Ich fordere: Zeitlupen für alle!

Stopp! Halten Sie mal kurz an. Denn wer zu schnell durchs Leben geht, verpasst oft die wirklich wich­tigen Dinge. Nein, diese Weisheit hab’ ich nicht in einem Entschleuni­gungs- Seminar gelernt, sondern beim Fußballschauen. Dort entfal­tet sich die Dramatik der Situation doch erst so richtig in der Zeitlupe. Ein verpatzter Torschuss von Ronaldo ist schnell vorbei, sein Blick gen Himmel danach, von den Fernsehmachern unendlich gedehnt, könnte in jedem Bolly­wood- Schmachtfetzen mitspielen. Mario Gomez’ gedrehter Torschuss entfaltet im Schneckentempo eine tänzerische Poesie, dass man sich das Ballett-Abo direkt sparen kann. Und wenn sich dann der Bun­destrainer noch in Zeitlupe durchs Haar fährt, um darauf eine Faust zu ballen, sagt ein Bild mehr als tausend Worte.

Ich fordere zwar keine „högschde Disziplin“ wie Jogi Löw, dafür aber Zeitlupen für Normalsterbliche! Schon am Morgen könnte ich die Nation mit spektakulären Bildern überraschen, die Béla Réthy perfekt kommentieren könnte: „Schafft es Röckl aus dem Bett?“ Die Zeitlu­pen- Wiederholung zeigt, wie ich mein linkes Bein mit einer sauberen Punktlandung auf dem Boden plat­ziere. Mit dem kleinen Zeh tou­chiere ich die Handcremetube, die dort unten auf dem Zeitungsstapel liegt. Deutschland hält den Atem an. Rutscht Röckl aus? „Nein, sie fängt sich“, ruft Réthy erleichtert. „Aber was macht sie jetzt?! Sie schlittert! Sie schlittert auf dem Zei­tungspapier in die Küche. Und kocht sich einen Kaffee! Ein Tau­sendsassa!“ Meine Katze holt die Nachbarsviecher zum Wohnungs-Korso, ich ruhe mich ermattet auf dem Küchenstuhl aus.

Wäre das nicht schön? Unser aller Leben würde endlich mal in seiner alltäglichen Dramatik wertge­schätzt.
Mit seinen aufplatzenden Mülltüten, aus denen in Zeitlupe die Nudelreste vom Vortag fallen. Und den Fingern, die verzweifelt an die Knöpfe der U-Bahn drücken, ehe sie gnadenlos abfährt. Oder der letzten Ein-Euro-Münze, die uns vorm Supermarkt aus dem Geldbeu­tel in den Gullyschlitz fällt.

Und alle würden mitbangen: Wird Schmidt verzweifeln oder ohne Wagen einkaufen? Wird Mül­ler nach der verpassten U-Bahn-Chance auch das Arbeitsmeeting vergeigen? Und wird Meier jemals wieder die Nudelpampe vom Tep­pich kratzen können?
Am Feierabend analysiert Franz Beckenbauer dann unseren Tag. „Ja, gut, sicherlich, klar — bei der U-Bahn hätte man die Räume schneller auf­machen müssen. Dafür war das Pres­sing in der Kantinenschlange gut.“ Moment mal, ich hab’ gerade wie­der Béla Réthy im Ohr: „Wird Röckl jetzt der Abschluss gelingen? Sie scheint kurz vor der Pointe zu ste­hen! Röckl müsste jetzt einen Punkt machen, Röckl macht ihn! Punkt, Punkt, Puuuunkt für ,Hallo Nürn­berg‘!“

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