Zusammen ist man weniger allein

Und, klingt „Last Christmas“ noch in Ihren Ohren? Ich wurde die­ses Jahr von „Stille Nacht“ und Co. so weich gespült, dass ich seit Heilig­abend nicht mehr von der rührseli­gen Schiene runterkomme. Neulich fand ich schon Tagesthemenspre­cher Tom Buhrow niedlich. Hilfe! In dieser Stimmung möchte ich mich heute einmal bedanken. Bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Mit Glöckchengeklingel und Engels­zungen. Denn seit ich diese Kolumne schreibe, weiß ich, ich bin mit meinem alltäg­lichen Wahnsinn nicht alleine. Auch bei Ihnen verschwinden Socken in der Waschmaschine — wie mir eine Leserin neulich mit­teilte — auch Sie kämpfen mit dem neuen Krankenkassenbild. Zum Teil erwischt es Sie noch viel toller als mich: Ein Leser bekam von sei­ner Krankenkasse doch tatsächlich die Antwort, dass die Kasse das Passbild nicht seiner Person zuord­nen könne. Auf seine Rückfrage, wie denn ein Passbild bitte schön aussehen sollte, das man ihm zuord­nen kann, hat er noch keine Ant­wort bekommen. Rätsel des Alltags!

Ich wiederum wurde von meiner Tante, die auch zu meinem Leser­kreis gehört, höchstpersönlich in ein Fotostudio geschleift. Dass ich das Passbild mit meinem wahnsin­nig ungezwungen dreinblickenden Konterfei („Schee schaua!“) danach aus Trotz einen Monat lang nicht abgeschickt habe, habe ich ihr bis­her verschwiegen. Jetzt ist es aber weg, ich schwöre!

Man kann nichts verheimlichen in dieser Kolumne. Und das ist auch gut so. Andernfalls würde ich heute wahrscheinlich immer noch in der Hängeregistratur meiner 25 Taschen nach meinem verscholle­nen Kfz-Schein suchen. Eine Woche lang habe ich damals alle Tiefen und Untiefen meiner Wohnung flu­chend nach dem Auto-Papier durch­forstet. Die Erlösung kam erst, als ich meinen Frust über das verlegte Mistding in dieser Kolumne ausbrei­tete. Noch am Samstagabend be­kam ich eine Handy-Nachricht mei­ner Putzperle, die ab und an dafür sorgt, dass ich nicht ganz im Chaos versinke. „Lese gerade bei einer Freundin die NN. Du suchst deinen Fahrzeugschein. Ich weiß, wo er ist“, schrieb sie mir. Und tatsäch­lich: „Im Abstellraum, rechts hinten unter den schweren Taschen“, lag unvermutet mein Heiliger Gral!

Neben der prak­tischen Lebens­hilfe, die mir zuteil wird, ist es aber vor allem die mora­lische Unterstützung von Ihrer Seite, die mein Herz wärmt. Nie werde ich die E-Mail eines Lesers vergessen, der wie ich, die Dürer-Ausstellung geschwänzt hatte. „Ich mache Sie nicht fertig, beschimpfe Sie nicht und falle auch nicht über Sie her“, leitete er sein Bekenntnis ein. Auch er habe sich fast täglich anhören müssen: „Wos, du warst noch net beim Dürer?!“ — und freute sich, dass er mit mir jetzt end­lich in bester schlechter Gesell­schaft der Kulturbanausen war. Um in unserer Stadt überhaupt noch geduldet zu werden, versprach er damals: „Als echter Närmbercher geh ich diesmal bestimmt auf den Christkindlesmarkt.“ Ich kann nur hoffen, dass er das Vorhaben auch in die Tat umgesetzt hat. Ich war dieses Jahr wieder dort — und von der durchfallartigen Farbe der Glühweinbecher begeis­tert! Dürer hätte es nicht schöner gemalt.

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen schon jetzt alles Gute und zitiere obigen Leser, der wiederum den Fußballtrainer Dragoslav Stepa­novic zitiert: „Lebbe geht weida“.
Bleiben Sie tapfer. Alles wird. Vielleicht sogar gut.

Eine Socke kommt oft allein

Na, warten Sie auch noch auf den Partner Ihres Lebens oder zumin­dest auf ein halbwegs adäquates Pendant? Dann sind Sie damit nicht alleine. Meiner pinken Socke geht es genauso. Traurig hing sie gestern alleine auf meiner Wäscheleine — zwischen fünfzehn schwarzen Sockenpaaren. Ihr Anblick hat mir fast das Herz gebrochen. Aber ich konnte ihr beim besten Willen kei­nen Partner anbieten. So sehr ich auch in der Waschmaschine herum­getastet hatte, das Schicksalsrad der Trommel beförderte nichts auch nur annähernd Pinkes zutage.

Seit­dem baumelte sie depressiv über dem Plastikstrick. Selbst ihr Bünd­chen schaute schon ganz zusammen­geschnurrt vor Kummer aus. (Viel­leicht waren ihr auch nur die 60 Grad eindeutig zu heiß gewe­sen . ..) Ich dachte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Bis ich die Socken zusammensortieren musste. Ich will hier ja nichts überinterpre­tieren, aber als auch die letzte schwarze Socke verpartnert war, glaube ich, tatsächlich ein Schluch­zen vernommen zu haben.

Weil ich einiges ertragen kann, aber keine traurigen Socken, fing ich ein Gespräch mit ihr an. „Hallo!“, begann ich. Sie ignorierte mich. „Schöne Farbe…“, versuchte ich es weiter. Jetzt schaute sie mich ankla­gend an: „Ja, ganz tolle Farbe, verar­schen kann ich mich selber! Wo ist mein anderer Socken?“ Ich holte ihr einen Prosecco aus dem Kühl­schrank, in der Hoffnung, dass er vielleicht auch bei einem Strumpf die Laune heben konnte, und erzählte ihr von meiner Theorie.

Schon seit längerem ist mir beim Sockenaufhängen aufgefallen, dass die Socken, die übrig bleiben (und es müssen immer Socken übrig blei­ben, altes Waschmaschinengesetz) oft etwas ganz Besonderes haben. Ein hübsches Bündchen oder ein schönes Muster oder eine atmungs­aktive Sohle. Wenn ihr Partner nicht aus der Waschmaschine kommt, kann ich sie nicht einfach mit einer x-beliebigen anderen Socke zusammenstecken, wie ich es bei meinen normalen schwarzen Socken gerne mache. Die stecke ich manchmal mit einem falschen Part­ner zusammen — aus Versehen oder weil es ohnehin keinen Unterschied macht. Schwarz ist schwarz. Pink und schwarz schaut dagegen in den Schuhen etwas seltsam aus. Ihre Besonderheit macht die Ausgefalle­nen zu Single-Socken. So lange, bis der passende Zweitstrumpf wieder auftaucht. An der Stelle schnäuzte sich die Socke in den Taschentuch­fetzen, der an dem Jeansbein neben ihr klebte, und sah zu mir auf. Ich bildete mir ein, in ihrer Zehenspitze Hoffnung blitzen zu sehen.

Ich fuhr eilig fort und erzählte ihr, dass der passende Partner mei­ner Erfahrung nach immer noch auf­getaucht war. Meistens hatte er sich lange Zeit vor der Waschmaschine gedrückt und sich am Boden des Wäschekorbs ver­steckt. Oder er war aus irgendeinem Grund hinter die Waschmaschine gefallen. Nur in den seltensten Fäl­len hatte die Waschmaschine ihn tat­sächlich aufgefressen — das ist nur ein Ammenmärchen. Meistens musste man einfach nur ein biss­chen Geduld haben.

„Echt jetzt?“ Die Socke schien plötzlich etwas pinker als vorher. Scheinbar war ihr der Sekt etwas zu Fuße gestiegen. Ich nickte und pflückte sie behutsam von der Leine. Ohne sich zu sträuben, ließ sie sich von mir zu den anderen Sin­gle- Socken im Schrank legen. Im Gegensatz zu den Paar-Socken, die brav ineinandergerollt liegen müs­sen, dürfen die einzelnen Socken in einer Schachtel lustig durcheinan­derpurzeln. Als ich dabei war, die Tür zu schließen, konnte ich hören, wie sich eine gestreifte Wollsocke aufgeregt auf sie stürzte: Sie warte ja schon seit einem halben Jahr auf ihre bessere Hälfte. Aus Verzweif­lung habe sie neulich sogar eine Liaison mit einer Stulpe angefan­gen! Auf meine Theorie sei kein Ver­lass.

Morgen gehe ich in die Stadt. Pinke Socken kaufen. Einen lasse ich unterwegs verschwinden, den anderen bringe ich heim. 95 Prozent Übereinstimmung. Was Elite-Part­ner kann, kann ich schon längst.

Erschien in: 1

Traumurlaub in Ras Al Kaida

Es gibt zwei Dinge, die mich maxi­mal unentspannt werden lassen: Entspannungs-CDs und Urlaubspla­nung. Wenn mir — im ersten Fall — eine Stimme sagt, ich soll mal ganz lockerlassen und positiv atmen, kann ich schon spüren, wie mich negative Energie durchströmt. Bis sich bei mir das Scheitel-Chakra öff­net, haben sich meine Pobacken schon zu einer Dauerstarre ver­krampft.
Schlimmere Schweißausbrüche löst bei mir nur noch der Besuch eines Reisebüros aus. Ehrlich! Ich weiß, es mag sich eventuell wie ein Luxusproblem anhören, aber es ist kein schönes Gefühl, ausgerechnet den Ort zu fürchten, den alle anderen ja offen­bar lieben.
Platzangst, Flugangst, Höhen­angst. Das sind gesellschaftlich akzeptierte Ängste. Aber Angst vor dem Reisebüro? Da schließt man doch auf einen Vogel exotischen Ausmaßes. Ein Papagei muss da doch mindestens am Werk sein, den­ken sich alle.

Mein Vogel und ich haben es neu­lich immerhin wieder probiert. Gemeinsam haben wir den Weg in meine Angst genommen. Mit gesenk­tem Blick steuerte ich auf ein Reise­büro zu. So konnte ich immerhin die Palmenplakate übersehen, auf denen braungebrannte Schönlinge mit Zahnpasta-Lächeln sich mit bunten Cocktails zuprosteten. Der Laden sah von außen schon aus wie die Geisterbahn für Urlaubsphobi­ker! Ich schnaufte tief durch und stieß die Tür auf, deren Glocke sofort mittels Südsee-Melodie ver­meldete, dass ich eingetroffen war.

Eine nette Therapeutin, äh, Reise­büroangestellte, gab meine präzise Fragestellung (Schnell noch irgend­wohin, wo’s warm ist) mit freund­lichem Lächeln in ihren Computer ein. Ich lächelte hoffnungsfroh zurück. Dann warf ich einen Blick auf die „modern und schick“ einge­richteten Ferienzellen irgendwo auf den Kanaren. Angesichts der reich­haltigen Buffets mit Bauchtanz auf Fuerteventura, Superior-Zimmer ohne Balkon auf Lanzarote und Deluxe-Wellnessanlagen im 80er-Jahre-Design auf Teneriffa wurde mir schwummrig. War das Urlaub? Sein schönes Zuhause mit einer unbekannten Verwahrungsanstalt zu tauschen? Nur weil es dort wär­mer war? Ist Wetter denn alles?

Ja. Teilte mir die Freundin mit, die mit mir wegfahren wollte. Vor allem im Dezem­ber bei Schneere­gen. Ich seufzte. Angeblich ist der Mensch doch ein Gewohnheitstier. Eines, das das Risiko scheut. Aber an völlig unbe­kannte Orte zu reisen, damit hatte dann plötzlich niemand außer mir mehr ein Problem. Woher soll ich denn, bitte schön, wissen, ob mir etwas gefällt, wenn ich noch nie dort war?! Sachdienliche Hinweise nimmt mein innerer Sicherheits­inspektor gerne in Empfang.

Apropos Sicherheit: Eingebrockt hatten mir den ganzen Schlamassel Mursi und meine Tante. Ersterer, weil er mein eigentliches (und seit Jahren vertrautes) Reiseziel Ägyp­ten unnötig aufregend machte, Letz­tere, weil sie schwache Nerven hat. Der Gedanke, dass mich die Moslem­brüder über den Tahrir-Platz tra­gen könnten, behagt ihr anschei­nend nicht so ganz.

Sie muss sich keine Sorgen machen. Ich fahre nicht nach Ägyp­ten. Ich fahre auch nicht nach „Ras Al Kaida“, sondern nur nach Ras Al Khaimah. Hinter Dubai. Molotows hat die Cocktailbar dort nicht im Angebot. Allein das Wetter soll dort bombig sein. Tante und Freundin können zufrieden sein.
Und mir fehlt nur noch eine Klei­nigkeit: mein Reisepass. Ich hoffe inständig, er taucht wieder auf. Al-Kaida-Ehrenwort.

Erschien in: 1