Karamba!

Ich wohne in einem kontakfreudigem Haus. So gut wie nie gehe oder komme ich, ohne irgendjemand zu begegnen. Die Nachbarin im ersten Stock weiß Bescheid wann ich in den Urlaub fahre – schließlich gießt sie netterweise meine Blumen – die Nachbarin nebenan weiß wann ich heimkomme und vor allem, was bei mir im Briefkasten steckt. („Ein Brief von der Energie, ich hab`s schon gesehen!“). Außerdem führt mich mein Katzenmistvieh ja auch gerne mal in fremde Wohnung. („Entschuldigung! Komm raus, du Luder!!“).  Aber wie es so oft ist: Es geht auch noch ein bisschen mehr. Zum Beispiel wenn man, wie ich neulich, die Wohnungstür schon mal aufmacht, dann aber doch nochmal zurück geht, weil man die Tasche vergessen hat.

Ich stehe also im Abendkleid im Flur. Nicht dass ich immer dort so rumstehen würde – ich musste zum Opernball. Beruflich, versteht sich. Jedenfalls steh ich da, mit dem Rücken zur offen Wohnungstür und krame in meiner Tasche, um mich zu versichern, dass ich genug Fluchtgeld fürs Taxi habe. Ich höre Schritte im Treppenhaus. Streift sich da jemand die Haxen auf meinem Türvorleger ab? Ich bin irritiert, aber spät dran. Ich suche weiter nach Geldscheinen.  Was ich dann höre, übertrifft meine Erwartungen: „Karamba!“ tönt es vom Flurende. Ich drehe mich um. Ein Typ steckt seinen Kopf zur Tür herein. Cool, Freitagtaschenträger, ein James-Dean-mäßiges Grinsen auf dem Gesicht. Verheißungsvoll. Problem:Ich kenne ihn nicht. Er mich auch nicht. Das wird ihm jetzt auch klar. Und zwar schlagartig. Sein Gesichtsausdruck wechselt von Dean zu Depp. „Oh…falsches Stockwerk…“, murmelt er und verschwindet er  treppauf.

Schön, dass sich andere mal zum Horst machen, denke ich und lächle. Dann steige ich ins Taxi, ich bin spät dran. „Ich sag nur eins“, sag ich zumTaxler:“Zum Opernhaus, aber karamba!“

Stressbehindert

Manchmal bekommt man vom Universum etwas geschenkt. Einfach so. Einen Parkplatz direkt vor der Haustür zum Beispiel. Oder ein lästiger Termin löst sich plötzlich in Luft auf und man hat den Abend frei. Das sind die konkreten Universums-Geschenke, manchmal bekommt man aber auch abstraktere Geschenke. Einen Hinweis, der dir sagt, „Du bist nicht allein.“ Wenn man sich unverstanden fühlt und gestresst ist, so wie ich neulich. Mit vier einschneidenden Einkaufstüten in der Hand, viel zu dick angezogen (da war`s gerade doch wieder zwei Minuten Sommer) und viiiiel zu spät dran. Da hat mir das Universum geschenkt, in der U-Bahn diesen schönen Dialog belauschen zu dürfen:

Zwei junge Männer steigen ein. Der eine Typ HipHop-Fan mit Migrationshintergrund. Hosen hängen tief, Haare krass gegelt. Der andere Typ Zivi mit Rastazöpfchen, Ziegenbart und Öko-Latschen. Gemeinsamer Nenner vermutlich ein Sportverein, wie ihre Taschen vermuten lassen.

HipHopper (mit einer Kette in der Hand spielend): „Ok, un‘ was maxt du sonst so?“

Zivi (die Rastas aus dem Gesicht streichend): „Naja, sonst arbeite ich halt.“

Hiphopper: „Aha, un was arbeitest du so konkret?“!

Zivi: „Ich bin in so ner Einrichtung weisste, da arbeite ich mit Schwerstbehinderten.“

Hiphopper (entgeistert): „Hä mit was arbeitest du? Mit Stressbehinderte??!!“

Genau, habe ich mir gedacht! Das ist es, was ich heute bin: Ich bin stressbehindert! Eindeutige Diagnose. Danke liebes Universum, dass du mich so gut verstehst! Demnächst lasse ich mir so einen Ausweis machen. In der Wiege der Stressbehinderung, dem Einwohnermeldeamt.

Ein Abend mit Ikea

Ihr da draußen, eine Frage: Ist es bedenklich, wenn man in Luftsprungjubel ausbricht, weil man den neuen Ikea-Katalog in den Briefkästen stecken sieht? Und dann in tiefe Depression stürzt, weil man selber als einzige im Haus keinen Katalog bekommen hat, weil man den dämlichen  „Bitte-keine-Werbung-Aufkleber“ auf dem Kasten kleben hat? Ist es ok, dem Postler panisch einige Häuserecken hinterherzuwetzen und dann mit der verbleibender Restluft flehentlich „Ikea…bitte…“ hervorzupressen? Und ist es verwerflich, sich ob der Beute so dermaßen zu freuen, dass man überlegt, ob nicht heute der Abend wäre, an dem man den Champagner-für-besondere-Momente öffnet? Um mit dem Katalog im Kerzenschein anzustoßen. Erst an seinen druckfrischen Blättern zu schnuppern und dann, aaaach, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, nach und nach  in sein Innserstes vorzudringen. Zärtlich über jede neu aufgeschlagene Seite zu streichen. Und sich bei jeder neuen Variation  von Malm und Billy (jetzt auch in Rot!!!) ein Schlückchen zu gönnen? Um dann nach einem langen, langen Abend schlussendlich ins Land antikgebeizter Träume mit Anedboda und Birkeland zu gleiten…

Ist das alles noch normal oder ein Zeichen für ein dermaßen armseliges Leben, dass nicht mal mehr ein weiterer Pax-Schrank mit Schuhaufbewahrung für Frieden sorgen kann? Die Antwort liegt mir wirklich am Herzen (Herzö, 30 mal 40 cm, hellrot).

 PS: Natürlich kenne ich keine solche Person, aber ich habe mir sagen lassen, es gibt sie. Irgendwo da draußen…