Montag, Juli 9th, 2012 von Anette Röckl

Mein Fenster zum Hof

Bis vor Kurzem war die Welt noch in Ordnung. Unser Leben ver­lief nach einem streng geregelten Fahrplan mit den schönen Statio­nen Fußball, Fußball und Fußball. Niemand musste mehr überlegen, wie er den Abend verbringen, ob und wo er sich mit Freunden treffen sollte. Feierabend war dort, wo ein Fernseher stand.
Oder eine Groß­leinwand. Und darauf hatte kein schwieriger fran­zösischer Film zu laufen, sondern 22 Mann einem Ball hinterher. Wir konnten uns zurücklehnen, ge­radeaus schauen und aktiv passiv sein. Herrlich!

Und jetzt? Sollen wir etwa wieder am echten Leben teilnehmen? Als wir selbst und nicht als die deutsche Mannschaft? Es ist erschütternd, aber die gute Nachricht ist, es gibt eine Alternative. Ich habe sie neu­lich per Zufall gefunden. Auf mei­nem Balkon. Sie heißt Private Vie­wing und funktioniert ganz ähnlich wie die Public-Variante. Man sitzt und schaut anderen bei Handlun­gen zu.

Ja, ich gestehe, ich habe meine Nachbarn beobachtet. Ich wollte es nicht, aber ihre hell erleuchteten Zimmer in der dunk­len Nacht haben sich mir quasi auf­gedrängt. Seitdem weiß ich, dass man sich durchaus um halb zwölf Uhr nachts ein Pfannengericht bra­ten kann, wie der Herr im vierten Stock gegenüber. Ob die Tatsache, dass er ein Post-T-Shirt trug, etwas mit der verspäteten Nahrungsauf­nahme zu tun hatte, weiß ich nicht. Vielleicht war das Schnitzel kein Nachtessen, sondern schon sein Frühstück?

Während ich darüber sinnierte, erfreute mich die Nachba­rin im ersten Stock schräg unter ihm mit immer neuen Frisuren-Vari­anten. Sie saß an einem Tisch vor einem großen Kühlschrank und kämmte sich die Haare wie ein Fri­seur bei einem Wettbewerb. Nach­dem ich Zopf nach unten, Dutt am Oberkopf und Seitenzopf gesehen hatte, wollte ich bei der abschließen­den Bananen-Rolle fast aufspringen und applaudieren. Ein Mensch im Treppenhaus gegenüber lenkte mich davon ab. Gespannt beobach­tete ich, wie er die Stufen nach oben bis zu seiner Wohnung ging. Ich wet­tete schnell mit mir selbst, dass er als Erstes das Badezimmer be­treten würde. Als sein Kopf tatsäch­lich dort im Fens­ter erschien, fühlte ich mich wie nach einem Torschuss von Gomez. Vielleicht hatte ich doch etwas viel Fußball geschaut in letzter Zeit?

Vernünftig wollte ich ins Bett gehen, als zwei andere Nachbarn die Nachspielzeit einläuteten. Zu sehen gab es diesmal nichts. Weil meine Katze minderjährig ist, hielt ich ihr die Ohren zu. Diese Privat­vorstellung war eindeutig für Erwachsene.
Nein, ich bin nicht bis zum Schlusspfiff dabeigeblieben, son­dern noch vor der Verlängerung ins Bett. Von dort konnte ich hören, dass einige Elfmeter ins Tor gingen.
Danach habe ich von Mehmet Scholl geträumt. Er findet, ich hätte mich öfter wenden können in der Nacht. Morgen zeichne ich meine Laufwege zum Klo auf und zeige sie Beckmann. Das wird ein 1:0 für mich.


Kategorie: 1
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2 Kommentare

Juli 11, 2012
Bacione

… zum Glück wohne ich nicht in Nürnberg, doch ich hab 3 Fenster zum Hof und werde jetzt abends das Licht immer ausmachen!


Juli 17, 2012
DieNachbarin

Mist, da ist man einmal im Urlaub und die Post geht ab im Innenhof :o)
und nun isses zu kalt zum draussen sitzen und lauern…



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