Mit Hilfe der Phrasen-Dreschmaschine geschrieben

Emanzipatorische Identifikations-Potenz - so steht es auf der Phrasen-Dreschmaschine. Foto: Ulrich Graser

Kennen Sie Projekt-Deutsch? Es ist eine Spielart von Planer-Deutsch und ein naher Verwandter von Kauderwelsch. Wenn ein Projekt-Entwickler auf eine einfache Frage nicht ausreichend klar antworten kann, flüchtet er sich in Textbausteine, die er zu diesem Zweck in seinem Großhirn hinterlegt hat.

Ein Beispiel: In einer Firma wird die zentrale Produktionssoftware erneuert (Projekt-Deutsch: upgedatet). Eine Mitarbeiterin fragt den Projektleiter, ob sie in der neuen Version den Vorgang XY auch so wie bisher anlegen können wird. Damit ist der Projektentwickler zunächst überfragt, weil er nicht weiß, wie die Mitarbeiterin bisher ihre Vorgänge angelegt hat. Denn er kommt von einer externen Beraterfirma und weiß zwar, wie tausend andere Firmen, die er schon beraten hat, mit dem Thema umgegangen sind, aber nicht, wie es sich bei diesem Unternehmen verhält. Er könnte also jetzt sagen: Das weiß ich nicht, ich muss mir erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, wie bei Ihnen im Hause gearbeitet wird.

Statt dessen sagt er aber in perfektem Projekt-Deutsch: So weit sind wir noch nicht bei der Implementierung der Softare.  Aber es wird eine Lösung geben.

Dieser Tage ist uns eine Pressemitteilung in die Computer geschneit, die mich fatal an Projekt- und Planer-Deutsch erinnerte. Es ging dabei darum, dass die Wirtschaftsregion Bamberg-Forchheim den Ministerpräsidenten auffordert, sich ganz doll für S-Bahn-Halte in Bamberg-Süd und Forchheim-Nord einzusetzen. Das kann man so oder so ausdrücken. Die Verfasser dieser speziellen Mitteilung entschieden sich dafür:

Langfristig erwartet die Stadt einen stetigen Anstieg der infrastrukturellen Nutzungsintensität im nördlichen Stadtgebiet. Die Stadt Forchheim ist daher der festen Überzeugung, dass die Integration der S-Bahn-Station Forchheim-Nord in das Integrierte Stadtentwicklungskonzept einen essentiellen Bestandteil der infrastrukturellen Entwicklung in Forchheim bildet und somit die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten bei der infrastrukturellen Weiterentwicklung in der Stadt Forchheim für gerechtfertigt sowie tragbar sind.

Alles klar? Mir gefällt vor allem die Formulierung, wonach die Stadt einen “stetigen Anstieg der infrastrukturellen Nutzungsintensität” erwartet. Als ich das gelesen und halbwegs verdaut hatte, holte ich gleich meine Phrasen-Dreschmaschine aus dem Schreibtisch und spielte damit herum. Sogleich wechselte mein Gemüt in eine “ambivalente Interpretations-Phase”. Nur aufgrund meiner “abendländischen Erinnerungs-Gläubigkeit” und meiner “konstruktiven Kommunikations-Konzeption” war ich in der Lage, meiner “machtvollen Bildungs-Verpflichtung” nachzukommen. Mit anderen Worten: Ich übersetzte den Satz für die Leserinnen und Leser auf normales Deutsch. Das liest sich allerdings weit weniger unterhaltsam: Immer mehr Menschen werden in Forchheim-Nord wohnen und arbeiten und brauchen daher eine vernünftige Verkehrsanbindung.

Jetzt, da ich diese Zeilen niederlege, macht sich in mir eine “freudige Kultur-Gewissheit” breit. Ich habe zwar keine Ahnung, was mit einer “emanzipatorischen Identifikations-Potenz” gemeint sein könnte, aber weil’s so schön klingt, will ich Ihnen diesen Blödsinn nicht vorenthalten. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch ein wenig an der Phrasen-Dreschmaschine herumdrehen…

2 Kommentare in “Mit Hilfe der Phrasen-Dreschmaschine geschrieben

2 Comments
  1. Danke für diese schöne Beschreibung.

    Wirklich +/- aus dem Leben gegriffen. Ich war selbst als Projekt-MA und tw. -Leiter lange genug genau mit solchem Kauderwelsch konfrontiert, hab oft genug diese Phrasen zerrissen und ins normale Deutsch zurückgebracht, wo es hingehört, damit es jeder versteht.

    Nach meiner Erfahrung dreschen genau diejenigen solche Phrasen, die befürchten, sonst nicht ernst genommen zu werden, ob zurecht oder nicht???

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