Ohne Blitz sehe ich schwarz!

Ich muss heute an dieser Stelle ein Trauma aufarbeiten. Am besten legen Sie sich mit dem Artikel auf die Couch. Denn da werden schwerwiegende Themen meistens behandelt. Es hat diesmal nichts mit Dürer zu tun, über den bin ich weg. Nein, es ist viel schlimmer: Ich habe Jasmin Tabatabai fotografiert. Mit Blitz! Der Veranstalter war „not amused“. Sie auch nicht. Ich gelobe hiermit, es nie wieder zu tun.

Was ist mir da auch eingefallen? Eine Künstlerin mit Blitz zu fotografieren. Während sie singt! Da geht doch die ganze Stimmung kaputt. Die Frau gibt sich Mühe, mit erotischem Augenaufschlag und melancholischen Chansons, und dann komm’ ich und blitz’ ihr in die Performance. Eiskalt, wie wir Journalisten halt so sind. Ich will mich gar nicht verteidigen. Nur erklären. Es war die blanke Not, die mich zu dem Frevel getrieben hat. Der Termin hat sich so spontan ergeben, dass ich selbst zum Fotoapparat greifen musste. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Zu Recht.

Mit gezücktem Apparat saß ich bei ihrem Auftritt in der vierten Reihe und wartete auf meinen Einsatz. Beim zweiten Lied, hieß es, dürfe ich ein Bild machen. Was, wenn ich mich verzähle?, schoss es mir durch den Kopf. Das Lied verwechsle? Was, wenn ich stolpere und hinfalle? Mein Herz klopfte so laut, dass ich schon Angst hatte, allein damit die Atmosphäre zu versauen.
Der Applaus nach dem ersten Song brandete auf. Ich wischte mir die Hände an der Hose ab. Gleich war es so weit, der Chef-Musikant zählte ein. Todesmutig rannte ich in gebückter Haltung vor zur Bühne. Wie Didi Hallervorden in einem Sketch, den nur Kinder gut finden. Ich atmete tief durch und versuchte eine Haltung einzunehmen, wie ich sie bei unseren Fotografen schon gesehen hatte. Nonchalant, lässig, souverän.

Ich knipste, es blitzte. Dreimal quer, einmal hoch. Geht doch, dachte ich noch. Dann legte sich ein Schatten auf meine Linse. Es war die Hand des Veranstalters. „Kein Blitz!!!“, zischte er. Ich zuckte zusammen, meine Knie wackelten. Dann gab er mir den Todesstoß: „So was machen Profis nicht!“
Aus Schock oder Trotz schoss ich noch ein letztes Bild. Ohne Blitz. Dann schlich ich zu meinem Platz zurück. Ich sehnte mich nur nach einem: einer Pause, in der ich meine vollen Hosen entleeren könnte. Oder Schnaps trinken. Stattdessen durfte ich zum Interview antreten. „Die weiß doch nicht, dass du das warst, es war doch total dunkel“, versuchte mich eine Freundin, die mitgekommen war, zu beruhigen. Ihr Wort war nur in Gottes Ohr. Aber nicht in dem von Jasmin Tabatabai. „Sie waren die mit dem Blitz“, begrüßte sie mich und zog die Augenbraue hoch.

Was soll ich sagen, ich habe es irgendwie überlebt. Aber schön war es nicht. Vielleicht hätte ich ihr sagen sollen, dass ich einfach vorbelastet bin. Schließlich schreibe ich nicht nur für die Nürnberger Nachrichten, sondern auch für den Sonntagsblitz! Nomen est eben omen. Sorry, Jasmin!