis Hasenbuck ging mir die pickelige Nancy mit ihrer Tom-Selleck-haften Oberlippe nicht mehr aus dem Kopf. Dann wech­selte meine Mitreisende zum Glück zu einem anderen Thema: zu ihrer Freundin Sandy. Die sei seit ein paar Tagen „überfällig“. Meine Sitz­nachbarin legte eine Kunstpause ein und betrachtete versonnen ihr strassbesetztes Handy. Ich rutschte unruhig auf meinem Platz hin und her. Also, erklärte meine Nachba­rin: „Erst waren ihre Tage weg, dann waren sie wieder da. Aber jetzt sind sie wieder weg.“ Uiuiui. Und jetzt? Die Freundin am anderen Ende der Leitung hatte offenbar die gleiche Frage. „Jetzt“, antwortete meine Nebensitzerin — dann unterbrach eine Durchsage ihre Antwort: „Auf­grund einer techni­schen Störung kommt es zu einem kurzen Aufent­halt.“

Menno, wollte ich schreien, jetzt quatsch du doch nicht dazwi­schen, Sandy hat ganz andere Pro­bleme! Einen Teil der Antwort konnte ich trotzdem noch erhei­schen, „…einen Test gekauft, den muss sie dann machen“. Irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl. Und zwar noch vor dem Satz: „Ja, neulich isse umgefallen. 1,6 Promille.“ Ich erfuhr noch, dass meine Mitreisende neulich ebenfalls beschwipst beim Einsteigen in den Schlafanzug umgefallen war, dann musste ich aussteigen.

Ich finde neben Mit-dem-Döner­rumsauen und Bier trinken gehören auch solche Cliffhanger-Gespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln ver­boten! Nie werde ich Antwort auf meine Fragen bekommen: Hat Sandy es geschafft einen Test zu machen ohne umzufallen? Ist sie wirklich schwanger oder war die Schwangerschaft wieder weg? Und wenn ja, wer wird die Taufpatin? Wenn es Nancy ist, hoffe ich nur, sie zieht kein rückenfreies Kleid an …

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Palme, wohin willst du?

Haben Sie einen grünen Daumen? Herzlichen Glückwunsch. Ich nicht. Ich habe dafür einen fünfzehn Jahre alten Benjamin mit fast keinem Blatt mehr an seinen dünnen brau­nen Ästen. Die streckt er zwischen Billy-Regal und Fensterfront her­vor wie Hänsel das Stöckchen bei der bösen Hexe. Und bei der wohnt er ja praktisch auch. Nur dass ich ihn nicht mäste, sondern bei lebendi­gem Leib verhungern lasse — so weit man das bei Pflanzen sagen kann. Nicht, weil ich sadistisch bin, son­dern einfach ver­gesslich. In dem Jahr, in dem ich ihn wundersamerweise viermal gegossen habe, habe ich aus seinen Blättern Applaus vernommen. Damals hatte er noch welche.

Jetzt sieht er, wie gesagt, leider etwas mager aus. Was mir über­haupt nicht mehr auffallen würde. Das Baumgerippe gehört für mich in meine Wohnung wie die Steh­lampe. Eine Freundin deutete neu­lich allerdings schockiert auf den Ficus. „Allmächd, was machst du?!“, fragte sie mich entgeistert. „Nix“, antwortete ich wahrheitsge­mäß. Sie hat mir dann einen länge­ren Vortrag über die Notwendigkeit von Wasser für Zimmerpflanzen gehalten. Sonst bräuchte man gar nichts Großartiges machen. Sie selbst wohnt in einer Art Dschun­gel. Selbst Primeln wachsen bei ihr zu Kopfsalatgröße heran. Wasser, sagt sie jedes Mal, wenn ich sie nach ihrem Trick frage. Bloß Wasser.

Ich glaube, ich habe eine Gieß-Hemmung. Seltsamerweise be­schränkt sie sich aber nur auf Zim­merpflanzen. Denn auf dem Balkon gieße ich regelmäßig. Na ja, meis­tens jedenfalls. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich Dinge in meiner Wohnung automatisch als Gegen­stände betrachte. Und meine Bücher, den Fernseher und den Couchtisch gieße oder dünge ich ja auch nicht. Die Katze füttere ich vermutlich nur, weil sie sich bewegt und Geräusche macht. Dadurch kann ich sie nicht so leicht mit dem Hocker verwech­seln — was ich von der Form her langsam durchaus könnte, aber das ist wieder ein anderes Thema…

Eine tapfere Pflanze scheint mich jetzt durchschaut zu haben: die Palme in meinem Redaktionsbüro. Auch sie kann nicht laufen. Aber sie versucht es. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit — etwa einem halben Jahr — hat sie sich mit ihrem Kopf immer mehr seitwärts geneigt. Damit sie nicht umkippt, habe ich sie zur Wand gedreht. Klammheim­lich hat sie sich wieder umgedreht. Zum Fenster, zur Sonne strebt sie. Eigentlich will sie sich dadurch vom Acker machen, vermute ich.

Allein, es hat nicht funktioniert. Stattdessen hängt sie mit der Blätter­krone in der Hei­zung wie ein Besoffe­ner über der Klo­schüssel. Vielleicht morst sie über den Heizkörper mit ihren Blättern geheime Botschaf­ten an die Freundin mit dem grünen Dau­men, damit die sie errettet. Ich weiß es nicht. Ich mache auf jeden Fall mal das Fenster zu und gebe ihr jetzt gleich einen Schluck Wasser. Hof­fentlich vergess’ ich’s nicht …

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Was erlaube Frühling?!

Eigentlich wollte ich es ja nicht tun. Ganz fest habe ich es mir vorge­nommen. Ich wollte nicht über das Wetter jammern. Bis jetzt habe ich es durchgehalten, aber jetzt kann ich nicht mehr. Jetzt bricht es aus mir heraus: Was erlaube Frühling?!

Zuerst überrumpelt er mich mit fast hochsommerlichen Temperatu­ren, die bei mir zu einem Schweiß­bad im Winterstiefel führen. Kaum habe ich den See ausgekippt und mir unter Schmer­zen schwerwiegen­der Entscheidungs­prozesse endlich verdammte früh­lingstaugliche Latschen, sprich Halbschuhe, zugelegt, schon kehrt temperaturtechnisch plötzlich der Herbst zurück. Ich fasse es nicht!

Nach einem übermütigen Auffla­ckern müssen wir jetzt wieder auf dem Sofa statt im Biergarten sitzen. Mit einer Wolldecke über den Knien. Das Getränk der Wahl dazu ist — ich kann den Namen schon gar nicht mehr aussprechen — Tee. Tee! Seit einem halben Jahr trinken wir alle nichts anderes mehr. Na ja, wenigstens fast. Diese Woche hat mich die Kälte aber tatsächlich wie­der dazu gebracht. Allein der Anblick der Rooibos-Vanille-Box hat bei mir einen halben Nervenzu­sammenbruch ausgelöst. Ich schwöre, ich rühre das Ding vor Oktober nicht wieder an. Und wenn ich in meiner Wohnung in Schop­pershof erfriere. Eine Kollegin, die tolldreisterweise beschlossen hatte, ohne Wintermantel das Haus zu ver­lassen, orderte bei ihrem Mann neu­lich zum abendlichen Ausgang Schal und Handschuhe. Im Mai! Das kann es doch echt nicht sein.

Ich mach jetzt bald nicht mehr mit. Was dem Pseudo-Frühling natürlich egal ist. Aber trotzdem. Irgendwie braucht die Natur doch auch mal ein Feed­back. Die macht doch sonst mit uns, was sie will. Ja, ja, ich weiß, die Bau­ern freuen sich, wenn es regnet. Aber ich finde Grau als Himmels­farbe gehört in dieser Jahreszeit unter Strafe gestellt. Um es mit Heidi Klum zu sagen: Nein, Petrus, ich habe heute leider kein Foto für dich. Du kommst nicht mit nach Hawaii, sondern musst nach Hause fahren, weil deine Performance echt unterirdisch war.

Oder habe ich etwas verpasst, und der Frühling fällt dieses Jahr einfach aus? Vielleicht kommt nach sechs Monaten Winter jetzt einfach nahtlos der Sommer? Okay. Meinet­wegen. Dann möchte ich aber bitte genau wissen, wann er stattfindet. Den Tag halte ich mir dann nämlich frei.

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Ein Herd, mich zu knechten

Ich habe einen Tyrannen in der Wohnung. Er ist weiß, hat vier Plat­ten und zwingt mich immer wieder nachzuschauen, ob alle seine Augen tatsächlich auf null stehen. Es han­delt sich um meinen Herd. Er wird mich irgendwann noch in den Wahn­sinn treiben! Ich weiß nicht, wie er es macht, aber er hat definitiv Macht über mich. Kaum über­schreite ich die Schwelle meiner Wohnungstür gen Freiheit, pfeift er mich zurück.

„Bist du sicher, dass ich aus bin?!“, flüstert eine unsichtbare Stimme in mein Ohr. Versuche ich, sie zu übergehen, weil ich schon drei U-Bahnen zu spät dran bin, setzt der Tyrannen-Herd Bilder ein: Vor meinem Auge sehe ich die Katze über die Küchenzeile spazie­ren. Die Herdplatte neben ihr glimmt gefährlich. Die Katze leckt an der Butter, ihr Schwanz fängt Feuer, die Katze brennt. Bald ent­flammt die ganze Wohnung, dann fliegt das Haus in die Luft. Und alles nur, weil ICH zu faul zum Nachschauen war!

Klarer Fall von Kontrollzwang, sagt das Internet. In extremen Fäl­len können Betroffene gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Das klappt bei mir immerhin noch. Aber trotzdem, was soll das? Kann ich nicht wenigstens einen sinnvollen Zwang haben? Putzzwang zum Bei­spiel. Vielleicht könnte ich durch die grauen Schlieren meiner Fens­ter dann mal wieder die Nachbarn sehen. Und mit dem Feldstecher überprüfen, ob bei denen der Herd auch wirklich aus ist!

Schön wäre auch ein Brief­öffnungszwang. Aber nein, Briefkas­ten zwei Wochen lang nicht leeren, das geht bei mir ohne Probleme. Bei Eiseskälte bin ich im Stockdunkeln schon in der Wohnung gesessen, weil ich durch konsequentes Post­ Verweigern nicht mitbekommen hatte, dass bei meiner Strom­Überweisung et­was Grundlegendes falsch gelaufen ist. Da war der Herd dann zumin­dest sicher aus. Das ist er aber übri­gens sowieso immer. Von den Hun­derten Malen, die ich in die Woh­nung zurückgetrabt bin, um zu schauen, ob ich eventuell an einer Haus-Explosion beteiligt sein könnte, war der Herd kein einziges Mal an. Kein allereinziges Mal!

Ich weiß nicht, was er hat. Viel­leicht ist mein Herd einfach nicht gern allein. Ich glaube, ich nehme ihn heute mal mit in den Biergarten. Dort gebe ich ihm einen Haselnuss­geist aus und bugsiere ihn in die Kneipen-Küche zu seiner Herd-Herde. Wenn’s ihm gefällt, kann er dort bleiben. Der Wirt kocht eh bes­ser als ich. Und ich habe einen super Grund, um täglich in die Kneipe zu gehen. Ich muss schließlich schau­en, ob dort der Herd aus ist …
Bleiben Sie tapfer. Alles wird. Vielleicht sogar gut.