In fünf Minuten bin ich da!

Oh, hoppla, Sie sind ja schon da … Wollten Sie vielleicht nicht noch kurz etwas erledigen, bevor Sie in diesen Text hier einsteigen? Zum Beispiel einen Kaffee kochen, duschen, endlich mal die Großmut­ter im Heim besuchen oder die Zei­tung holen? Wie, die haben Sie schon geholt, sonst hätten Sie diese Kolumne ja noch gar nicht aufge­schlagen? Ein überzeugendes Argu­ment. Die Sache ist nur die, ich bin noch nicht ganz so weit. Aber gleich, also quasi sofort, bin ich ganz bei Ihnen. In fünf Minuten spä­testens schalte ich mich dazu, dann geht es los mit dieser Kolumne.


Nein, ich spinne nicht und ich will auch nicht unhöflich sein, ich habe nur gelernt, dass Pünktlichsein so was von veraltet ist. Ehrlich, wer heutzutage noch zu der verabredeten Uhrzeit irgend­wo aufkreuzt, beweist damit nur, dass er anscheinend nichts Besseres zu tun hat. Und das kann ich mir echt nicht leisten. Vor allem, weil es mir in letzter Zeit schon zu oft pas­siert ist. Neulich erst wieder. „Okay, um eins im Café“, habe ich mich mit einer Freundin verabre­det. Die Freundin ist sehr hip, im Gegensatz zu mir. Des Öfteren habe ich schon auf sie gewartet, an ver­schiedenen Plätzen in Nürnberg. Am Schönen Brunnen habe ich ein­mal so lange gestanden, dass mich eine japanische Reisegruppe schon für die Stadtführerin gehalten hat.
Diesmal war ich aber diejenige, die zu spät dran war für den Café-Besuch. Um die Zeit wieder einzuholen, duschte ich in Schall­geschwindigkeit, schüttete der Kat­ze aus dem Handgelenk Futter in den Napf, bevor ich mit nassen Haa­ren aus dem Haus rannte. Ich lief so schnell durch den Stadtpark, wie ich normalerweise beim Joggen in meiner Bestzeit nicht unterwegs bin.


Mit vom Gegenwind trocken ge­föhnten Haaren und verschwitztem Rücken lief ich gerade in die Zielge­rade zu dem Café ein, bereit, mich zum ersten Mal bei der Freundin für die Verspätung zu entschuldigen statt umgekehrt, als eine Nachricht
auf meinem Handy aufploppte: „Noch fünf Minuten, sooorry!“, schrieb die Freundin. Meine Nackenhaare sträubten sich, ich bremste abrupt ab. Die letzten 100 Meter schlich ich im Schnecken­gang zu dem Café. So langsam ich konnte, sank ich auf den erstbesten Stuhl. Von der Freundin keine Spur am Horizont. Die Bedienung wisch­te an mir vorbei. „Ich komme gleich, einen Moment“, raunte sie mir zu. Ich packte die Zeitung aus.


Kurz vorm Weltspiegel auf der letzten Seite kamen beide Damen im lässigen Schritt auf mich zu. Die eine mit einem Tablett unterm Arm, die andere mit ihrem Fahrrad an der Hand. Ich knirschte mit den Zähnen. Hätte ich inzwischen einen Kuchen bestellen können, wäre das Geräusch viel­leicht nicht so laut gewesen. „Tschuldigung, früher war ich immer pünktlich“, erklärte sich die Freundin. „Aber dann musste ich immer auf die anderen warten. Des­halb komme ich jetzt selber immer irgendwie zu spät.“ Ich habe ihr mit fünfminütiger Verspätung verzie­hen. Danach habe ich beschlossen, das Prinzip der modernen Verabre­dung künftig auch für mich anzu­wenden. Sorry, werde ich zur U-Bahn sagen, wenn sie gerade in Schoppershof einfährt, ich nehme lieber die, die fünf Minuten später kommt. Beim Bäcker stelle ich mich einfach noch mal hinten an — sonst komme ich am Ende noch zur Konfe­renz in der Arbeit pünktlich! Das muss nun wirklich nicht sein, dass der Chef denkt, ich hätte zu viel Zeit.


Gleich am nächsten Tag wollte ich damit anfangen. Leider habe ich ausgerechnet da den letzten, den al­lerletzten Menschen getroffen, der Verabredungen noch strikt einhält: den Stromzähler-Auswechsler mei­nes Energielieferanten. Er läutete Punkt acht Uhr morgens an meiner Wohnungstür. Natürlich war ich selbst da schon wieder als Erste da.
Ich gebe es auf, ich werde einfach nicht mehr hip. Aber vielleicht ja in fünf Minuten … Wenn Sie so lange kurz warten könnten?

Sie sieht mich einfach nicht!


Manchmal komme ich mir vor wie in dem alten Witz „Geht ein Mann zum Psychiater und sagt: ,Herr Dok­tor, jeder übersieht mich.’ Sagt der Arzt: ,Der Nächste, bitte!’“ Wirk­lich, ich habe die Gabe, unsichtbar sein zu können. Allerdings nicht dann, wenn ich mich in der Stadt beim „Drei im Weggla“-Kauf mit Senf bespritze oder Interviews mit Salatblättern zwischen den Zähnen führe, sondern immer nur dann, wenn ich etwas bestellen möchte in einem Lokal. Egal ob Kneipe oder Sushi-Bar, die Bedienung schaut durch mich durch, als ob ich Harry Potters Unsichtbarkeitsmantel um die Schultern liegen hätte.
Vorgestern ist es mir wieder pas­siert, in einem Biergarten. Freudig sank ich mit einer Freundin dort in die aufgestellten Liegestühle. Die Sonne brannte uns auf den Scheitel, ein Kaltgetränk musste dringend her. Ein gut gelaunter junger Mann in farbenfrohen Bermudas schlän­gelte sich, ein Tablett über dem Kopf balancierend, durch die Rei­hen. Er beugte sich links von uns darnieder, um eine Bestellung aufzu­nehmen, er beugte sich rechts von uns darnieder. Zu uns schaute er kein einziges Mal.


Gerade wollte ich mit den Fingern schnippen wie früher der Mathestreber mit dem Taschenrech­ner, als sein Blick — Holla, die Bier­fee! — tatsächlich in unsere Rich­tung ging. Allerdings nur fast. Seine Augen blieben an dem Liegestuhl­paar vor uns kleben. Dort hatten zwei junge Frauen Platz genommen, die Pocahontas Konkurrenz mach­ten. Sie lächelten, warfen die Haare nach hinten und flöteten mit
geschürzten Lippen ihre Bestellung. Wir dahinter blieben auf dem Tro­ckenen. Eher Wüstenblume als Poca­hontas. Um nicht zu verdorren, ver­schafften wir uns am Tresen selbst ein Bier.
Dann zogen wir ein paar Open-Air-Cafés weiter. Zur Sicherheit besorgten wir uns gleich selbst ein Getränk. Eine weise Entscheidung. Denn die junge Kellnerin, ebenfalls Typ Pocahontas, nahm uns zwar wahr. Allerdings nur deshalb, weil ihr unsere Beine im Weg lagen. Ge­konnt stieg sie über uns, um die Gruppe neben uns nach ihren Wünschen zu befra­gen. Bei ihrem Rückweg zogen wir eilig die Beine ein — und schauten in unsere fast leeren Flaschen. Schnel­ler als wir „Ähm“ rufen konnten, war Bar-Pocahontas entfleucht.


Es geht mir überall so. Ich bin ein­fach der Xavier Naidoo der Bedie­nungen: „Sie sieht mich nicht. Sie sieht mich einfach nicht!“ Viel­leicht stimme ich Xaviers Lied das nächste Mal in der Kneipe an. Mit einem Stehgeiger und dem Rosen­verkäufer. Der sieht mich im Übri­gen immer! Warum kann ich da, bit­te, mal nicht unsichtbar sein? Oder wenn der Chef die Arbeit verteilt?


Bei der nächsten Konferenz ver­halte ich mich einfach so, als ob ich etwas bestellen wollte. Ich halte mei­nen Terminkalender hochkant, so dass er wie eine Getränkekarte aus­sieht, dann winke ich, um Aufmerk­samkeit heischend, meinem Chef. Wetten, dass die Termine alle an meine Kollegen verteilt werden? Ich zaubere mich dann heimlich ins Schwimmbad. Hoffentlich will ich dort dann keine Pommes bestel­len . ..

Achtung: Ich mach mal vorsichtshalber nichts

Es war ein Klassiker — passend zum WM-Auftakt trat er in den Streik: mein Kühlschrank. Lange hatte sich seine Dienstverweige­rung schon angekündigt, jetzt, da ich vielen Leuten zum Spiel kühle Getränke angekündigt hatte, be­fand er, dass die Wirkung am größ­ten wäre. Das Problem lag im Eis­fach. Weil sein Türchen nicht mehr richtig schloss, hatte es sich innen immer mehr in Richtung Antarktis entwickelt. Gerade mal die Spitze einer Fischstäbchen-Packung ragte noch heraus, der Rest war gefangen im ewigen Eis. Die eingetupperte Spaghettisoße ohne Hammer und Meißel dort je wieder herauszubre­chen — undenkbar! Nur den zuvor­derst gelagerten Eiswürfelpacken brach ich mit Hulkschen Kräf­ten und unter Zu­hilfenahme eines Bratenwenders noch heraus, dann tat ich das Einzi­ge, was ich tun konnte: Ich klebte das Eisfach zu.
Trotz dieser genialen Methode bewirkte die Eisfach-Antarktis, dass es im restlichen Kühlschrank wärmer war als draußen — wie mir ein kurzer Handtest bestätigte.


Ich überlegte kurz, ob ein hysteri­scher Anfall nicht schön wäre, dann erinnerte ich mich, dass ich mich noch mit allem arrangiert hatte — seien es in alle Richtungen spritzen­de Duschköpfe oder kaputte Klo­spülungen.
In diesem Fall servierte ich meine Getränke eben ab sofort aus dem Spülbecken, in das ich bis zum Rand kaltes Wasser eingelassen hat­te. Perfekt für eine Bierblindverkos­tung — schließlich fischte ich alle Flaschen ohne Pläpperle aus dem Kühlbassin hervor. Meine Gäste arrangierten sich mit mir. Und ver­langten zum Kaltgetränk lediglich ein Abtropftuch. So wäre es vermut­lich noch einige Wochen oder, sind wir realistisch, Monate weitergegan­gen. Zwar hatte ich vor, einen neu­en
Kühlschrank anzuschaffen, aber eben lieber morgen.


Dann, pünktlich zum Halbfinale, ereilte mich die Nachricht einer Freundin im Nachbarhaus: „Rate mal, wo sich dein Kühlschrank­inhalt befindet …“ Er befand sich im Kühlschrank der Freundin. Mei­ne Putzperle hatte ein Eisfach-Asyl im Nachbarhaus beantragt und sich der Sache angenommen. Zwei Stun­den später piepste mein Handy mit folgender Nachricht: „Hallo Anette, habe deinen Kühlschrank repariert. Er geht jetzt wieder.“

Zu Hause konnte ich mich vom Ende der Eiszeit überzeugen. Die zugeklebte Eisfachtür war anders­herum eingesetzt und schloss wie­der. Darin: Nichts als kühle Luft. Kein Eis, nicht mal mehr der Hauch einer Flo­cke störte die eisi­ge Kälte. Der rest­liche Kühlschrank hatte dafür wie­der eine Temperatur, die seinem Namen angemessen war. In seinem Bauch lagerten statt alter Schmelz­käse- Ecken gut gekühlte Franken­biere. Zufrieden brummte er vor sich hin. Ich sprang vor Glück fast an die Decke. Ein bisschen erinner­te mich das Ganze aber auch an die Intelligenztests mit Affen. Der Affe, der die Eisfachtür einfach anders­herum einhängt, scheint ein ganz klein wenig mehr gedacht zu haben als der Affe, der die Chose einfach zugeklebt hat …


Und die Moral von der Geschicht? Blinder Aktionismus bringt’s oft nicht. Es kann tatsächlich geschei­ter sein, die Dinge auszusitzen, ich habe es ja schon geahnt. Jetzt bin ich aber mal gespannt, wann der Brief mit der Pin–Num­mer meiner neuen Bankkarte wie­der auftaucht, die Herdschaltknöp­fe Nummern haben und wann mein Fenster im Schlafzimmer auch oben wieder in der Verankerung sitzt …
Warten wir’s ab, ich mach mal nichts.

Ich will doch nur Fußball schauen!


Eigentlich ist es doch ganz ein­fach: 22 Typen rollen einen Ball über ein grünes Feld und wir schau­en dabei zu. Aber ha, genau beim Stichwort „schauen“ geht es los. Der Teufelskreis und Fragen-Rund­lauf, der seit Anbeginn der WM zir­kuliert, abhängig von Teilnehmer­zahl („Passen 15 Leute in mein Wohnzimmer??“), Wetter („Es soll heiß werden.“ „Aber es soll auch regnen!“) und Befindlichkeiten („Ich brauche ein Sofa!“). Wer dann noch versucht, Public Viewer und militante Soloschauer miteinander zu vereinen, der ist entweder reif für das Bundesverdienstkreuz — oder für die Klaps­mühle.


Bei mir war neu­lich beinahe Letzte­res der Fall. Wäh­rend das Auftaktspiel gegen Ronal­do noch einfach war — ich musste arbeiten —, stieg mit jedem Weiter­rücken von Jogis Jungs die Komple­xität der Verabredungen. Wie an Sil­vester dadurch gesteigert, dass jeder sich bis zuletzt alle Chancen offenhält. Gleichzeitig bringt jeder potenzielle Mitschauer geschätzte vier andere ins Spiel. Was zu Dialo­gen dieser Art führt: A: „Ja, okay, dann würde ich zu dir kommen. Allerdings bin ich auch schon mit C so halb verabre­det.“ B: „Dann bring C halt mit.“ A: „Hallo C, wollen wir zu B?“ C: „Ja, okay, dann würde ich zu B mitkommen. Allerdings bin ich auch schon mit D so halb verabre­det.“ A: „Dann bring D halt mit.“ C: „Hallo D, wollen wir mit A zu B?“ Und so weiter und so weiter.


Beim Spiel gegen Klinsis US-Team wurde die Verabredungs­kette dann noch um eine Public Viewerin erweitert, die — passend zum U-Bahn-Streik — öffentlich schauen wollte. Die Folge war ein strategisches Foul: Leider konnte
nur die Hälfte der Mannschaft noch Einlass im erwünschten Biergarten finden, die anderen wurden als Ersatzspieler nach draußen ver­bannt. „Ihr kommt da nimmer rein“, raunte der extra für den Spiel­tag angeschaffte Türsteher ihnen zu. Dem Burn-out nahe, rief mich eine der Verstoßenen, jetzt mehr Libero, als ihr lieb war, an. „Wir kommen da nimmer rein“, japste sie durchs Telefon. „Ich kann nicht mehr! Kann ich zu dir?“ Es war 15 Minuten vor Anpfiff. „Dann komm in die Redaktion“, rief ich in den Hörer, warf auf und trabte los, Bier einzufangen. Fünf Minuten später rief die Freundin auf dem Handy an: „Ich steh an der Pforte und komm nicht mehr rein“, hauchte sie, die Stimme so dünn wie die Beine von Thomas Müller. „Ich hol dich“, rief ich und versuchte, das Handy zwischen den vier Bier­flaschen nicht fallen zu lassen.


Mit letzter Kraft schleppten wir uns vor den Redaktionsfernseher. Ich schaltete ein. Er flimmerte. Auch mir wurde schwarz vor Augen. Noch drei Minuten Vorspiel­zeit. In Sekunde zwei vor Anpfiff rettete uns eine Kollegin, die ihr TV-Herrschaftswissen von der Pfer­dekoppel aus mit uns teilte: „Unten nach unten drücken, dann oben wei­terschalten!“ Mit zittrigen Fingern führte ich ihre Nippel-durch­die- Lasche-Anweisungen aus. Und siehe da: Das Schwarz formte sich zur Frisur des Bundestrainers!


Ermattet sanken wir in die Dreh­stühle. „Ich will doch einfach nur Fußball schauen“, murmelte die Freundin. Ich nickte. In dem Moment piepste eine SMS: „Hey, wo seid ihr? Kommt doch zur Wöhr­der Wiese, da kann man super schau­en!“ Beim Finale schließe ich mich ins Klo ein. Mit einem Transistorradio. Ende.

Briefe für die Katz’

Aus der Leserpost an Joker, gesammelt von seinem Frauchen:

Hi Joker,

hier spricht Leo, der Beagle, der schon zahlreiche Abenteuer durch­gestanden hat — auch so ähnliche in deiner Art… Dein Frauchen Anette kann ich sogar verstehen, denn mei­ne Leute haben mir auch immer eine Strafpredigt gehalten, wenn ich mal wieder kurzfristig abgehau­en war. Bei mir ist es halt immer der Jagdtrieb meiner englischen Vorfah­ren — von denen übrigens auch mei­ne entsprechende Fresslust stammt… Als Kater hast du natürlich noch andere Begehrlichkeiten als ich, kannst dir notfalls selber etwas Kulinarisches besorgen, was mir als Beagle schwerer fällt, weil ich weder Mäuse noch irgendwelches Geflügel mag. Aber ich setze dann notfalls meinen treuherzigen Blick ein und man glaubt gar nicht, wie viele Leute doch ihr Essen sorglos herumstehen lassen, sei es am Tisch oder im Auto. Trotzdem gebe ich dir jetzt einen Ratschlag, sozusagen unter uns „Viechern“: Mach deinem Frauchen so wenig Kummer wie möglich, sie wird es dir mit vielen Streicheleinheiten danken! Die ge­nieße ich immer, wenn ich mal wie­der sorglos und jagdfreudig unter­wegs war.

Dein Leo

PS: Den Polizisten der Wache Erlenstegen habe ich mal ein Dan­kesschreiben geschickt, weil sie mir dabei behilflich waren, mein Herr­chen und meine Nanny wiederzufin­den. Ich hatte mich dermaßen hin­ter ein paar flotten Hasen herver­franst. .. (abgeschickt von Ingrid Grimm)

 

Hallo Joker,

ich bin Kater Otto aus Worzeldorf und habe deinen Ausflug mit Auf­merksamkeit verfolgt.
Gut, dass du wieder zu Hause bist. Ich sag dir, ich mag auch kein
Trockenfutter „sensitiv“.
Viele Grüße von Otto (gesendet vom Humanoiden Paul Rührer)

 

Hey Joker, du Macho!
Was du deinem Frauchen angetan hast, war echt gemein! So möchte kein Mensch behandelt werden! Ein­fach auf die Idee zu kommen und abzuhauen, was fällt dir ein? Alle sorgten sich um dich, Nackenhaare sträubten sich und du versuchst, frem­de Frauen aufzu­reißen? Du hättest verhungern kön­nen, obwohl dein Speck sicher für ein paar Jahre reichen würde. Wir können ja verstehen, dass du einmal Abwechslung gebraucht hast, wir haben auch schon einmal Mist gebaut, aber trotzdem nicht so, Kumpelblase! Du wirst bestraft, ob du willst oder nicht. Hausarrest erteilen wir dir nicht, sonst jaulst du uns noch die Ohren voll, doch ein süßes pink­farbenes Halsband mit einem roten Herzchen, worauf deine Adresse steht, würde dir — ach so mutigem Burschen — bestimmt stehen. Abhauen ist dann nicht mehr, denn jeder würde dich für ein Weibchen halten, und alle Kater Nürnbergs würden dir nachlaufen. Wir hoffen, du lernst aus deinen Fehlern und entschuldigst dich bei deinem Frau­chen.


Die Klasse 8b und die 11 Katzen: Ahmed, Frosty, Lilly, Silvester, Manjunja, Mucha, Keks, Krümel, Betty, Inge, Paul.


Danke liebe Leser! Ich kann nur hoffen, mein Viech schreibt sich die Ratschläge hinter seine Öhrchen. Eines muss ich noch richtigstellen: Die Katze ist ein Weib. Sie verhält sich nur nicht so. Vielleicht auch, weil ich als sein Frauchen immer „der Joker“ sage. Da kennt sich kei­ne alte Katz’ mehr aus…

Bis zum nächsten Abenteuer. Alles wird. Vielleicht sogar miez.

 

Hier spricht Joker!

 joker

 

Liebe Leute und Leser, lie­be Mäuse in Schoppershof,

wie ihr schon wisst: Ich bin zurück. Mein schwatzhaftes Frauchen, das mich in jeder zweiten von diesen Dingern, Kolonnen oder so, verbrät, hat es euch ja schon mit­geteilt. Ich finde, es ist an der Zeit, dass ich mich sel­ber einmal zum Geschehen äußere. Die Röckl tippt für mich, obwohl sie es auch nicht viel besser kann als ich, aber gut. Ich möchte einiges klar­stellen: Richtig ist, dass ich neulich mit einer Jüngeren mitgegangen bin, die tatsächlich auf dem Nachhauseweg von Rock im Park war. Sie hat zwar versucht, mich unterwegs abzuschütteln, aber so schnell geb ich nicht auf! Falsch ist, dass ich vom Rechenberg bis nach Ziegelstein fünf Katzen ver­droschen habe. Es waren nur zwei — und sie hatten es verdient. Richtig ist, dass ich mich bei mei­ner Neuen echt wohlgefühlt habe, auch wenn ich den drei griechischen Hirtenhunden erst mal klarmachen musste, wer jetzt der Herr im Haus ist. Miez. Falsch ist hingegen, dass die Hirtenhunde jetzt auf Schadenersatz wegen Kör­perverletzung klagen. Hunde sind viel zu doof, um zum Anwalt zu gehen. So.


Dann noch ein Wörtchen zum sau­beren Onkel Christian aus Herolds­berg: Schön und gut, dass Sie die schreiberischen Machwerke meines Frauchens lesen, aber mussten Sie mich gleich verpfeifen? Wenn Sie nicht draufgekommen wären, dass ich der Röckl ihr Pseudo-Kater bin, könnte ich heute noch das gute Kat­zenfutter
in Ziegelstein genießen. Herzlichen Dank!
Und auch du, lieber Feuerbachs-Wirt — schon mal was von Privat­sphäre gehört? Ich liebe dein Tro­ckenfutter „sensitiv“ und deinen Biergarten, aber gleich das ganze Viertel mit meinem Konterfei zu bekleben, nur weil ich mir mal eine Woche Auszeit gegönnt habe? Fährst du nie in den Urlaub? Aber es war schon schön, wie du dich gefreut hast, als ich zum Deutsch­landspiel vorbeige­kommen bin. Und dass die Mama vom Lottoladenbesitzer fast ge­weint hat, war schon auch süß.


Ehrlich, ihr seid alle die besten Zweibeiner, die ich kenne. Aber mit festen Bindungen habe ich es ein­fach nicht so. Googelt halt mal unter „Katze“, da werdet ihr sehen, dass das bei uns einfach nicht drin ist in der DNA. Wir lieben die Frei­heit! Und wir können Gedanken lesen. Deshalb, Fräulein Röckl — wegen Halsband und GPS-Ortung: Denk gar nicht drüber nach!
Servus und schnurr, euer Joker.

Joker ist wieder da!

jokerLiebe Leser, liebe Nürnberger und vor allem liebe Schop­pershofer, an dieser Stelle sei außerhalb der Reihe vermeldet: Das Tier ist wieder da! Sie können die Suche einstellen. Nach einer Woche Ferienaufenthalt bei einer sehr netten und, tja, tatsächlich jüngeren Frau habe ich mein Haustier, das keines sein will, wieder ins traute Heim geholt. Wie es dazu kam, dass es der netten Frau bis Ziegelstein (!) nach­lief, wie viele Katzen Joker auf dem Weg verdroschen hat und welch tragende Rolle ein gewisser Onkel Christian aus Heroldsberg bei der Zusammenführung spielte — das alles wird ausführlich im nächsten „Hallo Nürnberg“ be­sprochen.


Für jetzt nur so viel: Es ist wieder Alltag eingekehrt in Schoppershof. Nach einer Nacht Hausarrest muss­te ich das Tier wieder in die Freiheit lassen, weil es mich sonst in den Wahnsinn miaut hätte. Und es tat, was es immer tut: Es trabte zum Feu­erbach- Wirt Jürgen, der ein paar Tage zuvor eine Großfahndung im Viertel angezettelt hatte und inzwi­schen
vermutlich ein paar graue Haare mehr auf dem Kopf hat. Pünktlich zum Anpfiff Deutschland gegen Portugal saß Joker jedenfalls im Biergarten. Ich konnte mich selbst davon überzeugen, als ich dort vorbeiradelte. Die Katze, der Wirt, das Bier — alles ist gut.


Vielen Dank Ihnen allen fürs Mit­fiebern! Ich versuche, den irren Joker unter Kontrolle zu halten. Wobei ich dann ja keine Geschich­ten
mehr hätte…

Joker, bitte melde dich!

jokiLieber Joker,

in meiner Not veröffentliche ich diesen Brief an dich. Ich weiß, du kannst besser fressen als lesen, aber vielleicht findest du ja jemanden, der dir meine Zeilen vorliest. Mir ist klar, es hat in letzter Zeit Unstim­migkeiten zwischen uns gegeben. Darüber, ob vier Mahlzeiten am Tag genug sind und ob das Sofa ein guter Kratzbaum ist oder nicht. Mei­nungsverschiedenheiten hatten wir auch darüber, wem das Kopfkissen gehört. Es tut mir leid, dass ich dabei ab und zu einmal meine Stim­me erhoben habe. Auch dass ich das Grillhähnchen neu­lich nicht mit dir geteilt habe, ob­wohl ich sehen konnte, wie sehr dein Herz — und deine Kralle — dar­an hängt, tut mir nachträglich sehr leid.


Endgültig eskaliert ist der Streit dann, als ich dich letzte Woche, als du nichtsahnend aus deiner Kneipe zurückgekehrt bist, in den Korb bugsiert und zum Tierarzt gefahren habe. Ich hätte vorher mit dir über die Impfung und das Thermometer in deinem Hintern sprechen müs­sen, ich weiß. Ich kann verstehen, dass dich das in deiner Autonomie verletzt hat. Meine Psychologin hat ausführlich mit mir darüber gespro­chen, was so etwas mit dem Gegen­über macht.


Könnte ich alle diese Dinge unge­schehen machen, ich würde es tun.
Dann lägest du jetzt auf mir und würdest meinen schwarzen Rock vollhaaren oder du würdest über meine Tastatur laufen. Stattdessen ist da jetzt nur eine Leere. Und ein Abdruck deiner sechs Kilo auf dem Sofa. Denn du bist fort. Ohne Abschiedsbrief, nicht mal einen klei­nen Haufen hast du im Katzenklo hinterlassen. Wo du bist, willst du mir nicht verraten. Von deinem Wirt weiß ich nur, dass du auch nicht in deiner Stammkneipe gewe­sen bist. Vermutlich brauchst du ein bisschen Abstand, um einen leeren Bauch zu bekom­men. Ich hoffe nur, du bist nicht mit einer anderen auf und davon. Mit einer Jüngeren, die du bei Rock im Park gefunden hast. Sollte es so sein, fall bitte nicht auf sie herein: In den schönen bunten Dosen ist kein Futter, sondern nur Bier! Ich will dich doch nur vor einer Enttäu­schung bewahren.

Lieber Joker, falls dir irgendje­mand diesen Brief vorliest, bitte, gib dir einen Ruck und komm zurück. Oder ruf mich wenigstens an. Schick mir eine Maus. Was auch immer. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke. Auch die Fusselrolle im Bad ist schon ganz depressiv.
Bitte, mein Hase, gib mir noch eine Chance. Ich nenn dich auch nie wieder Dicke! Kralle drauf.
Dein Frauchen.

Ja, ich will die Kundenkarte!

Bislang habe ich mich immer erfolgreich gewehrt. Anfragen wie „Haben Sie eine Kundenkarte?“ sind an mir abgeglitten wie Spiegel­eier auf Teflon. „Nein, ich habe keine Kundenkarte und ich möchte auch keine, danke“, war meine Stan­dardantwort. Damit habe ich jeden Kassierer zum Aufgeben gebracht. Nur um meine Socken oder den Kaf­fee zum Mitnehmen fünf Cent billi­ger zu kriegen, gebe ich doch nicht mein halbes Leben preis! So weit kommt’s noch!

Gestern kam es dann so weit. Eine Verkäuferin in einem Klei­derladen in der Innenstadt hatte eine terriermäßige Nachfrage-Tech­nik, gegen die in­vestigativer Jour­nalismus gar nichts ist. „Nein, ich möchte keine Kundenkarte“, sagte ich meinen üblichen Spruch auf. „Wirklich?“ Sie schenkte mir ein ungläubiges Lächeln. Ich nickte, gefestigt wie Schillers Glocke. „Damit können Sie aber viel günstiger online ein­kaufen. Ohne Versandkosten.“ Ich zuckte mit den Schultern. Was ich brauche, besorge ich mir noch wie Oma anno dazumal ihre Kittel­schürze: indem ich ganz analog auf meinen zwei Beinen in die Stadt gehe. Die Ware versende ich stets mit mir zusammen nach Hause. Sehr kostengünstig.

„Sie bekommen auch Punkte auf Ihren Einkauf. Ein Punkt, ein Euro.“ Ich zuckte noch mal mit den Schultern. „Heute würde sich’s aber bei Ihnen lohnen“, sagte sie und schob mir den Kassenbon hin. 97,90 Euro. Sie sah mir gespannt in die Augen. Ich schaute zurück, unverrückbar. Schweigend packte sie meine Sachen ein. Kleid Num­mer eins verschwand in der Tüte, Kleid Nummer zwei ebenso. Dann nahm sie die Stoffhose vom Bügel. Sie stutzte kurz, schaute an mir herunter, dann glitt ein listiges Lächeln über ihr Gesicht. „Mit der Karte können Sie sich übrigens auch die Hosen kürzen lassen…“ Ihre stahlblauen Augen waren wie Laser auf mich gerichtet. Die Frau hatte offenbar keinen Wim­pernschlag. Ich starrte zurück. Dann merkte ich, wie mein linkes Augenlid zu zucken begann. Es ent­ging meiner Widersacherin nicht. Sie nützte die minimale Schwäche sofort aus. Und packte den nächs­ten, den ultimativen Trumpf auf den Verkaufstresen. „Und heute bekommen Sie sogar ein Ge­schenk.“ Sie legte eine dramatische Pause ein. „Zwei tolle Nagellacke in modischen Farben. Hier vor Ihnen stehen sie.“

Ich weiß, es ist primitiv. Aber es war wie damals bei der Barbiepup­pen- Verteilung auf der Spielwarenmesse. Irgendetwas oder irgendwer in mir juchzte auf. Zwei Nagellacke! In Rosa und Pink! O ja, o ja, o ja! Ich weiß nicht, wer da in mir schreit, aber er muss ziem­lich doof sein. Oder noch sehr, sehr klein. Ich hoffe inständig auf Letzte­res. Denn Nagellack kann ich mir ja wohl auch einfach so kaufen. Die Person in mir führte sich dagegen auf, als ob es sich hier um die zwei allerletzten Nagellacke der Welt handelte. Ich musste die Kunden­karte nehmen, alles andere wäre unverantwortlich. „Okay“, presste ich hervor. „Ich nehm das Ding.“ „Super“, lächelte die Kassiererin. „Das macht dann sechs Euro für die Karte.“ Ich zuckte zusammen. Zwei billige Nagellacke, die ich vorher gar nicht wollte, plus die Freigabe meiner Daten für sechs Euro? Was war das bitte für eine Rechnung? Mir blieb nur eines: Ich kaufte noch eine Kette. Macht einen Punkt mehr. Und morgen lass ich mir die Hosen kürzen. In Salami-Technik. Aus 7/8 lass ich 3/4 machen, dann eine Kniebundhose und am Ende Hotpants. Die kann ich zwar nie im Leben anziehen. Aber immerhin hat sich die Kundenkarte dann gelohnt. Ich bin ja nicht blöd!

Parapluie mit Bindungsangst

O Mann, schon wieder einer, der mit mir Schluss gemacht hat! Lang­sam verzweifle ich echt. Was mache ich eigentlich immer falsch? Dabei hat diesmal alles so schön angefangen mit uns beiden. In einem Klamottenladen sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Ich stand gerade an der Kasse, um einen Fün­ferpack Socken zu bezahlen, als mein Blick auf ihn fiel: Er war so schön, dass mir der Atem stockte. Schneller als ich denken konnte, streckte ich die Hand aus und zog ihn zu mir. Seine Kumpels schauten ihm traurig nach. Aber ich wusste sofort, der oder keiner. Ich packte ihn, zahlte und ging. Endlich hatte ich ihn gefunden: den Regenschirm meines Lebens! Schwarz mit auf­gedruckten Rosen. Ich war sofort verliebt.

Am nächsten Tag stellte ich ihn meinen Freunden vor. Er erntete überall bewundernde Blicke — „ihr passt super zusammen“, war der ein­stimmige Tenor. „Mein Gott, ist der schön!“, entfuhr es meiner Kolle­gin, nachdem ich seine Schwingen einmal kurz aufgespannt hatte. Ich spürte, ich war angekommen. End­lich. Der Rosenkavalier der himmli­schen Schleusen war mein. Und tatsächlich schützte er mich fürsorglich vor niagarafallartigen Regenfällen und ließ mich elegant wie Mary Poppins die Pfützen über­springen. Hätte Audrey Hepburn einen Regenschirm wählen müssen, sie hätte meinen genommen. Mit ihm an meiner Seite fühlte ich mich geborgen, sicher und wunderschön.

Eine ganze Woche lang, dann hat der Mistkerl sich vom Acker ge­macht. In der U-Bahn. Da hat die Romantik aber schnell ein Loch. Hätte er sich nicht einen stilvolle­ren Ort aussuchen können? Das Grand-Hotel oder so? Aber nein, auf dem Weg nach Langwasser Süd verabschiedet er sich. Ich bin ent­täuscht. Auch von der Art seines Abgangs. Statt sich zu erklären, bleibt er einfach feige und still im Abteil liegen. Kein Abschiedsgruß, kein letztes Aufspannen, nichts.

Es sind doch alle gleich. Ehrlich. Regenschirme haben Bindungs­ängste. Dauerhafte Beziehungen, die länger als ein halbes Jahr gehen, sind nichts für diese Aufspanner.
Dabei gilt: je schöner, desto schneller weg. Alte, windschiefe Krücken bleiben natürlich gern bei einem. Die lassen sich sogar hinterhertragen, wenn man sie mal absichtlich im Schirm­ständer vergessen will. Wackelkan­didaten mit halbseitiger Spanner­Lähmung, krummem Stiel oder die, die dauerhaft keinen Schirm mehr hochbekommen, stapeln sich auf meiner Garderobe zuhauf. Eisern warten sie auf den Tag, der mit Si­cherheit kommen wird: Wenn mein Neuer mit mir Schluss gemacht hat. Dann rappeln sie in ihrer Kiste vor Freude. Und ich muss wieder eine der alten Krücken nehmen. Aber diesmal kommt er mir nicht so ein­fach davon. Ich hole ihn mir zurück. Und dann soll er mir im Fundbüro der VAG mal erzählen, was die Nummer bitte sollte.
Ich finde, man sollte einen Verein gründen für alle Parapluie-Verlasse­nen. Und ich weiß, was ich dann übernehme: die Schirmherrschaft.