Bitte recht biometrisch

Hab ich schon erwähnt, dass ich bald  in den Urlaub fahre? Ich weiß, ich weiß: Ich werde keine sonnigen E-Mail-Grüße schicken, versprochen. Und ich bringe auch Alkohol mit für die Daheimgeblieben. Obwohl ich den heute selbst gut brauchen hätte könne. Denn wer wegfahren will, weiter weg, braucht einen Pass. Ich hab‘ einen. Allerdings endet er 2005, das ist schon ein bisschen her. Also muss ein neuer her und zwar schnell. Kein Problem, teilt man mir am Telefon mit, mit dem „Exbressbass“ müsste es klappen bis übernächsten Mittwoch. Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Im ersten Fotoladen (ich brauche ein biometrisches Bild) werde ich missachtet. Mein Mantel schwitzt schon von alleine, so heiß ist mir. Nach einer Viertel Stunde entscheide ich mich spontan, den Laden zu wechseln.  Dort schießt man am laufenden Band biometrische Gesichter. „Kinn nach unten, bissle nach links, nein, des war etz a weng zuviel, etz wieder a bissle nach rechts“, weißt mich die Fließbandfotografin an.  Die Haare müssen zurück und lachen darf ich auch nicht. Schön. Am besten kippe ich mir gleich noch einen Liter Schleim über die Frisur und tauche sie dann in Kakerlaken. Aber halt, dann bräuchte ich am Ende auch noch von den Kakerlaken alle biometrischen Daten. So viel Zeit habe ich nicht.

Hab ich doch. Exakt 43 Minten habe ich am Einwohnermeldeamt Zeit, mein Passbild vor meinem geistigen Auge zu löschen. Ich kann nicht glauben, dass ich der fiese Typ sein soll, der mir darauf entgegen schaut. Wie Florian Silbereisen, beim Koksdealen ertappt.  Eine Familie mit Migrationshintergrund, die neben mir sitzt, lenkt mich ab. Ich weiß jetzt, wer von ihnen wann im Sausalitos arbeitet und, dass die in der Mitte thronende Mama immer um drei Uhr nachts aufsteht, um den Kühlschrank leerzufressen. „Brauch‘ ich, mein Bauch muss voll!“ Bin absolut ihrer Meinung. Dann  wird kurz noch besprochen, ob die Schwester beim Küchendienst wirklich einen kurzen Rock anziehen muss („Du hast doch sowieso Schürze!!“) – dann bin ich dran.

Die junge Frau an Schalter 13 schaut freundlich aus. Sie legt eine biometrische Schablone über mein Bild – alles passt. Dann kommt’s: „Haben sie 91 Euro dabei?“ Einundneunzig? Muss ich gleich das ganze Einwohneramt kaufen? Also gut, ich zücke meine Karte. Dann der Todesstoß: „Nur in bar.“ Der Amok ist nahe, ich spüre es. Bar??? Hallo! Wir schreiben 2008, nicht 1908! An jeder lausigen Dönerbude kann man inzwischen sein Pide mit Karte zahlen!

Ich komme morgen wieder. Mit der Kohle, cash auf die Kralle. Ich hoffe, sie wollen Euro und nicht Reichsmark.