Schnauze!

Ja, ich bin ein kommunikativer Mensch. Ich rede gern. Ab und zu höre ich auch zu. Aber manchmal mag ich einfach nicht. Wenn ich gerade allein auf einer Parkbank sitze und in die Sonne blinzle.  Dann will einfach mal nichts sagen. Zu niemandem. Und genau dann kommt er garantiert daher. Der Kontakt-Toni aus dem Flugzeug. Nein, natürlich nicht derselbe. Aber dieselbe Spezies. Menschen auf Kontakt-Suche. Die einfach mal nur reden wollen, mit einem anderen Menschen. Und nicht nur mit ihrem Fernseher. Und sich unbandig freuen, wenn sie auf ein lebendiges Opfer treffen.

Am besten auf mich. Denn ich bin zwar unwillig aber freundlich. Und dann nimmt das Schickal seinen Lauf. „Schönes Wetter, gell“ so geht die Einleitung, ich nicke und dann erfahre ich alles. Über die Tochter in Altenfurt, den Notenstand vom „Enkala“ („Des is a ganz a Gscheider! Werkli!) und was der Doktor letztens über den Ischias-Nerv erzählt hat und wo der genau zwickt und, dass „jetztaaallesschlechterismit dieZuahlungenbeimDoggder,diesetznimmergibbt.“

Das gleiche passiert mir auch gerne in der U-Bahn – der so genannte U-Bahn-Schwätzer – oder auch wenn ich mit einer Freundin im Cafe sitze. Zwei Frauen alleine, da muss dringend noch ein Gesprächspartner her.

Was soll das? Ich denke, wir sind hier in Franken? Seit wann wird hier dauernd gesprochen? Das müssen die Zugereisten verbrochen haben. Früher gab’s das nicht. Da war der Franke wie er zu sein hat: maulfaul, mumpflig, eigenbrötlerisch. Und jetzt? Überall Kommunikation! Sogar an der Supermarktkassenschlange wird plötzlich gesprochen. Sind wir hier im Rheinland oder was? Wenn das so weitergeht wird bei uns bald noch ein Fasching gefeiert, der lustig ist!

Aber es gibt eine Lösung. Sie ist neulich per Post gekommen. Unaufgefordert von einer Firma zugeschickt: Ein Not-Schalter: „Zum sofortigen Unterbrechen eines jeden Kontaktes“. So steht es auf der Verpackung.  Weitere Erklärung hat man sich vorsichtshalber gespart.  Er ist rot und  man kann ihn an den Schlüsselbund klemmen. Zu was das Ding gut sein soll, weiß keine Mensch. Aber, dass er ausgerechnet bei mir landet, nehme ich als Zeichen: Ich verlasse das Haus nicht mehr ohne ihn. Und wenn’s mir jetzt mal wieder reicht, mache ich einfach eines:

AUS.

Schau ich weg von dem Fleck, ist das Auto wieder weg

Gestern ist es wieder passiert. Mein Auto war plötzlich verschwunden. Ich trete aus der Haustür, im strömenden Regen und stürmenden Wind – und es war nicht mehr da. Es fährt nämlich immer einfach zu einem anderen Parkplatz. Heimlich, über Nacht! Am liebsten versteckt es sich dann an ganz ausgefallen Stellen, an einem Parkplatz in der Parallelstraße ganz am anderen Ende. Dort steht es dann und lacht sich ins Fäustchen, während ich die Straße auf und ab renne. Gut, sonst hat es bei mir auch nicht viel Spaß. Es ist eingedellt, zugemüllt und immer starr vor Schmutz. Da kann man schon mal Allmachtsfantasien entwickeln.

Aber gestern hat es diese Nummer auf die Spitze getrieben. Wie gesagt: strömender Regen, fieser Wind. Ich also die Straße hoch und ums Eck, ich kenn ja langsam alle Tricks. Und tatsächlich, da blitzt etwas silberfarben. Ich haste vor bis zur großen Kreuzung, erwartungsvoll setze ich zum Sprung an die Autotür an, den Schlüssel im Anschlag. Fehlanzeige. Silbern ja, mein Auto, nein. Also Kommando zurück.

Ich presche die Querstraße entlang, vorbei an Schule und Apotheke, der Regenschirm macht die Grätsche. Meine Hosenbeine besaufen sich mit Regenwasser und schleifen hinter mir her. Da vorn, da ist es! Ein Gedanke wie eine Oase in der Wüste. Leider eine Fatamorgana. Das darf nicht wahr sein, denke ich, dann falle ich über mein linkes Hosenbein. Ich stopfe die Hosen in meine Schuhe, meine Haare hängen wie nasse Pudelohren an meinen Kopfseiten. Habe ich erwähnt, dass ich noch ausgehen wollte?

Also gut, ich gebe mich geschlagen.  Ich schleiche zurück zu meiner Haustür. Kurz bevor ich den Schlüsel ins Schloss stecke, fällt mein Blick schräg gegenüber. Da steht es. Mein Auto. Als ob nichts gewesen wäre!Ich balle die Hand zur Faust, wie Scarlet o‘ Hara bevor sie in „Vom Wind verweht“ zusammenbricht: „Tara!“ Weinend renne ich zum ihm, schließe die Tür auf und wälze mich vor Freude auf dem Sitz. Dann schaue ich auf die Tankanzeige: Sie ist leer.