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Nelken-Zusammenbruch in Erlenstegen
Ich schwelgte gerade im Anblick von pinkfarbenen Ranunkeln und roten Rosen, als die Ladentüre aufgestoßen wurde. Herein im schnellen Lauf eilte eine Mittvierzigerin mit wehendem Haar. Am Ende ihres ausgestreckten Armes befand sich ein Gesteck. Rosa Rosen, rote Nelken und viel Grün. „Oh, wie hüb…“, wollte sich in mir der Gedanke formen, der jäh vom Darth-Vader-haften Schnaufen der Frau unterbrochen wurde. „Das da“, stieß sie hervor und deutete auf das Gesteck wie auf ein Geschwür, „geht so nicht.“
Ich runzelte die Stirn, der Floristin trat eine Schweißperle auf
die Oberlippe. Die Uhr zeigte zwölf Uhr mittags. „Das sind Nelken!“, durchbrach die Blumenrächerin die Stille. Die Floristin nickte. „Nelken sind schrecklich, die gehen gaaar nicht“, sagte die Mittvierzigerin, ein drohendes Tremolo in der Stimme. Außerdem: Rot zu Rosa, sie wüsste beim besten Willen nicht, wem sie so eine Kombination schenken könnte.
Ich hielt meinen Arm fest, der freudig aufzeigen wollte. Eine Frau aus Schoppershof sollte sich mit einer Erlenstegenerin besser nicht anlegen. Schon gar nicht in Geschmacksfragen.
Weiße Blumen, die statt der Nelken eingewechselt wurden, konnten die Situation dann entschärfen. Und Rosmarin, den die Nelken-Hasserin forderte. Ja, Sie lesen richtig. Vermutlich, weil Rosmarin — im Gegensatz zur deutschen Spießer-Nelke — mediterranes Flair verbreitet und von lässiger Weltläufigkeit zeugt. Praktischerweise ist das Blumengeschenk damit auch noch kochtopftauglich.
Moment mal, essbare Blumen? Die Idee war gut — und ausbaufähig! Ich schnipste die Floristin her und deutete auf mein inzwischen fertiggestelltes Gesteck. „Raus mit den Rosen“, bellte ich. „Und stattdessen einen Bund Basilikum rein.“ Die Erlenstegenerin horchte auf. Ich fuhr gebieterisch fort: „Dann noch zwei, drei Tomaten dazu, einen Lollo Rosso und eine Handvoll Riesen-Garnelen. Das wär’s dann. Lieferung nach Schoppershof.“ Ich drehte mich auf dem Absatz um und rauschte aus dem Laden.
Wenn ihr glaubt, das war übertrieben, habt ihr recht. Die reine Wahrheit ist aber, dass ich kurz darauf bei der Autofahrt ins Allgäu an einem unglaublichen Schild vorbeikam: „Wurststräuße zu verkaufen“, war darauf zu lesen. Ich stutzte. Ein Gebinde nur aus Fleisch? Das hätte der Frau aus Erlenstegen viel Kummer erspart. Garantiert nelkenfrei und — Fleisch in Fleisch — farblich immer passend. Ich hatte eine Marktlücke entdeckt! Auf diese Erkenntnis konnte ich nur eines tun: Ich steckte mir eine an. Eine Nelkenzigarette. Uupps, sorry!