Anleitung zum Unordentlichsein

Es gibt ja Menschen, die machen die verrücktesten Sachen: Bungee­jumping, Tiefseetauchen, Briefe öff­nen. Ganz vogelwilde Kreaturen machen ihre Post nicht nur auf, sie heften sie sofort ab. Abheften! Ich fasse es nicht.
Diese Leute haben ja wohl gar keine Ahnung! Wissen sie nicht, dass gute Post abhängen muss wie ein ordentliches Stück Speck? Oder ein guter Wein oder ein schöner Käse? Tsss.

Um den Reifungsprozess nicht zu stören, hat man folgendermaßen vor­zugehen: Erstens: Post im Briefkas­ten ignorieren, bis sie zum Schlitz herausquillt. Erst dann ist sie bereit für zweitens — die Wohnungslage­rung. Unangetastet werden die Briefe auf den bereits vorhandenen Poststapel auf dem Küchentisch abgelegt. Achtung: neue Briefe nur vorsichtig mit dem Schneebesen un­terheben, sonst droht Einsturz­gefahr. Dann den Stapel in aller Ru­he gehen lassen. Wer mag, deckt ihn mit einem Geschirrtuch ab oder lagert Einkäufe aller Art darauf.

Frühestens nach ein paar Wochen kann man beginnen, die Briefe zu öffnen. Vieles hat sich dann zum Glück schon erledigt. Lästige Ge­burtstagsfeiern sind bereits vorbei, Stromzählerstände wurden ge­schätzt und langweilige Rechnungen haben sich in aufregende Mahnun­gen verwandelt. Das bringt Span­nung in den Alltag! Tipp: Eine Taschenlampe sollte immer griff­bereit liegen. Denn es kann vorkom­men, dass man ab und an im Dun­keln lesen muss, weil der Strom ab­gedreht wurde, da mit der Online­Überweisung etwas schiefgegangen ist. Ich selbst kenne solche Fälle natürlich nur vom Hörensagen…

Für Dokumente und Rechnungen aller Art ist daneben die Gardero­ben- Hängeregistratur zu empfehlen. Mittels meiner 14 Handtaschen, die dort von der Leiste baumeln, kann ich die letzten zehn Jahre nachwei­sen. Lückenlos!
Und zwar nach Winter- und Som­merausgaben unterteilt: Quittungen für die Winterreifen sind in der dicken schwarzen Ledertasche, die Auslandsversicherung in der Strand­tasche.

Und doch ist mir trotz meiner akri­bischen Ablagetechnik jetzt ein Mal­heur passiert. Mein Fahrzeugbrief, er ist verschollen! Weder in der Taschen-Registratur noch im Kü­chenstapel kam er zum Vorschein. Hat er sich etwa kompostiert? Oder war er in den Hosentaschen einer der Jeans, die ich neulich in die Alt­kleidersammlung gegeben habe? Nachdem ich das Jackett einer Kolle­gin aus Versehen weggeworfen habe, traue ich mir selbst nicht mehr. Ich habe nur noch eine Hoffnung: mein kaputtes Auto! Dort habe ich neulich zwischen Motoröl und leeren Flaschen immerhin einen Versiche­rungsschein für eine Altersvorsorge gefunden. Top erhalten!

Wenn der Fahrzeugbrief da nicht ist, muss ich etwas Grundsätzliches in meinem Leben ändern. Ich kaufe ein neues Auto und engagiere eine Sekretärin, die bei mir im Koffer­raum (geräumig!) Ablage macht. Während wir dahinbrausen, werfe ich ihr die Tankquittungen nach hin­ten und sie heftet sie postwendend ab. Einmal im Monat gehen wir den Küchenstapel durch, zweimal im Jahr meine Taschen. Von der Steuer­ersparnis kaufe ich ihr einen Luxus-Fingerbefeuchter und mir einen neuen Leder-Shopper für die Hänge­registratur.
Das Leben wird sicher anders, aber schön.

Erschien in: 1

Albrecht, bitte vergib mir!

Ich gestehe es gleich vorneweg: Ich habe es nicht geschafft. Ich war nicht bei der Dürer-Schau.
So, jetzt ist es raus. Machen Sie mich fertig, fallen Sie über mich her, rufen Sie bei mir an und beschimpfen Sie mich. Es geschieht mir nicht anders als recht. Mea culpa, mea maxima culpa! Als Frän­kin, als Nürnbergerin, als in Nürn­berg sogar Geborene nicht in der Ausstellung gewesen zu sein, ist eine Schande. Sagt mein Gewissen. Und meine Tante. Sie war auch nicht drin.

Dabei sind viele Menschen für die Schau von weit her angereist. Ich will gar nicht wissen, wie weit! Anstrengungen haben sie auf sich genommen, munkelt man, zum Teil Langstreckenflüge. Alle waren dort. Nur ich nicht. Ich gebe auf. Weil ich eine Ignorantin bin, den Propheten im eigenen Land nicht schätze. In Berlin habe ich mich vor Jahren für eine Frida-Kahlo-Aus­stellung acht Stunden angestellt. Acht Stunden! Und jetzt ist mir unser Dürer keine vier Stunden wert? Ich kann mich selbst nicht fas­sen, ehrlich.

Wie konnte es so weit kommen? Ich weiß es nicht. Ein bisschen geahnt habe ich es vielleicht, tief drinnen, in einem verborgenen Win­kel meines banausigen Herzens. Aber ich habe mich sicher gefühlt. All denen überlegen, die sich mit der ersten Welle kurz nach der Eröffnung ins Germanische haben spülen lassen. Lässig habe ich mit den Schultern gezuckt und den Kopf geschüttelt über diese Übereif­rigen. Die Museumsstreber. Mein Plan war: Abwarten. Und dann, ganz in Ruhe, auch mal ins Germani­sche zu schlendern. An den Warten­den vorbei. Denn ich hätte natür­lich vorher Karten im Internet gekauft. Für mich und meine kunst­interessierten Freunde.

Es kam anders. Die Freunde hat­ten nie gleichzei­tig Zeit, dann waren alle im Urlaub. Und plötzlich war der August vorbei. Nie ging ein Monat schneller vorbei, ich schwöre! Man muss doch mal ein bisschen nach­denken dürfen, Herrgott.
Nein, man darf es nicht. Ich dachte, ich wäre schlauer als alle anderen, jetzt bin ich der Depp. Die eigene Hybris hat mich zu Fall gebracht. Wenn sich in zwanzig Jah­ren Menschen noch von dem Ereig­nis in Nürnberg erzählen, werde ich stumm in der Ecke hocken und bib­bernd hoffen, dass niemand mir die Frage stellt, mit der man mir gerade pausenlos Salz in meine Wunde streut: „Und, wie hat dir die Ausstel­lung gefallen?“ Ich kann nicht mehr. Bitte, hört auf! Wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht mehr nach. Spart euch euer „Waaas? Du warst nicht drinnen???“ Nein, ich war nur drau­ßen. Ich nehme das Kreuz auf mich. Für alle Nürnberger und Franken, die es auch nicht geschafft haben.

Halt, Moooooment, da fällt mir etwas ein: Ich habe ja Dürer-Bilder gesehen! Live und in Farbe! In den Uffizien in Florenz. Im Auslandsse­mester vor zehn Jahren. Das giltet doch. Oder?