Der „Nürnberger Werther“: 1200 mal gestorben, kein Ende in Sicht

Es begann vor fast zwei Jahrzehnten in einem Klassenzimmer des Nürnberger Dürer-Gymasiums – und es wurde ein internationaler Erfolg. Das kann man von der „Werther“-Inszenierung des Schauspielers Philipp Hochmair und des Regisseurs Nicolas Stemann getrost behaupten, ohne den Mund zu voll zu nehmen. Sie wurde unter anderem in Paris, im Kaukasus, am Wiener Burgtheater und in Serbien aufgeführt. Nun hat der Monolog um Liebesleid und Selbstmord des jungen Rechtspraktikanten Werther auch die bekannteste Bühne Deutschlands erreicht.

Das Berliner Ensemble nahm die Inszenierung, die am Gostner Hoftheater entwickelt worden ist, in seinen Spielplan auf. Wir trafen Philipp Hochmair (42) kurz vor einer Aufführung bei einem Italiener in der Nähe des Berliner Ensembles.Er bestellte Rote Beete Schaumsuppe und blutiges Steak, um sich für die einstündige Vorführung zu stärken.

Herr Hochmair, können Sie mir sagen, die wievielte Aufführung des „Nürnberger Werther“ das heute ist?

Philipp Hochmair: Ganz genau weiß ich das nicht. Es werden wohl mehr als 1200 sein. Ich zähle nicht mehr mit. Das Spieltempo hat sich inzwischen allerdings stark verändert. Ich war damals sehr viel ungeduldiger und hitzköpfiger…Da musste ich diese Lesart wie ein Krieger verteidigen… Da habe ich pro Tag in den Schulen gelegentlich auch drei Mal hintereinander gespielt. Heute, an so grossen Bühnen wie BE oder Thalia-Theater, ist das natürlich so nicht mehr notwendig.

Werther begleitet Sie nun fast schon die Hälfte Ihres Lebens. Hatten Sie Mitte der 90er Jahre, als blutjunger Schauspieler, den Hauch einer Ahnung, dass hier etwas Großes entsteht?

Hochmair: In dieser Deutlichkeit bestimmt nicht. Aber wir haben schon gespürt, dass wir einen Nerv getroffen haben. Einerseits das Postramatische Theater, andererseits so ein flexibles leichtfüssiges System das man schnell in die ganze Welt schicken kann. Unser Werther hat Elemente einer Performance, der Einsatz von Videotechnik spielt eine wichtige Rolle. Ein Vorreiter einer damals ganz neuen Theaterästhetik.

Wenn man einen Monolog über 1000 Mal aufführt, und das auch noch an so vielen verschiedenen Orten, dann gibt es in dieser Zeit sicher viele Auf´s und Ab´s…

Hochmair: Ob ich diese Rolle in einem Staatstheater, in einer Kirche oder einem Freibad spiele – all das gab es schon -, macht einen gewaltigen Unterschied. Dazu kommt, dass ich mich selbst in dieser langen Zeit ja auch weiterentwickelt habe. Es gab durchaus Momente, in denen ich dachte, jetzt sei es ausgereizt. Und dann kamen plötzlich wieder ganz neue Gastspielanfragen, so wie die Aufführung des Stücks in französischer Sprache in Paris oder wie jetzt die Einladung an das Berliner Ensemble.

Wenn man sich ihre Theaterkarriere ansieht, fallen einem zwei Dinge auf. Sie bringen oft Prosa-Stoffe auf die Bühne wie Kafkas Amerika oder eben den Briefroman Werther. Und sie spielen oft solo. Wie kommt das?

Hochmair: Das passt beides gut zusammen. Ich habe eine Leseschwäche und muss mich deswegen in literarische Stoffe immer richtig reinbeißen. Die Monologe spiegeln diesen individuellen Suchprozess sehr deutlich wieder. Das wäre mit Ensemblestücken so nicht umsetzbar. Aber natürlich spiele ich auch gerne in einem Ensemble am Theater und in Filmen. Die Auseinandersetzung mit den Kolleginnen und Kollegen ist unheimlich wichtig und belebend.

Warum war ausgerechnet ein kleines Haus wie das Gostner Hoftheater der Ausgangspunkt für einen solchen Dauerbrenner wie den Stemann´schen/Hochmair´schen Werther?

Hochmair: Große Bühnen sind nicht der Ort, an dem man etwas so persönliches entwickeln kann. Das geht im toten Winkel des nationalen Theaterbetriebes sehr viel besser. Im Gostner Hoftheater standen wir nicht unter Beobachtung und hatten keinen Erfolgsdruck. Das kann ich allen jungen Schauspielern empfehlen, die etwas Neues wagen wollen. Wir hatten damals nur zwei Wochen Probe und spielten nur in Klassenzimmern.

Ich gehe mal davon aus, dass Sie auch im nächsten Jahr ihren Lieblingsmonolog nicht aufgeben werden. Wie wäre es denn, wenn sie genau zum 20-jährigen Jubiliäum am 27. November 2017 wieder in exakt demselben Klassenzimmer am Dürer-Gymasium auftreten würden?

Hochmair: Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber das ist keine schlechte Idee, schließlich hat dort alles angefangen!