Kleiner Brief an eine große Stadt

Ach, Berlin. Du bist eine große, eine attraktive Stadt. Fast jeder sagt das. Amerikanische Filmschauspieler besuchen Dich, nicht nur zur Berlinale-Zeit.  Touristen aus aller Welt reisen in steigender Zahl hierher. Künstler von Mexiko bis Finnland kennen nach eigener Aussage keinen inspirierenderen Ort. Also ist doch eigentlich alles in Ordnung, oder?

Leider nein. Denn offensichtlich glaubst Du, liebes Berlin, nicht so recht an diese Liebeserklärungen. In einem fort musst Du Dich aufplustern, mit anderen Städten vergleichen. Das Ergebnis steht schon vorher fest, natürlich bist Du die Siegerin. Und wenn das mal nicht der Fall ist, dann wolltest Du eben gar nicht gewinnen. Dann ist ein zweiter, dritter oder vierter Platz auch „janz jut“.

Wer ständig Wert darauf legt, dass er mehr Grünflächen als New York, mehr Opernhäuser als London und bessere Currywürste als Paris hat, der könnte offensichtlich eine Portion mehr Selbstbewusstsein vertragen. Die eben genannten Metropolen würden es nämlich als weit unter ihrer Würde betrachten, sich überhaupt mit anderen zu messen.

Aus einer gewissen Unsicherheit heraus neigst Du, liebes Berlin, dazu, die vermeintlichen Sensationen anderer Städte nachzumachen. Das Londoner Riesenrad war so ein Fall. Prompt fanden sich Investoren, die das auch an der Spree bauen wollten. Etwas größer noch, versteht sich. Und dann wurde doch nichts daraus. Auch das nicht untypisch für Berlin.

Die blödeste Abkupferei aber hast Du Dir mit dem „Boulevard der Stars“ geleistet. Das ärgert mich gerade jetzt, zur Berlinale, wieder sehr. Auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße verkleidest Du Dich als Hollywood (Foto oben). In dem Stadtteil von Los Angeles gibt es den berühmten „Walk of Fame“ mit 2400 in den Boden eingelassenen Sternen. Auf jedem wird ein Star aus der Filmbranche verewigt. Keine schlechte Idee – für den, der sie als erster hatte.

Nun ja, der deutsche Stern Nummer eins war der Filmdiva Marlene Dietrich gewidmet.Mit dem gebührenden Abstand kamen andere hinzu. Ein Rätsel ist es allerdings, wieso das ganze hier wiederholt werden musste. Gab es wirklich niemanden, der eine originellere Idee hatte, wie man die Stars würdigen könnte?  Was wohl jemand wie Angelina Jolie sagen würde, wenn sie zufällig an dem eher mickrigen, meistens ziemlich verschlampten  deutschen Walk of Fame vorbeikommen würde?

Am schönsten, das merke Dir, liebes Berlin, bist Du immer dann, wenn Du niemanden nachmachst.

Liebe Grüße,

Dein Harald Baumer

Wirr, wirrer, Zettl

Endlich! DER Berlin-Film. Die ultimative Satire auf die deutsche Hauptstadt und ihr arg zusammengewürfeltes, manchmal etwas provinzielles Personal aus Wirtschaft, Kultur und Politik. Eine Satire auf eine Stadt, die seit geraumer Zeit nur noch Vergleiche mit New York, an seltenen Tagen mit London und Paris, zulässt. Das kann nur einer, dachte man: Helmut Dietl. Wer bei den Münchner Geschichten, bei Monaco Franze, Kir Royal und Schtonk Regie geführt hat, der bekommt auch das hin. Ein Denkfehler. Der Charme, die Leichtigkeit, der Witz, die bisher fast alle (Münchner) Projekte auszeichnete, fehlt hier komplett.

Ich habe selten eine so wirre Geschichte gesehen: Ein Schweizer Milliardär, der die Berliner Medienlandschaft aufmischen will und deswegen seinen Chauffeur zum Chefredakteur macht. Ein offensichtlich dementer Bundeskanzler, der nach seinem Tod bis zur Klärung der Nachfolge für einige Tage ins Kühlhaus kommt. Eine Regierende Bürgermeisterin, die eigentlich ein Mann ist und sich im Laufe des Films einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. Und das alles noch mit Querverbindungen. So gibt sich der Chauffeur, vulgo Chefredakteur, später als Sohn der umoperierten Regierenden Bürgermeisterin aus. Der Schweizer Milliardär wiederum entfremdet sich der Bürgermeisterin, weil er sie nur leiden mochte, so lange sie ein Mann in Frauenkleidern war. Muss man mehr erzählen?

Da liefert die Realität weitaus tollere Geschichten. Von einem Adelsspross und Verteidigungsminister zum Beispiel, der sich seine Doktorarbeit zusammengoogelt hat. Von einem Schnäppchenjäger, der Bundespräsident wurde. Vielleicht wäre es Dietl leichter gefallen, wenn er – wie bei Schtonk – ein wenig näher an den wahren Begebenheiten geblieben wäre.

Gert Voss, Götz George, Senta Berger,  Ulrich Tukur, Bully Herbig, Harald Schmidt, Dieter Hildebrandt, Hanns Zischler. Wann hat man jemals zuletzt so viele Stars gemeinsam in einem deutschen Spielfilm gesehen? Das ist übrigens auch der Grund, warum man an Helmut Dietls „Zettl“ dann doch noch ein wenig Freude haben kann und nicht vorzeitig den Kinosaal verlassen muss. So schlecht kann ein Drehbuch nämlich gar nicht sein, dass eine Senta Berger und ein Gert Voss nicht doch noch unterhalten könnten. Auch wenn es natürlich ein wenig albern ist, dass die Herren Tukur, Schmidt und Zischler für eine schweizerisch-schwäbisch-fränkische Dialekt-Freak-Show herhalten müssen.

Durchaus beeindruckend sind übrigens viele Berlin-Motive, die man in dem Film sehen kann. Selbst wenn manchmal mit Tricks ein wenig nachgeholfen wurde – man denkt an New York. Vielleicht haben die Berliner ja doch Recht.

Falsche Doktoren – Nun hat´s auch mich erwischt!

Ich schwöre, ich habe in meiner Doktorarbeit nicht abgeschrieben. Ich habe auch nicht irgendwelche Fußnotenzaubereien veranstaltet. Und schon gar nicht habe ich einen Ghostwriter hinzugezogen. Mit den amtsbekannten Fällen Silvana Koch-Mehrin, Karl-Theodor zu Guttenberg, Jorgo Chatzimarkakis und Bernd Althusmann kann man mich nicht vergleichen. Das müssen Sie mir einfach glauben. Warum? Ganz einfach: Isch ´abe keine Doktortitel.

Trotzdem kommt es (siehe oben) immer wieder vor, dass ich auf dem Wege des  Schriftverkehrs ganz schnell und umstandslos promoviert werde. Im gezeigten Beispiel ist es sogar die renommierte Helmholtz-Gemeinschaft, die mich so nennt. Auf deren eigener Homepage heißt es – Achtung, Zitat! – „Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 31.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 17 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands.“

Ich denke, wenn einen solch eine Institution als Doktor bezeichnet, dann muss es auch stimmen. Die können sich nicht täuschen. Deswegen erwäge ich, den Titel bis auf weiteres zu führen. Und wenn man mir doch draufkommt, dann hoffe ich, dass meine Freunde die Facebook-Seite „Gegen die Hetzjagd auf Harald Baumer“ gründen.

Wohin der Berliner fährt, wenn er mal in Büchern baden will

Das brandenburgische und das mecklenburgische Hinterland schätzt der Berliner in der Regel nur wegen der Natur, denn die Kultur hat er ja schließlich selber zu bieten. Doch es gibt einige Ausnahmen. Das Bücherhotel in Groß Breesen, eineinhalb Stunden Autofahrt von der Hauptstadt entfernt, zählt dazu. Hier übernachtet der Gast inmitten von 300.000, manche sagen sogar: 400.000 Büchern. Genau gezählt hat das noch niemand. Auf den Zimmern, am Fensterbrett, im Eingangsbereich – überall haben Bücher ihren Platz. Man darf sie lesen, natürlich. Und auch nach Hause mitnehmen. Dann muss man allerdings für jedes mitgenommene Exemplar zwei andere hier lassen. Die Sammlung soll wachsen! Ein Ordnungsprinzip gibt es nicht. Zweifelhaftes wie „Die Jungfrau im Lavendel“ findet sich neben Herders philosophischen Vorlesungen. Lustig: Selbst die Hinweisschilder im Hotel sind Bücher. So wurde zum Beispiel das oben gezeigte Schild „Empfang“ aus einer Geschichte des Kommunismus hergestellt. Später Rache an Ulbricht, Honecker und Konsorten?

Paris, wir kommen! London, pass´auf!

O.k. – sie schauen manchmal recht giftig, wenn ihnen die Touristen im Wege stehen. Trotzdem sollte man sich aber in den Berlinern nicht täuschen. Denn in Wahrheit wissen sie natürlich genau, dass es neben dem Regierungsapparat nur die Urlauber sind, die ihre Stadt überlebensfähig halten.

Nun ist wieder ein Rekord gebrochen: 2010 zählte man zum ersten Mal mehr als 20 Millionen Übernachtungen in Berlin. „Miss 20 Millionen“ war eine Anwältin aus Spanien. Sie erhielt vom Regierenden Bürgermeister einen Blumenstrauß – und gab ihrerseits das größte denkbare Kompliment zurück: Berlin sei „das New York Europas“.

Die deutsche Hauptstadt liegt zwar noch klar hinter London (45 Millionen) und Paris (34 Millionen) zurück, aber dort ist der Zuwachs bei weitem nicht so stark. Berlin rechnet schon in zehn Jahren damit, die 30-Millionen-Grenze zu reißen. Nach dem Motto: Paris, wir kommen!

Jeder Tourist lässt im Schnitt pro Tag 196,70 Euro in der Stadt. Die Übernachtungspreise sind, verglichen mit anderen Metropolen, immer noch ein Witz. Ein Einzelzimmer kostet im Mittel 79 Euro. Da liegt nur Warschau mit 64 Euro noch deutlich darunter. Nur zum Vergleich: In Paris und Lonon sind 113 Euro fällig. Das sind schon mal 34 Euro am Tag, die man in Berlin für anderes ausgeben kann. Zum Beispiel für ein durchaus ambitioniertes Dreigang-Menü, das man im Stadtteil Wedding für 22 Euro pro Nase erhält. Oder für eine Theaterkarte.

Kann man in eine Mauer verliebt sein? Und falls ja, müssen wir das wissen?

Vorneweg: Ich bin ein Anhänger der „Tagesthemen“ im Ersten. Eine gut gemachte Nachrichtensendung. In der Regel. Doch das, was ich vor einigen Minuten gesehen habe, konnte ich kaum fassen: ein minutenlanger Beitrag über eine Frau, die sich in die Berliner Mauer verliebt hat. Nicht so, wie einem eben mal ein Bauwerk gefällt, etwa das Schloss Charlottenburg oder zur Not eben auch die Mauer. Nein, es geht um ein Verliebtsein im wahrsten Sinne des Wortes. Um ein partnerschaftliches Verliebtsein. Es wurden sogar Aufnahmen gezeigt, wie die Frau am Küchentisch eine kleine Mauer bastelt – eine Art gemeinsames „Kind“.

Nun stellt sich die Frage: Was sollen wir davon halten? Ist die Frau wirklich eine von 50 „Objektsexuellen“, wie behauptet wurde? Was hat dann so etwas in einer der wichtigsten Nachrichtensendungen zu suchen? Muss man die Betroffene dermaßen öffentlich vorführen? Wird nun möglicherweise täglich ein extrem abweichendes Sexualverhalten vorgestellt? Dann können wir ja mal neugierig sein, was morgen dran ist. Oder steht die Geschichte auf sehr wackligen Beinen, ist es ein Gag? Was ich mir bei den „Tagesthemen“ eigentlich kaum vorstellen kann.

Aber eines weiß ich gewiss: So verschenkt man Nachrichtenzeit. Außerdem würde ich so etwas eher bei RTL II oder PRO7 vermuten. Für die zahle ich wenigstens keine Gebühren.