Meine Katze ist Twitter

Wer seinen Stadteil mal so richtig kennen lernen will, dem empfehle ich eines: eine Katze. Oder besser: meine Katze Joker. Zweimal ist mir das reizende kleine Mistvieh schon abhanden gekommen, abgetaucht, im Untergrund verschwunden. Sie ist erst zwei Jahre alt und damit ganz klar in der Pubertät. An einem Abend, man weiß nicht warum, packt sie der Rappel. Dann zieht sie ihre Katzenlederjacke an und geht auf  Tour.  An mich denkt sie dabei nicht.

Zweimal habe ich inzwischen das gesamte Viertel mit ihrem Antlitz und meiner Telefonnummer plakatiert. (Natürlich  herrschte dabei immer ein scharfer Nordwind, der meine Fingerkuppen mit den Tesastreifen umwickelte, wie Jacko zu seinen besten Zeiten). Wie ein dauerpinkelnder Köter kenne ich jetzt jeden Masten in meinem Wohngebiet. Vor allem aber kenne ich seit dem gefühltermaßen jeden zweiten Menschen aus meinen Viertel. Der nette Wirt von der Kneipe ums Eck winkt mir seitdem immer, ebenso der Pförtner aus der Arge. Abends um elf und morgens um acht Uhr rufen mich die Menschen an, um mir durchzugeben, wo sich meine Katze befindet. „Auf der Höhe vom Friseur Stumper“, „beim Feuerbach“, „im Garten der Hebammenschule“. Meine Katze braucht kein GPS. Die soziale Kontrolle funktioniert perfekt.

Ich aber stehe vor einem Rästel: Was will das Viech? Zweimal lässt sie sich freudig einfangen und zurückbringen, frisst sich voll wie Garfield,  schläft zehn Stunden, dann ruft die Freiheit schon wieder. Argumentativ schwach, aber dennoch eindringlich hat sie mir das klar gemacht, indem sie mir auf meine  Winterstiefel gepinkelt hat. Ich will raussssss!

Bin ich zu wenig zu Hause, schmecken die Spaghetti Bolognese bei meiner Nachbarin nicht mehr, oder läuft gerade was Ultraspannendes  im Katzenkino? Was wolle Joker?

Ich glaube, ich weiß es jetzt: Meine Katze denkt, sie ist Twitter! Sie ist katzen-online, sozusagen. Nur wer auf der Straße ist, ist dabei. Dort chattet sie mit anderen Pelzträgern und sucht sich besorgte Menschen, die bei mir anrufen. So viele „Follower“ wie meine Katze hat sonst wahrscheinlich nur noch Obama. Meine Katze ist kein Streuner, sie „networked“ einfach nur. Sie ist die neue Haustier-Generation, die Katze 2.0!

Heute Abend füttere ich ihr ein bisschen W-Lan, dann sollte ich über sie ins Internet kommen. Miau!