Eine Frau sieht rot (-weiß)

 
  Gut, ich gebe es zu. Ein bisschen lokalpatriotisch bin ich. Ich mag Nürnberg. Ich ernähre mich aber weder ausschließlich von Lebku­chen noch laufe ich mit Bratwurst­ketten um den Hals durch die Gegend. Ich bin eine gemäßigte Fränkin, die durchaus zu Fremden freundlich ist und selbst Preußen nicht sofort in die Wade beißt. Bei einer Sache färbe ich mich aber von null auf hundert rot-weiß. Da werd ich zur fränki­schen Flagge! Wenn mir in Groß­städten wie Hamburg, Köln oder — am allerschlimmsten — in München der Satz „Ach, und du kommst also aus Nürnberg …“ entgegenblasiert. Meist gefolgt von einer hochgezoge­nen Augenbraue und ironisch nach unten gebogenen Lippen.
  Grrrr, macht dann der Franke in mir. Ganz ruhig bleiben, beschwich­tige ich ihn, sie wissen nicht, was sie sagen. Ich dagegen weiß ganz genau, wie dieser Satz weitergeht. „Nüaaanberg“, meint der jeweilige Großstädter dann meist und schüt­telt den angesagten Pony unter der trendigen Wollmütze kosmopoli­tisch zu Seite. „Was macht man denn daaaa so?“ Was macht ihr denn hiiiier so?, möchte ich gerne zurückfragen. Stattdessen zapfe ich meinem inne­ren Franken erst mal ein Bier. Was man auch immer in der jeweiligen Großstadt darunter versteht. Im schlimmsten Fall eine dünne Plörre, die im Reagenzglas daherkommt.
  Während ich nach außen hin lächle (bekanntlich ja auch die beste Art, die Zähne zu zeigen), arbeitet der Franke in mir eine Vision aus. Sie hat mit Hacke­beilchen zu tun, mit fränkischen Wurstmaschinen und Wollmützen, die plötzlich keine Träger mehr haben und in schicken In-Kneipen auf neue Wirtstiere war­ten.
  „Wir?“, sage ich, „wenn wir nicht gerade die Bratwurstfinger an der Clubfahne abwischen oder am Christkindlesmarkt den Prolog auf­sagen, schreiben wir Kolumnen über Großstädter mit beknackten Mützen.“ Der Franke in mir grinst, ich gehe. Und zwar direkt zum Supermarkt. Dort kaufe ich alle Nürnberger Bratwürste auf und bastle mir halt doch eine Kette daraus. Besser als eine Wollmütze ist das auf jeden Fall. Sollen die Großstädter dann mal schön Halver Hahn oder Labskaus essen