„Das neue Berlin“ – Ich kann es nicht mehr hören

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Beim ersten Mal horchte ich noch ganz neugierig auf. Es dürfte etwa zehn Jahre zurückliegen, da wurde in einigen Medien ziemlich aufgeregt mitgeteilt, dass die deutsche Hauptstadt ihre besten Zeiten hinter sich habe. Maler, Musiker und das übrige hippe Volk seien längst von Berlin aus unterwegs nach Leipzig. Bald würden ihnen auch die übrigen Mitläufer folgen. In „das neue Berlin“ eben.

In Leipzig gebe es preiswertere Ateliers, weniger geldgierige Investoren und überhaupt sei alles noch viel mehr im Aufbruch. Eben alles so, wie es in Berlin mal war. Deswegen werde es nicht mehr lange dauern, bis die Touristen in Massen nach Leipzig kommen. Was daraus wurde, das wissen wir: wenig bis nichts. Leipzig ist weit davon entfernt, die Hauptstadt zu überholen. Beim zweiten, dritten und vierten Mal habe ich es dann nur noch am Rande zur Kenntnis genommen, dass irgendeine Stadt das neue Berlin werden soll. Es traf ja sowieso niemals zu. Und inzwischen  lächle ich höchstens kurz darüber, wenn es wieder mal so weit ist. Mindestens ein Mal pro Monat stolpert man über eine solche Meldung.

Hier einige Zufallsfunde von mir mit Nennung des Monats und Jahres. Folgende Städte wurden unter anderem in den Jahren 2015 und 2016 als „das neue Berlin“ bezeichnet: Hamburg (Mai 15), Frankfurt (Juni 15), Athen (September 15), Havanna (Oktober 15), Brüssel und Warschau (Dezember 15), Erfurt (Januar 16), Dresden (März 16), Belgrad (April 16), Rotterdam (Mai 16).

Was genau nun so unterschiedliche Städte wie Erfurt (Thüringen, 210.000 Einwohner) und Havanna (Kuba, 2,1 Millionen Einwohner) dazu befähigen soll, die deutsche Hauptstadt abzulösen, wird in der Berichterstattung meistens nicht klar. Im Grunde ist es wohl so: Überall, wo es spannend, prickelnd, lebenswert ist, wähnt man auch ein neues Berlin im Anmarsch. Aber sie alle haben bei mir keine Chance. Ich stehe weiterhin auf das alte Berlin.