Albrecht setzt den Locken-Trend

Es gibt Dinge, gegen die kann man sich willentlich entscheiden. Gegen ein gelbes Ledersofa zum Bei­spiel. Oder einen Partner mit Putz­fimmel oder einen zu langen Abend in der Kneipe, den man am nächs­ten Tag mit Kopfweh büßen wird.
Gegen eine Frisur kann man sich dagegen nicht entscheiden. Auch wer sich der gezielten Formung sei­nes Haupthaares verweigert, hat zwangsläufig eine Frisur. In diesem Fall halt eine schlechte. Das Haar ist da und zwingt uns, sich mit ihm auseinan­derzusetzen (übrigens gilt auch „Glatze“ als Frisuren-Variante).

Manche Menschen lieben diese Auseinandersetzung ja. Egal ob im Büro, beim Joggen oder am zugigen U-Bahnhof — ihre Frisur sitzt. Wenn Haare lächeln könnten, ihre würden es tun. Selbstzufrieden schmiegen sie sich elegant ans Gesicht und zaubern einen so hüb­schen Hinterkopf, dass ihre Besitzer am besten rückwärts durchs Leben gehen sollten.

Wenn Menschen mit solchen Haa­ren Catherine Deneuve heißen und Filmstars sind, ist das völlig in Ord­nung. Stehen sie aber an der Stra­ßenbahnhaltestelle am Hauptbahn­hof und heißen zum Beispiel Sandra oder Sabine, ist das echt fies. Denn wir vergleichen uns nicht mit Film­stars aus Cannes, mit Sandras aus Nürnberg aber schon.

Ich habe mich neulich ausgiebig im mahagonifarbenen Hinterkopf einer sandraesken Anzug-Frau gespiegelt. Die Erkenntnis nach vier U-Bahn-Stationen war ernüch­ternd: Aus mir wird nie eine echte Föhnwelle! Niemals werden sich meine Locken mir unterjochen, es wird immer andersherum sein. Nicht ich, sondern meine Haare wer­den bestimmen, ob ich den Scheitel links, rechts oder überhaupt einen trage. Wenn sie in kleinen Pudel­löckchen liegen wollen, dann tun sie das. Und wenn sie als Zuckerwatte daherkommen wollen, muss ich mich ihrem Diktat fügen. Nur bei der Länge lassen sie mich ein biss­chen mitreden.

Als ich gerade in der Küchen­schublade nach einer Schere suchen wollte, schickte mir der Himmel ein Zeichen. Aus dieser Zeitung blickte mir die Rettung entgegen: Albrecht Dürer, passionierter Maler und Schweinslöckchen-Träger. Ich juchzte auf. An­gelina Jolie, San­dra Bullock oder Salma Hayek kön­nen mir gestohlen bleiben mit ihren Mähnen. Endlich habe auch ich ein Haar-Vorbild gefunden!

Nächste Woche gehe ich zum Fri­seur und lasse mir Extensions an­kleben. Wenn die Medienwelt den Dürer-Hype aus unserem Städtchen jetzt wegen der großen Schau im Germanischen in die ganze Welt trägt, bin ich die Erste, die aussieht wie Albrechts Selbstbildnis!

Ich freu’ mich schon auf die neidi­schen Blicke der glatt geföhnten Sandras. Dann wickle ich mir lässig ein Löckchen um den Finger. Und fahre nach München. Einen Pelz­rock shoppen.

In die pinke Röhre geschaut


Spätestens wenn die Berufsschul-Girls in Schoppershof wieder mit Shorts an der U-Bahn stehen, weiß ich, es ist Zeit, die Winterklamotten zu verbannen. Was stattdessen an Kleidung in meinem Schrank zum Vorschein kam, war allerdings über­sichtlich. Deshalb beschloss ich, einen Stadtbummel zu unterneh­men.

Meine Vorstellung davon sah ungefähr so aus, wie die Werbung eines Süßigkeiten­herstellers, in der weiß gekleidete Menschen mit gro­ßen Hüten an einem warmen, aber nicht zu heißen Tag an einem Pool sitzen. Ent­spannt und schön. Vor meinem geis­tigen Auge sah ich mich an einem hellen Morgen in die Stadt spazie­ren. Blümchen, die ich auf dem Weg gepflückt hatte, locker ins Haar gesteckt. Leichten Fußes wandele ich durch die Gassen der Altstadt, ein Lächeln auf dem Gesicht. Ab und zu betrete ich ein Geschäft und lasse meine Finger über blumige Sommerkleider gleiten. Kurz da­rauf überreicht mir die Verkäuferin zwei, drei weiße Tüten und winkt mir strahlend hinterher. Entspannt sinke ich in den Korbsessel eines Cafés und blinzle hinter der Wolke meines Cappuccino-Milchschaums in die Sonnenstrahlen.

Die Realität war dann ein kleines bisschen anders. Als ich an der Lorenzkirche aus der U-Bahn stieg, nieselte es. Natürlich hatte ich kei­nen Schirm dabei und flüchtete so­fort in den ersten Schuhladen. Die 20 Zentimeter hohen Plateau-Pumps und die bügeleisenförmigen Keilabsätze der Sandalen warfen ihre düsteren Schatten auf den wei­teren Einkaufsverlauf voraus. In den nächsten drei Stunden presste ich mich in mindestens zwanzig hautenge Hosen, mit denen ich pri­ma in einem Robin Hood-Film mit­spielen könnte, blieb in mindestens zehn Blusen für Oberarm-Mager­süchtige stecken, um dann in einer besonders fies ausgeleuchteten Kabine meine Haare von hinten zu sehen. Sollte dieses aufgelöste Nest wirklich meine Frisur darstellen oder hatte ein Vogel unterwegs sein Haus fallen lassen? Statt Waren lud ich mir nur Komplexe auf.

Entkräftet stolperte ich aus der zehnten Kabine. Meinem Körper war plötzlich ein akuter Nahrungs­und Flüssigkeitsmangel aufgefal­len. Statt prenzelbergmäßig am Latte macchiato zu schlürfen, stopfte ich mir auf einer Bank in der Fußgängerzone Fast Food in den Mund. Danach bäumte ich mich ein letztes Mal auf. Ferngesteuert betrat ich den nächstbesten Laden und griff wahl­los nach links und rechts. Die bun­ten Oberteile auf meinem Arm knis­terten heimtückisch.

Ich weiß nicht, wie es passiert ist. Vielleicht waren es die giftigen Dämpfe der ver­sammelten Poly­ester­Power.
Oder ich wollte meinem stunden­langen Einkaufsversagen doch noch einen Sinn abpressen: Am Ende trug ich eine Röhren-Jeans zur Kasse. Pinkfarben. Mit Strass.

Es gibt nur einen Ort, an dem ich mich damit blicken lassen kann. Die Arbeit ist es sicher nicht. Wenn Sie demnächst also eine Mittdreißi­gerin in seltsamer Aufmachung bei den U-Bahn-Girls in Schoppershof sehen, ziehen Sie nicht die Augen­braue hoch. Gehen Sie lieber erst mal selber in die Stadt. Ich halte Ihnen schon einen Platz frei zwi­schen Mandy, Jacqueline und Sha­nya Blue.

Welcher Typ ist mein Balkon?

Weil das Leben ja größtenteils immer macht, was es will, wollte ich neulich zumindest einem kleinen Bereich meinen ureigenen Willen aufzwingen. Einem sehr, sehr klei­nen Bereich: meinem Balkon. Auf­grund der spontan eingeläuteten Sommerzeit saß ich eine Weile in meinem puristischen Außengehege und ließ den Blick zu den Nachbarn schweifen. Erkenntnis: Grünpflan­zen geben Beton neuen Schwung, Sonnenschirme verhindern auf optisch angeneh­me Weise zere­brale Kernschmel­ze und ja, es gibt andere Deko-Ele­mente als Zigarettenstummel und Taubenkacke.

Um mir weitere Inspirationen zu holen, klappte ich das Internet auf. Nach einem Blick auf die Garten­seite eines Möbelhauses war ich komplett verwirrt: Wollte ich eine „Party-Veranda“, einen „friedli­chen Balkon“ oder lieber eine „Ruhezone“ im asiatischen Stil? Die Einrichtungs-Designer hatten etli­che philosophische Fragen: „Wel­cher Typ ist mein Balkon? Welches Lebensgefühl will ich auf ihm haben? Und: Lebe ich überhaupt schon oder wohne ich bloß?

Einfach Blumenkästen raushän­gen und irgendwelche Teelichter auf den Klapptisch stellen — die Zei­ten sind vorbei. Heutzutage braucht man ein Konzept. Und zwar ein kon­sequentes. Also bitte keine Holz­schiffchen- Windlichter im fernöstli­chen Balkon. Dort ist nur Bambus, Teakholz und Bast erlaubt. Wer seine Schiffchen unbedingt behal­ten will, kann gleich alles blau­weiß- rot streichen und Kerzenhal­ter in Leuchtturm-Optik anschaf­fen; denn dann sind wir beim mariti­men Look. Zu essen gibt es nur Muscheln oder Fischbrötchen — alles andere sieht nicht gut aus. Wer A sagt, muss auch B sagen. Gerade beim B-alkon.

Ich überlegte lange, ehe ich mich für die pinke Party-Variante ent­schied. Denn ich war mir der Folgen wohl bewusst. Mein rosafarbener Kassettenrekorder würde zwar ein Comeback feiern — statt Tracy Chap­man darf ich jetzt aber nur noch Lady Gaga auf ihm spielen. Balkonbesucher, die trotz mehrfacher Aufforderung nicht anständig grölen oder zumin­dest mit Bier oder Sekt herumsprit­zen, müssen leider gehen. Wer lie­ber verträumt in den Kerzenschein schauen möchte, soll sich einen Romantik-Balkon suchen, sorry! Das gilt übrigens auch für meine Katze. Schwarz-weiße Flecken hätte ich ja noch als Variante von lustiger Kuhfell-Optik durchgehen lassen können, aber grau getigert ist echt zu depressiv.

Nein, ich bin nicht hartherzig. Ich bin nur konsequent. Nicht umsonst heißt es: Zeige mir deinen Balkon und ich sage dir, wer du bist. „Irgendwie zusammengestöpselt“ möchte ja wohl keiner sein, oder? Nach Jahren der Ahnungslosig­keit habe ich jetzt ein Konzept. Und dafür gehe ich weit. Demnächst zum Beispiel mit meinen Möbeln über die Straße. Gegenüber gibt es eine Wohnung im afrikanischen Stil. Dort passe ich mit meinen Locken einfach besser hin. Findet mein Balkon.

Kein Platz an der Sonne


Na, sitzen Sie gerade schön mit der Zeitung in der Sonne? Mit einem Kaltgetränk in der Hand und einem seligen Grinsen auf dem Gesicht? Herzlichen Glückwunsch. Ich freue mich für Sie, dass Sie die­sen herrlichen Tag draußen verbrin­gen können. Ehrlich. Ihr Glück ist auch meines. Oder, wie der Afrika­ner gerne zur Begrüßung sagt: „Ich bin gut aufgestanden, wenn du gut aufgestanden bist.“ Also bleiben Sie da mal ruhig schön liegen auf Ihrem Balkon. Oder im Garten. Oder am See. Während die Sonnen­creme auf Ihrer Stirn schmilzt, könnten Sie aber vielleicht doch eine klitzekleine Gedenkminute ein­legen. Für alle Mitmenschen, deren Schicksal es so wollte, dass sie aus­gerechnet an diesem Wochenende arbeiten müssen: Verkäufer, U-Bahn-Fahrer oder Krankenhaus­mitarbeiter. Tapfere Leutchen.

Dass ich zufällig auch dazu­gehöre, tut hier eigentlich nichts zur Sache. Ich erwähne es nur am Rande. Nicht, um Bedauern zu erzeugen, und schon gleich gar nicht aus Neid oder Missgunst. Sol­che Gefühle kenne ich gar nicht. Es sei denn, andere sitzen eis­fressend im Grü­nen, während ich in einem kalten Büro­gebäude an einen Schreibtisch geket­tet bin!

Entschuldigung. Das war wohl ein kleiner wetterbe­dingter Stromaus­fall in mir. Ich gönne jedem seine wohlverdienten Sonnenstunden. Und das Gefühl, dass an meinen freien Tagen gene­rell schlechtes Wet­ter herrscht, ist sicher nur eine sub­jektive Wolke, die meinen Blick ver­düstert.

Neulich kam sie wieder pünktlich vorbei und schickte mir Regen zum Landausflug. Zum Aus­gleich kam die Sonne abends vor­bei, um mit provozierender He­rumscheinerei meinen Fernseh­abend zu versauen. Ich versuche wirklich, es nicht persönlich zu neh­men. Dass mich einige Freunde aber schon als Wetter-Orakel mit umge­kehrten Vorzei­chen („Du musst am Samstag arbei­ten? Super, dann klappt das ja mit dem Grillen!“) benutzen, macht mich allerdings schon etwas stutzig. Ein besonders lustiger Mitbürger hat mich neulich tatsächlich ge­fragt, ob ich nicht mal Lust auf eine Siebentagewoche hätte. Am liebs­ten vom 7. bis 13 Mai. Da hätte er nämlich Urlaub. Und gerne durch­gehend Sonne.

Haha, sehr witzig. Ich lache dem­nächst auch mit. Zum Beispiel am kommenden Dienstag. Da ist Mai­feiertag und ich habe — frei! Tja, es tut mir wirklich leid. Aber so ein Kino-Nachmittag ist ja auch was Schönes…
Bleiben Sie tapfer. Alles wird. Vielleicht sogar sonnig.

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