Wetten, dass Günther nicht anruft?

Alle reden nur von Thomas Gottschalk. Dabei hat Gün­ther Jauch neulich in Nürnberg viel schwerwiegendere Spuren hinter­lassen. Zumindest in Langwasser. Dort sitzt heute noch mein Onkel und wartet auf einen Anruf von Günther, um die Million einer Be­kannten zu retten. Durch unglückliche Verkettungen – o.k., durch mich – ist der Mann zum Telefon-Joker bei „Wer wird Millionär“ auserwählt worden. Als Sport-Experte. Weil er auf allen Kanälen, von Synchron Schwimmen bis Curling, alles anschaut, was mit Sport zu tun hat.
  Vor allem aber mit Fußball. Egal ob Erzgebirge Aue oder Wacker Burg­hausen, mein Onkel ist dabei. Was er aber offenbar nie anschaut, ist Wer­bung für moderne technische Geräte. Deshalb hängt sein Telefon heute noch an einer Schnur.
  An dieser wiederum hing der arme Kerl einen ganzen Abend lang, wie ein Fötus an der Plazenta. Als Tele­fon- Joker sollte man nicht aufs Klo müssen. Und andere Menschen soll­ten auch nicht anrufen. „Hallo, ich wollte nur sagen, ich komme etwas später“, habe ich ihn kurz vor der Aufzeichnung der Fernsehsendung angerufen. „Raus aus der Leitung, ich erwarte einen Anruf von Gün­ther!“, knurrte mein Onkel und warf den Hörer auf die Gabel (bei seinem Modell geht das ja noch!).
  Sechs Stunden lang saß der Mann vor dem Telefon, wie einst verliebte Teenager, die auf den Anruf des ers­ten Dates warteten. Auf Zehenspit­zen schwebten meine Tante und ich durch die Wohnung, damit wir das Klingeln nicht überhören. Beim Essen polsterten wir das Besteck aus, damit es nicht auf dem Teller klimperte.
  Nach den ersten drei Stunden traute sich mein Onkel, eine erste Bewegung zu machen. Er zückte ein Kartenspiel. Mit Fußballfragen. Die zwei folgenden Stunden verbrach­ten wir damit, sein Wissen zu überprü­fen. Ich hatte null Ahnung von Fußball, jetzt weiß ich alles. Wer 1983 Deutscher Meister wurde, wer einst die „Kobra“ ge­nannt wurde und in welche Ecke des Tores Andy Brehme 1990 den Elfme­ter geschossen hat. Und alles ohne einen Tropfen Alkohol! Denn „Nüch­tern bleiben für Günther“ war die Devise.
  Die ganze Nacht saß mein Onkel vor dem Telefon. Günther hat nie angerufen. Ich bin seitdem enterbt. Am besten, ich bewerbe mich bei „Wer wird Millionär“. Mein Tele­fon- Joker sitzt zufällig noch bereit.
  Bleibt Sie tapfer. Alles wird. Vielleicht sogar gut.

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