Frühling ist … wenn der Winterstiefel schwitzt

„Wiehuu!“, um es mit Michael Jackson zu sagen. Der Frühling ist da. Ein bisschen spät zwar, dafür lässt er sich nicht lumpen und kommt gleich als Sommer daher. Kann natürlich sein, dass übermor­gen, also für Sie heute, wenn diese Kolumne gedruckt ist, schon wieder Winter ist. Aber jetzt gerade schaut die Welt vor dem Bürofenster wie neu bespannt aus. Wo vorher dürre Äste waren, sind plötzlich grasgrüne Böp­pel, der Willy-Brandt-Platz schaut aus wie eine Filmszene aus „Kirsch­blüten Hanami“, sämtliche Rasen­flächen sehen aus, als ob sie nie anders gewesen wären als saftig grün. Die ganze Natur tut so, als ob es sechs Monate geschlossene Wol­kendecke nie gegeben hätte.

Super, ich freue mich. Ehrlich, wirklich. Ich bin begeistert. Aber ein bisschen, ein ganz klein bisschen zu schnell geht es mir irgendwie. Ich fühle mich von den Ereignissen über­holt. Vor allem vom Fuß her. Als mir neulich beim ersten Freiluft-Schäu­fele in der Fränkischen ein Schweiß­tropfen in den Winterstiefel perlte, wurde mir klar, dass sich die Wege meiner Lieblingstreter und mir ab jetzt trennen. Schnüff. Was haben wir alles miteinander erlebt! Wehmütig streichelte ich sie noch einmal, dann warf ich sie zu den anderen alten Galoschen im Bett­kasten.

Die Zeit war reif für eine neue Ära. Die Zeit war reif für „H.“. „H.“, der Halbschuh, war endlich wieder dran. Spannungsgeladen wie die Region vorm Frankenderby zog ich die unterste Schublade des Schuh­schranks ruckelnd auf. Sechs Monate war sie nicht mehr benutzt worden. Sechs Monate hatte ich „H.“ nicht mehr gesehen! Ich stellte mir vor, wie sein weiches, glänzen­des Leder meinen Fuß umschmei­chelt. Was ich sah, als ich die Schub­lade aufgezogen hatte, deckte sich nicht ganz mit meinen Erwartungen: Der drinhockende „H.“ sah aus wie ein Bewohner des Dschungelcamps am vorletzten Tag: ramponiert, dre­ckig, der Lack vollkommen ab. Mit solchen Tretern konnte nicht mal eine Elfe in den Frühling schweben. War das etwa alles an Halbschuhen, was ich besaß?

Ich suchte nach Alternativen. Im Schuhregal, im Bettkasten, im Abstellraum. Vergeblich. Indiskuta­bel, allesamt. Nur auf dem Abstrei­fer vor der Tür stand ein hübsches, nigelnagelneues Paar. Leider gehört es der Nachbarin.
Ich wollte schon resignieren, als ich schließlich doch noch die Ret­tung fand: ein wunderschönes Paar Schuhe! Es glitzert gülden, stammt aus Indien und wird ab jetzt über­gangsweise meine Füße zieren. Okay, es sind Flipflops. Aber in meinen Augen sind es Halbschuhe — mit Cutouts.

Sagen Sie nicht, es gültet nicht, sonst mache ich es wie die Haupt­darstellerin in „Terminator 3“ und materialisiere mich in der Breiten Gasse. Dort warte ich auf eine Frau meiner Größe, dann baue ich mich vor ihr auf und sage: „Das ist ein schöner Schuh!“ Danach hat ihr letz­tes Stündlein geschlagen und ich habe deren modische Wedges am Fuß. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt…

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