Archiv der Kategorie ‘Forchheim’

Juni 16th, 2013

Im Dunstkreis der Martinskirche

Uwe Kirschstein, beglückwünscht von Klaus Thormann nach seiner einstimmigen Wahl zum OB-Kandidaten der SPD. Foto: Ulrich Graser

Sie glaubt nicht, dass man im Dunstkreis der Martinskirche geboren sein muss, um in Forchheim OB zu werden, sagte mir im Gespräch am Rande eine SPD-Stadträtin. Kunststück: Hatte die SPD Forchheim doch gerade einen Kandidaten nominiert, der erst seit zwei Jahren in Forchheim lebt und ganz weit weg von der Martinskirche geboren wurde. In der Pfalz. Auch wenn die mal bayerisch war (bis 1918), als Bayer oder Franke geht Uwe Kirschstein im Leben nicht durch.

Der 36-Jährige, der auch einen Blog betreibt, krachte rhetorisch mächtig auf. Transparenz vermisst er in Forchheim, die Bürger würden nicht richtig einbezogen in die Entscheidungen, keine Ziele würden erklärt von der Stadtpolitik, die CSU sei der Blockierer, im Land wie in der Stadt. Wir werden sehen, wie Kirschstein die nächsten neun Monate Kandidatenstatus überlebt. Als Bewerber um das Amt des OB wird er sich jetzt häufiger zu Wort melden (müssen), er wird Alternativen bieten müssen.

Das ist nicht leicht. Bisher läuft die Stadtpolitik so, dass der OB in allen Sitzungen zu allen Punkten Einstimmigkeit anstrebt (unterstützt in vielen Fragen vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Reinhold Otzelberger). Das erleichtert ihm den Hinweis: “Ihr wart doch auch dafür”, wenn hinterher Kritik geübt wird. Die Fraktionen machen es ihm oft genug sehr leicht, indem sie darauf verzichten, eigene Recherchen anzustellen.

Siehe Grabgebühren: Da tritt ein Experte vom Kommunalen Prüfungsverband auf, gibt die Richtung vor, in der die Stadtverwaltung mit ihrer Vorlage dann marschiert und alle Stadträte stimmen zu. Obwohl schon damals zumindest eine Fraktion Zweifel hatte. Jetzt, als ich am Freitag in der Zeitung kommentierte, die Damen und Herren hätten sich ja vorher mal schlau machen können anstatt sich hinterher der Bürgerinitiative gegen den von ihnen selbst gefassten Beschluss anzuschließen, da heißt es: Was sollen wir als ehrenamtliche Stadträte schon ausrichten? Wir sind doch auf die Verwaltung und auf die (vermeintlichen) Experten angewiesen.

Das stimmt nur zum Teil. Viele Vorgänge laufen in anderen Kommunen genauso oder so ähnlich ab, gerade die Neuberechnung der Grabgebühren. Was spricht dagegen, sich bei anderen Stadtverwaltungen oder bei der dortigen eigenen Parteifraktion zu erkundigen, wie die Dinge dort stehen?

Was spricht grundsätzlich dagegen, dass sich die Stadtratafraktionen breiter aufstellen, ihre Sympathisanten (z.B. nicht gewählte Listenkandidaten) ins Boot holen und deren vielfältiges Knowhow und ihre Talente nutzen? Immer nur auf den OB und die Stadtverwaltung zu zeigen, ist meines Erachtens zu kurz gedacht. Das kommt einer Kapitulation gleich.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jede(r), der/die sich für ein kommunales Ehrenamt wie Stadt- oder Gemeinderat aufstellen lässt, ist für mich ein/e Held/in der Demokratie. Ich glaube, ich könnte mich nicht dazu durchringen. Als Journalist, der auf der anderen Seite steht, muss ich es zum Glück auch nicht. Ich habe größtes Verständnis dafür, wenn die Rätinnen und Räte sich ärgern, weil sie einerseits viel Zeit in eine undankbare Arbeit investieren und auf der anderen Seite dann öffentlich kritisiert werden, zum Beispiel von mir.

Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn mir, wie dieses Wochenende, eine Stadträtin sagt, sie stimme auch deswegen oft mit der Mehrheit, weil sie sich nicht dauernd von den anderen Fraktionen vorhalten lassen will, sie sei eine “Brunnenvergifterin”. Also: Wo sind wir eigentlich? Wer eine andere Meinung hat, wird in diesem Stadtrat als “Brunnenvergifter” bezeichnet? Wenn das stimmt, dann passt da was nicht in diesem Gremium.

Zurück zu Uwe Kirschstein. Natürlich hat er aus meiner Sicht keine Chance, im nächsten März OB zu werden (tut mir leid, Herr Kirschstein!). Der OB will ja wieder kandidieren (auch wenn es eine Überlegung wert wäre, an dieser Stelle Schluss zu machen, nach 24 Jahren), und von den Freien Wählern wird mit Sicherheit Manfred Hümmer wieder antreten, die One-Man-Show der FW (Herr Hümmer, ich weiß, dass Sie nicht alleine dastehen, aber die Außenwirkung ist ja nun ganz bewusst auf Ihre Situation zugeschnitten).

Hümmer hat eins verstanden: Er besetzt den vorpolitischen Raum wie sonst nur die CSU. Als Mitglied von zig Vereinen, als Motor zahlreicher Initiativen, von der FairTrade-Ini bis zur Offenen Behindertenarbeit. Er ist überall präsent, kann zu allem was sagen und, vor allem: Er hat ein klares Ziel vor Augen – den OB-Sessel (leugnen ist zwecklos, Herr Hümmer… bei Ihren Äußerungen auf Facebook in letzter Zeit ist kein Zweifel möglich).

Die SPD bezeichnete das Verhalten Hümmers bei ihrer Nominierungsversammlung als “populistisch”. So wolle man es nicht machen. Tja. So macht es die SPD auch nicht. Vielleicht liegt ja da der Hase im Pfeffer.

Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass ein Mann vom Format Uwe Kirschsteins eine Chance auf ein achtbares Ergebnis hat. Er repräsentiert, unabhängig von seiner Partei, den neuen Typ Forchheimer. Es gibt viele von ihnen. Nicht hier geboren, gut ausgebildet, oft bei Siemens beschäftigt, aber Forchheim in der Regel nur als Schlafstadt betrachtend. Das Kleinklein im Stadtrat, die Vetterleswirtschaft, das ganze Gerangel um Posten in der Stadt betrachtet diese Schicht mit Abstand, vielleicht Geringschätzung. Immer wieder einmal startet einer von ihnen den Versuch, sich auf städtischer Ebene politisch zu engagieren. Ich will hier keine Namen nennen, aber die Erfolge fielen recht unterschiedlich aus. Manchmal stand das eigene Ego der Nachhaltigkeit des Engagements im Wege.

Der Dunstkreis der Martinskirche: Forchheim gewänne, würde dieser Dunst ein wenig gelüftet zugunsten größerer Weltoffenheit, mehr Transparenz, mehr kultureller Anstrengungen. Die wirtschaftlichen Hausaufgaben sind gemacht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wer verändern will, muss den Forchheimern eine glaubwürdige Alternative auch auf anderen Feldern bieten. Ich bin gespannt.

PS: Falls jemand Zweifel hätte – dieser Wahlkampf wird der erste in Forchheim, der auch im Internet geführt wird.

Mai 7th, 2013

Baustellen-City ist Forchheims zweiter Name

Straßenschäden wie hier in der Von-Hirschberg-Straße sind in der ganzen Stadt zu finden. Foto: Anestis Aslanidis

Baustellen über Baustellen in Forchheim. Entweder ist das ein gutes Zeichen, nämlich eines dafür, dass es aufwärts geht mit der Stadt, voran, vorwärts in Richtung einer besseren Zukunft. Oder die vielen Baustellen bedeuten, dass viel zu lange nix passiert ist und jetzt alles auf einmal nachgeholt

April 12th, 2013

Zwischenspurt ohne Leiden

Nach dem 2. Marathontraining mit Hindernisläufer Felix Hentschel (r) schwebt NN-Sportredakteur Kevin Gudd auf Laufwolke 7.

Nach dem 2. Marathontraining mit Hindernisläufer Felix Hentschel (r) schwebt NN-Sportredakteur Kevin Gudd auf Laufwolke 7.

Diesmal wollte ich nicht länger als eine Woche warten, um meine aufgefrischte Lauf-Trainingsform nochmals auf die Probe zu stellen. Zugegeben, dazu war ein kleiner technischer Motivationsschub nötig. Im Hinblick auf die 16 Kilometer Distanz, die sich am 1. September beim Fränkische-Schweiz-Marathon überstehen will, habe ich dadurch vom Feeling her ein noch besseres Gefühl, auch wenn der Zwischenspurt im Training doch sehr kurz geriet.

April 12th, 2013

“Es ist schwer, keine Satire zu schreiben”

Musik, Bier und deftiges Essen: Fürs Altstadtfest reicht das. Foto: Edgar Pfrogner

Der römische Satiriker Juvenal hat vor rund 1900 Jahren mal geäußert: “Es ist schwer, keine Satire zu schreiben.” Vor seinem geistigen Auge standen dabei die Zustände in der Führungsschicht der Weltmacht Rom, die Intrigen im Kaiserpalast, die Vergnügungssucht mancher reicher Angehöriger des Ritter- und Senatorenstandes, also all das, was ein deutscher Außenminister mal als “spätrömische Dekadenz” zusammenfassen zu müssen glaubte.

So weit in der Geschichte zurück und so weit von Franken weg müssen wir aber gar nicht gehen, um Juvenals Satz auch heute noch bestürzende Aktualität zuzubilligen. Wenn ich mir vor mein geistiges Auge (so ich eines habe) nur nochmal die Sitzung des Haupt- und Kulturausschusses des Stadtrates am vergangenen Mittwoch zurückhole, kann ich dem alten Römer nur aus vollem Herzen zustimmen.

Man nehme das Wort “Kultur”, vermische es mit dem Begriff “Altstadtfest” und frage draußen auf der Straße oder drinnen im Rathaus, was dabei herauskommt. Je nach persönlichem Hintergrund ist das zum einen ein anspruchsvolles Bürger- und Heimatfest, an dem sich die Bürgerschaft aufgrund eines gewissen Heimatstolzes und natürlich auch aus Feierlust in vielfältigster Weise beteiligt. Was auch immer dabei herauskommt, es ist mehr als hinhocken, essen und trinken, mehr als reiner Konsum also.

Zum anderen wird die Antwort genau so lauten: Essen, trinken, Musik hören, dazu tanzen, am Biertisch mit Freunden treffen – und einen großen Batzen Geld für die Werbegemeinschaft generieren, damit die ihrer Aufgabe nachkommen kann. Das ist überhaupt nicht verwerflich, sondern mehr als legitim. Und es funktioniert ja offensichtlich auch, sonst würden nicht so viele Leute kommen.

Trotzdem: Das Altstadtfest hat nichts mit dem Thema Kultur in der Stadt zu tun. Das sollte man sauber trennen. Dieses Fest hat das Ziel, viele Leute anzulocken, sie zu unterhalten und die Kasse der Werbegemeinschaft zu füllen. Wer ein anderes Altstadtfest will, der muss ein ganz neues Fest fordern und dafür konkrete Vorschläge auf den Tisch legen. Es hat keinen Sinn, für das Altstadtfest ein neues Konzept zu fordern, wenn es doch eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen hat.

März 2nd, 2013

Tagebuch der Leiden

Leichtathlet Felix Hentschel (links) soll NN-Sportredakteur Kevin Gudd (rechts) fit machen für den Fränkische-Schweiz-Marathon.

Wer große Sprüche klopft, muss Taten folgen lassen.  Beim Fränkische-Schweiz-Marathon im September 16 Kilometer laufen, hat sich NN-Sportredakteur Kevin Gudd vorgenommen. Darauf will er sich mit Trainingspartner Felix Hentschel (deutscher Vize-Meister im 3000-m-Hindernislauf) vorbereiten. Sein “Tagebuch der Leiden”

Januar 23rd, 2013

Die Neuner von Forchheim ist ein ER

Sportlerin des Jahres, die ehemalige Biathletin Magdalena Neuner.

Sportlerin des Jahres, die ehemalige Biathletin Magdalena Neuner.

Die Überleitung von der bildhübschen Magdalena Neuner, Deutschlands Sportlerin des Jahres 2012, zu einem lokalen wie sportlich relevanten Thema geht so: Eine offizielle Sportlerwahl gibt es in Forchheim nicht. Deswegen haben die Nordbayerischen Nachrichten im Januar an die Wahlurnen zur Abstimmung gerufen. Eine selbstkritische Nachlese. 

Januar 15th, 2013

Ein Igensdorfer mit EBSer Kennzeichen: super!

Egal wo du wohnst, du kannst dein Kennzeichen aus verschiedenen Alternativen wählen. Foto: dpa

Die “Liberalisierung” der Vergabe von Autokennzeichen ist einfach spitze. Ich weiß gar nicht, wie ich Bund und Land ausreichend danken soll. Es ist doch einfach spitzenklasse, dass ein Ebermannstädter sein Auto nun wieder als Auto aus EBS kennzeichnen kann. Mal abgesehen von den drei Buchstaben und dem damit zusammenhängenden, natürlich völlig vorurteilsbeladenen und nicht zutreffenden Ruf: Ist sie nicht superduper, diese Re-Regionalisierung? Diese lokale Identität, diese kfz-technische Selbstvergewisserung der eigenen Herkunft?

Obwohl, so eindeutig ist die Sache dann doch nicht. Wenn ich einem EBS auf der Straße begegne, kann ich gar nicht sicher sein, dass die Karosse wirklich aus EBS kommt. Könnte auch ein Hollfelder sein, oder ein Heiligenstadter, ein Waischenfelder oder – horribile dictu!, wie die Lateiner gerne sagen – ein Igensdorfer. Ja, richtig, ein Igensdorfer. Vielleicht auch ein Eggolsheimer. Denn egal wo du wohnst: Wenn ein Landkreis beschlossen hat, alle Kennzeichen auszugeben, die es früher mal auf seinem heutigen Kreisgebiet gegeben hat, dann kannst du wohnen wo du willst und dir trotzdem aufs Auto ein Wunschkennzeichen montieren lassen.

Ein Igensdorfer fährt dann vielleicht EBS spazieren, weil ihm das Wiesentstädtchen gefällt. Ein Großengseer, also für die Jüngeren: ein Bewohner des Ortes Großengsee (mit Strahlenfels, St. Helena und Unternaifermühle), ehemals Landkreis Forchheim, jetzt Nürnberger Land – also ein Großengseer könnte mit FO glücklich werden, ein Wichsensteiner mit PEG, mit EBS oder vielleicht doch mit FO, ganz wie es ihm/ihr gefällt.

So sieht sie also aus. Die große Verwaltungs- und Gebietsreform der 70er Jahre. Willkommen zurück in der Kleinstaaterei. Schon streben ja auch viele Gemeinden aus den Verwaltungsgemeinschaften mit ihren Nachbarorten heraus, weil ihnen die schon im Dreißigjährigen Krieg nicht gepasst haben. Da will ich jetzt auch wieder hin, im globalen Maßstab aber. Her mit den Kleinststaaten, Rittergütern und Fürstbistümern. Und jeder Ministaat, und sei er nicht größer als ein Ponyhof, bekommt sein eigenes Kennzeichen, jawoll!

Januar 11th, 2013

Wenn Benzinautos auf Stromparkplätzen stehen (bleiben dürfen)

Kein Stromkabel auf den Parkplätzen für E-Autos, nirgends. Aber nicht, weil die Tankstelle defekt ist, sondern weil die Karossen nur mit Benzin fahren. Foto: Ralf Rödel

Stromtankstellen im Parkhaus Kronengarten, die von Benzinern zugeparkt werden, über Wochen und Monate, noch dazu in einem Parkhaus der Stadtwerke, die sich von den Stromtankstellen eine Stärkung ihres grünen Images erhoffen – das ist nicht das, was die Stadtwerke wirklich wollen. Andererseits muss sich der städtische Betrieb fragen lassen, warum er so lange nichts dagegen unternommen hat. Der Hausmeister

Dezember 6th, 2012

Ein Euro Parkgebühr? Eine Unverschämtheit!

Die Forchheimer Weihnachtsengel bei der Öffnung des ersten Türchens am Samstag, 1. Dezember. Während der Adventszeit kostet Parken in der Innenstadt ab 17 Uhr gar nix mehr. Foto: Ralf Rödel

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Am 29. November wurde dieser unser Forchheim-Blog schon ein Jahr alt. Der jüngste Spross der NN-Blog-Familie kann schon laufen, hat auch schon Zähne gezeigt und nimmt gleichmäßig zu… Allen Leserinnen und Lesern danken wir herzlich, noch mehr denjenigen, die sich mit sachlichen Kommentaren an verschiedenen Debatten beteiligten. So kann’s weitergehen.

Gestern hat sich ein städtischer Ausschuss mal wieder mit dem Thema Parkgebühren in der Innenstadt beschäftigt. Wie in der Printausgabe der Nordbayerischen Nachrichten am Freitag, 7. Dezember zu lesen ist, verfügt Forchheim seit vielen Jahren über vergleichsweise sehr viele Parkplätze in der Altstadt und drum herum. Außerdem sind die Parkgebühren geradezu lächerlich gering. Die erste halbe Stunde ist seit vier Jahren sowieso kostenlos. Und trotzdem beantragte der organisierte Einzelhandel, das kostenlose Parken, das in Forchheim “Brötchentaste” heißt (meine Tastatur weigert sich fast, diesen Begriff entgegenzunehmen), auf zwei Stunden auszuweiten.

Die Stadtverwaltung rechnete vor, dass zu den jetzt schon fast 400.000 Euro Einnahmeausfall weitere 260.000 Euro hinzukämen. Wie soll man das all jenen erklären, die von der Stadt im Rahmen der freiwilligen Leistungen hier mal 1000, 5000 oder auch 10.000 Euro mehr erbitten, aber unter Hinweis auf die schlechte Haushalstslage nicht bewilligt bekommen?

OB Franz Stumpf empfahl daher auch dringend, den Antrag abzulehnen. Doch er hatte sich offenbar nicht mit der CSU-Fraktion abgesprochen. Die Einzelheiten lesen Sie am besten in der Zeitung nach. Jedenfalls dräut im Januar dieselbe Debatte noch einmal.

Dabei ist die Parkraumbewirtschaftung, die dafür sorgt, dass die Stellflächen regelmäßig frei werden, direkt ein nicht nur finanzielles, sondern auch ein kundengenerierendes Geschenk der Stadt an den Einzelhandel. Ich frage mich: Wie rückwärtsgewandt muss man sein, wenn man, wie in den Reihen der Werbegemeinschaft geschehen, sogar die völlige Freigabe des Parkens in der Innenstadt fordert? So wie früher: Die Beschäftigten parken ihr Auto vor dem Geschäft und die Kunden geben das Herumkurven auf der Suche nach einem Parkplatz irgendwann entnervt auf.

Das Argument, man müsse doch Leute in die Innenstadt locken, wird auch nicht schlauer durch jahrelange Wiederholung. Diejenigen, die es benutzen, haben offenbar verpennt, dass in den letzten fünf Jahren in Forchheim die Nutzung der Stadtbusse nach oben geschnellt ist wie eine Rakete durch die Decke. Genau seit dem Zeitpunkt, als ein engmaschiger Takt eingeführt wurde. Wo ein Angebot ist, da steigt auch die Nachfrage. Ich kann doch nicht auf der einen Seite sagen, wir müssen angesichts der älter werdenden Gesellschaft die Stadt seniorengerecht ausbauen (unter anderem mit innenstadtnahen neuen Wohngebieten und innenstadtnahen Einkaufsmöglichkeiten, die die Benutzung des Pkw überflüssig machen), und auf der anderen Seite dem unbeschränkten und ungeregelten Autoverkehr das Wort reden.

Ungelöst ist auch folgendes Phänomen, das jeder Forchheimer kennt: Der Weg vom hintersten Eck des Erlanger Großparkplatzes in die Arcaden ist unheimlich kurz. Doch der Weg von der Forchheimer Luitpoldstraße in die Hauptstraße ist beinahe schon unmenschlich lang. Dasselbe gilt für die Parkgebühren: Drei Euro in Erlangen sind ein Klacks und nicht der Rede wert. Aber ein Euro in Forchheim? Eine Unverschämtheit!

Merken Sie was? Nicht auf Stellplätze und Parkgebühren kommt es an, wenn der Einzelhandel erfolgreich sein will. Sondern darauf, was der Kunde für seine Zeit und sein Geld bekommt. Zum Glück gibt es immer noch genügend Einzelhändler in der Innenstadt, die das erkannt haben. Die Rückwärtsgewandten jedenfalls können aus meiner Sicht nicht für die Mehrheit sprechen.

November 22nd, 2012

Mit Hilfe der Phrasen-Dreschmaschine geschrieben

Emanzipatorische Identifikations-Potenz - so steht es auf der Phrasen-Dreschmaschine. Foto: Ulrich Graser

Kennen Sie Projekt-Deutsch? Es ist eine Spielart von Planer-Deutsch und ein naher Verwandter von Kauderwelsch. Wenn ein Projekt-Entwickler auf eine einfache Frage nicht ausreichend klar antworten kann, flüchtet er sich in Textbausteine, die er zu diesem Zweck in seinem Großhirn hinterlegt hat.

Ein Beispiel: In einer Firma wird die zentrale Produktionssoftware erneuert (Projekt-Deutsch: upgedatet). Eine Mitarbeiterin fragt den Projektleiter, ob sie in der neuen Version den Vorgang XY auch so wie bisher anlegen können wird. Damit ist der Projektentwickler zunächst überfragt, weil er nicht weiß, wie die Mitarbeiterin bisher ihre Vorgänge angelegt hat. Denn er kommt von einer externen Beraterfirma und weiß zwar, wie tausend andere Firmen, die er schon beraten hat, mit dem Thema umgegangen sind, aber nicht, wie es sich bei diesem Unternehmen verhält. Er könnte also jetzt sagen: Das weiß ich nicht, ich muss mir erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, wie bei Ihnen im Hause gearbeitet wird.

Statt dessen sagt er aber in perfektem Projekt-Deutsch: So weit sind wir noch nicht bei der Implementierung der Softare.  Aber es wird eine Lösung geben.

Dieser Tage ist uns eine Pressemitteilung in die Computer geschneit, die mich fatal an Projekt- und Planer-Deutsch erinnerte. Es ging dabei darum, dass die Wirtschaftsregion Bamberg-Forchheim den Ministerpräsidenten auffordert, sich ganz doll für S-Bahn-Halte in Bamberg-Süd und Forchheim-Nord einzusetzen. Das kann man so oder so ausdrücken. Die Verfasser dieser speziellen Mitteilung entschieden sich dafür:

Langfristig erwartet die Stadt einen stetigen Anstieg der infrastrukturellen Nutzungsintensität im nördlichen Stadtgebiet. Die Stadt Forchheim ist daher der festen Überzeugung, dass die Integration der S-Bahn-Station Forchheim-Nord in das Integrierte Stadtentwicklungskonzept einen essentiellen Bestandteil der infrastrukturellen Entwicklung in Forchheim bildet und somit die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten bei der infrastrukturellen Weiterentwicklung in der Stadt Forchheim für gerechtfertigt sowie tragbar sind.

Alles klar? Mir gefällt vor allem die Formulierung, wonach die Stadt einen “stetigen Anstieg der infrastrukturellen Nutzungsintensität” erwartet. Als ich das gelesen und halbwegs verdaut hatte, holte ich gleich meine Phrasen-Dreschmaschine aus dem Schreibtisch und spielte damit herum. Sogleich wechselte mein Gemüt in eine “ambivalente Interpretations-Phase”. Nur aufgrund meiner “abendländischen Erinnerungs-Gläubigkeit” und meiner “konstruktiven Kommunikations-Konzeption” war ich in der Lage, meiner “machtvollen Bildungs-Verpflichtung” nachzukommen. Mit anderen Worten: Ich übersetzte den Satz für die Leserinnen und Leser auf normales Deutsch. Das liest sich allerdings weit weniger unterhaltsam: Immer mehr Menschen werden in Forchheim-Nord wohnen und arbeiten und brauchen daher eine vernünftige Verkehrsanbindung.

Jetzt, da ich diese Zeilen niederlege, macht sich in mir eine “freudige Kultur-Gewissheit” breit. Ich habe zwar keine Ahnung, was mit einer “emanzipatorischen Identifikations-Potenz” gemeint sein könnte, aber weil’s so schön klingt, will ich Ihnen diesen Blödsinn nicht vorenthalten. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch ein wenig an der Phrasen-Dreschmaschine herumdrehen…