Da wo ich bin, ist das Chaos

Nur mal am Rande gefragt: Passiert das anderen auch? Dass beim Rausholen der Zeitung aus dem Briefkasten eine heissersehnte Postkarte sich kurz zeigt und dann schwuppdiwupp in den Schlitz des darunter befindlichen Briefkastens verschwindet? Dazu noch in den einzig herrnlosen Briefkasten, weil die zugehörige Mieterin just zwei Tage vorher ausgezogen ist?

Was will mir das Universum mit einer solchen Performance sagen? Dass ich mich manchmal ganz besonders dämlich anstelle? Oder, dass ich mich als Briefschlitz-Künstlerin bei „Wetten-Dass“ anmelden soll? Ich weiß es nicht. Sehr genau weiß ich dagegen seitdem, dass es ein blödes Gefühl ist, abwechselnd von Nachbarn, Vermietern und Handwerkern dabei beobachtet zu werden, wie ich erst mit einem Messer, dann mit einem Lineal und einem Sushi-Stäbchen in einem fremden Briefkasten herumstochere.

Ich glaube, es gibt Menschen, bei den läuft alles nach Plan. Denen fällt nie eine Karte in einen fremdem Schlitz! Und warum nicht? Weil Menschen wie ich diesen Part freundlich für sie übernehme. Denn die Welt muss ja irgendwo hin mit ihren lustigen Einfällen, die sie dringend ausprobieren will. Und weil sie weiß, dass sie bei den anderen keine Chance hat, wendet sie sich vertrauensvoll an mich.

Ich finde, dafür könnten sich die Briefschlitzscherz-Verweigerer eigentlich mal bei mir bedanken. Ohne mich wäre ihr Leben doch das reinste Chaos. Andererseit ist es auch für mich ein tröstlicher Gedanke. Wenn mir demnächst mal wieder der Ketchup-Spender feinstes Rot aufs weiße T-Shirt spritzt, dann werde ich im Fluchen kurz innehalten und lächeln. Denn ich weiß: Irgendwo da draußen kann eine Person im hellen Anzug, die sich gerade am Buffet über eine Schüssel Blaubeeren beugt, verdammt froh sei, dass es mich gibt!