Ich geh’ einfach als Oberteil

Sie haben es mit einem Blick aus dem Fenster bestimmt schon bemerkt. Fasching lässt sein graues Band wieder flattern durch die Lüfte. Tätäää!
Gut, es gab schon bessere Ein­stiegs-Witze als diesen, der außer­dem noch hinkt. Aber passt er damit nicht perfekt zur Faschings­stimmung in Franken? Die ist ja auch eher so medium. Bei uns mer­ken manche erst am Aschermitt­woch, dass Fasching war. Eine Vor­bereitungsphase, so was gibt es bei uns nicht.

Dachte ich je­denfalls. Bis ich neulich die Fa­schings­Abtei­lung eines Kauf­hauses betreten habe. Dort im Untergeschoss habe ich sie gefun­den: zwei Exemplare der seltenen Spezies Faschingsfranken! Zwi­schen Schaufensterpuppen im Darth-Vader-Gewand und Meer­jungfrauen- Dress stand nicht etwa irgendein Feierbiest in jugendli­chem Alter, sondern ein älteres Ehe­paar. Ich pirschte mich unauffällig an, um sie in ihrem natürlichen Lebensraum nicht zu stören, und beobachtete ihr Treiben.

Die braven Leute, von der Form her eher quadratisch als länglich, erklärten der Verkäuferin ihren frommen Wunsch: „Blouß irchend a Oberdeil.“ Die fränkische Beschei­denheit wurde leider nicht belohnt. Sämtliche lustigen Oberteile aus feinstem Schwitz-Polyester waren nur noch in der falschen Größe vor­handen. „Ach Godd“, schnaufte die Frau, während sie der Verkäuferin minutenlang durch die Reihen folgte. Ihr Mann stand vor der Umkleidekabine und wartete die Steigerung der Verzweiflung ab. Mit dem nächsten zu kleinen India­ner­Leibchen wandelte sie sich in Resignation: „Dann bleim mer halt dahamm, wenn ma nix zum Anzie­hen finden“, befand die Ehefrau. Der Ehemann erstarrte. Stille herrschte im Untergeschoss. „Mer losse d‘r Dom in Kölle“, versuchte das Kaufhausradio die Stimmung zu retten.

„Naa! Mir finden was“, wider­sprach die Verkäuferin und griff das nächstbeste Kostüm. „Wie wär’s damit?“ Ich ahnte die Antwort. Nein, das sexy Krankenschwestern-Minikleid war auch kein Volltreffer. Der Mann wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn, die Ver­käuferin stürmte in Richtung Hippie. Auch von dort kam keine Rettung. Wenn die Hosen­beinlänge fast der gesamten Körper­größe entspricht, ist das Kostüm nur suboptimal.

Ob von Verkäuferinnen­seite noch der Vorschlag kam, ein­fach zu zweit aufeinandergestapelt als EIN Hippie zu gehen, weiß ich nicht. Ich gab mein Ansinnen auf, jemals selbst die dauerbelegte Ver­käuferin etwas fragen zu können, und trollte mich. Als ich nach einer halben Stunde zurückkehrte, steuer­ten die Faschingsfranken den Ausgang an. Mit einer Einkaufstüte! Ich war erleichtert: Sie müssen nicht zu Hause bleiben, sie dürfen rein, ins Faschingstreiben. Abermals Tätäää!

Die Verkäuferin saß ermattet zu Füßen von Darth Vader. Das lustige kleine Hütchen auf ihrem Kopf hing auf halbmast. „Sie“, sprach ich sie an. „Ich such’ was für Fasching. Nichts Aufwendiges. Bloß so ein Oberteil halt.“ Sie hat mir einen schwarzen Umhang verkauft. Vermutlich trägt man den – als Sadist

Januar, du Dreckskerl!

Es ist brutal und gemein. Gerade eben wurden wir noch eingelullt von Weihnachts-Blingbling, Kerzen­schein und Lebkuchenduft — jetzt ist das Lametta ab. Mit den letzten Silvesterraketen wurden auch wir von unserem samtweichen Weih­nachtssofakissen weggeschossen. Um auf einem kalten, harten Fliesenboden zu landen. Januar — allein der Name klingt schon wie ein fieser einäugiger Schakal — im Gegensatz zum gemütlichen Dezem­ber, den man sich als vollgefressenen freundlichen Bä­ren vorstellen kann. Der Schakal präsentiert uns die Welt, so wie sie ist: Nüchtern, ohne Chichi, liegt sie vor uns, so hübsch wie der Gehsteig in Schoppershof. Wo vor drei Wochen noch Schneeflocken für romantisches Flair gesorgt haben, sind dort jetzt leere Sektflaschen neben Hundehaufen arrangiert. Bezaubernd.

Wir sind aber auch immer wieder doof. Irgendwie scheinen wir die geheime Hoffnung zu haben, dass mit dem Jahreswechsel auch für uns eine neue Ära anbricht. Ein Zeit­alter mit mystischen Erlebnissen und verführerischen Begegnungen. Mit Prickeln und Aufregung. Ums Eck getrabt kommt dann doch immer wieder nur der einäu­gige Schakal. Mit 365 unbearbeite­ten Tagen im Schlepptau, eingeteilt in KW 1 bis 52. Sollte der Mistkerl da nicht wenigstens wie der Bern­hardiner ein kleines Fässchen um den Hals hängen haben? Aber nein. Genau jetzt, wo wir alle dringend ein Tröpfchen Trost gebrauchen könnten, steht natürlich weit und breit keine Glühweinbude mehr.

Ist das fair? Ist das in Ordnung? Uns so rauszuspucken in die Welt, nachdem wir brav das ganze Weih­nachts- Tamtam mitgemacht haben? No, Sir! Wenn ei­ner dringend einen Relaunch braucht, eine Überarbei­tung, dass es knallt, dann ist es der Januar. Ich fordere nicht wie Jogi högschde Dis­ziplin, dafür einige Wiedergutma­chungen für diesen Monster-Monat: Ich fordere Halbtags-Arbeitszeit für alle und einen neuen Bezug für den Himmel (Grau ist total 2012!). Ich verlangedie Einführung mindestens zweier Fix-Feiertage, die niemals auf Sonntage fallen können. Ich for­dere einen wöchentlichen Karibik-Tag und Cocktails nach fünf Uhr. Vor allem fordere ich, dass der Januar erst am 15. losgeht. Wenn wir den Schakal nur zwei Wochen in Pflege haben, gewinnen wir ihn am Ende vielleicht sogar lieb.

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