Ich kipp`gleich aus den Latschen!

Angeblich haben ja alle Frauen einen Schuhtick. Ich gehöre eindeu­tig nicht dazu. Ein passendes Paar Schuhe zu finden ist mindestens so schwer wie die Suche nach der Liebe des Lebens, finde ich. Es ist nicht die „Shopping“-Lust, die mich in die Stadt treibt, sondern die blanke Not. Denn auch ich muss auf etwas laufen und Handtaschen (davon hätte ich genug) an den Füßen sind leider nicht gesell­schaftsfähig.

Um der sozialen Ächtung zu ent­gehen, machte ich mich also auf den Weg in ein Einkaufszentrum. In den Regalen sah ich – nichts. Alle Stiefel hatten Absätze und Schafthöhen, wie ich sie zuletzt bei Julia Roberts in „Pretty Wo­man“ gesehen habe. Wer soll darauf laufen und wohin? Und welcher Mode-Depp hat, bitte, den Keilab­satz wieder reaktiviert? Auch mit Halbschuhen, die auf Bügeleisen montiert wurden, kann ich nichts anfangen. Ich will doch nur ganz normale Stiefel, Mensch!

Ein paar Tage später aber ist etwas Unheimliches passiert. Ich kam gerade von einem Termin am Weißen Turm. In der Linken Presse­unterlagen, so schwer wie eine Gefängniskugel, in der Rechten einen Schirm. Ich war im Stech­schritt unterwegs, weil ich noch ver­abredet war. Plötzlich waren sie überall: Schuhe, Schuhe, Schuhe! Stiefel mit einem Absatz, den man ohne Leiter erklimmen konnte und deren Preis nicht meiner Monats­miete Konkurrenz machte. Schuhe, wie für mich gemacht.

Fluchend stürzte ich mich in die Regale. Das Stiefel-Zeitfenster hatte sich geöffnet. Wenn ich jetzt nicht zugriff, würde es sich rächen wie vergebene Torchancen. Schon am nächsten Tag würde es alle Stie­fel nur noch in Größe 34 oder 42 geben. Jetzt war der Moment! Ich warf Schal, Schirm und Presse-Bleige­wichte von mir, um effektiver arbei­ten zu können. Dann zerrte ich im Minutentakt Kartons aus meterho­hen Stapeln hervor. Im Akkord ent­fernte ich Papier aus Schäften. Der Berg aus Ausstopf-Material neben mir wuchs direkt proportional zu den Schweißflecken unter meinen Achseln.
Ein Blick auf die Uhr ließ Panik aufkeimen. Ich kam zu spät und dampfend wie ein Pferd zur Verab­redung.
Zum Ausgleich wollte ich wenigstens mit einem Paar Stiefel nach Hause gehen.
Die Verkäuferin muss das Amok-Potenzial in mei­nen Augen gesehen haben. „Die sind wirklich schön“, meinte sie und deutete auf den mittleren der fünf Kar­tons vor mir. Dankbar krallte ich mir das Schuh­paar und sprintete zur Kasse wie Usain Bolt. Ich zitterte, aber ich war glück­lich. Geschafft.

Heute Morgen habe ich zufällig noch perfektere Stiefel gefunden. Ich habe sie gekauft. Und auch noch das Paar, das daneben­stand. Vielleicht gebe ich die Stiefel vom Vortag zurück. Vielleicht aber auch nicht. Man kann nie genug Schuhe haben.
Hey, ich bin eine Frau!

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