Fränkische Spezies im Busch

  • In einem fernen Land wie Sim­babwe kann man so einiges entde­cken. Nachdem ich mich nach der Ankunft in Afrika aus dem Moskito­netz gewickelt und die tausend Mund­spatel abgegeben habe (sie erinnern sich dunkel an meine angespannte Pack-Situation), traute ich oft mei­nen europäisch geprägten Augen nicht.
    Ja, man kann in einem Mini-Bus zu dreißigst fahren, obwohl er nur für zwölf Menschen bestimmt ist. „Full“ ist erst, wenn mindestens ein Fahr­gast halb auf einem anderen liegt. Oder jeder einen Koffer oder ein Huhn auf dem Schoß sitzen hat.
    Affen beim Spazierengehen zu be­gegnen ist zwar auch am Wöhrder See möglich. In Simbabwe können sie aber deutlich besser springen und tragen keine französischen Wollpullo­ver über der Schulter …
    Und wer in der Nacht vier Elefan­ten auf einer Verkehrsinsel mitten in der Stadt sieht, muss keinesfalls be­trunken sein. Genauso ist es möglich, am Rande einer Landstraße mit einem Löwen konfrontiert zu werden und seine Pläne (Pinkelpause) spontan zu ver­schieben.

    Als ich eine Fahrt auf dem Fluss Sambesi buchte, war ich dementspre­chend auf alles gefasst: Nilpferde im Boot, Giraffen am Steuer, Warzen­schweine als Service-Personal. Die exotischste Begegnung hatte ich aber nicht an Bord, sondern im Hinterzim­mer des simbabwischen Boots-Betrei­bers. Dort pirschte sich kurz vor der Flussfahrt ein älterer Herr in jäger­grüner Tarnkleidung heran und er­kundigte sich, ob ich wohl auch „for ssse doilets“ wartete. Ich nickte und wagte ob des leichten Akzentes die Frage nach dem Herkunftsland. Nach der Auskunft „Dschörmänni“ beschlossen wir, die Sprache zu wech­seln, was dem Jägersmann sofort einige Sorgenfalten („My English is not so gudd!“) aus dem Gesicht bü­gelte. „Sodala, Sie wadden alzo auch“, analysierte er glasklar die Lage. Ich stutzte. Das war gar kein Deutscher. Das war ein Franke! „Ja freilich“, bestätigte mich mein Gegen­über und fügte stolz hinzu: „Aus Nämberch!“ Meine Verwunderung über die unvermutete Kollision mit der Heimat muss ich offenbar hörbar zum Ausdruck gebracht haben.

    „Was heißt denn hier ,O Gott‘?“, rügte mich der Herr in Grün. „All­mächd“, korrigierte ich mich eilig. „Mir ham etz schließlich zwei Bun­desligisten. Des is doch wunder­boar!“, klärte er mich auf. Ich ver­suchte gerade auf meinem Gesicht Begeisterung darzustellen, als ich mit einem sanften „Etzadla!“ in Rich­tung Klotür geschubst wurde. Vom afrikanischen Zeitverständnis hielt mein Franke nämlich nichts, wie spä­testens um 16.12 Uhr klar wurde. Kopfschüttelnd blickte er auf seine Armbanduhr und stemmte die Arme in die Hüften: „Ja, was is denn etz los?“ Wir waren deutlich in Verzug. Abfahrt war laut Plan um 16.10 Uhr.

    Auf der Flussfahrt konnte ich Nil­pferde zwar nur beim Abtauchen und Giraffen nur in einem Kilometer Ent­fernung von hinten sehen, dafür konnte ich den „Homo Norimbergen­sis“ aus nächster Nähe studieren. Ich weiß jetzt, dass der Franke auch auf simbabwischen Ausflugs-Booten auf den ersten Blick zu erkennen ist: Er ist der Einzige, der an einem Einzel­tisch sitzt. Und der Einzige, der das kostenlose Bier (Pils!) ablehnt. Und während die anderen Touristen beseelt in den Sonnenuntergang blin­zeln, zieht er für sich das einzige Fazit, das ein Franke in einem sol­chen Fall ziehen kann: „Grubbenrei­sen sin nix für mich!“

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