Coole Lounge statt Griechen-Grill

Ich muss zugeben, neulich hat mich eine Überschrift in unserer Zeitung geschockt. „Wo Mama einst schon gern saß“, stand über einem Artikel, in dem es um den Dürer­platz ging. Quatsch, dachte ich mir spontan. Meine Mutter ist dort doch niemals gesessen! Die hätte ich doch treffen müssen. Halt mal, mei­nen die etwa mit „Mama“ — mich?! Als kinderloser Mensch merkt man irgendwie etwas später, wie die Zeit vergeht.
Das Leben ist Veränderung, diese Weisheit ist nicht neu und grundsätzlich ja auch okay. Vor­ausgesetzt, man­che Dinge bleiben noch so, wie sie immer waren. Es gibt ein paar wich­tige Konstanten. Für mich zum Bei­spiel essen, atmen und im Sommer ins Bayern 07 gehen.

Nach dem Dürerplatz-Schock er­eilte mich dort aber der nächste: Mein Kassenhäuschen ist weg! Stattdessen steht dort jetzt ein Gebäude mittlerer Größe, das mich stark an einen Grenzübergang erin­nert. Instinktiv überschlug ich den Inhalt meiner Badetasche. Hatte ich etwas dabei, was man verzollen müsste? Zum Glück musste ich aber nur Eintritt zahlen.
Danach stand ich allerdings nicht im Freibad, sondern in einer Lounge. Wo einst der Grieche Gyros servierte, chillen jetzt junge Frauen, die gerne Paris Hilton wären. Instinktiv zog ich den Bauch ein. Wo war ich gelandet? Wo war mein Bad? War der Weg noch Weg oder heimlich auch schon eine hippe Relax-Zone? Verunsichert tapste ich weiter.

Dann sah ich SIE. Und die Welt war wieder in Ordnung. Sie ist eine Lady fortgeschrittenen Alters, die seit Menschen­gedenken in diesem Frei­bad sitzt. Immer am sel­ben Platz, auf derselben Liege, mit derselben Fri­sur. Nur die Bräunungs­grade changieren ein biss­chen. Zwischen Dunkel­braun am Sommeranfang und Tiefschwarzbraun zum Sommerende. Sie ist die Konstante meiner Konstanten, das Herz des Bades! Wenn das Bay­ern 07 ein Schiff wäre, müsste man sie als Gali­onsfigur an den Eingang binden.
Ich war beruhigt. Wenn sie noch da war, konnte nicht alles anders sein.

Und in der Tat. Die ewigen Gesetze des Freibads gelten noch, stellte ich fest, als ich mich mit einem Ächzen auf dem Wurzelge­flecht meines Schattenplatzes nie­derließ. Jungs schubsen nach wie vor quiekende Mädchen ins Wasser, junge Pärchen cremen sich verzückt den Akne-Buckel ein und die Mus­kelmänner posen noch immer am Beckenrand. Eine Frau rechts von mir saß zur Krönung auch noch auf einer orangefarbe­nen Plastikliege, wie sie meine Eltern in den 70er Jahren hatten. Die Prilblume der Sonnenliegen! Ich war begeistert.

Versöhnt mit der Welt kletterte ich ins Schwimmbecken. Dann sah ich SIE wieder. Ich riss die Augen auf! Sie auf der Liegewiese — ja. Sie im Wasser — nein! Noch nie hatte ich die Galionsfigur auch nur in der Nähe des Beckens gesehen. Würde jetzt der Himmel einstürzen? Das Wasser aus dem Becken laufen? Ängstlich klammerte ich mich am Rand fest.
Mit langsamen Zügen schwamm sie an mir vorbei. Ich glaubte, ein leichtes Zischen zu hören. Ein Geräusch, wie es Steaks auf dem Grill machen, wenn man sie mit Bier übergießt.

Ich kletterte aus dem Becken und lief zu meinem Handtuch. Es bleibt wirklich nichts, wie es einmal war. Dann trat ich auf meine Sonnen­brille. Wie immer im Sommer. Manchmal wäre Veränderung auch etwas Gutes.

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