Apfelsinen-Terror

Ich stehe in der U-Bahn, die Welt ist in Ordnung. Meine Bluse ist gebügelt, die Hose knitterfrei, selbst die Haare sitzen. Auch gedanklich sieht es aufgeräumt aus. Nichts Unerledigtes dräut, keine Steuererklärung verstopft mein Gehirn, kein unbezahlter Strafzettel quält mein Unterbewusstsein. Haaach, die Welt kann auch mal angenehm sein, denke ich und lehne mich gegen die U-Bahn-Stange.

Dann passiert es: Wir halten bei Wöhrder Wiese und einsteigt gefühltermaßen die gesamte Mädchenschule Maria Ward. Das Licht wird heller in meinem Abteil. Denn ein Schwall von blonden Pferdeschwänzen ergießt sich in die U-Bahn. Vornedran hängt das Übel aller Überdreißigjährigen: Die Apfelsinenwangen-Girlies! Junge Mädchen mit Gesichtern so frisch, das Onkle Dittmayer sie sofort in die Presse führen würde. Golden erstrahlen die feinen Härchen auf den Wangen im Gegenlicht. Apricot schimmert es zart durch die Haut. Mathe-Klausur, Flatrate-Party oder Fürherscheinstress – den Apfelsinenwangen kann das nichts anhaben. Wie hart auch das letzte Party-Wochenende gewesen ist, die Spuren prallen an der Generation Pfirsich einfach ab!

Ganz im Gegensatz zu mir: An mir prallt nichts mehr ab – höchstens die Wirkung der Feuchtigkeitscreme. Party-Wochenende  (Welches Party-Wochenende überhaupt?!), Einkauftsstress und Steuermüll kann ich Tage später noch an meinen Augenringen abzählen. Was soll das? Am Anfang habe ich noch gedacht, es handle sich um ein Versehen. Ein Versehen meiner Zellen, die die Erneuerung verschlafen haben. Inzwischen weiß ich: Es ist der Lauf der Zeit. Der Zerknitterungskurs, auf den wir alle zusteuern. Unaufhaltsam. Bis uns irgendwann Inge Meysel aus dem Spiegel entgegenschaut.

Und jetzt verrate ich euch was: Ich finde Falten schön! Tatsächlich. Denn sie verleihen einem Gesicht Charakter. Ja, auch bei Frauen. Ich bin zufrieden mit meinem Fältchen. Buddha könnte nicht gelassener mit Faltungen umgehen. Schließlich sind es meine individuellen Lebenszüge, die sich da abzeichnen. Vor dem Gesetz der Bindegewebsschwäche  sind wir alle gleich: Früher oder später werfen wir alle Falten auf. So weit, so fair.  Ein Gesetzt ist aber dringend nötigt: Das Anti-Apfelsinen-Terror-Gesetz!

Denn es gehört verboten, dass sich junge, knackfrische Apfelsinenbäckchen an einem verpissten Dienstagmorgen in die U-Bahn stellen um die anderen Fahrgäste zu terrorisieren! Diese Frischzellenkuren mit Eastpack-Rucksack, diese Terror-Pfirsiche auf zwei Beinen sollen das tun, was anständige junge Apfelsinen gefälligst zu tun haben: Sie sollen zu Fuße gehen, und zwar verhüllt, verdammt nochmal!!