Barbie und der lachende Löwe

Neulich habe ich Barbie getrof­fen. Sie trug ein Minikleid und einen überdimensionalen Pferde­schwanz. Seltsamerweise konnte sie laufen und sprach mit holländi­schem Akzent…Die anderen Presse­vertreter auf der Spielwarenmesse klärten mich dann auf: das war gar nicht Barbie, sondern Sylvie van der Vaart. Sie enthüllte gerade aber tatsächlich kieksend ihre eigene Barbie. Die Umstehenden klatsch­ten, ich schüttelte den Kopf. Waren jetzt alle gaga?
  Nach dem Ter­min traf ich eine Kollegin der Konkurrenzzeitung. Sie strahlte entrückt und hielt mir eine Tüte unter die Nase: Darin eine pinke Pressemitteilung — und eine Barbie. Ich wollte gerade eine spötti­sche Bemerkung über sexistische Staubfänger machen, als man mir auch ein pinkes Päckchen hinhielt.
  In dem Moment muss mit meinen Synapsen etwas Gravierendes pas­siert sein. Schneller als ich „Nein, danke“ sagen konnte, übernahm etwas anderes in mir. Ich tippe auf ein kleines Mädchen von ungefähr acht Jahren. Der Fratz ließ meine Hand nach vorne schnellen und die Barbie-Tüte grapschen. Die Kolle­gin schaute mich verdutzt an, ich rannte Richtung Ausgang. Im Auto riss ich die Tüte auf, mein Herz wummerte: Da lag sie, in einer rosa Plastikschale, so schön wie Schnee­wittchen in ihrem gläsernen Sarg: Barbie! Mit Glitzersteinchen und vier Extra-Kleidern. Ich juchzte auf.
  Dann fiel mir etwas Ernüchtern­des ein: Ich war gar keine acht Jahre mehr alt, ich war 35. Diese Barbie kam 27 Jahre zu spät. Trau­rig legte ich sie zur Seite und fuhr in die Redaktion. Dort entdeckte ein Fotograf einen blonden Haarschopf auf meinem Schreibtisch. Ich druckste herum, dann gestand ich. Die Augen des Kollegen weiteten sich. Er sei auch auf der Spielwaren­messe gewesen, sagte er und schaute sich kurz um. „Da gibt es einen Stand mit Kriegern“, flüs­terte er. Unheimlich gerne hätte er so einen Krieger. Leider, leider habe er keinen Sohn.
  Kurz darauf klingelte das Tele­fon, es war die Wirtschaftsredak­tion. Gelächter ertönte aus dem Hörer, ich fühlte mich ertappt. Aber es war kein menschliches Lachen, es war Leo, ein lachender Löwe – ein kleines Geschenk von der Spiel­warenmesse. Die Kollegin kicherte.
  Ich malte mir aus, wie wir in der Konferenz Barbies kämmten und den Löwen lachen ließen. Und was der Chef zu uns sagen würde. Und wie wir uns dann jeden Tag zum Spielen treffen könnten. Denn in die Arbeit müss­ten wir danach ja nicht mehr gehen. Ach ja…
  Wir sind erwachsen, sehen wir der Tatsache ins Auge. Und so soll­ten wir uns auch verhalten. Wir müs­sen die Steuer machen, riestern und endlich mit dem kindischen Quatsch aufhören.
  Mach’ ich auch alles. Aber mor­gen fahre ich erst mal nach Fürth in ein großes Möbelhaus. Dort springe ich kopfüber ins Bälle-Paradies. Und gehe nur heim, wenn Barbie persönlich mich abholen kommt.